Kulturbedingte erdgeschichtliche Veränderungen – Anmerkungen zum Anthropozän-Begriff

In der umweltpolitischen Diskussion scheint sich nach einigen anderen, inzwischen etwas abgenutzten Kampfbegriffen wie „Nachhaltigkeit“ und „Biodiversität“ ein neuer nach vorne zu schieben: Anthropozän. In dem Artikel „Weltgärtner im Anthropozän“ habe ich den Begriff kritisiert, weil er suggeriert, daß eine bestimmte biologische Spezies, nämlich Homo sapiens, die Ursache aktueller erdgeschichtlicher Veränderungen sei. Tatsächlich aber sind die Ursachen in bestimmten Arten von Kultur bzw. bestimmten sozialen und ökonomischen Systeme zu suchen, also nicht auf biologischer Ebene.

Hier will ich einige Bemerkungen machen zu einem anderen Aspekt der neuen Begriffsprägung: Sie stammt von einem Chemiker (Crutzen), und die erdgeschichtlichen Veränderungen, die ihn zur Hinzufügung eines neuen Erdzeitalters veranlassen, sind im wesentlichen chemischer Art; vor allem sind es chemische Veränderungen in der Atmosphäre. Die Geologen, die den Begriff zuerst aufgegriffen haben, sind im Prinzip gleicher Meinung. Das neue Zeitalter lassen sie um 1800 beginnen, denn von da ab sind die von ihnen für wichtig erachtetenVeränderungen merklich bzw. meßbar.

Nun ist es ja nicht gerade verwunderlich, daß ein Chemiker von dem ausgeht, was aus der Perspektive seines Fachs auffällig ist. Daß sich das mit der derzeitigen Mode in der Umweltdiskussion deckt, wird dem Vorstoß vermutlich politisches Gewicht verleihen. Hinsichtlich des wissenschaftlichen Werts  sieht es etwas anders aus: „Anthropozän“ soll das System der erdgeschichtlichen Epochen ergänzen. Was man mit dem Begriff politisch erreichen will und kann, ist dafür irrelevant. Wichtig ist, ob er sich in die Logik des Systems der Erdzeitalter fügt. Dieses beruht aber (1) nicht auf den Ursachen von Veränderungen.[1] Wäre dem so, dann müßte selbstverständlich ein mit einem nicht-naturwissenschaftlichen Begriff bezeichnetes neues Zeitalter allen anderen als auf gleicher Hierarchiestufe stehend gegenübergestellt werden. Doch, wie gesagt, sind die Epochen nicht nach den Ursachen von Veränderungen abgegrenzt worden. Sie sind (2) nicht durch eine Fokussierung auf Phänomene geochemischer Art abgegrenzt worden. Chemische Veränderungen der Atmosphäre oder solche des Ozeanwassers weit größeren Ausmaßes als sie zur Zeit prognistziert, gar beobachtet werden, veranlaßten nicht dazu, neue Epochen beginnen zu lassen. Die Abgrenzungen verdankten sich Erscheinungen anderer Art. Schon die erste und gröbste Einteilung beruht auf Fossilienspektren, bezieht sich also auf biotische Veränderungen.

Wenn man sich daran hält, dann dürfte man das „Anthropozän“ – falls man es nicht, wie der Begriff suggeriert (was aber erdgeschichtlich gesehen verfehlt wäre), mit der Entstehung der Spezies Homo sapiens beginnen läßt – nicht mit dem derzeitigen geochemischen Wandel bzw. seinen zu vermutenden biotischen Folgen einsetzen lassen. Sowohl diese geochemischen Veränderungen als auch deren biotische Folgen müßten sogar als ziemlich unbedeutend gelten – verglichen mit drei anderen Folgen der kulturellen Entwicklung, die alles in allem als viel tiefgreifender anzusehen sind. Denn niemand in der Fachwelt erwartet von den derzeitigen geochemischen Veränderungen biotische Wirkungen eines Ausmaßes, das auch nur annähernd dem gleichkommt, was als kulturbedingte Umwälzungen auf der biotischen Ebene bereits stattgefunden hat oder aktuell stattfindet, ohne daß die Ursachen sei es direkt, sei es indirekt in Modifikationen chemischer Umweltfaktoren lägen.

Laien wundert das sicher. Sie neigen zum einen dazu, naheliegenderweise alles, was starke Auswirkungen auf das Leben der Menschen hat, auch dann besonders hoch zu bewerten, wenn die Frage sich gar nicht auf solche Auswirkungen richtet – und in unserem Zusammenhang richtet sie sich darauf nicht. Zum anderen neigen sie dazu, die Wirkungen auf die Tier- und Pflanzenwelt den Folgen der Industrie zuzuschreiben, vor allem den unsichtbaren. Für die wichtigsten Ausrottungsursachen hält man weithin Luftverschmutzung und Biozide. Aus der Perspektive einer Pflanze kann aber z. B. die Auflichtung der Vegetation durch Weidetiere oder eine leichte Grundwasserabsenkung ein viel schwerwiegenderer Umweltfaktor sein. So sind unter den Ausrottungsursachen die unmittelbar der industriellen Produktion – zu unterscheiden von den Auswirkungen der  Industriegesellschaft insgesamt! – zuzuschreibenden von vergleichsweise geringer Bedeutung (siehe z. B. Sukopp et al. 1978).

 

Jene drei Ereignisse sind (1) die mit der Jungsteinzeit einsetzende Entwaldung; Flächen so groß wie ganze Kontinente waren betroffen; (2) der um 1500 schlagartig einsetzende Weltverkehr, welcher eine vollkommen neuartige biogeographische Situation schuf; (3) die sich seit wenigen Jahrzehnten rasant beschleunigende Artenausrottung, die, wenn sie sich im jetzigen Tempo fortsetzt, die Größenordnung der erdgeschichtlichen Massenextinktionen erreichen wird (siehe dazu hier).

(1) und (3) sind Phänomene, wie sie in ihren Folgen für die Biosphäre qualitativ und quantitativ gesehen schon mehrmals vorgekommen sind (naturwissenschaftlich betrachtet, nicht im Hinblick auf die soziokulturellen Ursachen, die sind selbstverständlich erdgeschichtlich neuartig). (2) aber ist ein Ereignis, wie es noch nie dagewesen ist; ich komme noch darauf zu sprechen, worin die Neuartigkeit besteht.

Die Ausrottungen (3) sind in der Umweltdiskussion seit jeher ein Thema; in jüngster Zeit ist es allerdings zugunsten des Klimawandels in den Hintergrund getreten. Den unter (1) und (2) genannten Ereignissen wird dagegen in dieser Diskussion vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit geschenkt, sofern sie nicht zur Verringerung der Artenzahlen unmittelbar beitragen, wie die Entwaldung von Regenwaldgebieten. Diese Ereignisse wirken sich im wesentlichen auf biogeographischer Ebene aus und damit auch auf ökologischer, speziell synökologischer bzw. biozönotischer. Mit „biogeographisch“ ist gemeint, daß sich die Areale der Arten in enormem Umfang verändern, und zwar vor allem erweitern, während sie im Falle von (3), der Ausrottung, natürlich schrumpfen und verschwinden. Diese Erweiterung bedeutet auch eine völlig neue Mischung von Arten in den jeweiligen Gebieten und damit eine sehr weitgehende Veränderung der Lebensgemeinschaften.[2]

Es sind kulturbedingte Arealerweiterungen. Ihr Umfang übertrifft möglicherweise den aller natürlichen erheblich. Auf jeden Fall gilt das für die erdgeschichtlich jüngere Zeit einschließlich der Eis- und Zwischeneiszeiten. Wie alle Arealerweiterungen gingen auch diese mit Arealschrumpfungen anderer Arten einher, doch überwogen die Erweiterungen bei weitem.

In einer erdgeschichtlich betrachtet winzigen Zeitspanne, nämlich  im wesentlichen seit der Entstehung von Ackerbau und Viehzucht, hat sich ungeheuer rasch eine Vielzahl von Arealgrenzen, die historische waren, den ökologischen angenähert, und es sind neue ökologische Arealgrenzen entstanden. – Die potentielle Grenze des Areals einer Art, d. h. die Grenze des größtmöglichen Areals, ist eine ökologische, denn über das Gebiet hinaus, in dem sie geeignete ökologische Bedingungen findet, kann sich die Art nicht ausbreiten. Ökologische Grenzen sind vor allem die, die man klassischerweise klimatische und edaphische (bodenbedingte) genannt hat, vermittelt durch biotische Faktoren (interaktionsbedingte, z. B. Konkurrenz). Wenn, wie es meist der Fall ist, die realen Grenzen nicht mit den potentiellen identisch sind, handelt es sich um historische Grenzen: Ihre Lage im Raum kann sich im geschichtlichen Verlauf ändern, auch wenn die Umweltbedingungen unverändert bleiben.

Die kulturbedingten Arealveränderungen haben, wie angedeutet, vor allem zwei Ursachen:

(1) die Entstehung neuer Umweltbedingungen in ausgedehnten Gebieten – tendenziell auf der gesamten Erdoberfläche;

(2) die Aufhebung der Ausbreitungsbarrieren – prinzipiell aller.

 

Zu (1): Ökologische Faktoren, vor allem die Verfügbarkeit von Licht und Wasser, wurden in weiten Gebieten durch Entwaldung bzw. Auflichtung tiefgreifend verändert. Als Folge davon liegen die heutigen ökologischen Arealgrenzen für einen großen Teil der Arten weit entfernt von den früheren. Manchmal ist dadurch das Areal kleiner geworden, und zwar durch indirekte Ausrottung infolge von ungünstigen Habitat- bzw. Standortveränderungen. Meist sind die Areale aber größer geworden. Das wichtigste Beispiel ist die Entstehung geeigneter Standorte für lichtliebende Pflanzen durch Entwaldung. Die Ausweitung der ökologischen Arealgrenzen blieb aber bisher im wesentlichen innerhalb der natürlicherweise klimatisch (großklimatisch) möglichen Areale. Erst jetzt scheint die Veränderung der großklimatischen Grenzen durch bestimmte ökologische Auswirkungen der Industriegesellschaft – und das sind nun im wesentlichen geochemische – zu beginnen.

Zu (2): Durch nicht-natürliche Wanderung bzw. Transport von Lebewesen, durch  Hemerochorie, ist die Beseitigung der Ausbreitungsbarrieren möglich geworden. Die Zahl der historischen Grenzen hat sich dadurch verringert: Immer mehr Areale, tendenziell alle, nähern sich im Zuge ihrer Vergrößerung den ökologisch möglichen an.

Mit dem Begriff Hemerochorie bezeichnet man die „kulturbedingte“ Ausbreitung von Arten von Lebewesen; das Wort kommt von hemeros = gezähmt, kultiviert. Man hat diesen Begriff eingeführt, um den Unterschied von einer Verbreitung durch „den Menschen“ (anthropos), womit ja auch die zoologische Spezies Homo sapiens gemeint sein könnte, hervorzuheben (vgl. Jalas 1955). Anthropochorie ist ein Spezialfall der Zoochorie, Hemerochorie aber ist kategorial etwas anderes. Die Verschleppung von Pflanzen-Diasporen durch weidendes Vieh z. B. gehört zur Hemerochorie, denn die Weidewirtschaft ist eine Kulturtätigkeit. Doch gehört diese Verschleppung nicht zur Anthropochorie, denn die Transportagenzien sind andere Tiere als Homo sapiens.

 

Im Folgenden skizziere ich die Geschichte der kulturbedingten Veränderungen der Arealgrenzen und der Verteilung der Verbreitungsgebiete auf der Erde chronologisch. Nur die Arealveränderungen sollen interessieren, nicht die Veränderungen auf biozönotischer oder ökosystemarer Ebene, die sich dabei ergeben.

Der Einfluß der altsteinzeitlichen Menschen wird möglicherweise unterschätzt. Schon lange vertreten etliche Autoren die Auffassung, daß die weite Verbreitung baumfreier oder baumarmer Vegetation (vor allem Steppen und Savannen) durch die Zunahme von Bränden verursacht wurde, die eine Folge der Erfindung des Feuers war (vgl. z. B. Walter 1973). Umgekehrt hätten, so meint man, Waldarten ihr Areal erheblich erweitern können, weil altsteinzeitliche Jäger im Zuge der Besiedelung vorher menschenleerer Kontinente (Amerika, Australien) und Inseln (z. B. der großen Mittelmeerinseln) Massenaussterben von großen Pflanzenfressern verursachten. Das habe die Bewaldung ehemals weidebedingt relativ offener Gebiete nach sich gezogen. Entsprechende Vorgänge sollen sich im Gefolge der Entwicklung verbesserter Jagdmethoden auf den schon lange besiedelten Kontinenten (Eurasien, Afrika) in der Spät- und Nacheiszeit abgespielt haben. Allerdings sind solche Theorien umstritten (vgl. z. B. Remmert 1984, Beutler 1992, Koenigswald 2004).

Bei weitem schwerwiegendere Folgen als solche altsteinzeitlichen Ereignisse hatten unbestritten aber die Entstehung von Ackerbau und Viehzucht und – viel später – die Verkehrsentwicklung. Die Zeit seit dem Aufkommen von Landwirtschaft kann man aus der hier interessierenden Perspektive in zwei Hauptepochen unterteilen: Die Zeit vom Beginn des Neolithikums bis zum Beginn der Neuzeit und die dann folgende Zeit bis heute.

(a) Die erste Epoche dauerte also von der Jungsteinzeit (in Vorderasien vor 10000 Jahren, in Mitteleuropa vor ca. 6000 beginnend) bis zum Beginn der Neuzeit (etwa 1500 n. Chr.). Durch Ackerbau und Viehzucht wurden auf einem Großteil der Erdoberfläche neue ökologische Bedingungen für Tiere und Pflanzen geschaffen.[3] Es entstanden auf riesigen Flächen Umweltfaktorenkomplexe, die es vorher dort nicht gab. In Mitteleuropa – wie auch in den anderen vorher bewaldeten Gebieten der temperaten, subtropischen und tropischen Zonen – waren es vor allem offene Standorte, die neu geschaffen wurden. Solche Standorte waren hier zuvor nur sehr kleinflächig und nicht in den spezifischen heutigen Faktorenkombinationen anzutreffen. Insbesondere die Verbindung von hoher Lichtintensität, relativ hohem Nährstoffgehalt und mittleren Feuchtigkeitsverhältnissen gab es vorher fast gar nicht. Die neue Situation ermöglichte zahlreichen Arten die Einwanderung, in Mitteleuropa z. B. aus den Steppengebieten im Südosten. Diesen Arten mußten also die geeigneten Umweltverhältnisse erst geschaffen werden, doch wanderten sie dann typischerweise – es gab viele Ausnahmen – „aus eigener Kraft“ ein.

(b) Die zweite Hauptepoche begann um 1500 n. Chr. Auf sie will ich etwas ausführlicher eingehen. Das Datum 1500 ist insofern eine markante Zäsur, als damals mit den sogenannten Entdeckungsreisen der weltweite Verkehr einsetzte und innerhalb weniger Jahre – erdgeschichtlich gesehen schlagartig – alle Floren- und Faunenreiche[4] miteinander in Verbindung brachte.

Die erdgeschichtliche Bedeutung dieser Phase kann man, in einer ersten Überlegung, in folgendem sehen: Im Perm, vor etwa 250 Millionen Jahren, war fast das gesamte Festland der Erde in einem einzigen Kontinent (Pangäa) vereint. Danach trennte sich diese Landmasse in mehrere Kontinente, es folgten weitere Trennungen und teilweise auch Vereinigungen. Insgesamt aber lagen seit jener Zeit der Trennung die Bedingungen für die Entwicklung mehrerer Reiche von Landlebewesen (und entsprechend Meereslebewesen, denn das Festland bildete Verbreitungsgrenzen für sie) vor. Das bedeutet, daß seitdem viele, aller Wahrscheinlichkeit nach die Mehrzahl der landlebenden Arten aufgrund der Ausbreitungsbarrieren, welche die Ozeane darstellten, nur einen Teil der für sie klimatisch bzw. ökologisch geeigneten Gebiete bewohnen.[5] Vorher, zur Zeit von Pangäa, dürfte das nur in einem vergleichsweise geringen Umfang der Fall gewesen sein. Die derzeitige im wesentlichen verkehrsbedingte Aufhebung der Ausbreitungsbarrieren stellt also tendenziell, so könnte man folgern, den alten Zustand wieder her (vgl. Elton 1958). In einem Augenblick, erdgeschichtlich gesehen, verschwanden/verschwinden die Ausbreitungsbarrieren, die seit dem Zerfall von Pangäa bestanden. (Was heute unter „biologische Invasionen“ erforscht wird, sind ganz überwiegend die Folgen dieses Ereignisses.)

Erst die Entstehung des weltweiten Verkehrs um 1500, nicht bereits die jungsteinzeitlichen Arealausweitungen oder die gelegentliche Überwindung von Ausbreitungsschranken zwischen mehr oder weniger hohen Einheiten der Arealhierarchie durch Handelsreisen und Kriegszüge, hat diese Folgen. Alle vorneuzeitlichen Aufhebungen von Ausbreitungsbarrieren hatten regionalen Charakter, denn alle Seefahrten und großen Landreisen, selbst die weitesten, schafften doch nicht weltweite Verbindungen. Es war nicht jeder Ort der Erde von jedem anderen aus erreichbar.

Erst der weltweite Verkehr hebt im Prinzip alle Ausbreitungsbarrieren auf. (Bis die Aufhebung einigermaßen vollständig realisiert ist, wird es allerdings wohl noch einige Jahrhunderte dauern.) Die Bedeutung des Datums der „Entdeckung“ Amerikas liegt also nicht etwa, wie es meist dargestellt wird, im Beginn einer starken quantitativen Ausweitung hemerochorer Arealvergrößerungen. Die Bedeutung liegt vielmehr darin, daß ein qualitativ völlig neuer biogeographischer Zustand eingeleitet wurde.

Qualitativ neu: Es verschwinden – tendenziell oder im Prinzip – alle Ausbreitungsbarrieren, auch solche, wie sie zur Zeit von Pangäa bestanden, etwa durch Gebirge bedingte. Deshalb ist die Behauptung von der Wiederherstellung des Pangäa-Zustandes (s. o.) nicht richtig – eben weil es jetzt jeder Art möglich ist, an alle Orte zu gelangen und sich anzusiedeln, wenn dort die für sie geeigneten ökologischen Bedingungen herrschen. „Globalisierungen“ ökologisch relevanter Faktoren gab es zwar in der Geschichte der Biosphäre ständig; jede Veränderung des Atmosphärenzusammensetzung und jede weltweite Temperaturänderung könnte man so nennen. Im Hinblick auf die Frage des Ortswechsels der Lebewesen aber ist die Situation völlig neu. – Das hat auch die folgende Konsequenz: Man muß bisher auf die Frage nach den Ursachen des Vorkommens einer Art an einem bestimmten Ort immer zwei grundsätzlich verschiedene Antworten geben – eine, die sich auf die ökologischen Möglichkeiten des Lebens an diesem Ort bezieht und eine, die sich auf ein historisches Geschehen bezieht, nämlich darauf, daß diese Art auch an den Ort ihres möglichen Vorkommens gelangt sein mußte.[6] Nun wird tendenziell die historische Antwort (Ausbreitungsgeschichte) obsolet und die ökologische Antwort reicht aus.

An alle Orte: Dem absichtlichen Transport sind grundsätzlich keinerlei Grenzen auf der Erdoberfläche gesetzt: Man kann, wenn man will, eine bestimmte Pflanzenart auf der entlegensten Insel ansäen, und sie wird sich etablieren, sofern nur die dortigen Umweltbedingungen für sie geeignet sind. Und der unabsichtliche Transport tendiert zumindest dazu, alle Begrenzungen, die beispielsweise durch die beschränkten Möglichkeiten bestimmter historischer Transportmittel gegeben sind, zu überwinden; dies nicht nur aufgrund des technischen Fortschritts, sondern auch wegen sozialer und ökonomischer Veränderungen (z. B. Tourismus).

Es ist also eine vollkommen neue, erdgeschichtlich nie dagewesene biogeographische Situation entstanden. Denn alle Barrierenüberwindungen, die vor diesem Ereignis stattgefunden hatten, selbst die größten, waren bisher begrenzt durch die biologisch gegebenen Fähigkeiten der Arten selbst. Bestimmten Arten z. B. war es biologisch bedingt unmöglich, den Atlantik zu überqueren.

An die Stelle der Schaffung neuer Standorte, wie sie die vorige Epoche auszeichnete, trat also in der Zeit nach 1500 die Überwindung von Ausbreitungsbarrieren als das entscheidende Ereignis. Die Schaffung neuer Standorte setzte einige Zeit später jedoch in enormem Umfang erneut ein, quantitativ durchaus vergleichbar mit den Ereignissen in der Jungsteinzeit und unmittelbar danach, der Zeit der Entstehung der Hochkulturen: Die europäische Art der Landbewirtschaftung wurde in großen Teilen der eroberten Kontinente und Inseln eingeführt. Als eine recht gut abzugrenzende Unterepoche kann man die Zeit seit der Mitte des 19. Jahrhunderts betrachten. Sie ist zum einen dadurch gekennzeichnet, dass durch eine außerordentliche Vermehrung des Verkehrs und durch neue Transportmittel (Dampfschiff, Eisenbahn) das Überwinden von Ausbreitungsbarrieren sprunghaft anstieg. Zum anderen entstand großflächig ein neuer Typ von Umweltfaktorenkombinationen: die „urban-industriellen Standorte“. Schließlich weitete sich um diese Zeit die europäische Art der Landnutzung sprunghaft noch einmal aus, vor allem in gemäßigten Gebieten Nord- und Südamerikas und Australiens. Zusammen hatten diese neuesten Ereignisse einerseits ein explosionsartiges Anwachsen der Arealgröße vieler Arten zur Folge, andererseits das Schrumpfen vieler anderer bis hin zum Verschwinden der Areale.

Abschließend einige Zahlen: Der Anteil hemerochorer Arten von Farn- und Blütenpflanzen an der Flora von Deutschland wird mit etwa 23 % angegeben, der der Neophyten (also der in der Zeit nach ca. 1500 eingewanderten, für statistische Zwecke operationalisiert mit dem Jahr der „Entdeckung“ Amerikas 1492) mit etwa 14 % (Kowarik 2003, nach verschiedenen Autoren). Im Inneren mitteleuropäischer Großstädte liegt der Anteil der Hemerochoren bei etwa 40–50 %, der Anteil der Neophyten beträgt hier etwa 20–35 %, in ländlichen Gebieten sind etwa 20 % der Pflanzenarten Hemerochore und 10 % Neophyten (s. z. B. Falinski 1971, Kowarik 1988). Erheblich höher als in Eurasien ist der Neophyten- und Neozoenanteil in Amerika und Australien, vor allem aber auf ozeanischen Inseln, wo er oft weit über 50 % liegt. Das sind Zahlen über den derzeitigen Zustand. Es ist damit zu rechnen, daß die Durchmischung der Floren und Faunen und damit der Biozönosen weitergeht.

 

Zitierte Literatur

Beutler, A. 1992: Die Großtierfauna Mitteleuropas und ihr Einfluß auf die Landschaft. Landschaftsökologie Weihenstephan 6: 49–69.

Elton, C. 1958: The ecology of invasions by animals and plants. London.

Heger, T., W. Saul, & L. Trepl 2013: What biological invasions ‘are’ is a matter of perspective. Journal of Nature Conservation, im Druck. Online-Ausgabe hier.

Jalas, J. 1955: Hemerobie und hemerochore Pflanzenarten. Ein terminologischer Reformversuch. Acta Soc. Faun. Flor. Fenn. 72 (11): 11–15.

Falinski, B. (Hrsg.) 1971: Synanthropisation of plant cover II: Synanthropic flora and vegetation of towns connected with their natural conditions, history and function. (Poln., engl. Zusammenfassung). Mater. Zakl. Fitosoc. Stos. U. W. Warszawa-Białowieża 27: 1–317.

Koenigswald, W. v. 2004: Klima und Tierwelt im Eiszeitalter Mitteleuropas. Das Quartär. Biol. In unserer Zeit 3: 151–158.

Kowarik, I. 1988: Zum menschlichen Einfluß auf Flora und Vegetation. Theoretische Konzepte und ein Quantifizierungsansatz am Beispiel von Berlin (West). Landschaftsentwicklung und Umweltforschung 56.

Kowarik, I. 2003: Biologische Invasionen. Neophyten und Neozoen in Mitteleuropa. Stuttgart.

Remmert, H. 1984: Tiere der Urzeit – Ausgestorben oder ausgerottet? Bild der Wissenschaft 21 (9): 40–51.

Sukopp, H. Trautmann, W. & Korneck, D. 1978: Auswertung der Roten Liste gefährdeter Farn- und Blütenpflanzen in der Bundesrepublik Deutschland für den Arten- und Biotopschutz. Schr.Reihe Vegetationskunde 12: 1–138.

Trepl, L. 1987: Geschichte der Ökologie. Vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Zehn Vorlesungen. Frankfurt/M.

Trepl, Ludwig 2007: Allgemeine Ökologie Band 2: Population. Frankfurt a. M., Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien.

Walter, H. 1973: Die Vegetation der Erde in ökophysiologischer Betrachtung. Band I: Die tropischen und subtropischen Zonen. 3. Aufl., Jena, Stuttgart.

 

Blogartikel und andere Beiträge im Internet zum Thema: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11, 12, 13
P.S.: Reinhold Leinfelder hat eben einen Artikel „Anthropozän – die Diskussion: Begriffsherkunft, Weltbild, Herausforderungen“ veröffentlicht. Ich konnte ihn hier nicht mehr berücksichtigen.
 

[1] Ginge es um Ursachen, dann wären etwa Ereignisse wie die Entstehung der Kormophyten (mit Folgen insb. für die Besiedlung des Festlandes) für die Einteilung entscheidend, nicht etwa den Paläontologen auffallende Fossilienspektren.

[2] Das Folgende ist zum großen Teil dem Exkurs „Kulturbedingte Arealerweiterungen“ in Trepl 2007 entnommen, manches ist in Heger et al. 2013 enthalten.

[3] Wenn es nicht dem antimodernen Grundzug der heutigen Populärökologie widerspräche, demzufolge die vorindustriellen Zeiten idealisiert werden müssen, müßte sie sagen: Es fanden gewaltige Umweltzerstörungen statt, wohl nicht geringer als die heutigen.

[4] „Reiche“ von Tieren und Pflanzen sind Räume ähnlicher Artenzusammensetzung. Ihre Grenzen sind Ausbreitungsgrenzen und also historisch bedingt. Die Grenzen der „Zonen“ sind klimatisch bedingt.

[5] Die Mehrzahl aller Arten dürfte in den Regenwäldern des Amazonasbeckens leben. Die anderen Regenwaldgebiete der Erde wären von den abiotischen Umweltbedingungen her für die meisten dieser Arten geeignete Lebensräume.

[6] In meinem Buch „Geschichte der Ökologie“ habe ich beschrieben, welch entscheidende Rolle die Erkenntnis des Doppelcharakters der Frage „warum kommt diese Art hier vor“ für die Entstehung der Ökologie als Wissenschaft im 19. Jahrhundert hatte.

 

Veröffentlicht von

Ich habe von 1969-1973 an der Ludwig-Maximilians-Universität München und der FU Berlin Biologie studiert. Von 1994 bis zu meiner Emeritierung im Jahre 2011 war ich Inhaber des Lehrstuhls für Landschaftsökologie der Technischen Universität München. Nach meinem Studium war ich zehn Jahre lang ausschließlich in der empirischen Forschung (Geobotanik, Vegetationsökologie) tätig, dann habe ich mich vor allem mit Theorie und Geschichte der Ökologie befaßt, aber auch – besonders im Zusammenhang mit der Ausbildung von Landschaftsplanern und Landschaftsarchitekten – mit der Idee der Landschaft. Ludwig Trepl

9 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. kein Kampfbegriff

    Das Anthropozän ist bestimmt kein „Kampfbegriff“, sondern ein integratives, interdisziplinär-transdisziplinäres Konzept, welches trotz der sachlichen Beschreibung des Ist-Zustands der Erde (Natursphären UND Soziosphären) gerade kein „doomsday“-Konzept, aber eben auch kein „ökodiktatorisches“ Konzept ist, sondern auf die Wissensbasiertheit und Gesamtverantwortung jedes Einzelnen setzt, welche sich aus der Einsicht ergeben sollte, dass wir uns als Teil des Erdsystems begreifen müssen und unser Wirtschaften, Haushalten und Leben auch so denken müssen.

    Auch ist es eine Fehleinschätzung, dass Paul Crutzen und andere das Anthropozän ausschließlich anhand der Chemie der Erde festmachen. Ich verweise insb. auf das Themenheft ‚The Anthropocene: a new epoch of geological time?’der Philosoph. Transactions of the Royal Society 2011, deren Beiträge frei zugänglich sind (http://rsta.royalsocietypublishing.org/…1938.toc ) sowie auf die in meinem aktuellen Blogeintrag dargestellten Fakten (etwa 77% Anthrome anstatt von Biomen, 30x höhere Sedimentumlagerung als natürlicher Schnitt, 90% der Primärproduktivität von Pflanzen in Anthromen, große Beschleunigung auch wirtschaftlich-gesellschaftlicher Prozesse seit 1950 uvm). Es wäre ein Missverständnis, zu behaupten, das Anthropozän würde ausschließlich an natürlichen Vorgängen festgemacht. Bei der Definition einer Untergrenze geht es um die Frage, ab wann der Mensch nicht nur regionalen (häufig umfassend regionalen), sondern umfassenden globalen Einfluss auf das Erdsystem genommen hat und wie dieser Einfluss sozusagen „geologisch“ dokumentiert würde. Die mögliche Untergrenzenwahl des Anthropozäns ist derzeit in starker Diskussion, neben anthropogen bedingten Aussterbeereignissen im Spätpleistozän (wohl nicht global, v.a. nicht zeitgleich), Beginn der neolithischen Revolution (nicht zeitgleich, nicht global), Ausbreitung der Dampfmaschine und der damit verbundenen Veränderungen (global signifikant) etwa um 1800 wird derzeit insbesondere der Beginn der Nachkriegszeit (mit Atombombenversuchen und der „Großen Beschleunigung“ in allen Natur- und Soziosphärenbereichen seit 1950 diskutiert.

    Ihr Beitrag ist hilfreich zur Erarbeitung eventueller weiterer Kriterien für eine adäquate Untergrenzenwahl, wobei die Auswirkungen auf das globale Erdsystem (was natürlich nicht nur aus dem biologischen System besteht) sowie die geologische Überlieferungsfähigkeit Prüfkriterien sein müssten. Vermutlich sind die sich stark beschleunigende Zunahme von Weideland ab 1750 (wegen der Auswanderungswelle in die Staaten) sowie die enorm rasche Zunahme des Wassertransportwesens ab 1950 bezüglich der Zunahme „invasiver Arten“ doch noch signifikanter, als die von Ihnen geschilderte Überwindung der Ausbreitungsbarrieren um 1500, aber das gilt es noch weiterhin mit Zahlen, auch für Tiere, zu unterfüttern bzw. zu falsifizieren. Ich werde die Arbeitsgruppe, die sich mit den entsprechenden Definitionsvorschlägen befasst, darauf hinweisen.

    Hier nochmals der Link zu meinem aktuellen SciLog-Beitrag: http://scilogs.spektrum.de/…eltbild-herausforderungen

  2. Anthropozän als programmatischer Begriff

    Vom Erdystem-Störer zum Erdsystem-Lenker
    Begriffe wie GrenzenDesWachstums, Nachhaltigkeit, Biodiversität sind mehr auf der deskriptiven Ebene angesiedelt während der Begriff Anthropozän, der diese Phänomene subsumiert einen ethischen und programmatischen Charaktier hat: Der Mensch verschuldet dieses neue Erdzeitalter und muss nun in die Verantwortung genommen werden: Er muss vom Erdystem-Störer zum Erdsystem-Lenker werden. Das scheint mir der Hintergrund dieser neuen Begriffsbildung.

    Vom bewusst lokal zum bewusst global handelnden Homo
    Was Ludwig Trepl zur langen Vorgeschichte schreibt in der der Mensch die Erde bereits tiefgreifend umgestaltet hat, trifft sicher zu.
    Zwei Dinge haben sich aber in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und im 21. Jahrhundert geändert: Wir leben nun definitiv und für noch lange Zeit im Zeitalter der Globalisierung, wo Industrialisierung/Technisierung und wissensgesteuertes Vorgehen nicht mehr auf den Westen beschränkt ist und wo der Mensch nicht nur global wirkt, sondern sich seiner globalen Wirkung auch bewusst wird, womit zum ersten Mal eine Chance besteht, dass Menschen auch zu bewussten Erdystemlenkern werden und nicht mehr nur zwar lokal handeln aber unbeabsichtigt global wirken.

    So gesehen ist Crutzen der ideale Namensgeber einer neuen Epoche, denn er hat nicht nur die Wirkung der Chemikalien beschrieben, die die Ozonschicht zerstören und die damit nicht nur lokal, sondern global schädlich sind, sondern seine Arbeit hat auch das Montreal-Protokoll ausgelöst, ein global wirksames Abkommen über den Umgang mit ozonschädigenden Substanzen, welches – anders als die Klimaabkommen bis jetzt – erfolgreich war, was sich im langsamen Wiederaufbau der Ozonschicht zeigt.

    Der Mensch ist also, was die ozonschädigenden Substanzen angeht, zum ersten Mal zum bewussten Erdystemlenker geworden.

    Antropozän als programmatischer Begriff

    Folgendes Programm ist mit dem Begriff Anthropozän und der zukünftigen Rolle des Menschen als Erdystemlenker verbunden
    1) Der Mensch soll sich seines Erdsystemeinflusses bewusst werden
    2) Der Mensch soll zum bewussten Erdystemlenker werden, der das Erdystem unter Beachtung heutiger und zukünftiger Generationen lenkt
    3) Die Menschheit ist nun über die Aufgabe der Erdsytemlenkung eine neue Verpflichtung eingegangen, die er nicht gesucht hat, die er nun aber wahrnehmen muss um seine Zukunft zu sichern. Dies verlangt nach neuen Formen der politischen Machtausübung und der Partizipation.

  3. @ Leinfelder

    „Das Anthropozän ist bestimmt kein „Kampfbegriff“, sondern ein integratives, interdisziplinär-transdisziplinäres Konzept, welches….“

    Warum sondern? Der Begriff soll helfen, in politischen Auseinandersetzungen etwas (sehr Sinnvolles) durchzusetzen, so wie „Nachhaltigkeit“ und „Biodiversität“ auch, das sagt doch jeder, der sich da engagiert. Darum ist er nicht einfach ein geologischer oder paläontologischer Fachbegriff wie Holozän oder Eozän. Einer meiner Einwände ist, daß er das gleichzeitig zu sein beansprucht, ich sehe da eben einige Schwierigkeiten.

    „Auch ist es eine Fehleinschätzung, dass Paul Crutzen und andere das Anthropozän ausschließlich anhand der Chemie der Erde festmachen.“

    Klar, ausschließlich nicht, aber hauptsächlich. Sonst käme man zumindest zu einer anderen Datierung. Das habe ich versucht darzustellen.

    „Es wäre ein Missverständnis, zu behaupten, das Anthropozän würde ausschließlich an natürlichen Vorgängen festgemacht.“

    Unbestritten. Ich behaupte nur, daß der Begriff „Anthropozän“ das nicht deutlich macht, sondern daß er wie alles Reden davon, daß „der Mensch“ ursächlich ist für die fraglichen Veränderungen, suggeriert, es handle sich um eine biologische Spezies, die da am Werk ist. Ich dachte, mein Hinweis auf die ausbreitungsbiologische Unterscheidung zwischen „Anthopochorie“ und „Hemerochorie“ müßte das deutlich machen.

  4. @ Leinfelder Die Bedeutung von „1500“

    „Vermutlich sind die sich stark beschleunigende Zunahme von Weideland ab 1750 (wegen der Auswanderungswelle in die Staaten) sowie die enorm rasche Zunahme des Wassertransportwesens ab 1950 bezüglich der Zunahme „invasiver Arten“ doch noch signifikanter, als die von Ihnen geschilderte Überwindung der Ausbreitungsbarrieren um 1500, aber das gilt es noch weiterhin mit Zahlen, auch für Tiere, zu unterfüttern bzw. zu falsifizieren.“

    Ich sehe, ich habe meinen Hauptpunkt überhaupt nicht verständlich machen können. „Bezüglich der Zunahme ‚invasiver Arten’ doch noch signifikanter“ – selbstverständlich; allerdings ist dafür, also quantitativ, vor allem die Zunahme des Verkehrs im frühen/mittleren 19. Jahrhundert (Eisenbahn, Dampfschiff) signifikant. Das habe ich geschrieben, aber darum ging es mir nur am Rande. Qualitativ findet eindeutig „1500“ das entscheidende Ereignis statt. Seitdem sind prinzipiell allein die Umweltbedingungen an einem Ort dafür relevant, ob eine Art dort vorkommen kann, nicht mehr die biologischen Eigenschaften der Art, die es ihr ermöglichen oder nicht, zum Ort zu gelangen (empirisch werden diese seitdem tendenziell irrelevant).

    Seitdem sind die „biologischen Invasionen“ (bzw. „Hemerochorie“) nicht nur lokal-regionale Ereignisse. (Sie schreiben ja: „Bei der Definition einer Untergrenze geht es um die Frage, ab wann der Mensch nicht nur regionalen (häufig umfassend regionalen), sondern umfassenden globalen Einfluss auf das Erdsystem genommen hat“; der globale Einfluß betrifft hier natürlich nicht auf die Einflüsse „des Menschen“ insgesamt, auch nicht die Biogeographie insgesamt, sondern nur die Ausbreitungsbiologie.)

    Dieser Gedanke ist nach meiner Erfahrung sowohl Geologen als auch meinen engeren Fachkollegen, den Invasionsbiologen, sehr fremd. Der Grund dürfte sein, daß hier immer die Frage gestellt wird, „wie dieser Einfluss sozusagen ‚geologisch’ [bzw. floren- und faunenstatistisch] dokumentiert“ (Zitat von Ihnen) werden kann. Die Antwort ist einfach: gar nicht, die Frage ist fehl am Platz.

    Eine Analogie: die Entstehung von Sexualität war in der Geschichte des Lebens ein einschneidendes Ereignis. Man weiß nicht, wann es stattgefunden hat. Könnte man feststellen, von welchem Zeitpunkt an sexuelle Vermehrung quantitativ stark zunahm oder vorherrschte, hätte man doch damit nicht dieses einschneidende Ereignis datiert – es muß vorher stattgefunden haben und man kann es nur erschließen, nicht wirklich „feststellen“. Und entsprechend wissen wir auch nicht, was genau bei den ersten „Entdeckungsreisen“ (die wir allerdings genau datieren können) invasionsbiologisch bzw. biogeographisch geschah. Wir wissen aber, daß wenige Jahrzehnte nach Vasco da Gama und Kolumbus der weltweite Verkehr entstanden war und es prinzipiell möglich war, Lebewesen an alle Orte der Erde zu transportieren. Wann sich dieser damit einsetzende Prozeß quantitativ-statistisch bemerkbar machte, ist einfach eine andere Frage.

  5. Kommunikationsmüll

    Das wohl blödsinnigste Symptom, des Anthropozän in gleichermaßen systemrational-domestizierter Bewußtseinsschwäche von Angst, Gewalt und „Individualbewußtsein“ zur Hierarchie von und zu materialistischer „Absicherung“, ist offenbar der wettbewerbsbedingte Reformismus der Verbalkommunikation – aus Schwachsinn kann man im Grunde einen Weg zu wirklich-wahrhaftiger Vernunft finden, allerdings scheint Mensch diesen Punkt mit Ende des „Kalten Krieges“ in Richtung TOTALER Konfusion überschritten zu haben (Suppenkaspermentalität auf Sündenbocksuche)!?

    Wenn Mensch sich und die Umwelt in Evolution so weiter ge- und erlebt hätte wie es die Inuid noch in den 50ern taten (Jean Malaurie sei dank), dann hätten wir vielleicht schon eine Kommunikation in Telepathie (das Internet ohne materialistische Krücken :-), usw., OHNE eine ganze Menge weniger an …!?

  6. Anthropozän

    In der Diskussion fehlt ein Vergleich mit dem Noosphären-Konzept von Vernadsky.

    In der Geologie hat K .v. Bülow bereits vor Jahrzehnten auf tiefgreifende anthropogen Veränderungen hingewiesen.

  7. Industrie

    „die Wirkungen auf die Tier- und Pflanzenwelt den Folgen der Industrie zuzuschreiben, „

    Da ist was dran , mich eingeschlossen.

    Vielleicht auch deshalb , weil die Landwirtschft als etwas Natürliches gilt , das irgendwie keine problematischen Auswirkungen haben kann.

  8. @ Geoman

    „Schon ein einziger Tsunami kann alle, die hier munter übers Anthropozän visionieren, spekulieren und diskutieren, hinwegspülen.“

    Zweifellos. Aber wofür/wogegen ist das ein Argument?

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