Marsmusik

Musik verbindet, und deshalb gibt es auf dem simulierten Mars fünf Musikinstrumente. Die meisten meiner Crewkollegen haben irgendwann in ihrem Leben schon einmal ein Instrument gespielt. Bis auf eine Ausnahme jedoch nicht das, welches dann auch zum „Mars“ mitgekommen ist.

Ich selbst spiele normalerweise Klavier, das für einen Raumflug leider etwas zu massereich ist. Selbst mein Zweitinstrument, das Cello, dürfte in Schwerelosigkeit schwierig zu spielen sein. Dazu kommt, dass der Transport selbst auf der Erde nicht ganz unaufwändig ist. Von den ständigen Schwierigkeiten mit diesen beiden Instrumenten genervt, habe ich mich für meinen Aufenthalt auf dem „Mars“ kurzerhand für etwas kleines, handliches entschieden: eine Mundharmonika. Zu Beginn der Mission habe ich daher damit begonnen, überhaupt erst einmal herauszufinden, wo welcher Ton zu finden ist. Anfangs fiepte ich noch abends im Lagercontainer vor mich, um niemanden zu stören. Später wurde es mir da zu kalt und ich zog in mein Zimmer um. Mittlerweile hält es sogar eine weitere Person in meiner unmittelbaren Nähe aus, wenn ich spiele, und die anderen behaupten nach wie vor steif und fest, dass sie mein Üben nicht stört.

Cyprien dagegen hat sich zusammen mit Tristan unmittelbar vor Missionsbeginn eine Ukulele gekauft. Tristan, der früher Posaune gespielt hat, hat zwar die Hälfte bezahlt, die Ukulele seit unserem Einzug jedoch kein einziges Mal angerührt. Cyprien spielt dagegen umso mehr, und im Moment wartet der dritte Satz Saiten darauf, aufgezogen zu werden. Manchmal kommt er nur ein oder zweimal in der Woche zum Spielen. Zur Zeit aber hat er sich in Space Oddity verbissen und zupft teilweise mehrere Stunden am Tag vor sich hin. Warum gerade Space Oddity? Daran ist Chris Hadfield Schuld, der eben diesen Song auf der ISS gesungen und dazu Gitarre gespielt hat. Wenn Cyprien und ich zur gleichen Zeit Lust haben, spielen wir zusammen: Duo aus Mundharmonika und Ukulele.

Cyprien mit Ukulele und ich auf der Mundharmonika: So werden wir in einem Video dargestellt, das Quartz über unsere Mission erstellt hat.

Cyprien mit Ukulele und ich auf der Mundharmonika: So werden wir in einem sehenswerten, aber nicht übermäßig ernsten Video dargestellt, das Michael Tabb über unsere Mission erstellt hat. Die Hintergrundmusik an der Stelle des gezeigten Ausschnitts (30“) stammt von Cyprien und mir. Credit: Michael Tabb (Quartz).

Andrzej spielt schon seit Jahren Gitarre, hat auch eine Episode in einer Band hinter sich. Seine Gitarre hat er mitgebracht, weil er hoffte, hier mal wieder zum Spielen zu kommen. So recht scheint das aber nicht zu funktionieren, denn seit Missionsbeginn habe ich ihn höchstens ein dutzendmal zupfen gehört. Von der Idee, Space Oddity zu spielen, war er jedoch begeistert. Und wer weiß, vielleicht schaffen wir es ja doch noch, vor Missionsende ein gemeinsames Crewlied zu spielen.

Das vierte Instrument in unserer eigenwilligen Band wäre ein Didgeridoo. Die dazugehörige Spielerin ist Shey, wobei auch sie nur selten zu ihrem musikalischen Hobby kommt. Wenn, dann meist in den fünf oder zehn Minuten vor dem Abendessen. Die Crew wundert sich dann, woher das eigenartige Brummen kommt, bis sich einer an die lange Röhre erinnert, woraufhin sich der Rest an die Stirn schlägt und weiter seiner Wege geht.

Carmel besitzt die zweite Ukulele im Habitat. Sie hat Gitarrenerfahrung, aber zu wenig Zeit. Zu Beginn der Mission hat sie gelegentlich mit Cyprien zusammen gespielt, war aber etwas genervt von seiner musikalischen Unerfahrenheit. Letztendlich erleidet ihre Ukulele gerade das Schicksal der Ukulele in unserer Vorgängercrew: Ebenfalls voller Enthusiasmus ins Habitat mitgebracht, wurde sie aus Zeitmangel und – zu einem großen Teil – Rücksicht auf die Ohren der Crewkollegen letztendlich praktisch nie gespielt.

Heute sind in unserem Habitat also vor allem Ukulele und Mundharmonika zu hören, vereinzelt auch mal Gitarre oder Didgeridoo. Die häufigsten Spieler sind jedoch nicht die mit der meisten Zeit zur Verfügung, sondern diejenigen, die ihre Scheu abgeworfen haben, in Hörweite der anderen zu spielen und vor allem sich zu verspielen.

Die Zeiten, wenn das Duo spielt, gehören zu den schönsten im Habitat, denn – wie schon eingangs erwähnt – Musik verbindet. Das ist auch der Hauptgrund, warum wir mit der Crew auf Space Oddity hinarbeiten wollen – obwohl ich David Bowies Stimme schon jetzt nicht mehr hören kann.

Das (bisher) einzige Mal, das wir versucht haben, etwas vor der Kamera zu spielen. Das Video wurde aus guten Gründen nie verschickt...

Das (bisher) einzige Mal, das wir versucht haben, als Crew etwas vor der Kamera zu spielen. Das Video wurde aus gutem Grund nie verschickt… Credit: Sheyna Gifford.

Veröffentlicht von

Christiane Heinicke bloggt als Wissenschaftlerin und Versuchskaninchen aus der HI-SEAS-Forschungsstation auf Hawaii. Zuvor studierte sie Physik in Ilmenau und Uppsala und promovierte anschließend zu einem kontaktlosen Strömungsmessgerät. Zuletzt arbeitete sie in Helsinki an brechendem Meereis. Vor ihrer Zeit auf Hawaii verbrachte sie zwei Wochen auf der Mars Desert Research Station in Utah. Ständig umgeben von Wänden oder Raumanzug, wird sie während des Jahres am meisten das Gefühl von Sonnenstrahlen auf der Haut vermissen, dicht gefolgt vom Geschmack frisch gepflückter Himbeeren.

10 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hi Christiane,

    sehr spassiger Artikel, Euer Video hätte ich aber zu gerne gesehen – vielleicht veröffentlicht ihr es ja doch irgendwann 😉

    Viele Grüße

    • Es klingt viel großartiger als es ist – alles, was das Video zeigt, ist, wie drei Leute versuchen, spontan ein Lied zusammen zu spielen. Falls es zum Crewlied kommen sollte, kann ich das gern online stellen.
      Das Mundharmonika-Ukulele-Duo gibt es schon zu hören: als kurzen Ausschnitt im oben verlinkten Video 🙂 Ich habe eine entsprechende Bemerkung in die Bildunterschrift eingefügt.

  2. 🙂 Liebe Christiane Heinicke,
    zunächst ein Kompliment: Sie sind eine hübsche, sehr gut aussehende Frau. Auf dem Mars zu arbeiten ist sicher nicht ganz einfach?!
    Als ich den Beitrag von Ihnen über „Marsmusik“ gelesen habe, fing ich spontan an zu suchen: wo ist da eine Hörprobe versteckt??? Ich habe keine gefunden. Ich würde mich schon freuen über
    – eine Autogrammkarte… ( :-)) )
    – eine Marsmelodische Hörprobe

    von mir für Sie ein Gedicht:
    Am Strand der Löwen Zahn

    Am Strand da steckt
    Im Sand ein Löwenzahn

    Und wenn die eine Hand von dir
    Dran zieht

    Und du dann schaust
    Hängt unten an

    Dann doch du bist erstaunt
    Kein großer Löwe dran

    mimo ( <- Künstlername..)

    Mit liebem Gruß in der Hoffnung auf Antwort
    Heinz Helm-Karrock
    Nickelsweg 2

    64739 Hoechst/Odw (<- für die Autogrammkarte… 🙂 ), Hoechst, 19. April 2016

    • Hallo Heinz, vielen Dank für das nette Gedicht!
      Eine Hörprobe war schon enthalten, aber anscheinend wirklich gut versteckt: Das verlinkte Video enthält ein Lied, das von Cyprien und mir gespielt wird, ich habe einen entsprechenden Hinweis hinzugefügt.
      Die Autogrammkarte muss leider warten, bis ich wieder in Deutschland bin, aber dann gerne. Ich habe auf dem „Mars“ im Moment keine Möglichkeit, „physische“ Post zu verschicken.

      • 🙂 Hallo liebe Christiane Heinicke,
        leider sind Deine feine Zeilen vom April nicht bei mir angekommen…, rein zufällig stieß ich jetzt darauf: und freue mich sehr darüber:-).
        Ich wäre ja gerne mit zum „Mars“ gekommen…, aber ich denke, der Platz ist begrenzt….
        Auf die Autogrammkarte warte ich mit Freude!
        Vielleicht gelingt es Dir (darf ich „Du“ sagen…?) ja, eine „Hörprobe“ mitzugeben…
        Wie ist das Leben auf dem „Mars“? Bei so einem langen Aufenthalt „außerhalb der Erdatmosphäre“ ist sicher die Freude groß, wenn Deine Füße wieder Erde berühren…,
        und Musik innerhalb dieser Zeit bestimmt eine gute Bereicherung.
        Damit Dein Alltag „auf dem Mars“ eine weitere Bereicherung erfährt, sende ich ein neues Gedicht mit:

        Die Blume wächst

        Die Blume wächst im grau,
        doch besonnt grüßt uns der Morgen
        Hell glitzern im Gras die Perlen Tau

        Die Sorgen, die gestern uns so schwer
        Verflogen des Nachts im Traume ganz
        Fühle, lang ists her, erfreue Dich am Liebeskranz,

        Nimm Deine Lieben an die Brust
        So herze, ja umsorge sie und liebe
        Einen jeden in Dir tief, nach seiner Lust

        Mach dir die Tage im Erinnern golden
        Nimm alle Freuden, die Dir geschenkt
        Der Frieden daraus wird Dir folgen

        Der schwarze Fluch wird schwinden,
        er folgt Dir nimmermehr, und voraus
        die Fülle in dir, Leben wie ein süßer Schmaus

        Wenn es Dir möglich ist, schreibe doch an meine E-Mail Adresse:
        @: hhkhoechst@web.de.
        Mich interessiert auch, an welchen Projekten (und wie Du daran..) Du arbeitest?!
        Ganz lieben Gruß aus der hessischen Atmosphäre,
        mit Warten auf Post von Dir,
        Heinz

  3. Liebe Christiane!

    Falls du später einmal „in echt“ zum Mars fliegst und ein extra-leichtes Musikinstrument brauchst, habe ich einen Tipp: Kamm + Seidenpapier!
    Ich hab’s auf meiner ersten Reise nach England ausprobiert, weil ich nicht eine ganze Woche ohne selber gemachte Musik sein wollte und weder Klavier noch Gitarre noch Zither zum Mitnehmen geeignet waren. Es macht Spaß, ist rasch zu erlernen und wiegt echt nicht viel – und kämmen kann man sich auch…

    • Ha! Das muss ich glattweg mal ausprobieren 😉
      Davon abgesehen habe ich aber keinerlei Bedenken, dass Musikinstrumente mit zum Mars fliegen dürfen, solange sie (er-)tragbare Ausmaße haben. Eine Gitarre hat es nachweislich ja schon ins All geschafft.
      Darüberhinaus besagt eine Anekdote von Shackletons Endurance-Expedition, dass das Schiffsbanjo unbedingt gerettet werden musste, als die Endurance unterging, obwohl es das persönliche Gepäcklimit des Spielers bei Weitem überstieg. Shackleton erlaubte jedoch eine Ausnahme in weiser Voraussicht – und rettete die Crewmoral für die kommenden Monate.

  4. Hi Cookie,
    sehr witziges Video von euch, und das ist mal definitv nen cooler amerikanischer Akzent ; ) von dir.
    Wobei ich finde ihr seht alles etwas, hmm, blass und ausgemergelt aus? Also doch zu wenig Kekse …
    Beim nächsten Video dann eben mit Make-up.
    Freue mich auf deinen nächstes Posting,
    keep the spirit up, timing is running ; )
    J

    • Hi Jedi!
      Das mit dem blass aussehen könnte damit zusammen hängen, dass wir zum Zeitpunkt, als die Aufnahmen gemacht wurden, schon seit fünf oder sechs Monaten keine Sonne mehr gesehen hatten. Dazu kommt noch, dass weiße Laborwände nicht gerade schmeichelhaft aussehen. Make-Up haben wir hier oben allerdings nicht, außer vielleicht Shey.
      Ausgemergelt fühle ich mich nicht, ich bin schon immer ziemlich dürr gewesen. Aber mehr Kekse sind immer gut.

Schreibe einen Kommentar




Bitte ausrechnen und die Zahl (Ziffern) eingeben

E-Mail-Benachrichtigung bei weiteren Kommentaren.
-- Auch möglich: Abo ohne Kommentar. +