„Ufo-Alarm“? – Ein Raketenexperiment macht Wirbel

Für Aufregung sorgte gestern abend ein ungewöhnliches Himmelsereignis: Gegen 21:20 MESZ beobachteten zahllose Menschen mehrere seltsam leuchtende Wolken, die sich innerhalb weniger Minuten am Himmel ausbreiteten. Viele mutmaßten, es könne sich um helle Meteore, einen Kometen, Weltraumschrott oder gar um Ufos handeln – doch die richtige Erklärung ist eine andere!

Die ersten Beobachtungmeldungen gingen bereits wenige Minuten später in diversen Internetforen ein. Recht ähnlich lauten die Beschreibungen der Augenzeugen: Gegen 21:20 Uhr MESZ erschien demnach zunächst ein leuchtender Lichtpunkt  am westlichen Himmel, der sich mit der typischen Geschwindigkeit eines erdnahen Satelliten Richtung Norden bewegte. Kurz dahinter zeigte sich eine "neblige Struktur", die manche Beobachter als ein "verglühendes Teil" interpretierten. Hinter diesem wiederum tauchte eine weitere neblige, als trichterförmig oder auch "kometenartig" beschriebene Struktur, die der ersten in einem Abstand von mindestens 30° folgte.

Besonders beindruckend aber war wohl eine gewaltige, haloartige Wolkenerscheinung, die die kometenförmige Struktur umgab und den Berichten zufolge fast die Hälfte des Himmels bedeckte. Die Erscheinung dauerte nicht sehr lange – nach etwa 15 Minuten verblassten die Wolken und lösten sich auf, während sie zum Nordhorizont wanderten. 

Berichte zu diesem ungewöhnlichen Phänomen gibt es u. a. im Astrotreff-Forum, bei astronomie.de und natürlich im Forum des Arbeitskreises Meteore e. V. Hier, im meteoros-Forum, tauchten schon bald die ersten Bilder der Erscheinung auf. Besonders die hier gezeigte Bildserie illustriert das Phänomen sehr deutlich. (Edit: Diese hier auch – Gif-Animation ganz unten auf der Seite!)

Die Augenzeugenberichte und Fotos machten schnell deutlich, dass es sich weder um einen hellen Meteor (wie erst kürzlich mehrfach beobachtet) noch um einen Kometen handeln kann. Meteore sind verglühende Staubkörnchen in der Erdatmosphäre, die als Sternschnuppe kurzzeitig aufleuchten. Selbst wenn größere Brocken auf die Lufthülle der Erde treffen, so ist die Leuchterscheinung zwar viel beeindruckender (man spricht von Boliden oder Feuerkugeln), die Erscheinung ist aber in wenigen Sekunden vorüber. 

Ein Komet ist ein meist kilometergroßer Eis-und Felsbrocken, der das Sonnensystem durchquert und in der Nähe der Sonne "aufschmilzt" und als Schweifstern sichtbar wird. Obwohl Kometen relativ unvermutet auftreten können, tauchen sie dennoch nicht aus dem Nichts auf. Sie werden oft schon Monate oder Jahre vor ihrem Erscheinen am irdischen Nachthimmel entdeckt. Auch befinden sie sich weit von der Erde weg – viele Millionen Kilometer – so dass ihre Bewegung sehr langsam im Vergleich zu einem Meteor (der sich ja nur wenige Kilometer über und befindet) erscheint. Kometen sind meist tage- oder wochenlang zu sehen, also wesentlich länger als die Erscheinung von gestern abend.

Die Erklärung ist profaner: Am 18. Oktober um 18:12 MESZ hob von einer Militärbasis in Kalifornien eine Atlas-V-Rakete mit einem militärischen Wettersatelliten (DMSP F18) ab. Es handelte sich übrigens um den 600. Start einer Atlas-Rakete, einem "Arbeitspferd" der US-amerikanischen Raumfahrt. Nachdem die Rakete ihre Nutzlast in einen polaren Orbit verbracht hatte, blieb noch genügend Treibstoff an Bord, um einige weitere Test mit der verbleibenden Centaur-Raketenstufe durchzuführen. 

Der Höhepunkt dieser Experimente war ein letztes Zünden der Triebwerke, ziemlich genau drei Stunden nach dem Start – also zeitgleich mit dem Auftreten des Himmelsphänomens. Des Rätsels Lösung wurde ebenfalls schon kurz nach dem Eintreffen der ersten Meldungen über das Internet verbreitet: Es handelte sich bei den beobachteten Wolken um Raketenabgase von verbranntem Hydrazin, die freigesetzt wurden, als die Triebwerke noch einmal für 3 Minuten und 40 Sekunden eingeschaltet wurden und die Rakete von der Erde fort beschleunigten.

Edit: Auf dieser Karte der Raketenflugbahn (Quelle: United Launch Alliance) erkennt man deutlich, dass das Zünden des Triebwerks ("Disposal Burn", grüne Markierung) über Nordafrika startete und über Frankreich endete. Somit befand sich Westeuropa tatsächlich in einer Logenposition für die Beobachtung!  

 

Ein solches Manöver ist in der Tat ungewöhnlich. Häufig werden die ausgebrannten Raketenstufen zum kontrollierten Absturz in den Pazifik gelenkt. Dieses Mal wollten die Raumfahrtingenieure aber das Experiment am Himmel mitverfolgen, weswegen sie die Rakete immer höher steigen ließen und so für ein abendliches Spektakel sorgten. Schade nur, dass es keine Ankündigung gab. Ich hätte mich sonst mit meiner Kamera in Position gestellt…    

Mit dem Astronomievirus infiziert wurde ich Mitte der achtziger Jahre, als ich als 8-Jähriger die Illustrationen der Planeten auf den ersten Seiten eines Weltatlas stundenlang betrachtete. Spätestens 1986, als ich den Kometen Halley im Teleskop der Sternwarte Aachen sah (nicht mehr als ein diffuses Fleckchen, aber immerhin) war es um mich geschehen. Es folgte der klassische Weg eines Amateurastronomen: immer größere Teleskope, Experimente in der Astrofotografie (zuerst analog, dann digital) und später Reisen in alle Welt zu Sonnenfinsternissen, Meteorschauern oder Kometen. Visuelle Beobachtung, Fotografie, Videoastronomie oder Teleskopselbstbau – das sind Themen die mich beschäftigten und weiter beschäftigen. Aber auch die Vermittlung von astronomischen Inhalten macht mir großen Spaß. Nach meinem Abitur nahm ich ein Physikstudium auf, das ich mit einer Diplomarbeit über ein Weltraumexperiment zur Messung der kosmischen Strahlung abschloss. Trotz aller Theorie und Technik ist es nach wie vor das Erlebnis einer perfekten Nacht unter dem Sternenhimmel, das für mich die Faszination an der Astronomie ausmacht. Die Abgeschiedenheit in der Natur, die Geräusche und Gerüche, die Kälte, die durch Nichts vergleichbare Schönheit des Kosmos, dessen Teil wir sind – eigentlich braucht man für das alles kein Teleskop und keine Kamera. Eines meiner ersten Bücher war „Die Sterne“ von Heinz Haber. Das erste Kapitel hieß „Lichter am Himmel“ – daher angelehnt ist der Name meines Blogs. Hier möchte ich erzählen, was mich astronomisch umtreibt, eigene Projekte und Reisen vorstellen, über Themen schreiben, die ich wichtig finde. Die „Himmelslichter“ sind aber nicht immer extraterrestrischen Ursprungs, auch in unserer Erdatmosphäre entstehen interessante Phänomene. Mein Blog beschäftigt sich auch mit ihnen – eben mit „allem, was am Himmel passiert“. jan [punkt] hattenbach [ät] gmx [Punkt] de Alle eigenen Texte und Bilder, die in diesem Blog veröffentlicht werden, unterliegen der CreativeCommons-Lizenz CC BY-NC-SA 4.0.

10 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. „Wolke“ bei Jupiter

    Hallo Jan,
    ich habe diese „Wolke“ gestern Nacht auf der Autobahn auf der Fahrt nach München auch gesehen. War total unwirklich, da sonst keine Wolken am Himmel waren. Erscheinung ähnelte einem sehr hellen Kometen, war aber zu schnell dafür.
    Beeindruckend! Hätte es auch gut gefunden, wenn es eine Ankündigung gegeben hätte. War jedenfalls bedeutend eindrucksvoller als der von der Nasa so gehypte Einschlag auf dem Mond.
    Grüße,
    Stephan

  2. Du Glücklicher! Ich habe mich gerade für einen Beobachtungsabend vorbereitet, da aber Wolken aufzogen, bin ich erst mal in der Wohnung geblieben. Erst als alles vorbei war, hab ich dann noch mal ins Internet geschaut….

    Ich habe gerade den Groudtrack der Rakete gefunden (s.o.). Man hätte das wirklich alles vorher wissen können! Schade, das keiner der Raumfahrtexperten etwas im Vorfeld verbreitet hat!

  3. Also Leute, da habt ihr echt was verpaßt.^^
    Meine Tochter (12) kam sofort auf die Idee das es eine Rakete ist, ich war aber der Meinung das es die ISS sein wird. Als das Spektakel dann im Norden verschwunden war, schaute ich im Netz nach und mußte feststellen das die ISS zu der Zeit in Südamerika war. Da kommt man dann doch ins Grübeln was das gewesen sein könnte.

  4. Dank astrotreff-Forum habe ich erfahren, dass es eine Satellitenbeobachter-Mailingliste gibt, deren Archiv man hier abrufen kann: http://satobs.org/seesat/index.html

    Die Sichtbarkeit des Experiments wurde hier immerhin zwei Tage vorher angekündigt (http://satobs.org/seesat/Oct-2009/0079.html), und auch für zukünftige Ereignisse dieser Art lohnt sich ein Bilck hierher. Allerdings braucht es schon einigen Aufwand, um die Vielzahl der Postings auf die wirklich spannenden Ereignisse zu filtern…

  5. heavenly circle

    Hi Jan… We saw this too, we were up in the Uckermark north of Berlin where there are only apples by day, and stars by night, and it sure was spooky! How could the „gewaltige, haloartige Wolkenerscheinung, die die kometenförmige Struktur umgab und den Berichten zufolge fast die Hälfte des Himmels bedeckte“ be caused by fuel? This halo was a monster, reminded me of rings around the moon. How could there be that much fuel? Why was it in a halo form? Why wasn’t it covered in the mainstream media?

  6. @K Cote

    I regret I did nod see these displays myself, I also can only guess how they were generated in detail. From my point of view, the halo might have resulted from the disposed fuel as follows:

    Once the fuel is released, it expands in all directions, formig a more or less spherical „bubble“ which when seen from one side, appears to be a halo, because the optical depth of the molecules is highest on the edges of the bubble. (The bubble gets illumiated by sunlight and is therefore visible.)

    This bubble must have expanded to a large degree quite quickly, since the time between the disposal and the appearance of the halo was no more than 15 minutes.

    If one knows about the altitude of the rocket-stage at the time of the release, it should be easy to calculate the real dimensions of the bubble/halo by taking into account its apparent angular size.

    „there are only apples by day, and stars by night“ – I liked that 🙂

  7. the media…

    The fact that the incident received so few attention of the media (or none at all?) is indeed striking. Every bright meteor gets covered…;-) Maybe they should read more blogs!

  8. bubble

    Thanks Jan. „Fuel expanding in all directions…“ is absolutely 2001 Space Odyssey. That would have been cool to see. Mainstream media missing this should tell us something, but I dunno what.

  9. Wolke zog weiter

    Nun weiß ich, was ich gesehen habe: trichterförmige Raketenabgase um Position 53.9000°N, 11.4670°E. Das Leuchten war schon vorbei, der Kopf war noch rund und um 70° vom Jupiter weg. Die Fortbewegung der Wolke war mit scheinbar mittlerer Wolkengeschwindigkeit in Richtung NNW vergleichbar. Der Himmel war sonst klar.
    Die Beobachtung war zufällig vom Balkon aus mit vergleichsweise wenig störendem Licht. Vom Boden aus war eine weitere Verfolgung wegen Lichtverschmutzung nicht mehr möglich.

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