Belgien schaltet Autobahnbeleuchtung ab

Teuer, nutzlos, schädlich: das ist die belgische Autobahnbeleuchtung. Und gefährlich. Dass solche Sätze von erklärten Lichtverschmutzungsgegnern kommen, ist wenig überraschend. Dass sich auch die zuständigen Behörden im Nachbarland dieser Erkenntnis annähern, schon eher: Von diesem Wochenende an wird der größte Teil der Autobahnbeleuchtung im flämischen Teil des Königreichs dauerhaft abgeschaltet.

Belgien ist eines der wenigen Länder (vielleicht das Land überhaupt), dass sich eine nahezu durchgehende Beleuchtung seiner Schnellstraßen leistet. Als vor einigen Jahren auch das Teilstück der E40 zwischen Lüttich und Aachen mit Dauerlicht beglückt wurde, konnte man die Bescherung auch im mehr als 20 Kilometer entfernten Eifelstädtchen Monschau bewundern: eine merkliche Zunahme der Himmelshelligkeit. Die fast einstündige Fahrt in die Eifel muss ich auf mich nehmen, wenn ich überhaupt noch einigermaßen dunkle Nacht erleben will.

Dabei ist der Nutzen der Autobahnbeleuchtung seit Jahren umstritten. Ursprünglich eingeführt, um die hohe Zahl an Nachtunfällen zu reduzieren, führte das gelb-grelle Licht erstaunlicherweise zu einem gegenteiligen Effekt: Die Unfälle bei Nacht nahmen nicht ab, sondern sogar eher zu. Eine Studie aus der Wallonie führt dies auf ein bemerkenswert-typisches menschliches Verhalten zurück. Zwar verbessere die Beleuchtung die Sicht bei Nacht, dies jedoch verleite viele Autofahrer zu einem Gefühl falscher Sicherheit – und führe demzufolge zu höheren Geschwindigkeiten und unvorsichtigerem Verhalten als bei unbeleuchteten Straßen. Auch seien die Lampen selbst ein Sicherheitsrisiko, genauer die Lampenmasten. Diese waren für eine ganze Reihe schwerer Unfälle verantwortlich, denn der Aufprall gegen einen massiven Lampenmast hat meist bittere Folgen.

Die fragwürdige Sicherheitsmaßnahme "Autobahnbeleuchtung" ließ sich der belgische Staat dennoch jahrzehntelang viel Geld kosten – Geld, das in heutiger Zeit nicht mehr so locker sitzt. So begann Flandern bereits vor rund zehn Jahren mit der Abschaltung einiger Streckenabschnitte zwischen 0:30 Uhr und 5:30 Uhr. In der zweiten Nachthälfte, vielleicht um den sicherheitsbesorgten Wutbürger nicht zu wecken.  Die Wallonie folgte kurz später diesem Beispiel.

Die nun angekündigte permanente Abschaltung großer Teile der Beleuchtung geht noch einen entscheidenden Schritt weiter. Zwar gibt es Ausnahmen, etwa die Ringautobahnen von Brüssel oder Antwerpen, sowie Zubringer und Streckenabschnitte mit einer besonders hohen Dichte von Zu- und Abfahrten. Auch soll ein Teil des Netzes bei "Bedarf" wieder eingeschaltet werden können. Die Maßnahme soll alleine in Flandern dennoch Einsparungen in Höhe von rund zwei Millionen Euro pro Jahr bringen.

Positiver Nebeneffekt: Dem immer mal wieder aufkommenden Wunsch nach Autobahnbeleuchtung in anderen Ländern wird durch diese Entwicklung gehörig der Wind aus den Segeln genommen. Und der Nachthimmel darf wieder ein kleines Stückchen dunkler sein.

Ich danke Friedel Pas (IDA Europe) für die Informationen zu mehreren nur auf Flämisch oder Französisch erhältlichen Studien, die sich mit dem Einfluss der Straßenbeleuchtung auf die Verkehrssicherheit befassen. Einen Auszug auf der erwähnten wallonischen Studie gibt es hier (evtl. trage ich den Link zur kompletten Version nach).

In der niederländischen Provinz Gelderland wurde der Nutzen von verschiedenen Maßnahmen zur Verbesserung der Verkehrssicherheit in einer fünfjährigen Studie untersucht. Dabei wurde die Zahl der Unfälle, gewichtet nach der Schwere, aus den drei Jahren vor Installation der jeweiligen Maßnahmen mit der Zahl aus den zwei Jahren danach verglichen. Ergebnis: Die teuerste Maßnahme sorgte für eine Erhöhung der Unfallzahlen: die Straßenbeleuchtung. So nahmen die Unfälle auf einem 14 Kilometer langen Streckenabschnitt nachts (zwischen 24:00 Uhr und 6:00 Uhr) um 57% zu – am Tage nur um 8%. Gleichzeitig schlug die Installation der Beleuchtung mit 50000 Euro pro 100 Meter Strecke zu Buche – ohne Strom- und Wartungskosten..

Schließlich führte eine probeweise Abschaltung der Beleuchtung eines Streckenabschnitts bei Paris zu einem deutlichen Rückgang der Unfallzahlen, so dass dort nun mehr und mehr Schnellstraßenbeleuchtungen abgeschaltet werden sollen. Mehr dazu hier und hier, sowie kurz, aber englisch: hier.

Jan Hattenbach

Mit dem Astronomievirus infiziert wurde ich Mitte der achtziger Jahre, als ich als 8-Jähriger die Illustrationen der Planeten auf den ersten Seiten eines Weltatlas stundenlang betrachtete. Spätestens 1986, als ich den Kometen Halley im Teleskop der Sternwarte Aachen sah (nicht mehr als ein diffuses Fleckchen, aber immerhin) war es um mich geschehen. Es folgte der klassische Weg eines Amateurastronomen: immer größere Teleskope, Experimente in der Astrofotografie (zuerst analog, dann digital) und später Reisen in alle Welt zu Sonnenfinsternissen, Meteorschauern oder Kometen. Visuelle Beobachtung, Fotografie, Videoastronomie oder Teleskopselbstbau – das sind Themen die mich beschäftigten und weiter beschäftigen. Aber auch die Vermittlung von astronomischen Inhalten macht mir großen Spaß. Nach meinem Abitur nahm ich ein Physikstudium auf, das ich mit einer Diplomarbeit über ein Weltraumexperiment zur Messung der kosmischen Strahlung abschloss. Trotz aller Theorie und Technik ist es nach wie vor das Erlebnis einer perfekten Nacht unter dem Sternenhimmel, das für mich die Faszination an der Astronomie ausmacht. Die Abgeschiedenheit in der Natur, die Geräusche und Gerüche, die Kälte, die durch Nichts vergleichbare Schönheit des Kosmos, dessen Teil wir sind – eigentlich braucht man für das alles kein Teleskop und keine Kamera. Eines meiner ersten Bücher war „Die Sterne“ von Heinz Haber. Das erste Kapitel hieß „Lichter am Himmel“ – daher angelehnt ist der Name meines Blogs. Hier möchte ich erzählen, was mich astronomisch umtreibt, eigene Projekte und Reisen vorstellen, über Themen schreiben, die ich wichtig finde. Die „Himmelslichter“ sind aber nicht immer extraterrestrischen Ursprungs, auch in unserer Erdatmosphäre entstehen interessante Phänomene. Mein Blog beschäftigt sich auch mit ihnen – eben mit „allem, was am Himmel passiert“. jan [punkt] hattenbach [ät] gmx [Punkt] de Alle eigenen Texte und Bilder, die in diesem Blog veröffentlicht werden, unterliegen der CreativeCommons-Lizenz CC BY-NC-SA 4.0.

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Zerhacker oder Chopper

    Man könnte zum Beispiel nur bei der positiven Halbwelle des Wechselstroms die Strassen und die Gebäude beleuchten.

    Dabei reagieren die Gasentladungslampen viel schneller als die alten Glühlampen.

    Die Astronomen schalten dann ihre CCD-Sensoren nur bei der negativen Halbwelle, also wenn alle Strassenlampen dunkel sind, auf eine hohe Empfindlichkeit.

    Niemandem wir dabei weh getan, und man benötigt nur einige Dioden.

    Die Lichtlaufzeit in 300 km Atmosphäre beträgt nur 1 Millisekunde, die anderen 9 Millisekunden kann man daher atronomisch verwenden.

    Bei welcher Halbwelle es in einer Region dunkel wird, kann man mit einem einfachen Gerät bequem testen, zum Beispiel mit einer LCD-Shutterbrille.

    Das Wechselstromnetz sorgt auf jeden Fall für eine grossräumige Synchronisation.

  2. @ Karl

    Aus Sicht der Problemlösungsmethode TRIZ ein genialer Vorschlag! Werde ich meinen Studis als Beispiel vorlegen. Was sagen denn die Astronomen dazu?

    Wer die TRIZ nicht kennt: Die Methode wurde in den 1950er Jahren unter Federführung von Heinrich Altschuller in der Sowjetunion entwickelt und ist inzwischen ein großer Werkzeugkasten für die Lösung sachlicher Probleme, vgl. http://www.triz-online.de. Eines wie hier „Licht haben“ und gleichzeitig „Licht nicht haben“ wird als physikalischer Widerspruch bezeichnet. Die Methode kennt vier Lösungsmethoden: (1) in der Zeit, also z.B. nur jede zweite Halbwelle, (2) im Raum, also z.B. Fokussierung auf nur die Orte, die hell sein müssen, (3) innerhalb bestimmter Teile eines Objekts, also z.B. nur die Straßenmarkierungen leuchten, und (4) durch die Nutzungsweise, z.B. Straßenbeleuchtung nur in einer Wellenlänge, die die Astronomen ausfiltern können.

  3. Natrium

    Strassenbeleuchtung nur in einer Wellenlänge, die die Astronomen ausfiltern können.

    Als besonders energiesparend gelten die Natriumdampflampen, die schon jetzt häufig zur Strassenbeleuchtung eingesetzt werden.

    Diese Lampen leuchten nur in einem ganz schmalen Wellenlängenbereich, den man leicht heraus filtern kann.

    Die Glasbläser verwenden dazu meist Kobaltglas, um nicht geblendet zu werden.

    Kaputte Natriumdampflampen sind natürlich viel umweltfreundlicher zu entsorgen als kaputte Quecksilberdampflampen.

  4. Nachtrag:

    Die Natriumdampflampen locken die Nachtinsekten auch viel weniger an, als die Quecksilberdampflampen, weil sie kein ultraviolettes Licht erzeugen.

    Für die Zeit-Taktung wären die Leuchtstofflampen, die ja auch Quecksilberdampflampen sind, nur dann geeignet, wenn ihre Leuchtstoffe keine lange Nachleuchtzeit haben.

  5. Zerhacker oder Chopper

    @ Karl Das Problem dabei ist, dass der Stromverbrauch bei nur einer Halbwelle zu einem erheblichen Gleichanteil des Stromes an der Abgangsseite des versorgenden Transformators führt. Dieser Gleichanteil führt dazu, dass der Kern des Transformators in die magnetische Sättigung geht. Dadurch verschiebt sich der Arbeitspunkt des Trafos, je nach Szenario kann dabei „nur“ der Oberwellenanteil im Leitungsnetz erhöht werden, im schlimmsten Fall kann der Trafo dadurch auch abbrennen.

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