„Wir haben bereits gute Lösungen. Es ist Zeit, sie zu implementieren.“

Ein Doppelinterview mit zwei Klimaforschern von entgegengesetzten Enden der Welt zu den internationalen Klimaverhandlungen in Paris: mit dem australischen Klimaforscher Matthew England und seinem Potsdamer Kollegen (und KlimaLounge Mitgründer) Stefan Rahmstorf.
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Frage: Vertreter von über 190 Nationen treffen sich derzeit in Paris, um eine verbindliche Vereinbarung auszuhandeln, mit der die globale Erwärmung auf 2 °C gegenüber dem vorindustriellen Niveau begrenzt und damit die schlimmsten Auswirkungen des Klimawandels vermieden werden sollen. Doch die bislang zugesagten Emissionsreduktionen reichen nicht aus, um die entscheidende 2 °C-Grenze einzuhalten. Wie würde eine 3 °C wärmere Welt aussehen?

Rahmstorf: Ich bin besorgt darüber, was mehr als 2 °C Erwärmung für die Funktion der großräumigen Komponenten unseres Erdsystems bedeutet, etwa für die globale Ozeanzirkulation oder das Monsunsystem. Es gibt viele nicht-lineare Systeme, die einen kritischen Umkipppunkt haben. Wenn der überschritten wird, dann ändern sich diese Systeme grundlegend.

Bei 3 °C Erwärmung dürfte der grönländische Eisschild destabilisiert werden. Die Westantarktis hat wahrscheinlich bereits ihren Kipppunkt überschritten, und es gibt weitere riesige Eismassen, die in der Ostantarktis destabilisiert werden könnten.

Wir beobachten bereits eine spürbare Abschwächung des Golfstromsystems im Nordatlantik.
Jenseits von 2 °C wird es hoch riskant. Wir wären weit außerhalb des relativ günstigen, stabilen Klimaregimes, das wir in den letzten 10.000 Jahren genossen haben.

England: Die schlimmsten Auswirkungen des Klimawandels einer 2 °C-Welt werden bei 3 °C noch teurer und schädlicher. Und wie Stefan Rahmstorf sagte würden wir mehr und mehr Kipppunkte überschreiten und irreversible Veränderungen in Gang setzen. Für Australien würde bei 3 °C Erderwärmung das Risiko katastrophaler Waldbrände, gravierender Dürren, schwerer Stürme und destruktiver Sturmfluten substanziell ansteigen. Die Stabilität großer Eisschilde wäre gefährdet.

Rahmstorf: Der Verlust des Grönlandeises allein bedeutet 7 Meter globalen Meeresspiegelanstieg und damit den Verlust von großen Küstenstädten und kleinen Inselstaaten. Das muss ganz klar gesagt werden.

Frage: Ist es möglich, in diesem späten Stadium noch unter 2 °C zu bleiben?

England: Ich zweifle ob wir das schaffen, aber es ist möglich. Wenn wir alle Emissionen global sofort einstellen, würden wir durch die verzögerte Reaktion des Klimas immer noch auf geschätzte 1,5 bis 1,6 °C Erwärmung gegenüber der vorindustriellen Zeit kommen. Es könnten aber bis zu 2,5 °C sein.
Mit drastischen Emissionsreduktionen können wir uns eine gute Chance erhalten, unter 2 °C zu bleiben. Mein Pessimismus kommt vom aktuellen Verlauf der weltweiten Emissionen und dem Mangel an politischem Willen.

Eine kriegsähnliche Reaktion ist erforderlich, um den Klimawandel anzupacken – es erfordert intensive Anstrengungen und Innovation. Solange das nicht geschieht denke ich, dass die Einhaltung des 2-Grad-Ziels höchst unwahrscheinlich ist.

Rahmstorf: Man darf politischen Pessimismus nicht verwechseln mit dem, was physikalisch möglich ist, was technologisch möglich ist oder was wirtschaftlich möglich ist. Aus der Sicht der Geophysik und Klimaforschung hindert uns nichts daran, die Erwärmung unter 2 °C oder sogar unter 1,5 °C zu halten. Auch technologisch ist es durchaus möglich. Wir müssen nur ein Zehntausendstel der Sonnenstrahlung anzapfen, die die Erde erreicht, um die ganze Menschheit großzügig mit Energie zu versorgen, und wir haben die Technologie dafür.
Wie viel es kosten würde, um unter 2 °C zu bleiben, wurde gründlich mit dem letzten IPCC-Bericht beantwortet. Die geschätzten Kosten sind sehr moderat – nur 0,06% des globalen BIP pro Jahr.

England: Anders gesagt: das Niveau des wirtschaftlichen Wohlstands der Welt, das ansonsten im Jahr 2100 erreicht würde, würde durch diese Kosten nur 2 Jahre später eintreten. Das ist ein winziger Preis. Und natürlich muss man sich im Klaren sein, dass die Kosten des Nichtstuns deutlich höher sein werden.

Rahmstorf: Kurz gesagt, es ist physikalisch möglich, technologisch machbar und wirtschaftlich machbar. Aber viele Menschen sind pessimistisch, was den politischen Prozess angeht. Kolleginnen und Kollegen in den Vereinigten Staaten sind pessimistischer, weil sie jeden Tag eine stark polarisierte Debatte und wenig Fortschritt zu erleben.

In Deutschland sind wir optimistischer. Im vergangenen Jahr waren die deutschen Treibhausgasemissionen um 27% unter dem Niveau von 1990 und unsere Wirtschaftsleistung hat sich seither fast verdoppelt. Die deutsche Erfahrung zeigt: man kann das Wachstum der Emissionen vom Wirtschaftswachstum entkoppeln und dabei Erfolg haben.

Frage: Was ist die zentrale Frage, die die meisten Menschen über den Klimawandel nicht verstehen?

England: Die schmerzhaft lange Zeit, die CO2 in der Atmosphäre bleibt. Für einige andere Gase wie Methan ist die Lebensdauer in der Atmosphäre ziemlich kurz, Jahrzehnte. Leider bleibt CO2 viele Jahrtausende in der Atmosphäre.

Rahmstorf: Die Menschen verstehen nicht, dass es unumkehrbar ist. Sie können sich nicht in zwanzig Jahren entscheiden, dass es Zeit ist, etwas gegen die globale Erwärmung zu tun. Bis dahin wird es zu spät sein. Unsere aktuellen Emissionen legen uns auf mehrere Meter Meeresspiegelanstieg fest, für Jahrhunderte in die Zukunft.

Auch nicht so bekannt ist die Versauerung der Ozeane durch unsere CO2-Emissionen, die Meeresökosysteme wie Korallenriffe zerstören wird. Das allein sollte Grund genug sein, mit dem Ausstoß von CO2 aufzuhören.

Frage: Sie forschen beide seit einem Vierteljahrhundert zum Klima. Wann haben Sie zuerst das Ausmaß der Gefahr erkannt, in der wir uns befinden?

Rahmstorf: Mir ist das seit den frühen 80er Jahren klar. Als Beispiel: in den 80er Jahren verbrachte ich vier Jahre in Neuseeland zur Promotion, und trotz Heimweh bin ich nie nach Hause geflogen, um nicht mehr CO2-Ausstoß durch Flüge zu verursachen. Ich war nur einmal außerhalb Neuseelands: für meinen ersten Konferenzvortrag in Hobart.

England: Für mich begann es in den späten 1980er Jahren, als ich die Studien las, die die globale Erwärmung und den Anstieg des Meeresspiegels vorhersagten. Aber ich war vielleicht erst wirklich mit den um sich greifenden Folgen des Klimawandels konfrontiert, als ich im Jahr 2009 die Kopenhagen-Diagnose leitete. Die Veränderungen quer durch eine Reihe von Sektoren zu sehen öffnete mir die Augen. Es war auch beängstigend, den Mangel an Gegenmaßnahmen zu erleben, gegen etwas, das grundlegend das Leben der ganzen Menschheit verändern würde.

Frage: Was gibt Ihnen Hoffnung für den Pariser Klimagipfel?

Rahmstorf: Es gibt eine Menge optimistischer Anzeichen. Die Vereinigten Staaten und China haben sich im Vorfeld über ihre Maßnahmen verständigt. Inzwischen gibt es Reduktionsverpflichtungen von 161 Ländern, die über 90% der weltweiten Emissionen und der Weltbevölkerung vertreten.

Ich erwarte, dass eine substanzielle Vereinbarung in Paris erreicht wird, aber sie wird allein nicht ausreichen, um unter 2 °C zu bleiben. Das zu hoffen wäre utopisch. Daher ist es entscheidend, dass man sich in Paris auf Mechanismen einigt, um die Verpflichtungen regelmäßig zu überprüfen und zu verschärfen, ähnlich wie beim Montreal-Protokoll zur Rettung der Ozonschicht.

Zweitens werden wir nach Paris eine starke Koalition von Pionieren der Dekarbonisierung brauchen, die als Vorbilder mit ehrgeizigeren Reduktionen vorangehen.

Wir sind inzwischen schon viel weiter in der Entwicklung der erneuerbaren Energien als 2009 vor dem Kopenhagener Klimagipfel. Im vergangenen Jahr floss mehr als die Hälfte der weltweiten Investitionen in die Energieinfrastruktur in erneuerbare Energien. Das Blatt wendet sich.

England: Und das obwohl viele Nationen nicht einmal das Wachstum der erneuerbaren Energien fördern.

Rahmstorf: Derzeit sind über 19% der weltweiten Endenergieversorgung erneuerbar. Erneuerbare Energien wachsen exponentiell und haben nun ein Niveau erreicht, wo sie Mainstream sind. Investitionen in fossile Brennstoffe werden wahrscheinlich in den nächsten Jahren zusammenbrechen, da die Anleger erkennen, dass sie keine Zukunft haben. Es wird da verlorene Vermögenswerte geben.

England: Ich hoffe, dass der Unternehmenssektor voraneilen und die Führung übernehmen wird. Bei Investitionen in Energieinfrastruktur geht es nicht um kurzfristige Gewinne; es geht um Renditen über zwanzig, dreißig Jahre. Derart langfristige Investitionen machen es zu riskant, in fossile Energieträger zu investieren.

Frage: Wo endet die Kommunikation der Wissenschaft und beginnt der Aktivismus?

Rahmstorf: Auf Klimawissenschaftler werden hier besonders strenge Maßstäbe angewendet. Der Begriff Aktivist wird verwendet, um Wissenschaftler zu diskreditieren, die sich offen äußern. Aber wenn ein Lungenexperte empfiehlt, nicht zu rauchen, würde niemand sagen: „Sie sind ein Aktivist, ich traue Ihnen nicht mehr“.

England: Ich verstehe nicht, was das Problem mit Engagement sein soll. Vor einigen Jahren hielt Senator Kim Carr, damals Australiens Wissenschaftsminister, ein „Advocacy Forum“ für Wissenschaftler aus einer Vielfalt von Disziplinen. Er hat mehr oder weniger gesagt: „Ich will nicht diese lächerlichen Kommentare hören, dass die Wissenschaftler sich nicht engagieren sollten. Sie sind die größten Experten für eine Reihe von Gebieten, die für die Gesellschaft relevant sind. Melden Sie sich zu Wort und sagen, was wir tun sollten! Halten Sie sich nicht zurück.“ Wir müssen für die Wissenschaft eintreten. Wie werden die Menschen uns in 100 Jahren beurteilen, wenn wir nicht rausgehen, um uns für eine sichere Klimazukunft zu engagieren?

Frage: Zum Schluss: es gibt das Argument, dass Geo-Engineering uns vor den schlimmsten Auswirkungen des Klimawandels retten kann. Sollten wir darüber eine Debatte führen?

Rahmstorf: Nein, das ist eine Verzweiflungsmaßnahme. Wir haben viel bessere Alternativen. Die ganze Geo-Engineering-Debatte gibt der breiten Öffentlichkeit die Illusion, es gebe eine Art technische Lösung am Horizont. Sie ist eine weitere Entschuldigung, die Emissionen jetzt nicht zu reduzieren.

England: Ich stimme vollkommen zu. Es sollte nicht diskutiert werden, das untergräbt nur die Dynamik der Problemlösung. Jede einzelne Geo-Engineering-Technologie, die vorgeschlagen wurde, hat entweder noch schlimmere Nebenwirkungen als das ursprüngliche Problem, oder sie ist viel teurer als die Dekarbonisierung mithilfe der erneuerbaren Energien. Kurz gesagt, Geo-Engineering ist entweder zu teuer, zu gefährlich oder beides. Wir haben bereits gute Lösungen. Es ist Zeit, sie zu implementieren.

 

Professor Matthew England gründete im Jahr 2007 das Climate Change Research Center der University of New South Wales in Sydney, das führende Klimaforschungszentrum Australiens. Er ist Laureate Fellow des Australian Research Council, Gewinner von zwei Eureka Preisen und Fellow der Australian Academy of Science.

Professor Stefan Rahmstorf ist Abteilungsleiter am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Er hat acht Jahre im Wissenschaftlichen Beirat Globale Umweltveränderungen die Bundesregierung beraten, ist Fellow der American Geophysical Union und Autor mehrerer Sachbücher zu Klimawandel und Meeresforschung.

 

Interview: Alvin Stone für das Uniken Magazin, Sydney

Foto: Nick Cubbin (aufgenommen am Maroubra Beach, Sydney)

Stefan Rahmstorf ist Klimatologe und Abteilungsleiter am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und Professor für Physik der Ozeane an der Universität Potsdam. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf Klimaänderungen in der Erdgeschichte und der Rolle der Ozeane im Klimageschehen.

52 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Lösungen gibt es tatsächlich jede Menge. Gute Lösungen, sinnvolle Lösungen, ehrbare, vernünftige Lösungen. Lösungen gibt es seit Jahrzehnten. Nur den grossen, globalen und dringendst notwendigen Durchbruch im grossen Massstab kann ich bisher beim besten Willen nicht erkennen.

    Sehr geehrter Herr Rahmstorf, möchten Sie zu folgender Meldung einen Kommentar abgeben?:

    Shell accused of strategy risking catastrophic climate change

    Environmentalists say presumption of global temperature rise to 4C undermines multinational’s ability to talk with authority on climate change…

    http://www.theguardian.com/environment/2015/may/17/shell-accused-of-strategy-risking-catastrophic-climate-change

    Mir scheint, gewisse, äusserst einflussreiche Kreise haben sich längst mit dem Klimawandel abgefunden- bedenken SIe auch die Tatsache, dass zB Exxon Mobil bereits seit spätestens den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts über den Klimawandel bestens Bescheid weiss und trotzdem knallhart BAU betreibt. Es scheint da gewisse Strategen zu geben, die dem Wahn verfallen sind, man könne den Klimawandel kontrollieren oder gar zu eigenen, finanziellen Gunsten nutzen…^^ Das mag evt böse klingen, aber es gibt Kreise, die eiskalt dem „Alles-oder-Nichts“- Prinzip folgen- fragen Sie mal zB im Pentagon bzw beim sog. „militärisch-industriellen Komplex“ nach…

    https://de.wikipedia.org/wiki/Milit%C3%A4risch-industrieller_Komplex


  2. Ein hochinteressantes Statement von Exxon Mobil:

    7.12.2015 – ExxonMobil Warns of ‘Catastrophic’ 7°F to 12°F Global Warming Without Government Action

    With no government action, Exxon experts told us during a visit to The Post last week, average temperatures are likely to rise by a catastrophic (my word, not theirs) 5 degrees Celsius, with rises of 6, 7 or even more quite possible.

    http://thinkprogress.org/climate/2015/12/07/3728921/exxonmobil-warns-catastrophic-global-warming/

    Bekommt Exxon Mobil am Ende doch noch kalte Füsse? 😎

  3. Zu Herrn Rahmstorfs „Wir müssen nur ein Zehntausendstel der Sonnenstrahlung anzapfen, die die Erde erreicht, um die ganze Menschheit großzügig mit Energie zu versorgen“ sollte man anmerken, dass dieses Ziel doch in sehr weiter Ferne liegt, da derzeit die Solarenergie weltweit nur einen Anteil von ein paar Promille an der Gesamtenergie hat. Solche Äußerungen wie die von Herrn Rahmstorf führen in der Öffentlichkeit zu einer falschen Vorstellung von der Solarenergie. Ich empfehle einen Test mit einer Frage im Bekanntenkreis, wie hoch der Anteil der Solarenergie gegenwärtig sei. Auch der Satz „Erneuerbare Energien wachsen exponentiell “ von Herrn Rahmstorf bedarf eines Kommentars. Ich habe in diesem Blog bereits darauf hingewiesen, dass der prozentuale Anteil der Erneuerbaren an der Gesamtenergie seit 1990 in etwa konstant geblieben ist. An manchen Orten, zum Beispiel in Deutschland, ist er angestiegen. In China ist er von 25% im Jahre 1990 auf ca 10% derzeit gefallen. Als Quelle gebe ich eine Seite des Bundeswirtschaftsministeriums an. http://www.bmwi.de/DE/Themen/Energie/Energiedaten-und-analysen/Energiedaten/internationaler-energiemarkt.html
    Der Beitrag von Herrn England wirkt trotz seiner positiven Grundstimmung realitätsnäher. Er erklärt uns, dass wir 1,5, vielleicht schon 2,5 Grad bereits im Sack haben. Aus Paris hört man Stimmen, die von einem 1,5 Grad-Ziel träumen. Wie passt das zusammen? Und dann die erschreckende Äußerung von Herrn England. „Eine kriegsähnliche Reaktion ist erforderlich, um den Klimawandel anzupacken“ und ein wenig später die Schlussfolgerung. „Solange das nicht geschieht denke ich, dass die Einhaltung des 2-Grad-Ziels höchst unwahrscheinlich ist“. Eine andere Schlussfolgerung aus dieser Debatte vermag ich nicht zu ziehen.

    • Wenn man den Gesamtanteil der Erneuerbaren nimmt, dann ist das meiste davon traditionelle Biomassenutzung zum Heizen und Kochen sowie die Wasserkraft. Was exponentiell wächst sind nur die „neuen Erneuerbaren“, vor allem Wind- und Solarenergie. Deren Anteil ist global gesehen in der Tat noch sehr klein. Es ist aber eine Eigenschaft exponentiellen Wachstums, dass es zunächst (sagen wir im Bereich unter 1% Anteil) gar nicht auffällt. In der Vergangenheit haben wir etwa eine Verzehnfachung pro Jahrzehnt erlebt (entspricht 26% Wachstum im Jahr). Wenn man diese Wachstumsrate durchhalten könnte, dauert es von 1 Promille auf 1 Prozent zehn Jahre. In weiteren 10 Jahren ist man schon bei 10%, dann nochmals 10 Jahre bis 100%. Damit will ich nicht sagen, dass es ganz so schnell kommt, man stößt dabei natürlich auch auf gewissen Grenzen und kann das exponenzielle Wachstum wahrscheinlich so nicht durchhalten. Ich will nur sagen, dass angesichts des exponenziellen Wachstums es nicht pessimistisch machen sollte, wenn der Anteil derzeit noch unter 1 Prozent liegt. Deutschland hat vorgemacht, wie rasch man von dieser Basis bei 20% landet; andere Länder können diesem Beispiel folgen. Sonnenenergie ist jedenfalls im Überfluss vorhanden.

      • Nun wenn man Ihre diebezüglich verlinkte Veröffentlichung heranzieht, dann wurde und wird die größte Leistung bei der Wasserkraft installiert und das mit weitem Abstand vor allen anderen Arten der Energiebereitstellung. Das diese Art der Energieerzeugung nicht weniger nachhaltig ist bzw. große Emissionen vor allem in den tropischen Regionen zu verantworten hat, ist auch kein großes Geheimnis. Diese Art des Eingriffs in die natürlichen Lebensgrundlagen hat durch das Zurückhalten von großen Sedimentverschiebungen (siehe Arte-Dokumentation Sand-Die neue Umweltzeitbombe) aus den Gebirgen in die Meere auch seinen Anteil an dem Verschwinden ganzer Küstenbereiche, was dann in Hinblick auf den Meeresspiegelanstieg noch größere Auswirkungen als an sich schon hat. Das diese Art der Energieerzeugung große soziale Spannungen durch die Landenteignung zum Einen aber den generellen Artenschwund durch die Zerstörung ganzer Ökosysteme zu verantworten hat, wird gerne verschwiegen.
        Generell kann man sagen, dass keine Form der Energieerzeugung auf dem jetzigen Stand der globalen Entwicklung nachhaltig ist, weil diese nur durch den massiven Einsatz der Fossilen überhaupt erst in diesen Anteilen verfügbar gemacht werden können. Um all das exponentielle Wachstum ermöglichen zu können, bedarf es nun einmal einer entsprechenden Infrastruktur, die aber nur mit Hilfe der Fossilen aufrechterhalten werden kann. Diese Infrastruktur hat sich Hand in Hand mit der Nutzung der Fossilen entwickelt und somit an deren Parameter Leistungsdichte oder Energiedichte wie auch die stetige Verfügbarkeit, die sich um Dimensionen von den sogenannten Erneuerbaren unterscheiden, angepasst. Dieses jetzt in dieser Art umzubauen und das dann noch in einer exponentiellen Art verschärft die gegenwärtigen Probleme noch mehr, wie man es z.B. bei der Ausweitung der „Bioenergie“ in Form von Palmöl-, Zuckerrohr- oder Maisanbau sehr gut sehen kann.
        Mein Fazit: Man solle endlich ehrlich mit der Thematik umgehen und sich nicht selbst belügen. Nachhaltig im Sinne von dauerhaft kann man keine dieser Energieformen einstufen.

        • @T. Friedrich
          [Nun wenn man Ihre diebezüglich verlinkte Veröffentlichung heranzieht, dann wurde und wird die größte Leistung bei der Wasserkraft installiert und das mit weitem Abstand vor allen anderen Arten der Energiebereitstellung.]

          Das kann ich nicht gänzlich nachvollziehen. Hinsichtlich der installierten Leistung in 2014 liegt die Windkraftnutzung 51 GW) unter den EE im Bereich „Power“ (=Stromerzeugung) vorne, dahinter folgt die PV-Installation (39 GW) noch vor dem Zubau von 37 GW im Sektor Wasserkraft (auf Seite 19 im verlinkten „REN Global Status Report“, in den Zeilen 3, 7 und 9 dargestellt). Das heißt die größte Leistung wird augenscheinlich im Sektor Wind installiert, wenn auch nicht mit „weitem Abstand“.

          Extrapoliert man die Zuwachsraten in den letzten Jahren, so wird sich die Schere vermutlich weiter öffnen, dann müssten Sie sich um das „verschwinden ganzer Küstenbereiche“ nicht so sehr sorgen.

          Freilich kann jedwede Form der „Energieerzeugung“ mit Nebenwirkungen verbunden sein, darum ist es sinnvoll, Anreize zur Erhöhung der Energieeffizienz zu setzen, was teilweise stattfindet, auch wenn sich die Begeisterung zB über Energiesteuern zumeist in Grenzen hält.

          • Sie sehen schon, dass ich hier auf die ganze installierte Leistung hingewiesen habe. Und diesbezüglich besteht nun einmal ein weiter Abstand zwischen der Wasserkraft und der Windkraft/PV. Sie ist immer noch fast doppelt so groß. Hinsichtlich der Stromerzeugung, wofür alle diese Formen der Energieformen stehen, stellt sich eine weitaus größere Differenz dar (Siehe Seite 31). Das hat etwas mit dem wesentlichen geringeren Kapazitätsfaktor zu tun. Also bedarf es allein aus diesem Grund schon eines höheren Ausbaus dieser Arten der Energiebereitstellung, um in etwa gleiche Anteile zu erreichen. Aber auch dann steht die Wasserkraft immer noch als eine die die natürlichend Lebensgrundlagen stark schädigende Form der Energiebereitstellung. Es geht hier nicht nur um das Verschwinden Küstenbereiche, um die „ich mir sorgen mache“, sondern um viele andere dadurch verursachte Schäden, die uns alle angehen müssten. Warum wird dies nicht ebenso thematisiert wie die CO2-Emissionen der Fossilen. Die Auswirkungen werden nicht minder schwer sein.
            Die von Ihnen angesprochene Energieeffizienz ist schon Bestandteil des hiesigen Wirtschaftens. Sie wird diesem kapitalistischen System innewohnenden Wachstumzwang nur ebenso schnell gleich wieder geopfert. Das wird gerne immer verschwiegen. Diesbezüglich vermisse ich eine ganzheitliche Problembetrachtung.

        • Sie haben sicher nicht ganz unrecht, obwohl ich mir eine differenziertere und mit möglichen alternativen Grundannahmen auch optimistischere Analyse vorstellen kann.

          Aber was wollen Sie denn jetzt konkret anders machen? Machen Sie Vorschläge! Die eingeleitete Entwicklung ist weitgehend pfadabhängig. Nennen Sie unter dieser Voraussetzung Alternativen und eine bessere Strategie!

          • Können Sie bitte deutlicher und konkreter werden. Mit einer derlei schwammigen Replik kann ich nichts anfangen. Wo habe ich recht und wo nicht? Wie gehen Sie differenzierter und optimischer bei der Analyse der Problematik heran?
            Das wäre erst einmal klarzustellen, um eine gemeinsame Diskussiongrundlage zu haben. Die Alternativen ergeben sich dann von ganz allein, auch wenn diese mir wie auch Ihnen nicht gefallen werden, denn diese richten sich nicht nach mir, Ihnen oder bestimmten gesellschaftlichen Pfadvorgaben, sondern allein nur nach der Kapazität der bestehenden natürlichen Lebensgrundlagen.

          • Ich würde meine undifferenzierten Aussagen gerne etwas konkretisieren:

            Mit Formulierungen wie …

            … „ist auch kein großes Geheimnis“, „hat … auch seinen Anteil“, „größere Auswirkungen als an sich schon hat“, „noch größere Auswirkungen“, „hat … sich Hand in Hand entwickelt“, „all das exponentielle Wachstum“, „generell kann man sagen“, „Parameter Leistungsdichte oder Energiedichte“ (was denn nun?), „sich … um Dimensionen unterscheiden“, „wie man es z.B. bei … sehr gut sehen kann“, „in einer exponentiellen Art“, „nachhaltig im Sinne von dauerhaft“, „etwa konstant geblieben“, „Anteil … an der Gesamtenergie“ etc. usw. …

            … kann zumindest ich nichts anfangen.

            Müssen Sie zum Beispiel „Palmöl-, Zuckerrohr- oder Maisanbau“ unbedingt zu einem wenig sinnvollen Bündel verschnüren? Man weiß bei Ihnen nie genau, ob Sie gerade auf einer nationalen oder internationalen Ebene argumentieren (die Tendenz zur „Paketschnürerei“ war mal ein durchaus ernstzunehmender Vorwurf an die Adresse der frühen Grünen). Das ist mir alles auf diese Art zu undifferenziert!

            Wie wäre es, wenn wir uns zunächst auf die Bruttostromerzeugung in Deutschland konzentrieren? Dann können wir einzelne Komponenten regenerativer Energieerzeugung mit präzisen aktuellen Zahlen diskutieren und uns über zukünftige Möglichkeiten differenziert und kritisch Gedanken machen, wobei ich zum Beispiel an „economies of scale“-Effekte bei der Produktion oder – etwa bei der Batterieentwicklung (mit Analogieschlüssen) – an einen mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit realisierbaren technischen Fortschritt denke.

            Die RWE plant gerade, eine eigene Gesellschaft für Erneuerbare zu gründen (wie das E.on schon gemacht hat), 40 Milliarden Euro Umsatz wollen die erzielen (mit 40.000 Mitarbeitern), da brauchen wir Begriffe wie „Pfadabhängigkeit“ oder „lock-in“ gar nicht sozialwissenschaftlich zu diskutieren. Wie gewaltig die ausgelöste Dynamik sein wird (wenn die Großen, von mir durchaus gewünscht, dabei sind), können Sie doch allein schon diesen Fakten entnehmen. Oder meinen Sie, dass diese Leute nichts von ihrem Geschäft verstehen oder sich keine Gedanken darüber gemacht haben, auf welchem Entwicklungspfad wir uns vermutlich weiterbewegen werden?

            Können wir uns so verständigen? Also noch einmal: Was wollen Sie denn jetzt konkret anders machen? Machen Sie Vorschläge! Die eingeleitete Entwicklung ist weitgehend pfadabhängig. Nennen Sie unter dieser Voraussetzung Alternativen und eine bessere Strategie!

          • @ Jürgen Bucher
            Ich versuche mal hier noch einmal auf Ihre Einwände einzugehen.
            Also klar ist, dass ich mich auf den von Herrn Rahmstorf zitierten globalen Status Report für Eneuerbaren Energien beziehe. Also in HInblick auf den hier erwähnten Bioenergieanteil kann man Aussagen zu deren zerstörerischen Folgen schon zusammenfassend tätigen, da diese sich ja nun nicht schwerwiegend unterscheiden. So tragen diese ob nun Mais-, Palmöl-, oder Zuckerrohranbau zu einem starken Rückgang der Artenvielfalt und der Bodendegradation bei, was dann wieder entsprechende negative soziale Auswirkungen wie Landflucht und Verarmung ganzer Bevölkerungsgruppen nach sich zieht. Diesbezüglich kann man diese Form der Energiebereitstellung nicht als nachhaltig oder erneuerbar ansehen. Gleiches gilt in großen Teilen auch für die Wasserkraft. Man kann dort gerne noch etwas differenzierter herangehen, ob das eine Kraftwerk hier oder dort einen etwas weniger schädigenden Einfluss ausübt, letztlich global gesehen wird das an der Aussage der Nichtnachhaltigkeit auch dieser Form der Energiebereitstellung nichts ändern. Wenn wir uns erst einmal darauf verständigen könnten, wäre schon einmal etwas gewonnen. Und da geht es nicht um irgendwelche Firmenstrategien oder -ansichten, sondern rein um die biophysikalischen Auswirkungen dieser Energieformen.
            Ein weiterer Punkt ist und bleibt der Fakt, dass ohne die fossilen Energieträger keine Etablierung der Sonnen- und Windkraft als Formen der Energiebereitstellung möglich ist, diese Energieformen also auch während deren Ausbau bestehen bleiben müssen, da unsere ganzen Wertschöpfungsketten inkl. Forschung und Entwicklung sonst nicht aufrechterhalten werden können. Rein physikalisch benötigen wir Formen der Speicherung dieser stark intermittierenden Erzeugung von elektrischer Energie. Das braucht Zeit und eben viel fossile Energie. Dann wäre die geringe Leistungsdichte dieser Energieformen anzuführen, die um 1 bis 3 Dimensionen unter den Fossilen liegt, was also eine entsprechende Flächenausweitung zur Folge hat. Gleichzeitig muss man sehen, dass die produktivsten Standorte von Wind- und Sonnenkraft meist weit weg von den Verbrauchern liegen, was dann widerum einen entsprechend aufwendigen Ausbau der Infrastruktur erfordert. Das sind alles Fakten, denen man sich stellen muss, die aber so nicht thematisiert werden, weil jeder (auch RWE) auf seinem Gebiet vor sich hinwurschtelt und denkt irgendwie wird der Umbau schon funktionieren. Mein Anliegen deshalb: Klare und schonungslose Analyse der Situation, um dann die entsprechenden Schlussfolgerungen draus ziehen. Das erste wäre z.B. alle jetzt noch vorhandenen intakten Wald-, Steppen-, Sumpf,-, Fluss- und Meeresgebiete unter strengen Schutz zu stellen, den Stop der Exploration und des Abbaus von neuen Gas-, Öl- oder Kohlevorkommen, also das Anerkennen von sich selbst auferlegten Grenzen. Denn wenn wir das global nicht schaffen, brauchen wir über weitergehende Strategien gar nicht ert weiter unterhalten. Wenn wir das hinbekommen, werden sich auch rein biophysikalisch nur wenige Pfade der weiteren Entwicklung auftun.

    • Sehr geehrter Herr Freitag, Sie schreiben: „Ich empfehle einen Test mit einer Frage im Bekanntenkreis, wie hoch der Anteil der Solarenergie gegenwärtig sei.“

      Das würde etwas über den Kenntnisstand des Bekanntenkreis zur Solarenergie aussagen. Aber was sagt das über das tatsächliche Potential der Solarenergie selbst aus? Generell würde ich sagen, dass der Ausbau dieser Technologie eine Sache von mindestens 1-2 Generationen ist. Man kann nicht einfach den Schalter umlegen und denken, in 5 Minuten hat man alles umgestellt. Man braucht einen langen Atem dafür.

      • @S. Hader

        Man kann nicht einfach den Schalter umlegen und denken, in 5 Minuten hat man alles umgestellt. Man braucht einen langen Atem dafür.

        Ja, das ist das Unangenehme an einer Politik, die um etliche Jahrzehnte systematisch hinausgezögert wurde. Bereits Jimmy Carter hatte vor mehr als 30 Jahren Solar Panel aufs Weisse Haus in Washington gepflanzt- Ronald Reagan hat sie dann allerdings dummerweise wieder abmontiert:

        http://www.scientificamerican.com/article/carter-white-house-solar-panel-array/

        Zitat:

        Wer zu spät kommt, den bestraft die Geschichte.

        Das ist eine knallharte Wahrheit.

  4. „kriegsähnliche Anstrengungen“

    Interessanter Satz , das könnte ein positiver Aspekt des Klimawandels sein .Die Ressourcen , die bisher in Kriegshandlungen gesteckt werden konnten , werden in Zuklunft umgeleitet werden müssen , in den „Krieg“ gegen die Folgen des Klimawandels. Zivilisierung durch technischen Druck , wie bereits durch die Erfindung von Nuklearwaffen.

  5. … Im Artikel sind einige Fehler…

    Derzeit werden ca. 37 GtCO2 pro Jahr durch die Menschen freigesetzt, dass bewirkt einen Anstieg von 3 ppm CO2 pro Jahr in der Atmosphäre ………….

    Stellt man den Energiesektor der Welt komplett auf Erneuerbare um, so sind es durch Stahlherstellung/ Koks, Betonherstellung/ Karbonatgestein und veränderte Landnutzung/ Brandrohdung (ua Palmöl) … immer noch 10 GtCO2 pro Jahr und ein Anstieg von etwa 1 ppm pro Jahr in der Atmosphäre.

    Und nicht 19% der weltweiten Energieversorgung sind Erneuerbar, sondern nur 13%. Der weltweite Primärenergieverbrauch liegt bei 13% Erneuerbaren und das unverändert seit 1990. 11% hat inzwischen Deutschland erreicht. Die Entwicklungsländer in Afrika liegen bei 50%, die in Asien und Südamerika bei 30%.

    http://www.fotos-hochladen.net/uploads/eeweltweit1990c67b0lh82n.jpg

    Und CO2 hat keine Verweilzeit von Jahrtausenden in der Atmosphäre, sondern von ca. 120 Jahren.

    Nahezu die Hälfte des CO2 verschwindet gleich in den Ozeanen … und Senken.

    Und der Eisschild in Grönland destabilisiert sich bei 2°C und nicht bei 3°C, gemäß PIK „Kippelemente“.

    Neueste Studien weisen darauf hin, dass der Kipppunkt des vollständigen Eisverlustes schon bei einer globalen Erwärmung von knapp 2°C erreicht werden könnte.

    Das Meereis der Arktis ist jetzt schon verloren und die Westantarktis gemäß PIK ja auch.

    Damit vermindert sich das Rückstahlungsvermögen der Erde übers Eis und es wird noch wärmer.

    Und es wird immer mehr CO2 freigesetzt. 1990 waren wir weltweit noch bei 25 GtCO2 heute sind es fast 40 GtCO2… Die deutschen Kohlekraftwerke werden nach China exportiert und dort aufgebaut. In China gehen pro Woche fast 1.000 MW ans Netz. In Indien sieht es ähnlich aus.

    Herr Rahmstorf, vielleicht sollen Sie Ihren Lesern sagen, dass das mit den 2°C so nichts mehr wird und Grönland und die Westantarktis und das Meereis der Arktis verloren sind.

    • Ich kann diese angeblichen Fehler nicht erkennen.
      – Natürlich müssen am Ende auch die Emissionen aus Beton- und Stahlherstellung und Landnutzung vermieden werden, um auf Null zu kommen.
      – Laut der verlinkten Quelle liefern die Erneuerbaren 19% der Endenergie (die Primärenergie ist hier irrelevant, wie unter dem vorigen Post diskutiert)
      – Der Anteil der „neuen“ Erneurbaren (Wind und Sonne) wächst exponentiell (Abb. 3b in diesem aktuellen Paper) – Verzehnfachung in rund 15 Jahren.
      – Zur langen Verweilzeit hat mein Freund und Kollege Prof. David Archer (Uni Chicago) ein ganzes Buch geschrieben – dies ist unumstritten
      – Sie zitieren richtig dass der Kipppunkt von Grönland bereits bei 2 °C liegen könnte – der aktuelle IPCC-Bericht sagt zwischen 2 und 4 °C. Ich wurde gefragt, was ich bei 3 °C befürchte.
      – Die globalen CO2-Emissionen aus Energie und Industrie sind in diesem Jahr (auf Basis von Daten der ersten zehn Monate) weltweit wahrscheinlich gesunken trotz wachsender Wirtschaft, und zwar vor allem weil der Verbrauch von Kohle in China stark rückläufig ist.
      – Vielleicht überlassen Sie es mir, was ich meinen Lesern sage? Sie können hier gerne Ihre Meinung sagen – am liebsten mit korrekt gecheckten Fakten und Quellen!

      • Herr Rahmstorf.

        1. Der Anteil der Erneuerbaren in China am Primärnergieverbrauch lag 2014 bei 1,8%. In Deutschland liegen wir bei 11%. In den Entwicklungsländern Afrikas bei 50% und in den Entwicklungsländern Asiens und Südamerikas bei 30%. Bei der Endenergie sieht es nur wenig besser aus. Die Unterschiede liegen dort im Bereich von wenigen Prozenten. In Deutschland liegt dort der Anteil der Erneuerbaren bei ca. 15%. …

        2. Das CO2 hat eine mittlere Verweilzeit von 120 Jahren in der Atmosphäre. Gemäß IPCC (AR4, FAQ 10.3, Figure 1.) und UBA… und nicht von Jahrtausenden.

        3. Die CO2-Emissionen von China wurden aktuell hochkorrigiert ……… Die CO2-Emissionen lägen um ein Sechstel höher als angegeben, berichtet kürzlich die „New York Times“ („NYT“). Die Zeitung beruft sich auf Zahlen aus einem Jahrbuch der chinesischen Statistikbehörde von 2013, die bislang übergangen worden seien.

        4. Die Kippelemente sind hier nach °C angegeben…

        http://wiki.bildungsserver.de/klimawandel/index.php/Kipppunkte_im_Klimasystem#Ergr.C3.BCnung_der_Sahara_und_Versiegen_der_Staubquellen

        Grönland und das Meereis der Arktis sind demnach nicht mehr zu halten…

        • Die von mir angegebenen Quellen nutzen bereits die korrigierten Daten der Emissionen aus China. Der Bildungsserver in Ehren, aber ich halte mich an die wissenschaftlichen Originalquellen, zumal es sich hier wesentlich um Forschungsarbeiten aus meiner Abteilung handelt. Die wesentlichen Arbeiten zur langen Verweildauer von CO2 entstanden nach dem Redaktionsschluss für den 4. IPCC-Bericht, den Sie hier zitieren (auch wir selbst sind in früheren Studien von einer kürzeren Verweilzeit ausgegangen, die inzwischen überholt ist).

        • Der Primärenergieverbrauch ist, wie schon hier am 2. + 4.12. dargestellt http://scilogs.spektrum.de/klimalounge/worum-es-in-paris-geht/, ein untaugliches Maß für die Möglichkeiten und Fortschritte der Energiewende.
          Beispiel Deutschland.
          Im Jahr 2000 betrug der EE-Anteil am Primärenergieverbrauch in Deutschland 2,9 %. Im Jahr 2014 schon 11,3%. Die alten und ineffizienten Atom- wie Kohlekraftwerke machen im Schnitt aus 3 kWh Primärenergie nur eine kWh Strom. Je mehr wir von diesen alten Kraftwerken stilllegen und durch PV- und Windkraftanlagen ersetzen, desto schneller steigt der Anteil der EE am Primärenergieverbrauch. Wenn wir viele Autos mit den ineffizienten Verbren-nungsmotoren durch Elektroautos, die mit PV- und Windstrom gespeist werden, ersetzen, steigt ebenfalls stark der Anteil der EE am Primärenergieverbrauch. Ähnliches gilt auch für aus PV- und Windanlagen gespeiste elektrische Wärmepumpen.

          Raimund Kamm

      • Dass uns oder besser: unseren Nachfahren die CO2-Verweilzeit in der Atmosphäre voraussichtlich noch länger beschäftigen wird, gilt in der Wissenschaft praktisch als Konsens.

        http://www.pnas.org/content/106/6/1704.full

        Und das Buch von David Archer ist wirklich zu empfehlen. Es ist szusagen die Langfassung des obigen Links.

    • Sehr geehrter Herr Otto, ein kleiner Faktencheck. Der CO2-Anstieg betrug in den letzten 10 Jahren (2005-2014) durchschnittlich 2,1 ppm pro Jahr und nicht 3 ppm. Selbst bei einem linearen Zusammenhang zwischen anthropogenen Emissionen und CO2-Anstieg würde eine Reduzierung von 37 auf 10 GtCO2 einen Anstieg von 0,6 ppm und nicht 1 ppm pro Jahr bedeuten.

      „In China gehen pro Woche fast 1.000 MW ans Netz.“

      In China werden auch jede Menge Kohlekraftwerke zeitweise und dauerhaft abgeschaltet. In diesem Jahr gab es sogar einen Rückgang beim Kohleverbrauch.

      „Der Anteil der Erneuerbaren in China am Primärnergieverbrauch lag 2014 bei 1,8%. In Deutschland liegen wir bei 11%.“

      Zu den 11% in Deutschland zählt auch die Wasserkraft dazu. Entsprechend sollte man das in die Bilanz von China mit einrechnen. Das sind dann schon mehr als 12% für China.

      Vielleicht sollten Sie im Vorfeld Ihre Hausaufgaben gewissenhafter machen.

  6. Ein Diskussionsverbot zu Geo-Engineering halte ich für kontraproduktiv. Es kann sich ja im politischen Diskurs herausstellen, dass man solche Technologien nicht gesondert fördern möchte, aber dann ist das ein Ergebnis im Entscheidungsprozess. Aber sowas a-priori auszuschließen, halte ich für eine unnötige Reduzierung der eigenen Handlungsoptionen.

    • @S. Hader

      Niemand verbietet die Diskussion um Climate Engineering. Allerdings sollte man sich gut über die höchst unangenehmen Folgen informieren.

      • @Nemesis, nun, das sagen auch die Energiewendegegner zu den Erneuerbaren Energien. Bitte nicht falsch verstehen, ich teile die Ansicht der Gegner nicht. Aber man kommt in der Debatte nicht wirklich vorwärts, wenn zwei Fronten spiegelsymmetrische Argumente verwenden. Wie bei jeder Technologie muss man Kosten und Nutzen und die bestehenden Alternativen gleichzeitig im Blick haben.

        • @S. Hader

          Bitte lesen Sie nochmal genau, was ich geschrieben hatte:

          Niemand verbietet die Diskussion um Climate Engineering. Allerdings sollte man sich gut über die höchst unangenehmen Folgen informieren.

          Was bitte hat das mit den Gegnern der erneuerbaren Energie zu tun? Ich habe sowieso keinerlei Einfluss darauf, ob Climate Engineering eingesetzt wird oder nicht. Ich empfehle bloss, sich genau über die Nebenwirkungen zu informieren.

          Wie bei jeder Technologie muss man Kosten und Nutzen und die bestehenden Alternativen gleichzeitig im Blick haben.

          So ist es. Und genau so war mein Kommentar hinsichtlich Climate Engineering auch gemeint:

          Wer Climate Engineering einsetzen möchte, sollte ganz genau Kosten/Gefahren und Nutzen abwägen. Zu den möglichen, nicht zu unterschätzenden Gefahren gibt es reichlich Informationen im Internet.

  7. Nochmal kurz zu der Frage, ob man sich als Bemessungsgrundlage auf Primärenergie, Endenergie oder Bruttoendenergie stützen sollte. Jede hat ihre eigene Berechtigung. Die Endenergie hat zwei Nachteile. Da man in früheren Jahren in den Daten meist die Primärenergie ausgegeben wurde, kann man die Daten mit denen älteren nicht vergleichen. Ein zweiter Nachteil ist, dass sie nicht scharf definiert ist. Wenn beispielsweise jemand einen Kanister von seinem Heizöl für sein Dieselfahrzeug abzweigt, so hat er eine andere Endenergieausbeute als wenn er es verbrennt. Die Endenergie kann nicht scharf definiert werden. Daher benutze ich persönlich die Primärenergie, bin mir aber dabei bewusst, dass Sonne und Wind dabei schlecht abschneiden. Bei meinen persönlichen Rechnungen gebe ich einen Aufschlag von 50%. Die Endenergie ist mir aber auch recht. Nur muss man in den Zeitreihen die entsprechenden älteren Daten entsprechend korrigieren. Das wird aber in der Regel nicht getan.

    Noch eine Anmerkung zu China. Herr Otto schreibt, der Anteil der Erneuerbaren in China am Primärenergieverbrauch lag 2014 liege bei 1,8%. Kann diese Zahl belegt werden? Ich habe in meinem Beitrag 10% (für 2013) angegeben und als Quelle das Bundeswirtschaftsministerium angegeben.

    Noch einen Kommentar zum exponentiellen Wachstum von Herrn Rahmstorf. Dieses wird in der Realität immer nur sehr beschränkte Zeit eingehalten, was der Volksmund mit „unser Herrgott lässt keine Bäume in den Himmel wachsen“ trefflich zum Ausdruck bringt. Das Wachstum der
    Solarenergie ist ein gutes Beispiel. Wenn ich die neuesten Daten richtig lese, hat sich das Wachstum in Deutschland sehr abgeflacht und scheint in ein eher logarithmisches Wachstum überzugehen. Ihre Begeisterung für die Solarenergie in Ehren. Ich werde den Tag, an dem ich meine skeptische Haltung korrigieren muss, als einen glücklichen Tag preisen. Derzeit sehe ich aber, dass uns die Sonne ihren Segen zwar reichlich aber leider sehr verdünnt spendet. Es ist so, als ob man aus halb Deutschland einen Kartoffelacker macht aber auf jedem Hektar nur eine Kartoffel anbaut. Der Ernteaufwand wäre beträchtlich.

    Es liegt mir noch am Herzen klarzustellen, dass ich weniger skeptische Meinungen als die meine respektiere. Begriffe wie „Ökofaschist“ finde ich abscheulich. Sie fallen auf den zurück, der sie äußert.

    • Ich habe gerade gesehen, dass BP in ihrer Welt-Energiestatistik eine Stromerzeugungseffizienz von 38% annimmt (Fußnote Seite 38). Strom damit in Primärenergie umzurechnen ist allerdings auch nicht eindeutig, genauso wie in ihrem Beispiel mit dem Heizölkanister: denn wenn ich den Strom nutze, um damit mein Teewasser zu kochen anstelle meinen Gasherd, dann müsste ich eine ganz andere Umrechnung nehmen.
      Natürlich stößt exponentielles Wachstum immer irgendwann an Grenzen; das hypothetische Rechenbeispiel sollte nur die Dynamik illustrieren und ist nicht als Prognose zu verstehen. Die Aufgabe der Politik ist m.E., die Rahmenbedingungen zu schaffen (Ausbau von Speichern und Netzen), unter denen dieses Wachstum möglichst lange weitergehen kann. Spannend wird dann, ob sagen wir die letzten 30 % der Energieversorgung schwerer oder leichter auf EE umzustellen sind als die ersten 30%. Ich denke das wird davon abhängen, was wir auf diesem Weg gelernt haben.

  8. Wenn Kommentare von mir zur Information der Öffentlichkeit nicht veröffentlicht werden,
    so ist dies zwar juristisch korrekt aber auch ein Zeichen von mangelnder Souveränität.
    Ich hatte in der Vergangenheit mit Wissenschaftlern zusammengearbeitet, die vor einigen
    Jahren ein Weltwasserforum organisiert und durchgeführt haben. Was Ihnen sicherlich bekannt ist,
    ist die Tatsache, dass heutzutage mindestens 800 Millionen Menschen (inzwischen wahrscheinlich
    vielmehr) keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben und 2,5 Milliarden Menschen unter
    völlig unzureichenden hygienischen Bedingungen leben. Und dies liegt hauptsächlich daran,
    dass 80 % des mit Fäkalien, pathogenen Keimen und anderen ungesunden Substanzen angereichertes Abwassers in vielen Ländern der Erde nahezu unbehandelt in Boden und Gewässer gelangen. Und dies hat nichts mit CO2-Emissionen zu tun sondern damit, dass weltweit zu wenig Abwasseraufbereitung durchgeführt wird ! Wahrscheinlich wird dieser Kommentar von mir wegen unliebsamer Information auch nicht veröffentlicht aber Sie müssen sich das von mir Geschriebene jetzt zumindest hinter die Ohren schreiben !

    • Was ist unliebsam an dieser Information? Unsere Moderation der Kommentare kümmert sich übrigens auch nicht um Unliebsamkeit, sondern richtet sich danach, was interessant, sachlich, „on topic“ (also zum Thema des Artikels) und nicht zu lang ist.

  9. Sehr geehrter Herr Rahmstorf,

    ich anerkenne grundsätzlich Ihre wissenschaftlichen Leistungen hinsichtlich der Klimaforschung sowie Ihre persönlichen Bemühungen (kein Auto…) Allerdings dürfte Ihr persönliches THG-Budget weitaus höher als der nationale Durchschnitt liegen. Beispielsweise wurde das Bild in diesem Blogeintrag in Sydney aufgenommen. Wie erklären Sie den Widerspruch, das die Leute nur 2t THG emmitieren dürfen, Sie selber aber weit darüber liegen?

    • Aus ökonomischer Sicht sehe ich überhaupt kein Problem, jedenfalls dann nicht, wenn es zu einem Kohlendioxid-Emissionshandel kommt und sich durch Angebot und Nachfrage ein „gerechter“ Preis für alle Arten von Konsum- und Produktionsaktivitäten bildet. Jeder kann dann leben, wie er will, das Emissionsziel wird ja in jedem Fall erreicht, es müssen lediglich angemessene Preise bezahlt werden. Neue effiziente Verbrauchsstrukturen würden sich ganz „systemkonform-selbstorganisatorisch“ herausbilden.

      Zwei Dinge sind allerdings zu bedenken:

      Externalitäten bestehen nicht allein aus Klimaveränderungen. Da liegt mit etwas zu sehr der Fokus drauf! Unser Auto- und Güterverkehr zum Beispiel produziert externe Schäden ganz ohne Kohlendioxid in gigantischer Höhe. Diese würden zwar durch den Emissionshandel zum Teil mit beseitigt, ich sehe jedoch – durch flankierende staatliche Maßnahmen – einen erheblichen zusätzlichen (übrigens: selbstverständlich wohlstandserhöhenden!) Reduktionsbedarf.

      Durch den Emisssionshandel entstehen Einnahmen, die in gerechter Form zu verwenden sind. Ich selbst bin nur für ganz wenig Kohlendioxid verantwortlich (und ich werde weiter reduzieren), gegen eine regelmäßige staatliche Finanzspritze für mein vernünftiges Verhalten hätte ich nichts einzuwenden.

      Die üblichen langweiligen Strandurlaube usw. interessieren mich nicht, aber ich würde gerne öfter – Anfahrt selbstverständlich mit der Bahn – bei Claus Peter Lumpp oder Harald Wohlfahrt „auf Ihre Kosten“, Herr Springer, essen gehen!

      • Es wäre wirklich toll, aber, um meinen Pessimismus noch etwas zu kultivieren, wie lange fordern Ökonomen schon die Implementierung externer Kosten in das reale Wirtschaftssystem, ohne Umsetzung?
        Zweite Frage: Wäre eine weltweiter Einbezug externer Effekte in Produktionskosten überhaupt technisch umsetzbar, d.h. kontrollierbar? Ich stelle mir das zumindest schwierig vor, zumal in vielen Ländern deren sonstige gesetzliche Standards (Arbeitsschutz, Lebensmittelkontrolle, Vergiftung der Umgebung) auch noch häufig via Korruption untergraben sind.

        • Ich beschreibe natürlich einen gewissen erwünschten Idealzustand. Mit meinen diversen Hinweisen auf die Neue Politische Ökonomie, das Medianwählermodell, den homo oeconomicus in uns allen als realistisches Menschenbild, die Strukturkonservativen und Paläoliberalen, den Lobbyismus etc. habe ich ja immer schon versucht – unter Beibehaltung des einzig sinnvollen methodologischen Individualismus als Analyseansatz – mich an die Realitäten unserer Gesellschaft wissenschaftlich heranzutasten. Man sollte aber auch nie die positiven Aspekte unseres Daseins übersehen: Freiheit, Partizipation, Wohlstand; Vielfalt an Möglichkeiten, sich als Individuum auszudifferenzieren und einiges mehr.

          Wir sind in Deutschland mittlerweile so grotesk und absurd übermotorisiert und die dadurch verursachten Schäden sind so offensichtlich, dass ich wirklich die Hoffnung habe, dass irgendwann auch einmal bei den immer noch dominierenden „zentralverriegelten Persönlichkeiten“ gewisse Minimaleinsichten möglich sind und es in der Konsequenz zu gewaltigen Verbesserungen unserer Lebensqualität und unseres Wohlstands kommt. Der Klimawandel ist da eigentlich nur ein zusätzliches, sehr starkes Argument!

          Karl Poppers „Politik der kleinen Schritte“, nur so läuft es ab! Weiterdiskutieren, Vorbild sein, andere überzeugen – und zeigen, dass es besser geht! Walter Eucken als Maßstab: Wertkonservativ statt ewiggestrig sein! Liberalismus ja, aber mit Verantwortung!

  10. @ S. Rahmstorf

    In der Vergangenheit haben wir etwa eine Verzehnfachung pro Jahrzehnt erlebt (entspricht 26% Wachstum im Jahr). Wenn man diese Wachstumsrate durchhalten könnte, dauert es von 1 Promille auf 1 Prozent zehn Jahre. In weiteren 10 Jahren ist man schon bei 10%, dann nochmals 10 Jahre bis 100%.

  11. @ S. Rahmstorf

    zu meinem vorhergehenden (zu früh abgesandten) Kommentar:

    Sie formulieren im Konjunktiv und machen sich damit unangreifbar. Aber mal aufs Hand aufs Herz: Sind Wachstumsraten von 26% über 30 Jahre denn nicht ganz und gar utopisch? Und wenn man das vermuten muss, sollte man dann solche Wachstumsraten auch im Konjunktiv lieber nicht nennen? Exponentielles Wachstum ist ja nicht per se so bombastisch. Mit kleinen Raten kann es auch bescheiden ausfallen.

  12. Mir ist die optimistische Sichtweise von Prof. Rahmstorf zwar sympathisch, aber teilen kann ich sie nicht.
    Die grundsätzlichen Fakten und Prognosen zum Klimawandel sind doch im Grunde seit den 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts wissenschaftlich gesichert und liegen auf dem Tisch.
    Seitdem ist die Zahl der Menschen auf dem Planeten explodiert und sie tut das weiter. Die Emissionen aller Art sind seitdem drastisch gestiegen und sie tun das weiter, wenn man von kurzfristigen Schwankungen aufgrund von globalen Wirtschaftskrisen absieht.

    Richtig ist, dass die „neuen erneuerbaren Energien“ seit einigen Jahren exponentiell wachsen (vor allem PV) und dass es in diesem Bereich enorme Kostensenkungen gegeben hat.
    Allerdings wird sich dieses Wachstum meiner Meinung nach sehr stark reduzieren, sobald es einen gewissen Schwellenwert überschreitet, der vermutlich irgendwo zwischen 30 und 50% der Gesamtenergieerzeugung eines konkreten Wirtschaftsraums liegt. Denn von da ab wird das Speicher- bzw- Verteilungsproblem der Erneuerbaren wirklich relevant. Erst dann werden die wahren Kosten der Erneuerbaren deutlich. Nach aller historischen Erfahrung wird „die Menschheit“ nicht bereit sein, diese zusätzlichen Kosten zu tragen, nur um noch höhere Kosten zu vermeiden, die ja aber erst spätere Generationen belasten werden.

    Wenn ich alles einigermaßen richtig verstanden habe, werden wir ja etwa im Jahr 2030 wissen, ob die optimistische oder die pessimistische Sicht die richtige war, oder?
    Das ist allerdings wirklich nicht mehr lange hin!

    • Hallo Corax, Sie schreiben: „Nach aller historischen Erfahrung wird „die Menschheit“ nicht bereit sein, diese zusätzlichen Kosten zu tragen, nur um noch höhere Kosten zu vermeiden, die ja aber erst spätere Generationen belasten werden.“

      Man darf nicht vergessen, dass wir stattdessen bereit sind, eine Verdoppelung der Erdölpreise in den letzten 2 Jahrzehnten hinzunehmen. Generell erleben wir was es bedeutet, wenn verschiedene Rohstoffpreise enorm ansteigen, nicht nur bei den fossilen Brennstoffen. Bauprojekte verteuern sich, auch industrielle Großanlagen. Wenn es keine gescheiten Alternativen gibt, ist der Mensch notgedrungen bereit, deutlich mehr zu bezahlen. Zum Glück gibt es zur konventionellen Energiewirtschaft Alternativen. Und auf lange Sicht werden die eines Tages preiswerter sein als heutige Standardtechnologien.

      Würde Ihre These stimmen, dann dürften Menschen auch nicht bereit sein, in Infrastrukturen, in Bildung, in neue Aufforstungen usw. zu investieren. Alles Dinge, die uns heute viel Geld kosten und deren Nutzen sich erst nach 1-2 Generationen entfaltet.

    • Das sehe ich weitgehend auch so! Aber sagen wir mal: Wind onshore, Wind offshore und Photovoltaik jeweils 15 % Anteil an der deutschen Bruttostromerzeugung bis in 20 Jahren. Machbar! Wenn es gelingt, den Stromverbrauch um 20 bis 25 Prozent zu reduzieren, würde der Gesamtanteil schon weit über 50 Prozent liegen.

      Grundlastfähig: Wasser und Abfall-Biomasse (ergänzt, wo es sinnvoll ist, durch Mais etc., jedenfalls erheblich weniger als heute), beide zusammen noch einmal 12 Prozent.

      Der Rest ist wärmegekoppelt zu erzeugen, es muss ja auch bei Heiz- und Prozesswärme etc. Kohlendioxid eingespart werden. Es ist über Kapazitätsmärkte nachzudenken, Pumpspeicher wie Atdorf sind zu bauen. Gas ist der weitere Schlüssel (power-to-gas, BHKW`s, Gasnetz als Speicher), vermutlich nicht nur für eine kürzere Übergangsphase.

      Nur die zukünftigen Kosten sind relevant! Externe Effekte anderer Energieträger sind mit einzukalkulieren! Wir sind ein hochindustrialisiertes Land, wenn es bei uns klappt, geht es auch global!

      Vieles ist erreicht worden, vieles ist möglich, vieles eingeleitet – eine vernünftige, flankierende Energiepolitik aus einem Guss, die uns weiter voran bringt, kann ich bisher jedoch nicht erkennen!

    • @Corax
      Seit dem vergangenen Wochenende gibt es einen Grund mehr zum Optimismus, nämlich einen Beschluss der Weltgemeinschaft, die Weichen so zu stellen, dass die Erderwärmungen unter 2 Grad bleiben soll. Diese Vereinbarung KANN der Startschuss und die Grundlage für umfassende Änderungen der Wirtschaftsweise sein, wenn genug Druck der Gesellschaft aufgebaut wird, dass sich die Staaten an ihre Vereinbarung halten.

  13. „In Deutschland sind wir optimistischer. Im vergangenen Jahr waren die deutschen Treibhausgasemissionen um 27% unter dem Niveau von 1990 und unsere Wirtschaftsleistung hat sich seither fast verdoppelt. Die deutsche Erfahrung zeigt: man kann das Wachstum der Emissionen vom Wirtschaftswachstum entkoppeln und dabei Erfolg haben.“

    Ich wage das sehr zu bezweifeln. Die Entkopplung besteht hauptsächlich aus a) Einbruch der Wirtschaft in Osteuropa (bzw. im konkreten Fall die DDR) nach dem Zerfall der UDSSR b) Buchhaltungstricks und c) künstliche Wertschöpfung aus Finanzblasen wie Häuserblase, IT-Blase etc., also Finanzspekulation die nicht wirklich Werte schafft, sondern Produkte nur verteuert.

    Man lese hierzu auch George Monbiot in TheGuardian
    http://www.theguardian.com/commentisfree/2015/nov/24/consume-conserve-economic-growth-sustainability
    http://www.pnas.org/content/112/20/6271.full „The material footprint of nations“ [Thomas O. Wiedmanna, Heinz Schandlb, Manfred Lenzenc, Daniel Moranc, Sangwon Suhf, James Westb, and Keiichiro Kanemotoc]

    • @A.Debus, zu den genannten Gründen. a) Wie Stefan Rahmstorf schrieb, macht der Zusammenbruch der DDR-Wirtschaft zirka ein Drittel der Einsparungen aus. Zu b) würde ich gerne wissen, welche Buchhaltungstricks Sie meinen. Zu c), legen wir mal Finanzprodukte beiseite, in der Moderne nimmt der Anteil der Industrie beim BIP in den Industriestaaten immer weiter ab. Der sogenannte Sekundärsektor liegt bei den Wirtschaftsnationen zwischen 20 und 30%. Der Dienstleistungssektor macht die Mehrheit aller Umsätze aus. Ich würde davor warnen, da von „künstliche Wertschöpfung“ zu sprechen.

  14. ich frage mich, was es da in Paris zu jubeln gab?
    Da streiten hunderte Diplomaten tagelang und am Ende unterschreiben sie einen „Vertrag“ der gar keiner ist, da niemand auch nur irgendwelche Verpflichtungen eingegangen musste. Ohne Sanktionsdrohungen unterschreibe ich alles und mach dann, was mir leicht fällt, also was ich will.
    Bravo zu dieser Gewaltleistung!

    • Leider teile ich Ihre Befürchtungen weitgehend.

      Natürlich hofft ein Teil von mir dass es auch so geht und zum Glück ist die Zukunft menschlicher Entscheidungen ungewiss.

      Andererseits vermute ich, dass ohne Katastrophen wenig getan werden wird. Deutschland hat sich bis 2020 zu 40% CO2-Emissions-Reduktion freiwillig verpflichtet gegenüber 1990, realisiert sind aber 27%. Innerhalb der 25 Jahre war die Abnahme annähernd linear (i.e., definitiv nicht beschleunigt während des EE-Ausbaus), d.h. ohne noch stärkere Anstrengungen als ohnehin schon ist 2027 das Erreichen dieses Ziels zu erwarten. Für 2030 hatte man 55% Reduktion angekündigt. Ich hege Zweifel, obwohl die politischen Rahmenbedingungen bei uns noch günstig sind.

      Und selbst wenn Katastrophen und – möglicherweise klimabedingt – mehr Kriege und Völkerwanderungen stattfinden, wer weiß, ob das Klima dann im politischen Blickwinkel bleibt? Die (z.B. rechts- oder auch linksextremen) Regimes, die dann vielleicht entstehen, sind mit guter Wahrscheinlichkeit die größten Wissenschaftsfeinde und „Denier“. Kurz, für Schwarzmalerei bleibt durchaus viel Raum, auch wenn man in die Menschheitsgeschichte schaut – andere Hochkulturen änderten ihren Lebensstil nicht, obwohl vermutlich die Klugen dort in der jeweiligen Spätphase erkannt haben mussten dass „business as usual“ eben nicht funktionieren wird (z.B. Osterinseln, einige südamerikanische Kulturen, römisches Reich). Und für das Entstehen extremer, Menschenleben-vernichtender Regimes in Krisenzeiten gibt es leider auch geradezu ungezählte Beispiele. Ich kann nur hoffen, dass die Menschheit sich ethisch weiterentwickelt hat, aber besonders überzeugt bin ich davon nicht.

      Bis jetzt, finde ich, sind die getroffenen Umbaumaßnahmen des Energiesystems in keiner Weise überzeugend, selbst der zaghafte eingeschlagene Weg zum Ziel ist mE laienhaft, da im Vergleich zur marginalen Wirkung unheimlich teuer (EEG).

    • Wie zu hören war, ist das Abkommen völkerrechtlich bindend. Das klingt wie eine Formalie, aber hat in der internationalen Diplomatie einen gewissen Stellenwert. Ich bin auch nicht so sicher, ob Sanktionen bei solchen Verträgen wirklich üblich sind. Wenn zwei Staaten einen Freundschaftsvertrag unterzeichnen oder zu Papier geben, dass sie ihre Beziehungen ausbauen wollen, dann wird bei Nichteinhaltung in der Regel auch nicht mit Sanktionen gedroht. Was in Paris unterzeichnet wurde, kann man wohl als völkerrechtliche Willensbekundung bezeichnen.

      Ich bin auch nicht sicher, ob man bei Verträgen mit erheblichen wirtschaftlichen Auswirkungen so massiv mit Strafzahlungen beispielsweise drohen kann. Das wäre quasi ein Freikaufen von Verpflichtungen. Ich vermute auch, dass man den Ländern in dieser Sache staatliche Souveränität zugestand und schauen wollte, was jeder wirklich bereit ist, am Klimaschutz beizusteuern. Sollte sich in der Zukunft zeigen, dass das nicht funktioniert, wird man einen anderen Weg gehen müssen.

      • Vor allem ist der umgekehrte Weg – top-down Reduktionen vorzuschreiben – in Kopenhagen grandios gescheitert. Dazu kann man keinen Konsens aller Staaten bekommen; die Freiwilligkeit der selbst gesteckten Reduktionsziele ist die Voraussetzung dafür. Man mag das beklagen, man wird aber nicht rechtzeitig zur Rettung des Klimas eine Weltregierung mit Sanktionsmöglichkeiten hinbekommen, selbst wenn man das wollte. Im Rahmen der Welt in der wir leben, die von Nationalstaaten geprägt ist, ist das Paris-Abkommen so ziemlich das bestmögliche Resultat. Nur hätte ich das gerne zehn oder zwanzig Jahre früher gehabt. Da die Macht bei den Nationalstaaten liegt werden die Bürger sich nach wie vor an ihre Regierungen wenden müssen und dort die Energie- und Emissionswende einfordern. Das Paris-Abkommen liefert dazu aber erheblichen Rückenwind!

  15. Hier ein kurzes Video, dass anhand von Messwerten den CO2- Anstieg seit ca. 1880 mit den letzten Achthundertausend Jahren grafisch sehr anschaulich in Relation setzt. Ganz knapp und ganz ohne Worte sagt dieses kleine Video binnen 1:32 Min. alles. Ein wahres Horror-Video, wenn man es genau nimmt:

    http://youtu.be/UatUDnFmNTY

  16. Sg. Herr Rahmstorf,

    was halten sie davon:

    „Im Jahr 2014 gab es in Europa etwa 40.000 Wintertote, weil Millionen von Menschen ihre Stromrechnungen nicht mehr bezahlen konnten – die sogenannte Energiearmut betrifft mittlerweile etwa zehn Prozent nahezu aller Europäer. In den vergangenen acht Jahren hat sich der Strom in Europa um durchschnittlich 42 Prozent verteuert, insbesondere in Osteuropa (laut Eurostat, dem Statistischen Amt der EU).“…….

    http://www.focus.de/immobilien/energiesparen/energie-die-grosse-stromluege-warum-strom-zum-luxus-wird_id_5388458.html?fbc=fb-Shares

    • Also wenn ich dazu etwas sagen darf: Der § 1 EEG nennt als „Zweck und Ziel des Gesetzes“ ganz klar u.a. den Klima- und Umweltschutz, die Ermöglichung von Nachhaltigkeit, die Weiterentwicklung von Technologien und – das ist mir jetzt wichtig! – auch und ausdrücklich: eine Verringerung volkswirtschaftlicher Kosten der Energieversorgung durch Einbeziehung langfristiger externer Effekte!

      In einer Marktwirtschaft sollte ganz grundsätzlich das Walter Eucken`sche Verursacherprinzip gelten: „Wer den Nutzen hat, muss auch den Schaden tragen“! Die bis vor nicht langer Zeit im Energiesektor dominierende zentralistische Planwirtschaft hat offensichtlich für nachhaltige Konfusionen und Anspruchsmentalitäten in einigen Köpfen gesorgt.

      Den oben genannten Zielen wird das Gesetz durch den Preissteigerungseffekt der Umlage und die damit verbundenen Signalwirkungen zumindest von der Tendenz her gerecht. Ich finde das okay so!

      Gestiegene Stromkosten kann ich als Verbraucher bisher locker über eine vernünftige Lebensweise und geringfügige Geräteinvestitionen (über-)kompensieren, genau das ist es doch, was wir wollen!

      Wenn speziell einige Klimaskeptiker und AKW-Fans neuerdings Schwierigkeiten haben, das Geld für ihre Stromrechnung aufzubringen, dann sollen die ihr Auto abschaffen (keiner von denen benötigt ein solches), dann ist wieder genug Zaster da! Bei manchen Industrien halte ich die Strompreis-Belastungsgrenze allerdings mittlerweile für erreicht.

      Uns fehlt schon seit einigen Jahren eine konzeptionell gute Weiterentwicklung der Energiepolitik. Mit Sozialaspekten sollte das aktuelle uninspirierte Kuddelmuddel nicht auch noch befrachtet werden. Beabsichtigte Umverteilungen gehören in den Bereich progressiver Einkommensbesteuerung und den durch die entsprechenden Einnahmen ermöglichten Transferleistungen.

    • Da dürfen wir uns wohl in der Hauptsache bei den Monopolisten der Energieversorger bedanken. Fragen sie die mal, warum die Industrie den Strom fast geschenkt bekommt, während der kleine Mann immer tiefer in die Tasche greifen muss (ich sage das als jemand, der noch unter dem offiziellen Existenzminimum lebt, ich zahle für 60€/Monat als Single). Die in dem von Ihnen verlinkten Fokus-Artikel angesprochene Arte Doku „Die grosse Stromlüge“ bringt das alles recht gut zum Vorschein. Die Strom-Monopolisten haben den anthropogenen Klimawandel systematisch verdrängt und kleingeredet und stehen nun da mit heruntergelassenen Hosen. So ist das nunmal in unserer rein profitorientierten Gesellschaft- Gewinne werden nach oben transferiert und Verluste nach unten weitergereicht. Nicht mehr lange 🙂

      Allerdings, wenn ich mir die Entwicklung des Winters in Europa so betrachte, dann wird bald niemand mehr befürchten müssen, zu erfrieren- garantiert.

    • Siehe bitte auch hier in dem kurzen „Frontal 21“- Beitrag:

      https://www.youtube.com/watch?v=va7E1I7zycs

      Die Umlage für die dringenst notwendigen erneuerbaren Energien wird komplett auf die privaten Haushalte abgeladen, während die Industrie NICHTS dazu beisteuert. Wenn das so weitergeht, dann werden immer mehr Leute ihren Strom nicht mehr bezahlen können. Ich kenne etliche Leute, denen permanent der Strom abgestellt wird. Ich persönlich werde meinen Strom komplett abstellen lassen, sobald der monatliche Abschlag für mich die 70€/- Marke erreicht. Ich persönlich kann auch damit gut leben, ich weiss wie das ist, ich habe schonmal ca. ein Jahr lang komplett ohne Strom gelebt, weil ich ihn nicht bezahlen konnte. Ich habe mir damals mit einer Petroleumlampe und einem kleinen einflammigen Gaskocher behelfen können, ich bin hart im Nehmen, hähä. Allerdings wäre das für Familien mit Kindern wohl ein echter Horror.

      Wissen SIe, das Schöne ist, dass es irgendwann todsicher auch die Hegels „da oben“ treffen wird, todsicher. Auch die können nix mitnehmen, haha.