Nicht die Emotion ist unprofessionell, sondern die Welt, in der sie existiert

Diejenigen von Ihnen, die wie ich bei Twitter unterwegs sind, haben den #distractinglysexy-Shitstorm möglicherweise mitbekommen. Wenn Sie damit nichts anzufangen wissen, hier die Information in aller Kürze: Der britische Biochemiker und Nobelpreisträger Sir Richard Timothy Hunt hatte bei der World Conference of Science Journalists in Seoul für geschlechtergetrennte Labore plädiert – mit der Begründung, die „Mädchen“ würden im Labor von der wichtigen Arbeit – der Suche nach der „Wahrheit“ – nur ablenken. Denn drei Dinge geschähen im Labor, wenn sie da wären: Entweder, man verliebe sich in sie oder sie verliebten sich in einen, und wenn man sie kritisiere, würden sie weinen.

Dieser Kommentar [1], den Hunt witzig gemeint hatte, erregte indes keinesfalls allgemeine Heiterkeit. Die spöttische Reaktion der durch ihre erotische Anziehungskraft ablenkenden Wissenschaftlerinnen, die sich bei Twitter in voller Labormontur, mit Schadstoffmasken, verdreckt inmitten archäologischer Ausgrabungen oder in sackartigen Kitteln präsentierte, war erwartbar (und extrem erheiternd). Letztlich musste er die Konsequenzen für seine „ehrlich gemeinte“ Bemerkung ziehen: Nur wenige Tage später trat er von seiner Ehrenprofessur zurück, die er an der Fakultät für Life Sciences am University College of London inne hatte. Von der Aussage selbst, dass Frauen im Labor für Probleme sorgen würden, wollte er jedoch auch danach nicht abrücken.

Ich will hier gar nicht auf die Frage eingehen, ob der Rücktritt gerechtfertigt ist oder nicht. Dass eine solche Aussage ein Klima schafft, das Wissenschaftlerinnen doch recht einseitig die Schuld zuweist und somit suggeriert, dass sie wenig willkommen sind, mag einer von vielen Faktoren sein, die dazu führen, dass Frauen in den Naturwissenschaften nach wie vor unterrepräsentiert sind. Während sich die 40 % Frauen in Mathematik und den Naturwissenschaften noch bis zur Promotion recht stabil halten, sinkt ihr Anteil danach rasant – und „die Fortschritte sind weiterhin sehr langsam“, denn zwischen 2009 und 2012 hat sich die Professorinnenquote in diesen Fächern in Deutschland von 12,3 % auf gerade mal 14,3 % gesteigert.[2]

Mir ist insbesondere der zweite Teil der Aussage aufgestoßen – dass Frauen bei Kritik weinen würden. An dieser Stelle werden Sie nun Zeuge meines exklusiven Coming-outs: Ich selbst bin ein emotionaler Mensch, und in der Tat habe auch ich schon bei der Arbeit geweint. Echt. Gleich am ersten Tag meines allerersten Praktikums bei einer Unternehmensberatung bekam ich, die ich bis dato nie mit Powerpoint gearbeitet hatte (ja, das Praktikum ist schon ein bisschen her), die Folien (Beraterklischee: check!) einfach nicht so hin, wie sie sein sollten – eine mittlere Katastrophe für eine Perfektionistin wie mich, die die Bedeutungslosigkeit dieser Aufgabe völlig unterschätzt hatte. Was für ein Einstieg in die Arbeitswelt!

Was mir jedoch in Erinnerung geblieben ist, ist die Reaktion meines damaligen Teamleiters, der wahrnahm, wie gestresst ich war, mich daraufhin zur Seite nahm und ob meines kleinen Zusammenbruchs erst einmal herzlich lachte – und mir versicherte, dass das überhaupt kein Problem sei; die Folien könne man auch bei der nächsten Präsentation noch zeigen. (Bei der Gelegenheit lernte ich dann auch den Begriff des „nice to have“ kennen.) Die Tränen versiegten schnell, und das mit der Foliengestaltung hatte ich dann auch recht bald raus. Lieber Alexander: Vielen Dank.

Der Schluss, den ich daraus gezogen habe, ist, dass Weinen bei der Arbeit an sich gar kein soo großes Problem ist (auch wenn sich dieses Gerücht nicht totzukriegen scheint), sondern eigentlich nur dann, wenn es den Personen im Umfeld an emotionaler Kompetenz mangelt. Der Teamleiter war in dieser Hinsicht beispielsweise extrem kompetent. Zum einen nahm er die Emotion überhaupt erst mal wahr. Diesen ersten Schritt bekommen meiner Erfahrung nach eigentlich die meisten Menschen hin – dazu muss nicht notwendigerweise die Luft brennen, oft reichen auch schon viel subtilere Signale. Kritisch ist dann jedoch der zweite Schritt: die Emotion auch anzunehmen. Hier zieht bei den meisten dann der durch langjährige Erfahrung (und möglicherweise auch durch die Angst, damit nicht adäquat umgehen zu können) automatisierte Abwehrmechanismus: Emotionen sind „unprofessionell“, sie „haben am Arbeitsplatz nichts verloren“, man „muss sich einfach unter Kontrolle haben“. Die Akzeptanz allein trägt jedoch oft schon zum dritten Schritt bei: die Emotion wieder herunter zu regulieren. Wenn man damit nicht allein gelassen wird, geht das viel einfacher und vor allem auch viel schneller – das mag das Beispiel oben illustrieren. Wer gerade ein paar Ressourcen über hat, gibt demjenigen ein paar ab, dem es gerade daran fehlt – ein emotionaler Solidaritätspakt sozusagen. Und damit ist das akute Feuer meist auch schon gelöscht.

Das eigentliche Problem liegt wohl weniger darin, dass Emotionen am Arbeitsplatz tatsächlich vorkommen. Daran werden wir nicht viel ändern können: Emotionen sind ein essentieller Teil unserer menschlichen Natur. Die Psychologie als Wissenschaft befasst sich nicht nur mit dem beobachtbaren Verhalten, sondern auch mit dem Erleben von Menschen; und dazu gehört auch das emotionale Erleben. Emotionen sind zunächst einmal Information über eine Diskrepanz zwischen Istzustand und Sollzustand. Tritt diese Diskrepanz ein, versuchen wir, den stabileren Sollzustand wieder herzustellen: Denn Emotionen „im Griff zu behalten“, erfordert kognitive Ressourcen, die einem dann anderweitig fehlen. „Ego depletion“ nennen wir Psychologen das Phänomen, dass die Ressourcen nach anhaltender Selbstregulation irgendwann erschöpft sind und man dann – flapsig gesagt – auch sonst nicht mehr viel auf die Kette bekommt [3]. Ungelöste Aufgaben tendieren nun einmal dazu, uns weiterhin zu beschäftigen – das hatte die Psychologin Bljuma Seigarnik schon Ende der 1920-er Jahre entdeckt [4].

Sinnvoller als ein „Herumdoktern“ an Symptomen ist daher aus meiner Sicht, das Problem tatsächlich zu lösen. Und wie oben skizziert, kann das Umfeld dabei massiv helfen. Das hat tiefe entwicklungspsychologische Wurzeln. Säuglinge sind noch nicht in der Lage, ihre Emotionen zu regulieren – wenn sie etwas stört, schreien sie einfach drauflos (manche cholerische Vorgesetzte behalten das sogar bis ins Erwachsenenalter bei!). Sie sind darauf angewiesen, dass ihre Bezugspersonen erkennen, was ihnen fehlt, und die Emotionsregulation für sie übernehmen, das Problem also lösen. Daraus lernt das Kind, wie es geht, und wird in seiner Emotionsregulation zunehmend selbstständig – mit positiven Folgen auch für seine späteren Sozialbeziehungen [5].

Nun hat nicht jeder Mensch Bezugspersonen, die einfühlsam auf seine Emotionen eingehen; und erschwerend kommt hinzu, dass Menschen unterschiedlich empfindsam sind, sodass möglicherweise auch eine sichere Bindung keine Garantie dafür ist, dass man im Arbeitsleben auch unter Stress cool bleibt. Was man aber, glaube ich, aber festhalten kann: Sich angenommen zu fühlen, hilft vielen Menschen – und schaden tut es eigentlich keinem[6]. Wie wäre es also, das Problem „Emotion am Arbeitsplatz“ ganz offensiv anzugehen und statt an der Unterdrückung von Gefühlen (um so einer scheinbaren Objektivität gerecht zu werden) an der Kompetenz im Umgang damit zu arbeiten? Hier läge aus meiner Sicht massives Potenzial für eine Verbesserung der Arbeitswelt insgesamt. Denn auch, wenn Frauen in der Regel eine höhere Emotionalität zugeschrieben wird (die möglicherweise auch nur daher rührt, dass es für sie akzeptabler ist, Emotionen zu zeigen [7]): Frei von Emotionen ist niemand. Und emotionale Männer leiden in einer offen emotionsfeindlichen Umwelt genauso wie emotionale Frauen. Eine Welt, die nüchterne Objektivität generell zum Ideal erhebt und mit den Emotionen einen ganz zentralen Teil unseres Menschseins abwertet, kann der menschlichen Natur eben nicht gerecht werden. Wenngleich Objektivität selbstverständlich ein ganz zentraler Wert der (natur)wissenschaftlichen Methodik ist (nur, wenn man Fremdeinflüsse möglichst gering hält, sind Ergebnisse schließlich vergleichbar), liegt der Fehler meines Erachtens darin, dass man versucht, die Emotionslosigkeit, die man seinem Forschungsgegenstand entgegenbringt, auch im Umgang mit den Mitforschenden unkritisch als positiven Wert an sich zu übernehmen.[8]

Eine Frage, die sich mir in Anknüpfung an die Sexismusvorwürfe gegen Tim Hunt dann stellte, ist die folgende: Wenn Emotionen als „weiblich“ gelten, das Wissenschaftssystem genau diese Eigenschaften aber ablehnt – inwieweit ist ein solches System sexistisch? Ich glaube, der Denkfehler liegt bereits in der Prämisse: Emotionen sind nichts Weibliches, sondern etwas Menschliches. Statt zwischen Männern und Frauen zu differenzieren, wäre es der Diskussion deutlich zuträglicher, das Verbindende zu sehen und Emotionalität als eine Dimension menschlicher Vielfalt zu begreifen, die sowohl bei Männern als auch bei Frauen hoch wie niedrig ausgeprägt sein kann. Eine Umwelt zu schaffen, die Emotionen annimmt, statt ihre Existenzberechtigung zu leugnen, würde den Menschen aus meiner Sicht vollständiger begreifen, als das aktuell der Fall ist. Die Angst, Emotionen nicht kompetent bewältigen zu können, darf deshalb nicht dazu führen, dass man diesen zentralen Aspekt des Menschseins ausblendet und so tut, als gäbe es nicht, was es „nicht geben darf“ (wer auch immer sich diese Definitionsmacht anmaßt). Höhere Kompetenz im Umgang sowohl mit den eigenen als auch mit den fremden Emotionen schadet niemandem, nützt aber möglicherweise vielen: Denn sie schafft nicht nur im Wissenschaftsbetrieb Bedingungen, die der Entfaltung von Begabungen und somit dem Erkenntnisgewinn nur zuträglich sein können – ganz unabhängig vom Geschlecht.

Fußnoten und Referenzen

[1] „Let me tell you about my trouble with girls … three things happen when they are in the lab … You fall in love with them, they fall in love with you and when you criticise them, they cry.“ – The Atlantic Monthly bemerkte dazu süffisant, das einzige, was anscheinend nicht in Laboren stattfände, sei wohl Wissenschaft (http://www.theatlantic.com/health/archive/2015/06/tim-hunt-resignation-science-sexism/395642/).
[3] Baumeister, R.F., Bratslavsky, E., Muraven, M., & Tice, D.M. (1998): Ego depletion: Is the active self a limited resource?. Journal of Personality and Social Psychology, 74, S. 1252–1265.
[4] Informationen zum nach ihr benannten „Zeigarnik-Effekt“ gibt es hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Zeigarnik-Effekt
[5] Contreras, J. M., Kerns, K. A., Weimer, B. L., Gentzler, A. L., & Tomich, P. L. (2000). Emotion regulation as a mediator of associations between mother-child attachment and peer relationships in middle childhood. Journal of Family Psychology, 14, 111–124.
[6] An dieser Stelle sei ein Verweis auf den, wie ich finde, hochinteressanten Artikel meiner Kollegin Monischa Chatterjee gestattet, die in ihrer Dissertation herausgefunden hat, dass lageorientierte Menschen – also diejenigen, die unter Stress nicht gleich auf „Problemlösen“ umschalten können, sondern sich in Selbstzweifeln, Angst etc. ergehen – keinesfalls per se weniger leistungsstark sind als ihre stärker handlungsorientierten Kolleginnen und Kollegen, wie man früher angenommen hatte. Wenn die sozialen Bedürfnisse der Lageorientierten befriedigt sind, verschwinden die Unterschiede zwischen den beiden Gruppen nämlich. – Vgl. Chatterjee, M. B., Baumann, N., & Osborne, D. (2013). You are not alone: relatedness reduces adverse effects of state orientation on well-being under stress. Personality and Social Psychology Bulletin, 39, 432-441.
[7] Kring, A. M., & Gordon, A. H. (1998). Sex differences in emotion: Expression, experience, and physiology. Journal of Personality and Social Psychology, 74, 686–703.
[8] Im übrigen stimmt das mit der Emotionslosigkeit gegenüber dem Forschungsgegenstand ja auch nur so halb – ich glaube ja, ohne aufrichtige Begeisterung für das, was man macht, kann man keine herausragenden Ergebnisse erzielen und schon gar nicht andere Leute davon begeistern. Research is me-search.

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Dr. Tanja G. Baudson ist Diplom-Psychologin und Literaturwissenschaftlerin. Sie hat seit Herbst 2014 die Vertretungsprofessur für Pädagogisch-psychologische Diagnostik an der Universität Duisburg-Essen inne. Zuvor forschte und lehrte sie an der Universität Trier, Lehrstuhl für Hochbegabtenforschung und -förderung (Prof. Dr. Franzis Preckel). Neben dem Thema Hochbegabung interessiert sie sich besonders für Kreativität. In ihrer Promotion "The (Mis-)Measure of Children's Cognitive Ability" hat sie zum einen einen Intelligenztest für Grundschulkinder entwickelt und zum anderen die diagnostischen Fähigkeiten von Lehrkräften in den Fokus genommen – denn es ist gar nicht so leicht, hochbegabte Kinder im Schulalltag zu erkennen…