Nicht die Emotion ist unprofessionell, sondern die Welt, in der sie existiert

Diejenigen von Ihnen, die wie ich bei Twitter unterwegs sind, haben den #distractinglysexy-Shitstorm möglicherweise mitbekommen. Wenn Sie damit nichts anzufangen wissen, hier die Information in aller Kürze: Der britische Biochemiker und Nobelpreisträger Sir Richard Timothy Hunt hatte bei der World Conference of Science Journalists in Seoul für geschlechtergetrennte Labore plädiert – mit der Begründung, die „Mädchen“ würden im Labor von der wichtigen Arbeit – der Suche nach der „Wahrheit“ – nur ablenken. Denn drei Dinge geschähen im Labor, wenn sie da wären: Entweder, man verliebe sich in sie oder sie verliebten sich in einen, und wenn man sie kritisiere, würden sie weinen.

Dieser Kommentar [1], den Hunt witzig gemeint hatte, erregte indes keinesfalls allgemeine Heiterkeit. Die spöttische Reaktion der durch ihre erotische Anziehungskraft ablenkenden Wissenschaftlerinnen, die sich bei Twitter in voller Labormontur, mit Schadstoffmasken, verdreckt inmitten archäologischer Ausgrabungen oder in sackartigen Kitteln präsentierte, war erwartbar (und extrem erheiternd). Letztlich musste er die Konsequenzen für seine „ehrlich gemeinte“ Bemerkung ziehen: Nur wenige Tage später trat er von seiner Ehrenprofessur zurück, die er an der Fakultät für Life Sciences am University College of London inne hatte. Von der Aussage selbst, dass Frauen im Labor für Probleme sorgen würden, wollte er jedoch auch danach nicht abrücken.

Ich will hier gar nicht auf die Frage eingehen, ob der Rücktritt gerechtfertigt ist oder nicht. Dass eine solche Aussage ein Klima schafft, das Wissenschaftlerinnen doch recht einseitig die Schuld zuweist und somit suggeriert, dass sie wenig willkommen sind, mag einer von vielen Faktoren sein, die dazu führen, dass Frauen in den Naturwissenschaften nach wie vor unterrepräsentiert sind. Während sich die 40 % Frauen in Mathematik und den Naturwissenschaften noch bis zur Promotion recht stabil halten, sinkt ihr Anteil danach rasant – und „die Fortschritte sind weiterhin sehr langsam“, denn zwischen 2009 und 2012 hat sich die Professorinnenquote in diesen Fächern in Deutschland von 12,3 % auf gerade mal 14,3 % gesteigert.[2]

Mir ist insbesondere der zweite Teil der Aussage aufgestoßen – dass Frauen bei Kritik weinen würden. An dieser Stelle werden Sie nun Zeuge meines exklusiven Coming-outs: Ich selbst bin ein emotionaler Mensch, und in der Tat habe auch ich schon bei der Arbeit geweint. Echt. Gleich am ersten Tag meines allerersten Praktikums bei einer Unternehmensberatung bekam ich, die ich bis dato nie mit Powerpoint gearbeitet hatte (ja, das Praktikum ist schon ein bisschen her), die Folien (Beraterklischee: check!) einfach nicht so hin, wie sie sein sollten – eine mittlere Katastrophe für eine Perfektionistin wie mich, die die Bedeutungslosigkeit dieser Aufgabe völlig unterschätzt hatte. Was für ein Einstieg in die Arbeitswelt!

Was mir jedoch in Erinnerung geblieben ist, ist die Reaktion meines damaligen Teamleiters, der wahrnahm, wie gestresst ich war, mich daraufhin zur Seite nahm und ob meines kleinen Zusammenbruchs erst einmal herzlich lachte – und mir versicherte, dass das überhaupt kein Problem sei; die Folien könne man auch bei der nächsten Präsentation noch zeigen. (Bei der Gelegenheit lernte ich dann auch den Begriff des „nice to have“ kennen.) Die Tränen versiegten schnell, und das mit der Foliengestaltung hatte ich dann auch recht bald raus. Lieber Alexander: Vielen Dank.

Der Schluss, den ich daraus gezogen habe, ist, dass Weinen bei der Arbeit an sich gar kein soo großes Problem ist (auch wenn sich dieses Gerücht nicht totzukriegen scheint), sondern eigentlich nur dann, wenn es den Personen im Umfeld an emotionaler Kompetenz mangelt. Der Teamleiter war in dieser Hinsicht beispielsweise extrem kompetent. Zum einen nahm er die Emotion überhaupt erst mal wahr. Diesen ersten Schritt bekommen meiner Erfahrung nach eigentlich die meisten Menschen hin – dazu muss nicht notwendigerweise die Luft brennen, oft reichen auch schon viel subtilere Signale. Kritisch ist dann jedoch der zweite Schritt: die Emotion auch anzunehmen. Hier zieht bei den meisten dann der durch langjährige Erfahrung (und möglicherweise auch durch die Angst, damit nicht adäquat umgehen zu können) automatisierte Abwehrmechanismus: Emotionen sind „unprofessionell“, sie „haben am Arbeitsplatz nichts verloren“, man „muss sich einfach unter Kontrolle haben“. Die Akzeptanz allein trägt jedoch oft schon zum dritten Schritt bei: die Emotion wieder herunter zu regulieren. Wenn man damit nicht allein gelassen wird, geht das viel einfacher und vor allem auch viel schneller – das mag das Beispiel oben illustrieren. Wer gerade ein paar Ressourcen über hat, gibt demjenigen ein paar ab, dem es gerade daran fehlt – ein emotionaler Solidaritätspakt sozusagen. Und damit ist das akute Feuer meist auch schon gelöscht.

Das eigentliche Problem liegt wohl weniger darin, dass Emotionen am Arbeitsplatz tatsächlich vorkommen. Daran werden wir nicht viel ändern können: Emotionen sind ein essentieller Teil unserer menschlichen Natur. Die Psychologie als Wissenschaft befasst sich nicht nur mit dem beobachtbaren Verhalten, sondern auch mit dem Erleben von Menschen; und dazu gehört auch das emotionale Erleben. Emotionen sind zunächst einmal Information über eine Diskrepanz zwischen Istzustand und Sollzustand. Tritt diese Diskrepanz ein, versuchen wir, den stabileren Sollzustand wieder herzustellen: Denn Emotionen „im Griff zu behalten“, erfordert kognitive Ressourcen, die einem dann anderweitig fehlen. „Ego depletion“ nennen wir Psychologen das Phänomen, dass die Ressourcen nach anhaltender Selbstregulation irgendwann erschöpft sind und man dann – flapsig gesagt – auch sonst nicht mehr viel auf die Kette bekommt [3]. Ungelöste Aufgaben tendieren nun einmal dazu, uns weiterhin zu beschäftigen – das hatte die Psychologin Bljuma Seigarnik schon Ende der 1920-er Jahre entdeckt [4].

Sinnvoller als ein „Herumdoktern“ an Symptomen ist daher aus meiner Sicht, das Problem tatsächlich zu lösen. Und wie oben skizziert, kann das Umfeld dabei massiv helfen. Das hat tiefe entwicklungspsychologische Wurzeln. Säuglinge sind noch nicht in der Lage, ihre Emotionen zu regulieren – wenn sie etwas stört, schreien sie einfach drauflos (manche cholerische Vorgesetzte behalten das sogar bis ins Erwachsenenalter bei!). Sie sind darauf angewiesen, dass ihre Bezugspersonen erkennen, was ihnen fehlt, und die Emotionsregulation für sie übernehmen, das Problem also lösen. Daraus lernt das Kind, wie es geht, und wird in seiner Emotionsregulation zunehmend selbstständig – mit positiven Folgen auch für seine späteren Sozialbeziehungen [5].

Nun hat nicht jeder Mensch Bezugspersonen, die einfühlsam auf seine Emotionen eingehen; und erschwerend kommt hinzu, dass Menschen unterschiedlich empfindsam sind, sodass möglicherweise auch eine sichere Bindung keine Garantie dafür ist, dass man im Arbeitsleben auch unter Stress cool bleibt. Was man aber, glaube ich, aber festhalten kann: Sich angenommen zu fühlen, hilft vielen Menschen – und schaden tut es eigentlich keinem[6]. Wie wäre es also, das Problem „Emotion am Arbeitsplatz“ ganz offensiv anzugehen und statt an der Unterdrückung von Gefühlen (um so einer scheinbaren Objektivität gerecht zu werden) an der Kompetenz im Umgang damit zu arbeiten? Hier läge aus meiner Sicht massives Potenzial für eine Verbesserung der Arbeitswelt insgesamt. Denn auch, wenn Frauen in der Regel eine höhere Emotionalität zugeschrieben wird (die möglicherweise auch nur daher rührt, dass es für sie akzeptabler ist, Emotionen zu zeigen [7]): Frei von Emotionen ist niemand. Und emotionale Männer leiden in einer offen emotionsfeindlichen Umwelt genauso wie emotionale Frauen. Eine Welt, die nüchterne Objektivität generell zum Ideal erhebt und mit den Emotionen einen ganz zentralen Teil unseres Menschseins abwertet, kann der menschlichen Natur eben nicht gerecht werden. Wenngleich Objektivität selbstverständlich ein ganz zentraler Wert der (natur)wissenschaftlichen Methodik ist (nur, wenn man Fremdeinflüsse möglichst gering hält, sind Ergebnisse schließlich vergleichbar), liegt der Fehler meines Erachtens darin, dass man versucht, die Emotionslosigkeit, die man seinem Forschungsgegenstand entgegenbringt, auch im Umgang mit den Mitforschenden unkritisch als positiven Wert an sich zu übernehmen.[8]

Eine Frage, die sich mir in Anknüpfung an die Sexismusvorwürfe gegen Tim Hunt dann stellte, ist die folgende: Wenn Emotionen als „weiblich“ gelten, das Wissenschaftssystem genau diese Eigenschaften aber ablehnt – inwieweit ist ein solches System sexistisch? Ich glaube, der Denkfehler liegt bereits in der Prämisse: Emotionen sind nichts Weibliches, sondern etwas Menschliches. Statt zwischen Männern und Frauen zu differenzieren, wäre es der Diskussion deutlich zuträglicher, das Verbindende zu sehen und Emotionalität als eine Dimension menschlicher Vielfalt zu begreifen, die sowohl bei Männern als auch bei Frauen hoch wie niedrig ausgeprägt sein kann. Eine Umwelt zu schaffen, die Emotionen annimmt, statt ihre Existenzberechtigung zu leugnen, würde den Menschen aus meiner Sicht vollständiger begreifen, als das aktuell der Fall ist. Die Angst, Emotionen nicht kompetent bewältigen zu können, darf deshalb nicht dazu führen, dass man diesen zentralen Aspekt des Menschseins ausblendet und so tut, als gäbe es nicht, was es „nicht geben darf“ (wer auch immer sich diese Definitionsmacht anmaßt). Höhere Kompetenz im Umgang sowohl mit den eigenen als auch mit den fremden Emotionen schadet niemandem, nützt aber möglicherweise vielen: Denn sie schafft nicht nur im Wissenschaftsbetrieb Bedingungen, die der Entfaltung von Begabungen und somit dem Erkenntnisgewinn nur zuträglich sein können – ganz unabhängig vom Geschlecht.

Fußnoten und Referenzen

[1] „Let me tell you about my trouble with girls … three things happen when they are in the lab … You fall in love with them, they fall in love with you and when you criticise them, they cry.“ – The Atlantic Monthly bemerkte dazu süffisant, das einzige, was anscheinend nicht in Laboren stattfände, sei wohl Wissenschaft (http://www.theatlantic.com/health/archive/2015/06/tim-hunt-resignation-science-sexism/395642/).
[3] Baumeister, R.F., Bratslavsky, E., Muraven, M., & Tice, D.M. (1998): Ego depletion: Is the active self a limited resource?. Journal of Personality and Social Psychology, 74, S. 1252–1265.
[4] Informationen zum nach ihr benannten „Zeigarnik-Effekt“ gibt es hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Zeigarnik-Effekt
[5] Contreras, J. M., Kerns, K. A., Weimer, B. L., Gentzler, A. L., & Tomich, P. L. (2000). Emotion regulation as a mediator of associations between mother-child attachment and peer relationships in middle childhood. Journal of Family Psychology, 14, 111–124.
[6] An dieser Stelle sei ein Verweis auf den, wie ich finde, hochinteressanten Artikel meiner Kollegin Monischa Chatterjee gestattet, die in ihrer Dissertation herausgefunden hat, dass lageorientierte Menschen – also diejenigen, die unter Stress nicht gleich auf „Problemlösen“ umschalten können, sondern sich in Selbstzweifeln, Angst etc. ergehen – keinesfalls per se weniger leistungsstark sind als ihre stärker handlungsorientierten Kolleginnen und Kollegen, wie man früher angenommen hatte. Wenn die sozialen Bedürfnisse der Lageorientierten befriedigt sind, verschwinden die Unterschiede zwischen den beiden Gruppen nämlich. – Vgl. Chatterjee, M. B., Baumann, N., & Osborne, D. (2013). You are not alone: relatedness reduces adverse effects of state orientation on well-being under stress. Personality and Social Psychology Bulletin, 39, 432-441.
[7] Kring, A. M., & Gordon, A. H. (1998). Sex differences in emotion: Expression, experience, and physiology. Journal of Personality and Social Psychology, 74, 686–703.
[8] Im übrigen stimmt das mit der Emotionslosigkeit gegenüber dem Forschungsgegenstand ja auch nur so halb – ich glaube ja, ohne aufrichtige Begeisterung für das, was man macht, kann man keine herausragenden Ergebnisse erzielen und schon gar nicht andere Leute davon begeistern. Research is me-search.

Veröffentlicht von

Dr. Tanja G. Baudson ist Diplom-Psychologin und Literaturwissenschaftlerin. Sie hat seit Herbst 2014 die Vertretungsprofessur für Pädagogisch-psychologische Diagnostik an der Universität Duisburg-Essen inne. Zuvor forschte und lehrte sie an der Universität Trier, Lehrstuhl für Hochbegabtenforschung und -förderung (Prof. Dr. Franzis Preckel). Neben dem Thema Hochbegabung interessiert sie sich besonders für Kreativität. In ihrer Promotion "The (Mis-)Measure of Children's Cognitive Ability" hat sie zum einen einen Intelligenztest für Grundschulkinder entwickelt und zum anderen die diagnostischen Fähigkeiten von Lehrkräften in den Fokus genommen – denn es ist gar nicht so leicht, hochbegabte Kinder im Schulalltag zu erkennen…

25 Kommentare zu »Nicht die Emotion ist unprofessionell, sondern die Welt, in der sie existiert«

  1. Monika Antworten | Permalink

    Kompetenz im Umgang mit Emotionen

    ***Höhere Kompetenz im Umgang sowohl mit den eigenen als auch mit den fremden Emotionen schadet niemandem, nützt aber möglicherweise vielen***

    Hohe Kompetenz im Umgang mit den eigenen Emotionen bedeutet aber, daß man ihre Sichtbarkeit steuern kann und auch, daß man ihnen nicht ausgeliefert ist. Wie Sie in Ihrem persönlichen Beispiel zeigten, bedeutet hohe Kompetenz auch, daß man jungen, nicht so erfahrenen Menschen, bei Emotionalität beisteht.

    Ich stimme Ihnen zu, daß Emotionen nichts Schlechtes sind, sondern einfach Realität. Dennoch sind sie im Berufsleben oft ineffektiv. Der Kommissar (die Kommissarin, doch im Krimi ist das besser ein Mann, denn wenn ein Mann erfolgreich auf Emotionen hört, ist das eine Nachricht), der intuitiv, mit Bauchgefühl arbeitet (auch wenn Intuition keine Emotion ist), ist eigentlich die Ausnahme, die die Regel belegt. Wenn man einen Produktionsprozess und alle Beteiligten abstrakt moduliert, sind Emotionen störend. Bis schädlich. (Intuitionen weniger, aber auch. ) Denn viele Leute haben übertriebene, nicht passende Emotionen. Was "berechtigt" ist. Aber eben produktionsstörend.

    Ich war beim Lesen Ihres Beitrags sehr angetan, denn Sie haben den Fokus auf der Inhaltsebene, während ich auf moralischer Ebene stagnierte. Mit meinem Diskussionsbeitrag möchte ich festhalten, daß Emotionen "an sich" nichts Gutes sind. Nur etwas was existiert.

  2. Dr. Webbaer Antworten | Permalink

    Eine Umwelt zu schaffen, die Emotionen annimmt, statt ihre Existenzberechtigung zu leugnen, würde den Menschen aus meiner Sicht vollständiger begreifen, als das aktuell der Fall ist.

    Andere Sicht:

    Emotionen haben im professionellen Bereich nichts zu suchen, weder angebliches Weinen weiblicher Kräfte, noch ins Beleidigende gehende Aggression männlicher. [1]

    Insofern wäre womöglich gerade keine 'Umwelt zu schaffen, die Emotionen annimmt', im Professionellen.

    Fachkompetenz könnte diesbezüglich auch die Eigenschaft meinen sich dementsprechend zurückzunehmen, in der Teamarbeit.

    Könnte eigentlich auch eine Art Kulturvoraussetzung sein diesbezüglich.

    MFG

    Dr. W (der sich schon ein wenig amüsiert hat, dass der Nobelpreisträger Richard Timothy Hunt so aus sich herausging, als Joke womöglich oder angeblich)

    PS:

    Was Ihrem Kommentatorenfreund in Sachen wie dieser immer ein wenig fehlt, ist das Manuskript oder die Aufzeichnung des Vortrags, eine kleine hier ausgeführte diesbezügliche Recherche konnte leider nichts finden.

    So eine Visualisierung oder ein Manuskript wären schon hilfreich.

    Auch um als Nachrichtenkonsument einordnen zu können, wie ernst was und wie gemeint war.

    [1]

    Wobei hier einfach mal den üblichen Unterstellungen gefolgt worden ist, irgendetwas könnte dran sein, es geht dem Schreiber dieser Zeilen an dieser Stelle abär nur um das Beispielhafte.

  3. Tanja Gabriele Baudson Antworten | Permalink

    Und genau die Umwelt, die keine Emotionen annimmt, bringt's doch erfahrungsgemäß nicht. Für eine gewisse Zeit mag das gut gehen, aber in emotionalen Ausnahmezuständen kann man sich eben manchmal nicht zurücknehmen. Der weinende Kollege muss dann halt erst mal wieder runterkommen, die brüllende Chefin sich wieder einkriegen; solche Situationen passieren, auch wenn man sich's noch so sehr anders wünscht, und da hilft einem dann auch die Präventivregulierung nichts mehr. Ich versuche, das Ganze nicht so sehr aus der Perspektive des "so soll's sein, und alle müssen sich so verhalten" zu sehen, sondern eher als "so ticken Menschen, und so können wir konstruktiver und mit geringeren Kollateralschäden damit umgehen". Kultur ist gut und schön, aber im Grunde sind wir doch die alten Affen, wie (glaube) Kästner es mal formuliert hat.

    An Manuskripte von Konferenzen kommt man ja nicht leicht; und so im Detail werden die ja auch nicht ausformuliert, zumindest nicht in der Psychologie. Da hat man allenfalls seine Folien und erzählt dann frei dazu; aufgezeichnet wird eher nicht. Ich glaube nicht, dass Hunt sich im Vorfeld komplett aufgeschrieben hat, was er sagen wird (einschließlich des fraglichen Details), sonst hätte er sich möglicherweise doch noch mal überlegt, ob er das so sagen will ;) Seine Reaktion zeigt aber zumindest, dass es ihm in der Sache schon ernst war; so müssen wir uns wohl leider auf die Aussagen der Anwesenden und die Berichte in der Presse verlassen.

  4. Martin Holzher Antworten | Permalink

    Emotionen sind nicht weiblich

    Emotionen gibt es bei Männern genau so wie bei Frauen. Nur sind Männeremotionen mehr auf der sportlichen Seite, bei Prozessen wie Siegen/Verlieren, Humor (aggressivem), Spott und Ironie angesiedelt, während die Emotionen von Frauen mehr im zwischenmenschlichen Bereich hausen.

    Emotionen gehören auch zum Arbeitsleben. Sie sind erst dann störend oder gefährlich, wenn sie alles andere überstimmen, wenn sie zum beherrschenden Element werden.

  5. Tanja Gabriele Baudson Antworten | Permalink

    Ich finde, man sollte Mittelwertsunterschiede und Überschneidung der Verteilungen nicht durcheinanderwerfen. Es gibt ebenso Männer, die sehr sensibel auf zwischenmenschliche Reize reagieren, als auch Frauen mit aggressivem Humor. Ich finde solche geschlechterspezifischen Zuschreibungen in der Sache eigentlich meist wenig hilfreich. Jedes Verhalten, so absurd und kontraproduktiv es auch auf den ersten Blick erscheinen mag, hat doch einen Grund, und jedem Menschen tut es gut, wenn man versucht, diese Gründe nachzuvollziehen. Und wenn jemand in einer emotionalen Ausnahmesituation sich eben gerade nicht leicht damit tut, seine Emotionen sozial verträglich runterzuregulieren, was spricht da gegen ein bisschen mehr emotionale Solidarität? Ob sie zum beherrschenden Element werden, hängt doch davon ab, wie alle Beteiligten damit umgehen. Und den Elefanten im Raum einfach zu leugnen, ist m.E. kein besonders zielführender Umgang damit.

  6. Markus Pössel Antworten | Permalink

    Auch die, die nicht auf Twitter, aber zumindest hier auf den SciLogs mitlesen könnten evt. etwas davon mitbekommen haben. Aber warum die Bezeichnung "shitstorm"? Gerade #distractinglysexy ist doch kein "gebt's ihm!", sondern im Gegenteil eine sehr humorvolle Aktion? Ich finde es bedenklich, das (sehr negative) Wort "shitstorm" auch auf solche Aktionen anzuwenden. Nicht jede Kritik ist Hetze, nicht jede Welle, die unter einem gemeinsamen Hashtag durch Twitter schwappt, ist ein Shitstorm.

  7. Dzavaharlal Nehru Antworten | Permalink

    Heulsuse

    Ich empfinde es als sehr belastend, wenn in der Arbeit geweint wird. Meine mir gegenüber sitzende Kollegin weint öfter, weil sie per Monatsende gefeuert wurde.

    Wenn ich höre, dass die Autorin wegen einer Powerpointpräsentation weint, wenn ich sehe was im Kollegium manchmal für Tränen vergossen werden, ohne dass da wirklich ein ernster Grund dahinter steht (aktueller Fall: Prüfungsangst):Da frage ich mich schon, ob Hunt nicht einfach recht hat, wenn er sagt: Frauen weinen im Labor wenn man sie kritisiert.

    Und das Weinen auch beim Gegenüber eine Emotion auslöst die von Mitleid bis Genervtheit gehen kann ist doch natürlich. Und auf alle Facetten dieser Reaktion haben wir alle ein Recht, egal ob man dann als Emotionswrack oder unsensibel bezeichnet wird, denn nur weil eine Heulsuse einem auf den Geist geht, ist man noch kein schlechter Mensch.

  8. Tanja Gabriele Baudson Antworten | Permalink

    Vielleicht könnten Sie ja mal überlegen, warum es Sie so nervt. Könnte aufschlussreich sein. Weil der andere dadurch Aufmerksamkeit bekommt, die Sie nicht kriegen? Weil Sie sich damit überfordert fühlen? Man muss sich den Schuh doch nicht anziehen. Das ist, glaube ich, ein Kern der emotionalen Kompetenz: die eigenen von den fremden Emotionen zu trennen, die fremde Emotion aber trotzdem erst mal wertfrei annehmen zu können. Wer sich über fremde Emotionen aufregt, hat diese Distanz m.E. gerade nicht (und möglicherweise ist das dann auch der Grund für die Ablehnung der Emotion insgesamt). Ich will auch gar nicht darüber spekulieren, was Ihre Gründe sein mögen; aber vielleicht regt Sie das ja an, selbst mal darüber nachzudenken. Ein schlechter Mensch ist man sicher nicht, wenn man genervt ist; wie gesagt geht es mir ja genau darum, diese kontraproduktive Wertkomponente eher rauszuhalten und stattdessen erst mal zu verstehen, was da eigentlich mit dem anderen und mit einem selbst passiert.

  9. Horst Antworten | Permalink

    "Nicht die Emotion ist unprofessionell, sondern die Welt, in der sie existiert"

    Haha das ist lustig (auch eine "unprofessionelle" Emotion), denn "sie wissen nicht was sie tun", wenn die Welt im geistigen Stillstand seit der "Vertreibung aus dem Paradies" nun für den Tanz um den heißen Brei herhalten muß :-)

  10. Horst Antworten | Permalink

    "... ist man noch kein schlechter Mensch."

    "Als Mensch anfing seine Toten zu bestatten, wurde Mensch zum Mensch." - Als Mensch aber anfing auch daraus ein Geschäft zu machen, war alles für'n ..., bzw. in den Symptomatiken des geistigen Stillstandes seit der "Vertreibung aus dem Paradies" MANIFESTIERT :-)

    Weil ich darüber lache, bin ich ...!? ;-)

  11. Dr. Webbaer Antworten | Permalink

    @ Frau Baudson :

    Und genau die Umwelt, die keine Emotionen annimmt, bringt's doch erfahrungsgemäß nicht.

    [...]

    Kultur ist gut und schön, aber im Grunde sind wir doch die alten Affen, wie (glaube) Kästner es mal formuliert hat.

    Darwin hat's zumindest nahegelegt, vor anderen, zudem ist der Schreiber dieser Zeilen auch Bär und sieht sich nicht derart betroffen.

    Abär, wie dem auch sei, die Emotion meint sprachlich eine intrinsisch hervorgekommene, oft spontane, Bewegung, die, allgemein oft angeforderter Selbstbeherrschung entgegenstehend, nicht herauskommen muss, ein Auditorium betreffend.

    Allgemein kontraproduktiv sein könnte gemeinsames Unternehmen betreffend.

    Auch bei Richard Hunt, der seine Nachricht, seinen Vorschlag betreffend, zumindest erörternswert sein könnte, ungünstig zu verpacken wusste.

    Wobei die "Hunt-Schlachtung", wohl der Emotionalität der Menge geschuldet, nicht so-o supi war.

    MFG

    Dr. W

  12. jade Antworten | Permalink

    "Von der Aussage selbst, dass Frauen im Labor für Probleme sorgen würden, wollte er jedoch auch danach nicht abrücken."

    -> gut, dass es noch "richtige" Professoren gibt :-)

    "Wenn Emotionen als "weiblich" gelten, das Wissenschaftssystem genau diese Eigenschaften aber ablehnt ? inwieweit ist ein solches System sexistisch?"

    -> Wissenschaft ist nicht emotional. Das ist so wie Bäume nicht lila sind. Sollen wir das jetzt ignorieren?

    (w)

  13. Tanja Gabriele Baudson Antworten | Permalink

    Genau da liegt doch der Denkfehler. Wissenschaft wird von Menschen gemacht, und Menschen haben Emotionen, die sich nicht ohne weiteres ausklammern lassen ? auch wenn wir's vielleicht gerne so hätten ;) Ich finde, man muss weiterdenken als "so hat es zu sein". Und eine realistische Sicht auf den Menschen wäre m.E. der erste Schritt; das habe ich versucht, mit diesem Artikel anzuregen.

    Ach ja, hatte ich noch vergessen: Ich finde es schon immer suspekt, wenn jemand sich die Definitionshoheit darüber anmaßt, was ein "richtiger" Professor, ein "richtiger" Mann, eine "richtige" Frau etc. ist. Der Smiley exkulpiert Sie da ein wenig, aber in der Regel führt das doch zu einer sehr starken Verengung der Perspektive (zu Lasten derer, die nicht dem Prototypen entsprechen, und mit allen Konsequenzen).

  14. Horst Antworten | Permalink

    Irgendwann wird Mensch vielleicht erkennen, daß Mensch keine zufällige Ansammlung von Molekülen und Atomen in sinnloser Einmaligkeit ist - dann wird der Kreislauf des geistigen Stillstandes seit ... vielleicht die wahren Kräfte unseres ursprünglichen Geistes / Zustandes zu einer Emotion fusionieren und ... ;-)

    Die Denk- und Lenkfehler entspringen den stumpf-, blöd-, schwach- und wahnsinnigen Illusionen des egoisierten "Individualbewußtseins" - systemrational-gepflegte Bewußtseinsschwäche in Angst und Gewalt, auch Hierarchie in mehr oder weniger intellektuell-gebildeter Suppenkaspermentalität auf Sündenbocksuche genannt!

  15. Horst Antworten | Permalink

    Wie wäre es z.B. bei Richtern oder Polizisten, wenn diese zuviele eigene Emotionen in "ihre" Arbeit integrieren - wird die Welt in der wir "zusammen" leben (UN-)professioneller???

  16. jade Antworten | Permalink

    da muss ich fast schon über die Ironie schmunzeln.

    Ich denke Naturgesetze sind da, "eo ipso".

    Nichts stünde mir ferner, als mir Hoheiten anzumaßen. Ich habe lediglich eine eigene Meinung, die vollkommen subjektiv ist. Es steht mir frei, mir selbst auszusuchen, welches Verhalten ich welcher Berufsgruppe als passend zuordne. Das Grundgesetz ist da (noch) auf meiner Seite.

    So viel zur Sachlichkeit.

  17. Tanja Gabriele Baudson Antworten | Permalink

    Wo liegt denn hier Ihrer Ansicht nach das "Naturgesetz"? Helfen Sie mir auf die Sprünge.

  18. haengematte Antworten | Permalink

    "Diejenigen von Ihnen, die wie ich bei Twitter unterwegs sind, ..."

    Viel Spaß auch dabei. Sie untermauern damit das Vorurteil, dass, wer Stütze kassiert, den ganzen Tag auf irgendwelchen "sozialen" Medien "unterwegs" zu sein sich offenbar leisten kann (man ist halt "auf Droge"), während andere sich für einen Hungerlohn den Hintern abarbeiten und fürs Tweeten weder Zeit noch Gedanken haben oder einfach zu kaputt sind.

  19. Tanja Gabriele Baudson Antworten | Permalink

    Interessante Interpretation, wo lesen Sie das denn raus? (Die Assoziation mit "Stütze kassieren" habe ich übrigens nicht nachvollziehen können, mögen Sie mir da einen Hinweis geben?)

  20. haengematte Antworten | Permalink

    "Interessante Interpretation, wo lesen Sie das denn raus? (Die Assoziation mit "Stütze kassieren" habe ich übrigens nicht nachvollziehen können, mögen Sie mir da einen Hinweis geben?)"

    Habe mir gedacht, daß das eine interessante Interpretation sein könnte.

    Ich habe daran erinnert, dass sowohl die "Stütze" als auch die Professur durch öffentliche Mittel finanziert werden. Diesem unterstellt man "Nützlichkeit", jenem "Faulheit".

    Wenn nun jemand wie Sie, die Sie, ebenso wie der Empfänger von Alg2, durch Steuergelder bezahlt werden (solange Sie sich noch nicht haben kaufen lassen), sich fröhlich dazu bekennt, auf Twitter "unterwegs" zu sein, anstatt zum Beispiel etwas Sinnvolles zu tun, könnte sich der hier mitlesende Bürger in seinem Vorurteil bestätigt fühlen, dass sein Steuergeld i.d.R. und u.a. für Plasmabildschirme oder sei es Getwittere mißbraucht wird.

    Damit tun Sie den Aussortierten Unrecht, die realiter unter der Knute des protestantischen Arbeitsethos zu leiden haben. Sie stellen diese damit konsekutiv in ein schlechtes Licht und merken es nicht.

    Ihnen sei ein unbeschwertes dionysisches Leben unbedingt gegönnt, aber damit herumzuposen, daß es gerade die Leidenschaft für Twitter sein muß. - versuchen Sie es doch mal mit Langsamkeit, mit Reflexion, mit Lesen; was haben Sie gemacht, bevor es Twitter gab?

  21. Tanja Gabriele Baudson Antworten | Permalink

    Sind Sie neidisch? Dazu besteht kein Anlass. Mit der Realität meines Arbeitsalltags (und des Arbeitsalltags von Postdocs überhaupt) hat das, was Sie hier unterstellen, nämlich echt nichts zu tun.

  22. @limpr Antworten | Permalink

    My, my

    Lese das Hunt-Zitat erstmals im Original, und mir fällt auf, dass er "MY trouble" sagt, nicht "the trouble". Das lenkt bei mir sofort den Blick weg von den heulenden Kolleginnen auf die eigentlich in diesem Bild verspottete Figur: den linkisch daneben stehenden (heimlich verliebten) Professor. Selbstironie kann einem um die Ohren fliegen, wenn andere sie nicht erkennen wollen.

  23. Tanja Gabriele Baudson Antworten | Permalink

    Was wäre demnach das Problem? Doch wohl nicht die Frauen, oder?

  24. Christopher Antworten | Permalink

    Titel *

    Das ist außerordentlich gut verfasst. Ich bin ebenso der Meinung, das Emotionen am Arbeitsplatz auf gar keinen Fall als negativ gewertet werden dürfen. Emotionen bedeuten ja nur, dass man sich mit dem Thema befasst und sein bestes geben will. Als Führungskraft denke ich ist es eine Pflicht, die Emotionen der Mitarbeiter zu erkennen und wahr zu nehmen!

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