Kathrin Zinkant: Warum sollten Weblogs den Journalismus gefährden?

Heute besucht mich die dritte Podiumsteilnehmerin vom kommenden Mittwoch (Frankfurter Buchmesse, ZEIT Bildungsforum, Halle 3.1 L105, 15.10.2008, 14.00 Uhr – 15:00 Uhr). Kathrin Zinkant bloggt unter "Diagnose Mensch" auf den Seiten jenes Mediums, für das sie als Wissenschaftsjournalistin auch ansonsten tätig ist: ZEIT Online. In der Guten Stube antwortet sie auf den Beitrag von Volker Stollorz, der in der Ausbreitung von Wissenschaftsblogs auch eine Gefahr für den Journalismus erkannte.


Warum sollten Weblogs den Journalismus gefährden?

Kathrin ZinkantEines gleich vorneweg: Blogs als solche haben mit Journalismus nichts zu tun. Dessen sollte man sich bewusst sein, wenn man über den Nutzen dieses zappeligen kleinen Netzmediums spricht, und vor allem: Wenn Journalisten darüber diskutieren.

Mein Kollege Volker Stollorz hat in seinem Beitrag zur bevorstehenden Debatte im ZEIT Bildungsforum festgestellt, dass das Internet den Journalismus verändert. Informationen sind leichter zugänglich denn je, kaum ein Journalist muss noch vor die Tür, dafür wird um so häufiger abgeschrieben – während die exklusive Recherche zu einer teuren, und daher ungeliebten Ausnahmeerscheinung verkommt.

Alles richtig. Und es stimmt auch, dass viele Science-Blogs auf genau dieser Welle reiten: Anstatt vernünftig ausrecherchierte Meldungen zu bezahlen, installieren viele Webportale lieber Blogs, in denen reduziert über neues aus der Wissenschaft berichtet wird. Im Grunde handelt es sich dabei um sehr schlichte Meldungsticker, getarnt von einem Hauch moderner Netzrealität.

Das Problem stellen hier aber nicht Weblogs dar, oder Journalisten, die bloggen. Sondern einerseits der Zwang der Redaktionen, Geld zu sparen, was wiederum in den beschriebenen Versuchen mündet, redaktionelle Pflichten auf Nebenschauplätze zu verlegen. Und andererseits die Prämisse, ein Blog habe allein deshalb journalistisch zu sein, weil es neben Politikern, Wissenschaftlern, Hausfrauen und Schlaumeisen auch von Reportern, Redakteuren oder freien Autoren befüttert wird.

Dabei ist das Weblog was den Inhalt, den Zweck und die Gestaltung betrifft, per se so frei wie ein Buch. Es kann Gedichte, wertvolle Gedanken, dummes Geschwafel, platte Werbung oder sehr wohl auch investigative Recherche enthalten. Es muss aber nichts davon. Ein gutes Blog ist in hohem Maße persönlich –  umso mehr, als dass es sich in der Regel ja nicht einmal verkaufen muss.

Wie die Portale großer Medien mit Blogs verfahren, steht indes auf einem anderen Blatt – die damit verbundene Debatte ist weit älter als die Blogosphäre. Doch nicht alle Websites nutzen Weblogs als billige journalistische Abstellfläche. Manche sehen hier eine Möglichkeit, ihren Autoren mehr Raum fürs persönliche Profil zu geben – als Platz für steile Thesen oder Gedanken. Was daran gefährlich für den Journalismus sein soll, ist schwer nachzuvollziehen.

 


Dieser Beitrag ist Teil einer 3er-Serie zum Thema "Wissenschaft im Internet – wozu Blogs?" Zuvor erschienen bereits Statements von Helmut Wicht zu Frage, warum ein Wissenschaftler bloggt, und von Volker Stollorz zur Frage, ob Blogs den Journalismus ersetzen können.

 


Einen weiteren interessanten Beitrag zur Frage des Verhältnisses von Wissenschaftsjournalismus und Wissenschaftsblogs hat Sven Keßen ("kamenin") bereits vor einigen Wochen gepostet. Er bezeichnet Blogs als nützlichen "Wissenschaftsboulevard".

 

 

Carsten Könneker

Veröffentlicht von

Carsten Könneker Zu meiner Person: Ich habe Physik (Diplom 1998) sowie parallel Literaturwissenschaft, Philosophie und Kunstgeschichte (Master of Arts 1997) studiert – und erinnere mich noch lebhaft, wie sich Übungen in Elektrodynamik oder Hauptseminare über Literaturtheorie anfühlen. Das spannendste interdisziplinäre Projekt, das ich initiiert und mit meinen Kollegen von Spektrum der Wissenschaft aus der Taufe gehoben habe, sind die SciLogs, auf deren Seiten Sie gerade unterwegs sind.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Nachtrag: Weitere Podiumsdiskussion

    Wer es morgen nicht auf die Buchmesse schafft, aber interessiert ist an der Diskussion über Blogs und Wissenschaft, sei noch auf eine weitere hochkarätig besetzte Podiumsdiskussion am kommenden Sonntag aufmerksam gemacht, den „Science Sunday“ (ab 12:00 Uhr auf dem „Forum Wissenschaft“, Halle 4.2).

  2. Blogs vs. Journalismus

    Blogs als solche haben mit Journalismus nichts zu tun.

    Blogs sind sozusagen klassischer Journalismus, im Wortsinne.

    Vielleicht wird zudem der Journalismus überschätzt, Kenntnis der Sache gibt’s eher im Blog, zudem hat ein WebLog auch den Vorteil, dass man den Blogger (irgendwann) kennt und die Nachricht gut einordnen kann. Was bei journalistischen Werken oft schwerer fällt. Und klar: Nachricht und Nachrichtenträger sind letztlich kaum zu trennen, und wenn es nur die Auswahl ist.

    MFG
    Dr. W

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