Migräne gebloggt #2

Was schreiben eigentlich andere, nicht deutschsprachige Blogger über Migräne? Diesmal: Stigmatisierung, Kopfschmerz bei Medikamentenübergebrauch, Panik, Sexismus und der amerikanische Staatsbankrott.

Mein erster Lesetipp ist der Beitrag "Stigma of migraine and taking charge" von Betsy Blondin, über deren Buch "Migraine Expressions" ich noch getrennt schreiben werde (das Buch "Migraine Art" von Klaus Podoll hatte ich ja schon kürzlich vorgestellt). In ihrem Blog migrainejourney – mindbloggering about life & migraine erschien schon im Januar 2011 ein Beitrag, auf den ich aber erst vor kurzem aufmerksam wurde.

In diesem Beitrag vermischt Betsy zwei Themen, die Stigmatisierung der Migräne und den Kopfschmerz bei Medikamentenübergebrauch (ICHD-II Klassifikation 8.2 bzw. ICD-10 G44.41). Und das lange bevor bekannt wurde, dass eine U.S.-amerikanische Präsidenschaftskandidatin an Migräne leidet; es ist Michele Bachmann, die – zum Glück – erst noch die Republikaner-Auslese durch Vorwahlen überstehen muss – mit Migräne geht das, mit ihrer Politik hoffentlich nicht.

Betsy geht es in ihrem Blogbeitrag um die Bezeichnung dieser Klasse von Kopfschmerzen, die früher angeblich neutraler Rebound-Kopfschmerz hieß. Ich selber will nicht beurteilen, ob die Bezeichnung "Kopfschmerz bei Medikamentenübergebrauch" oder deren englische Bezeichnung "Medication Overuse Headache (MOH)" wirklich subtil verletzend ist, Rebound-Kopfschmerz dagegen nicht und so seit der Umbenennung der Stigmatisierung der Migräne weiter Vorschub geleistet wird. Jedoch weist Betsy auf einen sehr wichtigen Punkt hin, um den es eigentlich gehen sollte (daher auch mein Hinweis heute):   

Every person who has headaches or Migraine disease should be told about MOH by our doctors because knowing about it in advance could save us a great deal of pain. Unfortunately, we’re not.
[Jeder, der Kopfschmerzen oder Migräne hat, sollte über MOH von unseren Ärzten informiert werden, da dies im voraus zu wissen uns eine Menge Schmerzen ersparen kann. Leider werden wir nicht informiert.
(Übersetzung M.A.D.; MOH: Medication Overuse Headache, deutsch: Kopfschmerz bei Medikamentenübergebrauch)]

Ohne die entsprechenden Termini zu kennen, kann man sich gerade im Internet mit Hilfe der Suchmaschinen oft nicht effektiv zu Informationen vorarbeiten. Hinzu kommt, dass selbst zu den alten Begriffen wie Rebound-Kopfschmerz das Internet noch interessante Informationen zu Tage fördert. Man sollte daher wissen, dass hier im wesentlichen eine Umbenennung 2003 stattfand und nicht von zwei getrennten Dingen die Rede ist. 

Mein zweiter Lesetipp ist der Beitrag When Migraine Symptoms and Panic Triggers Overlap von Psych Central, nach eigenen Angaben "the Internet’s largest and oldest independent mental health and psychology network". Ich kann zu diesem Thema selbst nicht viel sagen – ich wünschte ich könnte behaupten gegen Panik während einer Migräne-Attacke hilft vor allem Aufklärung, aber das ist in der Regel wohl leider falsch, zumindest in der akuten Phase.

Mein letzter Lesetipp kommt wieder zum Thema Stigmatisierung. Plus Sexismus und und und. Genau, zu der oben schon erwähnten Michele Bachmann, deren Tea Party gerade mit Genuss, so scheint es, den amerikanischen Staatsbankrott provoziert. Na ja, wer weiss wofür das gut ist.

Die U.S.-amerikanischen Blogs waren voll mit dem Thema, der Sexismusvorwurf kam anfangs besonders oft auf. Auch ich habe kurz berichtet und schon dort vier Beiträge verlinked (ob das alles Blogs waren, darüber kann man streiten – wie auch immer, ganz hervorstechend war dieser Beitrag). Erwähnen will ich daher hier nur den bisher unerwähnten Beitrag, dessen Autor Jonathan Strong direkten Kontakt zu den Whistleblowern hatte und die Sache dann ins Rollen brachte: Stress-related condition ‘incapacitates’ Bachmann; heavy pill use alleged, erschienen im Polit-Weblog "The Daily Caller", die Antwort der Konservativen auf die "Huffington Post". Gerade bei solch‘ heiklen Themen sollte man unbedingt mal das Original gelesen haben.

Zum Abschluss: Dieses konservative Polit-Weblogs macht heute fett mit der Schlagzeile auf "Long tense night inside the Capitol ends without resolution as clock ticks".

"Migräne, ick hör dir trapsen", würde ein Berliner sagen.

 

Frührer Beiträge

Migräne gebloggt #1 (vom 18. Juni 2011)

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Markus A. Dahlem

Vita des Autoren Ich, Markus Dahlem, entwickle seit nunmehr fast 25 Jahren Computermodelle der Migräne. Mehr als mein halbes Leben und dass ganze berufliche habe ich einer Krankheit gewidmet unter der ich nicht leide. Besser so herum, oder? Von Hause aus bin ich Physiker und studierte in Aachen, Göttingen und Magdeburg sowie mathematische Biologie in Salt Lake City, U.S.A. Tätig war ich unter anderem am Max-Planck-Institut für Ernährungsphysiologie in Dortmund, im Department of Psychology, Stirling University, Großbritannien, an der Universitätsklinik für Neurologie der Otto-von-Guericke Universität, am Leibniz-Institut für Neurobiologie, beide in Magdeburg, als Gastdozent für Dynamische Krankheiten an der Technischen Universität Berlin und am Mathematical Biosciences Institute der Ohio State University, Columbus, U.S.A. Zurzeit forsche ich als Gast an der Humboldt Universität zu Berlin und am Massachusetts General Hospital, dem größten und ältesten Lehrkrankenhaus der Medizinischen Fakultät der Harvard University. Wenn ich mal in die Zukunft blicken darf, die Bedeutung bioelektronischer Arzneimittel – sogenannter Elektrozeutika – wird zunehmen, als Beispiel führe ich im neuen Lehrbuch der Migräne (Neurobiological Basis of Migraine, Dalkara und Moskowitz (Hrsg.), John Wiley & Sons Inc, Erscheinungsdatum voraussichtlich 25. Juli 2016.) den Vorteil von Computermodelle gegenüber Tiermodellen der Migräne an, da sie den Weg zu personalisierten Elektrozeutika öffnen. Mal schauen, ob es so kommt. Zusammen mit großartigen Kollegen und Freunden aus den Bereichen Mensch-Technik-Interaktion und Data Science habe ich das Berliner eHealth-Start-up NewsenseLab gegründet, das die Migräne-App M-sense entwickelt, die Betroffenen das Leben erleichtern wird und sei es nur bei der Kommunikation mit den behandelnden Arzt oder Ärztin. Mit über 50 eingeladenen internationalen Fachvorträge über Migräne, über 40 Fachpublikationen sowie mehreren Buchbeiträge bin ich auch ganz klassisch in der Wissenschaftskommunikation aktiv. Aber mit noch mehr Spaß schreibe ich seit 2009 diesen Wissenschaftsblog über Migräne aus der Forschungsperspektive von Gehirnstimulatoren zu mobilen Gesundheitsdiensten. Ich lebe in Berlin zusammen mit meiner Frau, meinem Sohn – und der lieben Schwiegermutter unter einem Dach. Ganz so eng ist es nicht, denn meine Frau arbeitet die Woche über in Zürich als Ärztin. Es kommt immer anders als man denkt.

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. MÜK

    Betrifft MÜK ausschließlich Kopfschmerzpatienten? Wie ist das mit Menschen die aus medizinischen Gründen täglich ASS einnehmen müssen?

    Ich meine im Wort Medikamentenübergebrauch schwingt so ein Anklang von Mißbrauch mit. Neutraler wäre es vielleicht einfach nur Medikamentenkopfschmerz zu sagen und dabei nicht zu vergessen das die Patienten die Tabletten aus Verzweiflung einnehmen und nicht weil sie so gerne Pillen schlucken.

  2. MÜK nur bei primärem Kopfschmerz

    Hallo Alex,
    einen MÜK entwickelt man nur, wenn man unter einem primären Kopfschmerz leidet. Primäre Kopfschmerzen entstehen, anders als bei Rückenschmerzen, im Zentralen Nervensystem. Die Entzündungsstoffe werden durch eine Felhsteuerung der Nervenweiterleitung aktiviert. Diese Störung entsteht elektrisch und biochemisch.

    Kurzfristig können spezielle Medikamente das Schmerzsystem wieder aktivieren, aber auf lange Sicht erschöpfen sie und es entsteht der Dauerschmerz zusätzlich zum akuten Schmerz.

    Beim Rückenschmerz z.B. entstehen die Schmerzen mechanisch an den Wirbelgelenken, Muskeln und Sehnen. Klingt die Entzündung ab durch Entzündungshemmer, sind die Schmerzen vorbei, denn das Schmerzsystem wird nicht erschöpft. So ähnlich hatte das Prof. Göbel mal erklärt.

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