Schüler trifft Meteorit!

Eigentlich wollte ich zu diesem Thema gar nichts schreiben. Eine Ente sollte man nicht noch zusätzlich befeuern, indem man sich mit ihr beschäftigt. Nun, da die Geschichte von dem Jungen, der von einem Meteoriten getroffen worden sein will, aber immer weitere Kreise zieht, ist es aber nötig einmal ganz deutlich sagen: Der Schüler aus Essen hat wohl einen schönen Schmarrn erzählt.

Es scheint vor allem ein Paradebeispiel für Billigjournalismus zu sein: Ein 14jähriger Schüler behauptet, auf dem Weg zur Schule ein helles Licht gesehen und daraufhin einen Schmerz in der Hand gespürt zu haben. Dann sei ein Meteorit unmittelbar vor ihm in den Asphalt eingeschlagen und habe einen kleinen Krater produziert. Dazu präsentiert uns der Schüler ein Steinchen von wenigen Millimetern Durchmesser. Achso: Außerdem gehe er mit seinen 14 Jahren bereits in die 11. Klasse.

Ein Journalist mit ein wenig Bauchgefühl hätte die Story mal jemandem vorgelegt, der sich damit auskennt, mit Meteoriten meine ich. Das Ganze macht nämlich einen gelinde gesagt sehr seltsamen Eindruck. Gut – völlig ausschließen kann man es nicht, dass jemand von einem Meteoriten getroffen wird. Aber ein etwa 2 Gramm schweres Steinchen soll eine Schülerhand streifen und einen Krater schlagen? Völliger Unsinn.

Bei der WAZ geht es offenbar nicht so sehr um wahrheitsgetreue Berichterstattung sondern eher um die "gute Story". Nur so lässt sich erklären, warum man dort die Geschichte einfach so veröffentlichte. Nachdem die WAZler die Kommentare unter dem Artikel studiert hatten (ein Hoch auf das Web 2.0), haben sie ihn scheinbar verschämt wieder offline genommen. Dummerweise hatte sich das Märchen da schon im Web verselbstständigt. So wird es nun im (vorzugsweise englischsprachigen) Internet weitererzählt. Herzlichen Glückwunsch!

Dass es "drüben" in US und UK auch nicht besser zugeht, zeigt die miserable Übersetzung von Ansgar Kortes Stellungnahme. Dieser Text ist übrigens noch erreichbar, die WAZ tut auch gut daran, ihn zumindest nicht offline zu nehmen. Aus "Ist es tatsächlich ein echter Meteorit,…" wurde mal eben so "It is a real meteorite….", kann ja passieren. Es ist eine Schande für die schreibende Zunft, dass jemand wie Korte von der Walter-Hohmann-Sternwarte durch solch einen Pfusch ins Zwielicht gerät!

An schlechten Journalismus hat man sich ja mittlerweile gewöhnt wie an schlechtes Wetter, aber geht es bitte ein klein bisschen niveauvoller?

PS: Ich spare mir Links zu den vielen Artikelchen, einfach mal "Meteorit Essen" in eine Suchmaschine eingeben tut es auch! Dieser hier ist allerdings lesenswert: Phil Plait auf Badastronomy.com erklärt, was so alles merkwürdig an diesem Fall ist.

Update, 16.6., 17:00 Uhr: Nach einem Gespräch mit dem Verfasser des ursprünglichen WAZ-Artikels ist noch etwas hinzuzufügen: 1. Der Artikel ist nicht, wie vermutet, offline gegangen, weil sich die Geschichte als falsch heraus gestellt hätte. Warum sie nicht mehr lesbar ist, konnte man mir aber auch nicht genau sagen. 2. Der fragliche Stein wird zur Zeit untersucht. Es wird sich also zeigen, ob es sich um einen echten Meteoriten handelt oder nicht. 3. Die Geschichte, wie sie im ursprünglichen Artikel stand, wurde jedenfalls von dem Jungen so vorgetragen, und er sei dabei auch glaubhaft gewesen. 

Update 2, 17.6., 11:00 Uhr: Eine weitere Info habe ich noch, sie betrifft den angeblichen Krater. Dabei soll es sich um das runde "Loch"(?) im Asphalt handeln, das auf einigen Bildern zu sehen ist.

Die Zweifel bleiben bestehen. Es wird sich, so hoffe ich, in Kürze herausstellen, wer hier falsch liegt…

Jan Hattenbach

Mit dem Astronomievirus infiziert wurde ich Mitte der achtziger Jahre, als ich als 8-Jähriger die Illustrationen der Planeten auf den ersten Seiten eines Weltatlas stundenlang betrachtete. Spätestens 1986, als ich den Kometen Halley im Teleskop der Sternwarte Aachen sah (nicht mehr als ein diffuses Fleckchen, aber immerhin) war es um mich geschehen. Es folgte der klassische Weg eines Amateurastronomen: immer größere Teleskope, Experimente in der Astrofotografie (zuerst analog, dann digital) und später Reisen in alle Welt zu Sonnenfinsternissen, Meteorschauern oder Kometen. Visuelle Beobachtung, Fotografie, Videoastronomie oder Teleskopselbstbau – das sind Themen die mich beschäftigten und weiter beschäftigen. Aber auch die Vermittlung von astronomischen Inhalten macht mir großen Spaß. Nach meinem Abitur nahm ich ein Physikstudium auf, das ich mit einer Diplomarbeit über ein Weltraumexperiment zur Messung der kosmischen Strahlung abschloss. Trotz aller Theorie und Technik ist es nach wie vor das Erlebnis einer perfekten Nacht unter dem Sternenhimmel, das für mich die Faszination an der Astronomie ausmacht. Die Abgeschiedenheit in der Natur, die Geräusche und Gerüche, die Kälte, die durch Nichts vergleichbare Schönheit des Kosmos, dessen Teil wir sind – eigentlich braucht man für das alles kein Teleskop und keine Kamera. Eines meiner ersten Bücher war „Die Sterne“ von Heinz Haber. Das erste Kapitel hieß „Lichter am Himmel“ – daher angelehnt ist der Name meines Blogs. Hier möchte ich erzählen, was mich astronomisch umtreibt, eigene Projekte und Reisen vorstellen, über Themen schreiben, die ich wichtig finde. Die „Himmelslichter“ sind aber nicht immer extraterrestrischen Ursprungs, auch in unserer Erdatmosphäre entstehen interessante Phänomene. Mein Blog beschäftigt sich auch mit ihnen – eben mit „allem, was am Himmel passiert“. jan [punkt] hattenbach [ät] gmx [Punkt] de Alle eigenen Texte und Bilder, die in diesem Blog veröffentlicht werden, unterliegen der CreativeCommons-Lizenz CC BY-NC-SA 4.0.

9 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Gartenlaube

    🙂 Ja, die Gartenlaube ist schon so etwas wie ein Klassiker unter den Meteoritenfakes. Schade, dass die Sternwarte Bochum bei dieser Gelegenheit verpasst hat, klarzustellen, dass ein Meteorit eben nicht „glühendheiß“ auf den Erdboden fällt. Die letzten Kilometer auf dem Weg zum Boden legt ein Meteorit im Dunkelflug zurück und ist daher bestenfalls noch handwarm. Ein Feuer kann er nicht mehr auslösen.

    Hier liegt die Schuld nicht so sehr bei den Journalisten, die sich ja um eine fachkundige Meinung bemüht haben. Leider haben sie keine bekommen.

    Letzten Monat hatten wir in der Sternwarte Aachen einen ähnlichen Fall. Ein Reporter meldete sich, er habe einen Zeugen, dem ein Meteorit in den Garten gefallen sein soll und präsentierte auch Bilder dazu. Der Stein sah einem Meteoriten nicht wirklich ähnlich, eher einem Flusskiesel. Auch gab es mWn keine weiteren Zeugen, die einen Meteoritenabsturz bemerkt hätten. So etwas muss normalerweise vielen Leuten auffallen, v.a. die Leuchterscheinung und die Geräuschentwicklung.

    Natürlich kann man mit den Bildern allein keine endgültige Diagnose stellen, aber nach ein paar aufklärenden Fakten zu Meteoriten und dem Rat, den Stein fachkundig untersuchen zu lassen, bevor man eine Geschichte draus macht, war dann Funkstille. Ob es dem Zeugen dann doch nicht so wichtig war? Es kann ja sein, dass ihm der Stein in den Garten geflogen ist. Aber wäre da nicht eine näher liegende Erklärung (Jungenstreich etc.) wahrscheinlicher?

    Jedenfalls hat sich der Reporter vernünftig verhalten, wer weiss also, wie groß die Dunkelziffer von vermeintlichen Meteoritenfällen ist?

  2. Was die WAZ damals schrieb

    Von dem „verschwundenen“ WAZ-Artikel gibt es noch Kopien im Netz, z.B. hier. Der Korte-Kasten hatte übrigens von Anfang an dazu gehört, wie auch dem Datums-Tag 9.6. zu entnehmen ist.

  3. Gekaufter Meteorit

    >2. Der fragliche Stein wird zur Zeit untersucht. Es wird sich also zeigen, ob es sich um einen echten Meteoriten handelt oder nicht.<

    Das beweist nichts. Meteoriten kann man kaufen.

    http://stores.shop.ebay.de/…nladen__W0QQ_armrsZ1

  4. Re Gekaufter Meteorit & Aachen…

    Salü Guido,

    im Zweifelsfalle ließe sich leicht feststellen, ob es sich um einen neuen Fall oder ein gekauftes Stück handelt.

    Meteorite sind im Weltraum harter Strahlung ausgesetzt – dem Sonnenwind und der kosmischen Strahlung.
    Dadurch entstehen in ihnen eine reihe besonderer Isotope, auch kurzlebige mit Halbwertszeiten von wenigen Tagen und Wochen.
    Diese und ihre Zerfallsprodukte kann man messen.

    Fällt nun ein Meteorit auf die Erde, so wird er durch die Atmosphäre und das Erdmagnetfeld vom Sonnenwind und der kosmischen Strahlung abgeschirmt.

    Der Nachschub an kurzlebigen Isotopen sozusagen bricht ab, sie zerfallen.

    Man kann also damit messen, ob es ein neuer Fall oder ein alter Fund ist.

    In der Regel wird das aber auch nicht nötig sein, ein Spezialist wird bei einem älteren Stück anhand der Oxidation und des Verwitterungszustandes mit einem Blick festellen können, daß es kein neuer Fall ist.

    Jan – zu Aachen denk Dir nichts.
    Als professioneller Meteoritenhändler erreichen mich im Jahr immer mehr als 100 Berichte/Photos/Stücke vermeintlicher Meteoritenfunde oder -fälle aus dem deutschsprachigen Raum,
    teilweise garniert mit den abenteuerlichsten Geschichten.
    Bislang war in all den Jahren nicht ein einziger echter Meteorit dabei
    (ausser einem alten gereinigten Campo de Cielo – das ist der billigste Meteorit, den es gibt, den mir einer als selbstbeobachteten neuen Fall unterjubeln wollte).

    Beste Grüße,
    Martin Altmann

  5. Re Re Gekaufter Meteorit

    Vielen Dank, Martin, für die sehr aufschlussreiche Information.

    Ich kann mir übrigens nicht vorstellen, dass der Meteorit weder tief und fest im Asphalt gesteckt haben noch abgeprallt und weit weg gesprungen sein soll, sondern nach diesem Impact im eigenen Krater lose herumliegt.
    Auch habe ich mich gefragt, welche Kosten wohl auf den Jungen bzw. seine Eltern zukommen würden, wenn sich herausstellen sollte, dass die Geschichte erfunden ist.

    lG

  6. Schüler trifft Meteorit

    Da ich vor kurzem von der renommierten FAZ zum Astrologen befördert wurde und damit schlechten Journalismus am eigenen Leibe erfahren habe, hier noch ein kurzes Schmankerl zum Meteoritentreffer. Das HR-Fernsehen hatte mich für das Boulevardmagazin Maintower um ein Statement zu der Sache gebeten. Die Frage , ob ein Mensch von einem Meteoriten getroffen werden könnte, beantwortete ich mit dem hier jedem vertrauten „Ja, aber…“. Von dem Interview, in dem ich gesagt habe, dass die ganze Story sich für mich sehr dubios anhört und das ich sie bis zum Beweis des Gegenteils nicht glaube, wurde allerdings nur das „Ja“ gesendet, bereits beim „aber… passte die Aussage nicht mehr in die Tendenz des Beitrags. So kann man auch Nachrichten produzieren, mir war es jedenfalls eine Lehre.

  7. Krater, Knall&Blitz – alles nur ein Witz

    Salü,

    genau. Um ein solches Loch von 30cm zu erzeugen, hätte es eines Meteoriten von mehreren kg bedurft und eines weicheren Untergrundes.

    Es ist völlig ausgeschlossen, daß ein Meteorid, bei dem so ein kleines Steinchen übrigbleibt, ein solches Loch schlägt.

    Denn grob übern Daumen, alles was mit einer Masse kleiner als 100 Tonnen auf die Atmosphäre auftrifft, wird von dieser praktisch auf Null abgebremst und geht je nach Anfangsgeschwindigkeit und Einfallwinkel in ein paar km in freien Fall über, sodaß solch eine Erbse max. mit 200-300km/h auf dem Boden auftrifft und die kinetische Energie viel zu gering ist, um nennenswerten Schaden, Löcher oder gar Narben zu verursachen.

    Wie auch die anderen Behauptungen des Schülers unstimmig sind.
    So will er ja einen Lichtkegel gesehen haben. Das Plasmaleuchten solch eines Meteoriten endet in mehreren km Höhe und so dann fliegt der Meteorit noch eine ganze Weile im Dunkeln weiter.
    So z.B. vor 7 Jahren beim Neuschwansteinfall. Da endete die Leuchterscheinung über Garmisch, letztendlich runtergekommen sind die Steine dann viele Dutzende km entfernt bei Füssen im Allgäu.
    Der Junge kann also gar keinen Lichtkegel gesehen haben.

    Auch kann er keinen Knall vernommen haben zusammen mit dem Fall.
    Den die Knälle bei Meteoritenfälle entstehen dadurch, daß die Steine auf Unterschallgeschwindigkeit abgebremst werden, was ebenfalls in etlichen km Höhe geschieht – sodaß die Lauterscheinungen bei einem Meteoritenfall dem tatsächlichen Fall immer eine geraume Weile vorausgehen.

    Daß das Steinlein geglüht haben soll, sodaß er es mit seinem Eistee kühlen mußte, ist auch Humbug. Es gibt bei den bislang 1200 beobachteten Fällen keinen einzigen gesicherten Bericht, daß ein Meteorit nach dem Fall heiß gewesen wäre, wohl aber gibt es Berichte nach denen sich Steine direkt nach dem Fall durch die Luftfeuchtigkeit mit einer dünnen Eisschicht überzogen haben, da sie im wesentlichen im Innern die Temperatur beibehalten, die sie im Weltraum in Erdnähe gehabt haben. Beim Flug selber wird das meiste Material eines Meteoriten direkt vergast, da schmilzt also nix – die Flugphase, in der er die richtige Geschwindigkeit besitzt um anzuschmelzen ist nur sehr kurz, sodaß die Schmelzkrusten bei Meteoriten in der Regel fingernageldünn sind, danach wird der Meteorit im Fluge durch die Temperaturen in eisigen Höhen und durch den „Fahrtwind“ gekühlt.

    Also alles in allem hat jener Schüler als Zutaten die typischen volkstümlichen aber gleichfalls irrigen Vorstellungen über Meteoritenfällen als Zutaten für sein Märlein verwendet, weswegen es ja auch so leicht zu entlarven ist.

    Und wenn ich lese, was für ein Glück er gehabt haben solle, da die Chancen einen solchen Treffer zu überleben bei 1:1 Million lägen….

    Gibt drei gesicherte Fälle bei denen ein Meteoriten einen Menschen getroffen hat:

    1954 in Sylacauga, Alabama, USA erlitt eine Frau einen Bluterguss, als ein 11-Pfund schwerer Stein das Dach ihres Hauses durchlug, ein Radiogerät zertrümmerte und von diesem auf ihren Bauch sprang.

    1981 beim Meteoritenfall von Chiang Khan in Thailand wurde ein Fischer in seinem Boot auf dem Mekong von einem Stein getroffen. Er erlitt keinerlei Blessuren.

    Und der letzte Menschentreffer ereignete sich 1992 beim Steinschauer von Mbale in Uganda. Da fiel einem Jungen ein Steinchen, etwas größer als Gerrits Erbse, direkt auf den Kopf.
    Er trug eine kleine Beule davon.

    Empirisch gesehen liegt also die Wahrscheinlichkeit, einen solchgearteten Treffer zu überleben bei 3:0
    und es sterben jährlich sicherlich viel mehr Menschen dadurch, daß ihnen eine Kokusnuß, ein Blumentopf oder ein Konzertflügel auf den Kopf fällt.

    Beste Grüße,
    Martin

  8. Da war doch schon mal was ….

    Vor etwa einem Jahr war doch schon mal ein großer Presserummel um einen damals 13-jährigen Schüler und „Geschossen aus dem All“ in jenem Fall Asteroiden.

    Auch hier wurde das diskutiert:
    http://www.kosmologs.de/…cht-besser-als-die-nasa

    Als ich nun, ein Jahr später, diese neue Geschichte las und sah, dass der betreffende Schüler diesmal 14 Jahre alt ist, stieg in mir ein übler Verdacht auf … der sich jedoch bei weiterer Recherche nicht bestätigte.

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