Die Intelligenz hat versagt, oder: Warum Dummheit allein den Brexit nicht erklären kann

Mehr als die Hälfte der Briten hat sich am letzten Donnerstag dafür ausgesprochen, die EU zu verlassen; das schlug bei Twitter natürlich Wellen. Glücklicherweise ist Humor auch dort ein Mittel, um mit dem Schock klarzukommen, und so ließ der Spott über die Dummheit der Brexit-Befürworter natürlich nicht lange auf sich warten. Aber reicht Dummheit als Erklärung für ein so frappierendes Ergebnis aus? Vielleicht teilweise; eine wichtige Rolle spielt meines Erachtens aber auch das Versagen der europäischen Intelligenz. Und dieses Versagen ist wiederum zu einem guten Teil systembedingt.

Ob wir als Intellektuelle in Anbetracht des Brexit und der zunehmenden Probleme in Europa nicht etwas tun müssen, fragte ich vorgestern einige Kollegen und Kolleginnen, als die Ergebnisse des Referendums zum Austritt Großbritanniens aus der EU bekannt wurden. Bei aller Betroffenheit: Was solle man denn tun, so die Antwort, die mich etwas desillusionierte. Denn gerade wir Wissenschaftler haben als Multiplikatoren doch eine ziemliche Reichweite: Wir bilden Studierende aus, die später – beispielsweise als Lehrkräfte und somit ihrerseits als Multiplikatoren – ganze Generationen von Schülern und Schülerinnen beeinflussen können. Wir werden gelesen – so wir uns denn öffentlich äußern und uns nicht auf Fachartikel beschränken: Denn deren Einfluss ist, von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen, gering [1] und in der Tendenz vermutlich eher sinkend, wenn man die steigende Zahl der wissenschaftlichen Publikationen insgesamt anschaut [2].

Diese Macht impliziert eine große Verantwortung; und dieser wird das System Wissenschaft (darauf beziehe ich mich hier hauptsächlich, weil ich mich damit nun mal am besten auskenne; in anderen Systemen mag es ähnlich sein) aktuell nur sehr bedingt gerecht. Aus meiner Sicht spielen zwei Gründe dabei eine Rolle: die Struktur des Systems und die Motivstruktur des Wissenschaftlers.

Fokus Karriere

Ein Wissenschaftssystem, das primär quantifizierbare Maße – die Währung der akademischen Street Cred sind Publikationen und Drittmittel – belohnt, bestraft indirekt jegliches anderweitige Engagement. Da überlegt man sich gerade in der Qualifikationsphase dreimal, ob man dieses Risiko eingeht und seine Zeit nicht lieber in einen weiteren wissenschaftlichen Artikel investiert. Wer als Wissenschaftler öffentlich sichtbar ist, setzt sich dem Verdacht mangelnder Seriosität aus, insbesondere bei denjenigen, denen sich der Nutzen sozialer Medien noch nicht erschlossen hat (eine Meinung, die ich naturgemäß nicht teile, und andere Wissenschaftsblogger/innen auch nicht [3]; ob das wieder mal eine deutsche Neiddebatte ist, ist die Frage, denn in den USA habe ich das ganz anders erlebt.

Die Motivation zu publizieren – und „publizieren“ meint hier, in wissenschaftlichen Zeitschriften mit einem Begutachtungsprozess zu veröffentlichen – ist in der Regel eine egoistische. „[R]esearchers’ core motivations for publishing appear largely unchanged, focused on funding and furthering the author’s career“, so fasst es der STM-Report[4] – warum sollten Wissenschaftler schließlich auch besser sein als der Rest der Menschheit.

Was Wissenschaftler wollen

Pragmatisch gesehen, unterwerfen sich Wissenschaftler dem Dogma des „Publish or perish“ also vor allem aus einem ganz pragmatischen Grund: Sie wollen ihr Ding machen, und zwar so gut wie möglich und ohne dass ihnen jemand reinredet. Da passt es natürlich gut, wenn man auf dem Weg zur Professur nicht zusätzlich durch andere Motive – etwa dem Wunsch, etwas Positives für andere zu bewirken – abgelenkt wird. [5] Dass einiges glatter läuft, wenn egoistische Motive erfüllt sind, haben im Übrigen auch die Begründer der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, dem Vorläufer der EU, ganz gut verstanden: Wer miteinander handelt, hat vermutlich weniger Interesse daran, gegeneinander Krieg zu führen. Das hat bislang ja auch ganz gut funktioniert [6].

Dass man durch Macht motiviert wird, ist im übrigen ja auch nicht unbedingt schlecht – es kommt nur darauf an, wie und wozu man sie nutzt. („Einflussnahmemotiv“ wäre aus meiner Sicht weniger negativ konnotiert, aber auch begrifflich sperriger.) Problematisch wird es jedoch dann, wenn Menschen in Machtpositionen sind, die im Grunde keine Lust darauf haben, auch die damit einhergehende Verantwortung zu übernehmen, sondern nur „ihr Ding“ innerhalb des Systems Wissenschaft machen wollen – eine Tendenz, die im Zuge ihrer erfolgreichen akademischen Entwicklung qua operanter Konditionierung auch noch verstärkt wird. Letztlich hat das fatale Folgen: nämlich eine Entkopplung von Wissenschaft und Gesellschaft. Dass Professoren heute überwiegend keine engagierten Intellektuellen mehr sind (und viele dies selbst dann nicht wollen, wenn sie dank Verbeamtung eigentlich alle Freiheiten hätten), beklagt nicht nur die ZEIT [7], sondern sogar der Focus [8].

Qu’est-ce qu’un intellectuel?

Aber was ist das eigentlich: ein Intellektueller? Sartre definiert diese Gruppe (mit einer guten Prise Selbstironie) als „personnes qui ayant acquis quelque notoriété par des travaux qui relèvent de l’intelligence abusent de cette notoriété pour sortir de leur domaine et se mêler de ce qui ne les regarde pas“, also als Menschen, die durch ihre aufgrund von Intelligenz erreichten Leistungen bekannt geworden sind und diese Bekanntheit dann missbrauchen, um ihre Domäne zu verlassen und sich in Sachen einzumischen, die sie nichts angehen. Das widerspricht der Tendenz zu immer größerer Spezialisierung und Ausdifferenzierung von Teildisziplinen, durch die der Blick aufs Ganze auch gerne mal verloren geht. Diesen Missstand auszugleichen, wäre die Aufgabe des engagierten Intellektuellen: Denn gerade die Außenperspektive auf komplexe Sachverhalte, das Nicht-zu-sehr-im-Detail-Verhaftetsein ermöglicht es ihm bzw. ihr, die Dinge in einem größeren Kontext wahrzunehmen und einzuordnen. [9] Dazu wiederum braucht es Menschen, die über die engen Grenzen ihrer Disziplin hinausblicken, auch wenn das (zwangsläufig, aber auch systembedingt) immer stärker spezialisierte Wissenschaftssystem das nicht eben unterstützt. Wenn ein Wissenschaftler nicht nur das Detailwissen, sondern überdies auch noch einen gewissen Überblick über den Tellerrand seiner Disziplin hinaus mitbringt, sind das sehr gute Voraussetzungen dafür, um auch komplexe Zusammenhänge, wie sie unsere heutige Welt charakterisieren, zu durchdringen. [10], [11] Um das bekannte Zitat von Hans Eisler zu variieren: Wer nur von Wissenschaft etwas versteht, versteht auch davon nichts.

Zusammenhänge zu begreifen, ist die eine Sache; sie zu kommunizieren, eine andere. Denn man muss diese Zusammenhänge vermitteln können (und wollen!), will man das Feld nicht den (machtmotivierteren?) Dummschwätzern überlassen; und das wird derzeit im Zuge des wissenschaftlichen Werdegangs weder vermittelt noch unterstützt. „Mount Stupid“ hat Zach Weiner die hohe Bereitschaft, über ein Thema zu reden, über das man bestenfalls ein gesundes Halbwissen mitbringt, genannt; in der Wissenschaft spricht man vom Dunning-Kruger-Effekt [12]. Was einen nichts angeht (wer auch immer definieren mag, was einen etwas angeht und was nicht – ich denke ja, globale Entwicklungen gehen uns alle an), ist eben nicht deckungsgleich mit „keine Ahnung von der Materie haben“. An dieser Vermittlung und dem damit einhergehenden Dialog wiederum hakt es aus den genannten Gründen bei vielen Wissenschaftler/innen. Denn Austausch mit der Öffentlichkeit auf einem Abstraktionsniveau, das den Rezipienten gleichzeitig als Partner auf Augenhöhe respektiert (auch daran hakt es im übrigen bei einigen, die an der Spitze angekommen sind und die sich somit automatisch als überlegen erleben), spielt derzeit noch eine recht untergeordnete Rolle im Wissenschaftsbetrieb [13].

Die engagierten Intellektuellen von heute sollten sich also meines Erachtens nicht als (moralische) Autorität aufspielen, sondern ihre Verantwortung gegenüber der Gesellschaft ernst nehmen, indem sie komplexe Informationen verständlich vermitteln und in größere Kontexte einzuordnen, um dem Bürger zur Mündigkeit zu verhelfen; denn ich bin im Zweifel, ob man in unserer überkomplex gewordenen Welt noch von „selbst verschuldeter Unmündigkeit“ sprechen kann. Wir brauchen keine Leute, die uns ex cathedra sagen, wo es langgeht, sondern verantwortliche Intellektuelle, die uns darlegen, wo es überhaupt langgehen könnte und welche Konsequenzen es hat, wenn man den einen oder den anderen Weg einschlägt – und die dann auch akzeptieren, wenn die informierte(!) Entscheidung des gleichberechtigten Partners dann anders ausfällt als erhofft. [14]

Der Brexit: ein Kommunikationsproblem?

Beim Brexit-Referendum zweifle ich indes aus verschiedenen Gründen an der Informiertheit des Bürgers. Die Ergebnisse von Google Analytics über die häufigsten Suchanfragen aus Großbritannien gaben Aufschluss darüber, dass viele sich im Vorfeld nicht über die Konsequenzen klar waren [15]. Das deutet zum einen auf ein Versagen der Informationspolitik hin; und diese wiederum ist dadurch beeinflusst, welche Quellen überhaupt als glaubwürdig wahrgenommen werden. Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang eine Befragung vom YouGov vom 13./14.6. dieses Jahres, wem die erwachsenen Briten noch vertrauen: Während die Remainians der Wissenschaft das stärkste Vertrauen entgegenbringen (dass sie auch der Wirtschaft und den Banken vertrauen, kommentiere ich jetzt mal nicht), vertrauen die Leavians niemandem. Keiner. Einzigen. Gruppe. [16] Dass selbst die Wissenschaft, die doch für Transparenz und Objektivität stehen sollte, kein Vertrauen mehr genießt, passt zur obigen Analyse: Der Bezug zwischen dem, was „die Wissenschaftler“ machen, und der Lebenswelt des kleinen Mannes bzw. der kleinen Frau auf der Straße, ist verloren gegangen, was in Entfremdung und letztlich einer Spaltung zwischen Wissenschaft und Gesellschaft resultiert – zumindest bei den Brexit-Befürwortern.

Dass diejenigen, die den Leave propagierten, die Wählerschaft dreist belogen haben, wie sich nun im Nachhinein herausstellt [17], setzt dem Ganzen die Krone auf. Der Twitterer „I am European“ bringt es auf den Punkt: „Summary of today: misinformed people voted for lies from people who hadn’t read either the EU or the UK laws.“ Zusammenfassung des heutigen Tages: falsch informierte Menschen haben Lügen von Menschen gewählt, die weder die EU- noch die britischen Gesetze gelesen haben. Auch das illustriert sehr anschaulich, welche Konsequenzen es hat, wenn diejenigen, die meinungsbildenden Einfluss ausüben könnten, diesen und die damit einhergehende Verantwortung nicht annehmen: Die Machtmotivierten ohne derart hinderliche Wertvorstellungen besetzen das so entstehende Vakuum.

Zusammenfassend besteht aus meiner Sicht klarer Handlungsbedarf für die Wissenschaft, sowohl, was Informationsvermittlung, als auch, was Verantwortungsübernahme generell angeht. Denn der Erfolg der Brexit-Propagandisten ist ein Paradebeispiel dafür, was passiert, wenn diejenigen, die den Mount Stupid erfolgreich erklommen, aber noch nicht überwunden haben, das Führungsvakuum besetzen und anderen, die noch weniger wissen als sie, suggerieren, man könne komplexe Probleme durch einfache Ja-Nein-Fragen lösen. [18] Dass sich jetzt im Nachhinein herausstellt, dass das mit dem Brexit möglicherweise doch nicht so einfach wird, wie Farrage) und Konsorten das propagiert haben, ist bezeichnend. Nun tun sich überraschend formaljuristische Hürden auf, die einem vielleicht nicht entgangen wären, hätte man die entsprechenden Gesetzestexte mal vorher gelesen. Den Brexit-Befürwortern wird nun immer klarer, dass auch die Konsequenzen nicht ganz bis zum Ende durchdacht worden waren. Nun, da sich die Wechselkurse im Sturzflug befinden und eine Spaltung des Landes droht, ist der Katzenjammer (#Bregret) groß … die Queen hätte sich an ihrem 90. Geburtstag wohl auch nicht träumen lassen, dass ihr nun nicht mehr ganz so vereintes Königreich zum Ende ihrer Regierungszeit hin noch einmal eine solche not-quite-so-splendid isolation erfahren würde.

Fazit

Auch wenn die Entscheidung für den Brexit wohl eher nicht zu den Glanzstücken der europäischen Geschichte gehört: Häme und Spott über die vermeintliche Dummheit der Referendumsbefürworter auszugießen, ist meines Erachtens das Letzte, was wir derzeit brauchen. Denn gerade jetzt ist die Gelegenheit zu zeigen, was die europäische Idee eigentlich ausmacht: Solidarität auch in schwierigen Zeiten. Die Briten nun in revanchistischer Manier kollektiv dafür abzustrafen, dass sie diese europäische Idee ja schließlich als erste mit Füßen getreten haben, würde der Realität nicht gerecht. Das denkbar knappe Ergebnis zeigt auf, dass fast die Hälfte nach wie vor an der europäischen Idee festhält [19]; das dürfen wir meiner Ansicht nach in der nun folgenden Debatte ebensowenig ignorieren wie diejenigen, die ihre Entscheidung rückblickend anders treffen würden. Gerade weil die Entscheidung auf so wackligen Beinen steht, halte ich es für sinnvoll, nicht vorschnell ein Exempel zu statuieren. Etwas vom Kaliber des Brexit gab es in der EU bislang noch nie; und andere Staaten durch eine autoritäre und angstmachende Politik am Austritt zu hindern, ist langfristig auch nicht wirklich nachhaltig.

Was auch deutlich geworden ist, ist, dass wir an einer wertschätzenden Kommunikation zwischen Experten und Laien arbeiten müssen. Gerade uns Wissenschaftsblogger sehe ich da in der Verantwortung. Ich hoffe daher, mit diesem Artikel schon mal einen kleinen Teil dazu beigetragen zu haben, diese zu schultern. Denn: #IchbineinEuropäer.

Fußnotenapparat

[1] Je nach Fachgebiet werden zwischen 12 (Medizin) und 82 % (Geisteswissenschaften) der veröffentlichen Beiträge in den fünf Jahren nach ihrer Veröffentlichung gar nicht zitiert; die Quote in den Sozialwissenschaften liegt bei 32 %. Die Analyse von Larivière, Gingras und Archambault (2009) berücksichtigt Zahlen bis 2007, bei einem Fünf-Jahres-Fenster also Publikationen bis 2002.

[2] Vgl. etwa Bornmann & Mutz (2015). Eine gute Aufbereitung des Themas findet man außerdem im Nature-Blog.

[3] Genaueres dazu kann man beim Scienceblogs-Nachbarn Florian Freistetter lesen.

[4] Hier der Link zum Bericht. Das Zitat findet sich auf Seite 5.

[5] Mit dieser Passung und dem daraus resultierenden schlechten Führungsverhalten lassen sich im übrigen auch einige Probleme des wissenschaftlichen Nachwuchses erklären – würden manche Vorgesetzte ihre Führungsverantwortung als zentralen Teil ihrer Arbeit begreifen, um den sie nun mal nicht herumkommen, gäbe es wohl deutlich weniger ausgebrannte Doktoranden, weniger abgebrochene Dissertationen und weniger hoch qualifizierte Menschen, die der Wissenschaft den Rücken kehren. Hier spielt vielleicht auch hinein, dass man sich der eigenen Defizite als Chef/in oft genug ja gar nicht bewusst ist. Narzissmus und Selbstüberschätzung sind ja in Führungspositionen nicht eben selten, zumal die Wahrscheinlichkeit, ehrliches Feedback zu erhalten, immer unwahrscheinlicher wird, je höher die Machtdistanz zu den Mit-(bzw. nur Zu-?)arbeitern wird – insbesondere bei denjenigen, die Probleme mit Beziehungen auf Augenhöhe haben.

[6] Tolle Grafik dazu aus einem Tweet von Sandra Fiene, die als @EUfiene bei Twitter unterwegs ist. (Mich finden Sie daselbst unter @TGBaudson, wenn Sie nach dem Artikel Lust aufs Twittern bekommen haben.)

[7] Die ZEIT widmete diesem Thema gleich eine ganze Serie.

[8] Link zum Focus-Artikel – Gerüchten zufolge ist die Zielgruppe des letzteren ja eher der deutsche Durchschnittsmann zwischen 45 und 60. Ganz böse Zungen sagen, diese Zahlen bezögen sich auf den IQ, nicht das Alter, aber Sie als hoffentlich regelmäßige Leser/in des Hochbegabungsblogs wissen ja, dass das definitiv zu weit unter dem Durchschnittsbereich von 85–115 liegt, um noch durchschnittlich sein zu können 😉

[9] Auch wenn der Cicero titelt, wir bräuchten keine Intellektuellen mehr, glaube ich, dass das primär davon abhängt, wie man “Intellektuelle” definiert; denn die dort beschriebenen moralkeulenbewaffneten Schwätzer brauchen wir wirklich nicht.

[10] Etymologisch betrachtet, ist der Intellektuelle übrigens derjenige, der begreift (lat. intellegere = „verstehen, begreifen“), der Professor derjenige, der erklärt (lat. profiteri = „erklären“), was sich aus meiner Sicht sehr gut ergänzt.

[11] Etwas weiter gedacht, erschließt sich dadurch auch die Notwendigkeit interdisziplinären Arbeitens, d. h. einer Verbindung natur- und geisteswissenschaftlicher Ansätze. – Etwas plakativ formuliert: Die Naturwissenschaften erklären, wie Dinge zusammenhängen und wie sie funktionieren, aber sie können uns nicht erklären, warum das überhaupt von Interesse ist; hier helfen wiederum die Geisteswissenschaften. (In diesem Zusammenhang gewinnt der aktuelle Messbarkeitswahn und die damit einhergehende Abwertung der Geisteswissenschaften eine ziemlich pikante Note.)

[12] Link zur grafischen Darstellung – aus genannten Gründen habe ich jedoch Zweifel, was den Anstieg nach dem lokalen Minimum, das dem Mount Stupid folgt, angeht. – Der Titel des Papers von Dunning und Kruger, „Unskilled and Unaware of It“, ist fabelhaft, oder? 🙂

[13] Einige Tendenzen, zumindest an letzterem etwas zu ändern, zeichnen sich erfreulicherweise ab. So berichtete mir ein Kollege (übrigens einer derer, die auch mit ihren Mitarbeitern einen Austausch auf Augenhöhe betreiben), sein durch die öffentliche Hand gefördertes Projekt beinhalte explizit einen Topf für die Öffentlichkeitsarbeit, also die Kommunikation der Ergebnisse an ein breiteres Publikum.

[14] Hier mag man gewisse Parallelen zu den Neuen Lernkulturen sehen, die die Lehrkraft nicht mehr nur als Wissensvermittler, sondern eher als Lerncoach sehen, der die Schüler/innen in ihrer Selbstentwicklung unterstützt – ein Ansatz, den ich sehr gut finde (wer hätt’s gedacht). Wenngleich der Weg zu einer gleichberechtigen Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden weiterhin lang und beschwerlich ist: Was im Kleinen möglich ist, funktioniert möglicherweise auch im Großen.

[15] Hier ein exemplarischer Artikel aus der Daily Mail – das Thema wird derzeit aber auch in vielen weiteren Medien diskutiert.

[16] Eine grafische Darstellung (und weitere interessante ind lesenswerte Gedanken) finden sich bei Bloomberg.

[17] Exemplarisch dazu der Independent – auch das wird derzeit vielfach diskutiert.

[18] Ich versuche gerade, mir auszumalen, wie das Ergebnis wohl ausgesehen hätte, wenn zusätzlich die Option „Ich weiß auch nicht, wie es weitergehen soll, aber so auf jeden Fall nicht“ gegeben hätte. In der Diagnostik versucht man ja auch, durch entsprechende Gestaltung der Antwortoptionen den Fall abzudecken, dass jemand nicht antworten will oder kann. Dem diagnostischen Wert und letztlich der Validität des Referendums wäre das sicherlich zuträglich gewesen.

[19] Die jungen Menschen hatten bekanntlich überwiegend für den Verbleib in der EU gestimmt. Insgesamt waren es aber leider nicht genug, wenn man sich die relativ geringe Wahlbeteiligung dieser Gruppe anschaut: Die Zukunft haben also nicht allein die Alten verzockt. Das stützt aber auch wiederum meine Kernthese, dass in der Materie kompetente Menschen ihre Verantwortung gegenüber der Gesellschaft ernster nehmen müssen, indem sie die Konsequenzen von Entscheidungen (etwa der, nicht zur Wahl zu gehen) klarer aufzeigen.

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Dr. rer. nat. Tanja Gabriele Baudson ist Diplom-Psychologin und Literaturwissenschaftlerin. Seit Oktober 2016 vertritt sie die W3-Professur für Methoden der Empirischen Bildungsforschung an der Technischen Universität Dortmund. Davor hatte sie zwei Jahre lang die Vertretung des Lehrstuhls für Pädagogisch-psychologische Diagnostik an der Universität Duisburg-Essen inne. Ihre Forschung befasst sich mit der Identifikation von Begabung und der Frage, warum das gar nicht so einfach ist. Vorurteile gegenüber Hochbegabten spielen hierbei eine besondere Rolle - nicht zuletzt deshalb, weil sie sich auf das Selbstbild Hochbegabter auswirken. Hierzu hat sie eine Reihe von Studien in internationalen Fachzeitschriften publiziert. Sie ist außerdem Entwicklerin zweier Intelligenztests. Im April 2016 erhielt sie den SciLogs-Preis 2016.

21 Kommentare zu »Die Intelligenz hat versagt, oder: Warum Dummheit allein den Brexit nicht erklären kann«

  1. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Ist der Brexit ein GB-Research-Exit?

    Die Arena der Forscher ist die ganze Forschungswelt - und die ist nun mal nicht auf ein Land beschränkt. Kaum ein britischer Forscher oder britischer Universitätsangehöriger wird für den Brexit gestimmt haben. Und dennoch müssen die britschen Forscher und Universitäten nun mit Sanktionen gerade im Bereich der EU-Forschungsprogramme rechnen wie die Google-Suche mit Brexit and EU research programs zeigt. Unter UK scientists face an uncertain future after Brexit vote liest man etwa:

    The UK's decision to leave the European Union has rattled the scientific community, amid fears that the so-called "Brexit" referendum could threaten funding for British research and collaboration across the continent.

    Sicher stimmt obige Aussage (Zitat): Die Briten nun in revanchistischer Manier kollektiv dafür abzustrafen, dass sie diese europäische Idee ja schließlich als erste mit Füßen getreten haben, würde der Realität nicht gerecht. Doch die EU arbeitet auch mit Vergeltung und hat ja das Mittel de Ausschlusses von Forschungsprogrammen bereits bei abtrünnigen europäischen Ländern durchexerziert. So wurde die Schweiz aus dem EU-Forschungsprogramm Horizon 2020 (als Reaktion auf Differenzen) ausgeschlossen. Das gleiche Schicksal könnte nun auch britische Forscher ereilen wozu man in nature news liest:

    Researchers fear that if the UK leaves the EU, the country could lose access to the bloc?s research programmes, including the Horizon 2020 programme of research grants. The UK currently hosts more EU-funded holders of grants under the European Research Council than any other member state.

    83% von 2000 befragten britischen Forschern haben laut einer nature-Umfrage für den Verbleib in der EU gestimmt - und doch könnten genau diese Forscher nun die ersten sein, die von der EU bestraft werden. Denn die EU bestraft ein ganzes Land unabhängig davon wen die Bestrafung genau trifft.

    Sollen die britischen (und alle anderen) Forscher nun als Reaktion auf den Brexit mehr gesellschaftliche Verantwortung übernehmen und ihre intellektuelle Seite zeigen? Nichts spricht dagegen, doch ob Intellektuelle überhaupt Gehör finden, hängt stark von der jeweiligen Kultur ab. In Frankreich gab und gibt es eine anerkannte Intellektuellenszene - die allerdings mehr von Schrifstellern als von Wissenschaftlern geprägt ist. In den USA haben es Intellektuelle (eggheads) sowohl mit schrifstellerischem als auch mit wissenschaftlichem Hintergrund dagegen schwer.

    Wissenschaftler sollten wohl zuerst einmal über ihre Forschung im weiteren Sinne an die Öffentlichkeit treten. Dazu gehört auch die Forschungswelt als Beispiel einer schon lange gelungenen Globalisierung wo kaum ein britischer oder US-Forscher Angst vor der Konkurrenz durch chinesische oder indische Forscher hat. Ganz anders als bei der britischen oder US-Arbeiterschaft, die den chinesischen oder indonesischen Billiglohnarbeiter fürchtet. Das Schlagwort "Die Kontrolle zurückgewinnen" indem man die Brücke hochzieht, das kann nun wirklich keinen einzigen Forscher überzeugen, denn die Forschung lässt sich durch Isolation nicht unter Kontrolle bringen sondern höchstens abgewürgen. Letztlich gilt aber was für die Forschung gilt für alle anderen Bereiche auch.

  2. DH Antworten | Permalink

    Ungewöhnlich

    Es wird oben ja schon angedeutet , Wissenschaft kann man problemlos durch Politik , Intellektuelle , Verantwortungsträger usw. ersetzen , überall das gleiche Bild .

    Eine sehr gute Analyse , davon würde man sich mehr wünschen , anstatt des selbstgerechten Lamentierens der oft sehr oberflächlichen EU-Befürworter , über das sich aufzuregen allerdings nicht lohnt , nichts anderes war zu erwarten.

    Sartres Definition des Intellektuellen ist aber bereits Teil des Problems und zu sehr aus dem System heraus gedacht. Intellektuell ist einfach der , der seinen Verstand benutzt und dabei bereit ist , über den Tellerrand zu gucken . Das kann der Akademiker genauso sein wie der Obdachlose , der in irgendeiner Ecke rumliegt .

  3. Tanja Gabriele Baudson Antworten | Permalink

    Freut mich, vielen Dank! Der Kern der Sartre'schen Definition ist, so wie ich sie verstehe, das Privileg der größeren Reichweite, die auf den Bekanntheitsgrad durch vorangegangene geistige Leistungen zurückzuführen ist. Diese geistigen Leistungen kann grundsätzlich vermutlich jede/r erbringen ? ich stimme ihnen absolut zu, dass jeder seinen Verstand benutzen und über den Tellerrand schauen kann. Aber nicht alle werden auch innerhalb des Systems anerkannt. Um so größer daher die Verantwortung dessen, der Gehör findet.

  4. KRichard Antworten | Permalink

    Analysen der Brexit-Entscheidung haben gezeigt, dass die Generation der 20-30jährigen Briten zwar überweigend für den Verbleib bei der EU war - aber nur 30-40% dieser Gruppe gingen dann auch zur Wahl.

    D.h. die Gruppe der Nichtwähler hat durch ihr Fernbleiben das Wahlergebnis maßgeblich beeinflusst.

    Und hier ist ein Problem errkennbar, wo das Bildungssystem (auch in Deutschland) seit Jahren versagt: immer mehr junge Menschen gehen nicht zu Wahlentscheidungen. D.h. sie übernehmen keine persönliche Verantwortung für das eigene Leben.

    Hier ist die Schnittstelle zwischen Intellekt und Dummheit. Es nützt nichts, wenn man den Verstand hat, eine gute Entscheidung zu finden - man aber so dumm ist, die Entscheidung über das eigene Leben dann anderen Menschen zu überlassen.

  5. Tanja Gabriele Baudson Antworten | Permalink

    Ich glaube, vielen ist nicht klar, dass Demokratie nichts Selbstverständliches ist ? und was für ein Privileg es ist, wählen zu dürfen. Vielleicht ist es schlichtweg schwer, sich vorzustellen, dass es auch ganz anders aussehen könnte, wenn man sein Leben lang in einem recht sicheren politischen System aufgewachsen ist.

  6. Peter Antworten | Permalink

    Ambivalenz

    ""..Aber reicht Dummheit als Erklärung für ein so frappierendes Ergebnis aus? Vielleicht teilweise; eine wichtige Rolle spielt meines Erachtens aber auch das Versagen der europäischen Intelligenz. Und dieses Versagen ist wiederum zu einem guten Teil systembedingt...""

    und ...

    ""..Was auch deutlich geworden ist, ist, dass wir an einer wertschätzenden Kommunikation zwischen Experten und Laien arbeiten müssen. Gerade uns Wissenschaftsblogger sehe ich da in der Verantwortung...""

    Wäre ich Brexit-Befürworter, hätte ich keine grosse Lust, mit Ihnen über die Vor- und Nachteile zu diskutieren. Ihre Assoziation (Dummheit als Teil des Problems, Versagen der Intelligenz) hinterlässt bei mir nicht den Eindruck, als wertschätzten sie Brexit-Befürworter. Gibt es unter den Ablehnern nicht eben so "Dumme" und "Uninformierte"? Was die hohe Zustimmungsrate der von Ihnen erwähnten Wissenschaftler betrifft: Die haben den Brexit abgelehnt, weil sie möglicherweise von EU-Forschungsprogrammen ausgeschlossen werden. Sie haben also schlicht ihre Partikularinteressen wahrgenommen. Ihr Abstimmungsverhalten ist somit weniger Ausdruck ihrer Intelligenz als ihres (durchaus legitimen) Egoismus.

    Wissenschaftler sind eine privilegierte Klasse. Als solche stimmen sie naheliegenderweise mehrheitlich für einen Verbleib in der EU. Gemäss dem etwas aus der Mode geratenen dialektischen Materialismus bestimmt das Sein das Bewusstsein. Das hat was. Als Wissenschaftler fällt es ihnen deshalb schwer, für den Industriearbeiter oder den Fischer zu sprechen. Die haben gänzlich andere Partikularinteressen und können deshalb zu einem anderen Ergebnis gelangen.

  7. Tanja Gabriele Baudson Antworten | Permalink

    Intelligenz ist als Intelligenzia zu lesen. Passte so nur schöner zum Oberthema des Blogs.

    Die Dummheit ist im übrigen gar nicht der Punkt bei der Ursachenanalyse ? Intelligenz ist nun mal normal verteilt, und für seinen IQ kann keiner was, sodass es m.E. völlig verfehlt wäre, das Problem auf "die Dummen sind schuld" zu reduzieren. Genau eine etwas differenziertere Sicht habe ich in diesem Beitrag versucht darzustellen.

    Dass jede/r so entscheidet, wie es ihm/ihr aus ganz persönlicher Sicht am sinnvollsten scheint, finde ich nur menschlich. Allerdings kreide ich an, dass Informationen über die möglichen Konsequenzen von denjenigen, die das Wort ergriffen hatten, selektiv und verzerrt kommuniziert wurden.

  8. Horst Antworten | Permalink

    Dummheit, konfusionierend-gebildet zur systemrationalen Suppenkaspermentalität auf Schuld- und Sündenbocksuche im "Recht des Stärkeren", die im geistigen Stillstand, seit der "Vertreibung aus dem Paradies" (erster und bisher einzige GEISTIGE Evolutionssprung), ihre unverarbeitete und somit leicht manipulierbare Bewußtseinsschwäche von Angst, Gewalt und "Individualbewußtsein" bis zum "gesunden" Konkurrenzdenken des nun "freiheitlichen" Wettbewerbs um ..., in zeitgeistlich-reformistischer Symptomatik von "Wer soll das bezahlen?" und "Arbeit macht frei", stets eskalierend auslebt, wo längst die Möglichkeiten in geistig-heilendem Selbst- und Massenbewußtsein unser wachstumwahnsinniges "Zusammenleben" OHNE ... wirklich-wahrhaftig und zweifelsfrei-eindeutig befrieden könnte - Wenn GRUNDSÄTZLICH alles allen gehören dürfte, so daß "Wer soll das bezahlen?" und "Arbeit macht frei" keine Macht mehr hat, kann PRINZIPIELL alles OHNE ... menschenwürdig organisiert werden!!! ;-)

  9. Michael Khan Antworten | Permalink

    -

    Mehr als die Hälfte der Briten hat sich am letzten Donnerstag dafür ausgesprochen, die EU zu verlassen

    Soweit mir bekannt, ist diese Aussage nicht zutreffend. Mehr als die Hälfte derjenigen, die am Referendum teilgenommen haben, haben sich für den Austritt aus der EU ausgesprochen. Nicht etwa mehr als "die Hälfte der Wähler" und schon gar nicht mehr als "die Hälfte der Briten".

    Der Unterschied ist durchaus signifikant und nicht nur eine bloße Spitzfindigkeit, denn eine höhere Wahlbeteiligung unter den Jungwählern hätte das Referendum anders ausgehen lassen können. Siehe hier und hier.

    Qu'est qu'un intellectuel?

    Gemeint ist wohl "qu'est-ce qu'un intellectuel?" Sartres Definition finde ich sehr zutreffend.

  10. Tanja Gabriele Baudson Antworten | Permalink

    Völlig richtig ? gemeint war die Hälfte derjenigen, die am Referendum teilgenommen haben. Danke auch für den Korrekturhinweis, ich fand auch, die Überschrift sah seltsam aus, aber irgendwie stand ich auf dem Schlauch und habe den Fehler nicht gefunden ;) Ist nun geändert.

  11. Gerald Fix Antworten | Permalink

    -

    Analysen der Brexit-Entscheidung haben gezeigt, dass die Generation der 20-30jährigen Briten zwar überweigend für den Verbleib bei der EU war - aber nur 30-40% dieser Gruppe gingen dann auch zur Wahl. D.h. die Gruppe der Nichtwähler hat durch ihr Fernbleiben das Wahlergebnis maßgeblich beeinflusst.

    Das halte ich für einen statistischen Trugschluss. Die Aussage würde nur stimmen, wenn die Jüngeren insgesamt gegen einen Brexit wären. Es ist aber möglich - und eher wahrscheinlich - dass die Wähler und die Nichtwähler unterschiedliche Ansichten haben.

  12. Peter Antworten | Permalink

    Die Jugend

    ""..Der Unterschied ist durchaus signifikant und nicht nur eine bloße Spitzfindigkeit, denn eine höhere Wahlbeteiligung unter den Jungwählern hätte das Referendum anders ausgehen lassen können..""

    Das ist richtig, aber wie informiert und interessiert wären diese jungen Nichtwähler, die sich nicht aufraffen konnten, an so einer bedeutenden Abstimmung teilzunehmen? Vielleicht hätte jemand aus dem Remain-Lager ihnen erklären sollen, dass es nicht die "likes" auf Facebook oder die Verlinkungen des hashtags "remain" sind, die gezählt werden. So viel zum Narrativ der "(senilen) Generation Rollator" und der aufgeschlossenen und gebildeten Jugend.

  13. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    L'enfer c'est l' autre

    Ist das durch den Brexit von den Fesseln der EU befreite Grossbritannien nun in einer besseren Lage? Alles spricht dagegen. Doch das Phänomen, dass wir alles Böse externalisieren und jemand anderem als uns selbst zuordnen, das findet sich fast überall - und nur wenige durchschauen es als Projektion, die von den eigenen Problemen ablenkt und die eigenen Probleme jemanden anderen in die Schuhe schiebt.

    Die Briten haben die EU verteufelt - und nicht bemerkt, dass der Teufel auch bei Ihnen heimisch ist.

    Durch ein ähnliches Phänomen kommt für mich das oft negative US-Bild der Europäer zustande. Hier ein paar Beispiel dazu: Viele hier in Europa erkennen im US-Präsidentschaftskandidaten Donald Trump einen Rassisten und Faschisten und warnen vor dem Schlimmsten für die ganze Menschheit falls er Präsident wird. Doch auch in Europa gab und gibt es Trumps, beispielsweise ähnelt Silivio Berlusconi Trump in vielerlei Hinsicht.Und Silivio Berlusconi wurde im Gegensatz zu Trump - der mit Sicherheit nicht gewählt wird - dreimal wiedergewält. Silivio Berlusconi, der das Auftreten eines Mafiabosses hatte, wurde vom italienischen Volk 3 Mal gewählt und hat die längste Regierungskarriere aller italiensichen Regierungschef nach dem zweiten Weltkrieg hinter sich. Als weiteres Beispiel der Projektion von Problemen sehe ich die Tendenz vieler Europäer (nicht nur Linker), den USA den Status einer "richtigen", "vollen" Demokratie abzusprechen. Dabei zeigt die europäische Geschichte bis in die unmittelbare Gegenwart, dass die Europäer zuerst einmal vor der eigenen Haustüre kehren müssten. Spanien war bis Ende der 1970er Jahren eine faschischtische Diktatur und Ungarn und Polen haben eben Regierungen installiert, die einen Demokratierückschritt bedeuten. Aber selbst in den stabileren europäischen Ländern ist das Verhältnis zur Demokratie oft ambivalent. Die Geschichte der EU ist voll von Beschlüssen und Massnahmen, in denen demokratische Entscheidungen bewusst umgangen wurden, ja es gibt sogar die EU-Philosphie, die Mitgliedsländer vor vollendete Tatsachen zu setzen, um etwas zu erreichen. Insgesamt ergibt sich für mich ein Bild Europas, das den Europäern das Recht nimmt, der USA einen Mangel an Demokratie vorzuwerfen.

  14. Tanja Gabriele Baudson Antworten | Permalink

    Finde ich gut beobachtet. Ich würde auch sagen, dieser Wunsch nach einem starken Mann (seltener nach einer starken Frau) ist eine allgemein menschliche, weil es eine einfache Lösung komplexer Probleme verspricht und somit Angst reduziert ? allerdings nur auf der Symptom-, nicht auf der Ursachenebene.

  15. Naklar Antworten | Permalink

    Doch, die Englander sind dumm

    Doch, die Briten sind alle dumm. Und nur die Deutschen sind intelligent genug, die Vorteile der Brüsseler Bürokratie für uns alle zu verstehen. (Und die genug einzahlen.) Es ist nur noch gruselig, was derzeit in Brüssel an Häme gegenüber England und in den deutschen Medien passiert. In einen Club, der seine austretenden Mitglieder so behandeln würde wie derzeit die EU England, möchte eigentlich niemand Mitglied werden. Und doch scheinen alle derzeit nur in eine Richtung zu laufen, und die EU in ihrem Lauf hält weder Ochs noch Esel noch gesunder Menschenverstand auf. Ideologie vor! Wenn die Deutschen von einer Ideologie überzeugt sind, dann richtig. Das gehört so. Und jeder, der Skepsis andeutet, wird für dumm erklärt.

  16. Tanja Gabriele Baudson Antworten | Permalink

    Sollte sich der letzte Satz auf meinen Artikel beziehen, empfehle ich die komplette Lektüre.

  17. Trice Antworten | Permalink

    Kommunikation

    ?Die Dummheit ist im übrigen gar nicht der Punkt bei der Ursachenanalyse?

    Doch, in gewisser Weise ist sie das schon, und zwar, wenn man nicht nur liest, w a s geschrieben wurde, sondern auch, w i e etwas geschrieben wurde.

    Formulierungen wie ? Ob wir als Intellektuelle? oder ?Die engagierten Intellektuellen von heute (...) indem sie komplexe Informationen verständlich vermitteln und in größere Kontexte einzuordnen, um dem Bürger zur Mündigkeit zu verhelfen;? zeigen sehr deutlich, wenn man, um mit Schulz von Thun zu sprechen, mit dem ?Selbstoffenbarungs-Ohr? hinhört bzw. liest, was der-/diejenige, der oder die schreibt, (unwissentlich) von sich preisgibt und was, wenn man mit dem ?Beziehungsohr? hinhört, bzw. liest, welche Haltung er bzw. sie (unwissentlich) dem Anderen gegenüber einnimmt.

    In diesen beiden Aussagen wird das Gefälle zwischen den Positionen ersichtlich, ungeachtet des übrigen Textes: hier die (überlegenen) Intellektuellen, die aufgrund eben dieser ihrer Intellektualität bereits befähigt sind, ?Dinge in einem größeren Kontext wahrzunehmen und einzuordnen?, und dort die (minder begabten) Bürger, denen erst einmal zur Mündigkeit verholfen werden muss, da sie nicht fähig sind, komplexe Sachverhalte zu erfassen.

    Und nein, es hilft nicht, darauf zu verweisen, dass es um wertschätzende Kommunikation zwischen ?Experten und Laien? gehen soll - denn auch diese Formulierung wirft die Frage auf, wieso jeder Intellektuelle schon zum Experten auch in Fragen wird, die über den eigenen Fachbereich hinausgehen, und weshalb normale Bürger, nur weil sie keine Wissenschaftler sind, deshalb als Laien von komplexen Sachverhalten, die sie betreffen, nichts verstehen sollten.

    Ich habe in meinem Leben mit sehr vielen Menschen zu tun gehabt, darunter auch solchen die aus sogenannten ?einfachen? Verhältnissen kamen. Und gerade auch bei diesen Menschen habe ich sehr viel Weisheit und Herzensgüte erlebt, die ich bei so manchem Intellektuellen vermisst habe, bei dem zur Schau gestellte Überlegenheit und Moral nur Attitüde waren.

  18. Christl Antworten | Permalink

    Das plakative Bonmot "Intelligenz ist wenigen Wählern nur gegeben" frei nach Schiller ist bezüglich des Brexits sicher richtig, denn für die meisten Wähler war es in der Wahlkabine meiner Meinung nach eine emotionale und keine rationale intelligente Entscheidung. Diffuse und weniger konkrete Ängste (Arbeitslosigkeit, Überfremdung, finanzielles Ausbluten zu Lasten des eigenen Landes etc.) beeinflussten die Wahl. Genauso wie auf dem Kontinent !! Das Erstarken der nationalpopulistischen Parteien zeigt dies. Der Brexit ist nichts anderes als das Hochziehen der Zugbrücke, auf dem Kontinent werden mangels einer Zugbrücke die Grenzzäune aus Stacheldraht gezogen.

    Dass es überall auf der Welt Intelligenz gibt ist unbestreitbar - dass wir aber mehr durch unsere Emotionen beherrscht werden, ebenso.

    Erst wenn wir unsere Emotionen kontrollieren und unseren Ängsten standhalten, werden wir richtig von unserer Intelligenz profitieren können. Vorher dient sie nur der Durchsetzung persönlicher Interessen und dem Machterhalt...

  19. Frank Bardoux Antworten | Permalink

    DIE INTELLIGENZ HAT VERSAGT, ODER: WARUM DUMMHEIT ALLEIN DEN BREXIT NICHT ERKLÄREN KANN

    Hallo alle zusammen

    Ich bin geradezu begeistert und hätte natürlich schon vor etlichen Jahren ein solches Forum Besuchen sollen.

    Im besonderen hat mich eine Aussage "irgendwo" hier sehr nachdenklich gemacht wo es nach meinem Wortlaut und meiner klaren Vorstellung hieß: "Man sollte unserer Gesellschaft mit mehr Rücksicht und Aufklärung in Bezug auf komplexe Ansichten und (Welt) Anschauungen, im Besonderen wenn es um die Weiterentwicklung von Ansichten und Anschauungen geht, haben".

    Wenn ich als Leser mancher "News" hier und wieder Kommentare von anderen Lesern lese, erkenne ich sowohl das nicht ein jeder, mal abgesehen von den irrationalen Komentaren und Beweggründen, die Fähigkeit besitzt sich Grundsätzlich mit dem Wesentlichen zu einer "News" zu Beschäftigen.

    Wenn ich dann aber von einer "Partnerschaft" lese mit der ich hier von Experten ihres Forums Konfrontiert sein soll lese, verkommen mir diese Gedanken.

    Ich persönlich bin seit dem ich denken kann damit Beschäftigt Menschen Dinge, im Beruflichen Alltag, oder die uns immer wieder Begegnen zu Erklären. Aus meiner persönlichen Sicht ist dies nur Möglich wenn ich Persönliche Gespräche mit diesen Personen führe.

    Gruppengespräche. Dafür bin ich nicht geschaffen !

    Begründung: " Jeder einzelne Mensch hat seine Eigene Auffassung von Dingen und Geschehnissen".

    Ich rede hier nicht über Gesellschaftliche Ereignisse wie ein Fußballspiel sondern um Elementare persönliche Wahrnehmungen und Erfahrungen eines jeden einzelnen.

    Vielleicht habe ich mich mit der Auswahl dieser Seite vergriffen, denn ich bin lediglich jemand der diese Welt so kennen gelernt hat und sobald ich irgendwelche Hintergründe Fundamental für mich kennen und akzeptieren kann, gebe ich diese unter Berücksichtigung der jeweiligen Persönlichkeit gerne weiter.

    Diese Einstellung ist nicht immer gern gesehen und erzeugt Mistrauen bei Personen die etwas mehr als nur einen Ratschlag oder eine verschiedene Meinung gesucht haben.

    Zum Punkt und letztendlich zu meinem Problem: 'Ich mag das Wort "Partnerschaft" nur in Bezug auf einer emotionalen Ebene...wobei ich persönlich diese auf zwei Menschen bzw. einen anderen Menschen Begrenzen möchte".

    "Das wiederum hat nichts mit irgendwelchen anderen, Gesellschaftlichen; Beruflichen Partnerschaften zu tun".

    "Es ist nicht wirklich einfach Menschen in unserer Heutigen Zeit unter Berücksichtigung von persönlichen Erfahrungen, Schicksalen usw. etwas zu Erklären ohne deren tiefe Zuneigung zu erlangen".

    Wenn ich in solchen Gesprächen "gefangen" werde, geht es früher oder später um sehr persönliche Dinge die Aufklärungen mit sich bringen. Weil ich sehr stabil und direkt bin wenn es um meine Persönlichkeit geht, sehe ich leider niemals die Erkenntnis oder Früchte dieser Personen.

    Bitte verstehen sie das ich weder eine Spezielle Ausbildung, geschweige denn irgendeine Richtung von Studium, anders als normale Lebenseinsichten, genossen habe.

    Ich Bitte um Kommentare und diferenziere persönlich auch hier zwischen "Intelligenz und Dummheit". Also keine Sorge :)

  20. Honoro Antworten | Permalink

    Zukunft

    Sehr schöne Aufarbeitung eines heiklen Themas. Wer recht behält, wird sich erst in mittelfristiger Zukunft zeigen.

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