Klimawandel: Der Fall Bangladesch

Im kommenden Jahrhundert wird sich, je nach Klimamodell, die Durchschnittstemperatur der Erde um 2 bis 5 Grad erhöhen. Dies erscheint auf dem ersten Blick nicht gravierend, wird allerdings gewaltige Veränderungen in den globalen Ökosystemen mit sich bringen, welche eine Größenordnung haben, die den Veränderungen seit der letzten Eiszeit bis heute entsprechen.
Global wird sich die Erde allerdings sehr unterschiedlich erwärmen und auch die Auswirkungen fallen regional sehr differenziert aus. Heute abzusehen ist bereits ein Anstieg des Meeresspiegels um mehrere Zentimeter, das großflächige Abschmelzen der Hochgebirgsgletscher und das verstärkte Auftreten von Dürren, sowie die Zunahme von Extremereignissen wie Naturkatastrophen.
Bangladesch ist eines der Länder, welches von den Folgen des Klimawandels am härtesten betroffen sein wird, weshalb die Situation in dem Land hier näher betrachtet wird.

Aktuelle Situation in Bangladesh

Bangladesch liegt im  Delta der drei großen Flüsse Ganges, Jamuna-Brahmaputra und Meghna und beheimatet 147 Millionen Einwohner, die auf einer Fläche leben, die etwa 40% Deutschlands entspricht. Gleichzeitig zählt das Land zu einem der ärmsten Länder der Welt (Human Development Index: Platz 140) und verursacht nur 0,3 – 0,4% des weltweiten CO2 Ausstoßes, was weniger entspricht als der Ausstoß, den Großstädte wie New York emittieren.

Seit etwa 20 Jahren werden vermehrt Überflutungen in dem Land registriert, die immer weiter ins Landesinnere vordringen und dabei fruchtbare Böden versalzen auf denen die Menschen zumeist Reis anbauen. Dieser Prozess verstärkt sich von Jahr zu Jahr, da vor allem der Ganges, durch verstärkte Dürren, jedes Jahr weniger Wasser führt und das Meerwasser so tiefer ins Landesinnere eindringen kann.
Während des Sommermonsums führen die Flüsse dagegen immer mehr Wasser, da Niederschlagsmengen zunehmen und große Volumen Schmelzwasser aus den Gletschern des Himalaja freigesetzt werden.

Folgen für Bangladesch

Infolgedessen haben bereits viele Bauern damit zu kämpfen, dass Ackerflächen verloren gehen und Ernten ausfallen. Diesen Landbewohnern bleibt nur der Weg in die Städte des Landes, die unter dem starkem Bevölkerungswachstum bereits heute stark zu leiden haben. Dhaka, die Hauptstadt, ist eine der am schnellst wachsenden Städte der Welt, die in den vergangenen 30 Jahren ihre Einwohnerzahl von 1,5 Millionen auf mittlerweile 12 Millionen steigerte. Eine Abschwächung dieser Landflucht ist nicht abzusehen. Für das Jahr 2015 wird für Dhaka eine Einwohnerzahl von 17- 20 Millionen prognostiziert. Starkes Bevölkerungswachstum ist auch in den anderen Städten des Landes zu beobachten, die mit ähnlichen Raten wachsen.
Bei anhaltender Klimaerwärmung wird der Meeresspiegel bis zum Jahr 2050 um 30 bis 45 cm ansteigen, was dazu führen wird, dass Bangladesch mehr als ein Zehntel der Landfläche verliert. Dies entspricht in etwa der Fläche Schleswig Holsteins. 5,5 Millionen Menschen wären demnach direkt betroffen und müssten ihre Heimat verlassen. Die derzeit hohen Geburtenraten auf dem Land, die die Bevölkerung um jährlich ca. 2,1% anwachsen lässt, trägt nicht zur Entspannung der Lage bei, sondern verschärft diese noch.

Landgewinnung in Bangladesh

Dennoch ist es umso erstaunlicher, dass neues Land, durch tatkräftige Mithilfe niederländischer Ingenieure, vor der Küste Bangladeschs entsteht. Diese beraten und unterstützen Projekte, die eine Polderlandschaft im Delta der drei Ströme erschaffen sollen. Das neu geschaffene Land in solchen Poldern ist sehr fruchtbar und würde den Reisbauern dabei helfen, wenigstens den Nahrungsmitteldruck auf das arme Land zu lindern.
Erste Projekte, die neues Land eindeichen und entwässern, wurden bereits gestartet. Die Ingenieure nutzen dabei die Sedimente, die durch die drei Ströme aus dem Himalaja transportiert werden, so dass sich das Land quasi von selbst aufbaut. Für viele Küstenbewohner sind diese Projekte, die letzte Möglichkeit in ihrer Heimat zu bleiben, denn wenn das Meer weiter das Land verschlingt, werden oben beschriebene Flüchtlingsströme einsetzen und weiter verstärkt. Allerdings sind nicht technische Barrieren die dringendsten Probleme dieser Projekte, sondern die vorherrschende Armut und die weit reichende Korruption in der Verwaltung.

Abschließende Bemerkungen

In der Zukunft wird Bangladesch an vorderster Front des Klimawandels stehen und es werden hohe Flüchtlingsströme vorhergesagt. Die angespannte Situation in den Städten wird sich aller Voraussicht nach weiter zuspitzen. Bereits heute weist Dhaka eine Einwohnerdichte von mehr als 14.000 Menschen pro km² auf (im Vergleich: Berlin 3818). Viele Neuankömmlinge finden nur in den wachsenden Slums eine Unterkunft und leben dort unter elenden Bedingungen.
Durch den erzwungenen Wandel in der Landwirtschaft, der in Bangladesh zu erwarten ist, wird es zu einer angespannten Nahrungsmittelversorgung kommen. Gemeinsam mit der UN versucht die Regierung derzeit salzresistente Reissorten einzuführen, deren Erfolg allerdings gering ist, da starke Dürren, vor allem im Norden des Landes große Teile der Ernte jedes Jahr vernichten.
Die angrenzenden Länder Indien und Myanmar rüsten sich daher bereits, um die großen Flüchtlingsströme abzuwehren, die in ihre Länder eindringen werden. Indien reagierte in den letzten Jahren damit, in dem an den Grenzen ein Zaun errichtet wurde, der die Flüchtlinge zurückhalten soll. Myanmar gedenkt diesem traurigen Beispiel zu folgen.

Quellen

1. Katastrophenchronik Bangladesch Scinexx – das Wissensmagzin
2. Vor der großen Flut: Die Zeit
3. Flood Study in the Meghna – Dhonagoda Polder, Bangladesh
4. Interview mit Umweltschutz-Experte Ainun Nishat: Der Spiegel
5. Klimaflüchtlinge: Le Monde Diplomatic, S.14-15 (Ausgabe April 2007)
6. Worldpress: Fencing the Porous Bangladesh Border

  • Veröffentlicht in: KuSo
Stefan Ohm

Veröffentlicht von

www.geographieblog.de

Meine Name ist Stefan Ohm und ich bin Geograph. Vor meinem Studium habe ich eine Ausbildung zum Fachinformatiker absolviert und danach bei Electronic Data Systems (EDS) als Lotus Notes Entwickler gearbeitet. Während meines Studiums in Hannover führte mich mein Weg zur Texas State University in San Marcos (USA) sowie zur University of Bristol (UK). Darüber hinaus absolvierte ich zwei Praktika bei NGO’s in Neu Delhi (Indien), mit dem Ziel Entwicklungsprozesse vor Ort genauer zu betrachten und damit ein besseres Verständnis über diese zu erhalten. Promoviert habe ich über den Strukturwandel im Perlflussdelta und Hongkong (China) an der Justus Liebig Universität in Gießen.

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ich schätze mal, dass es kein Mangel an Arbeitskräften für den Deichbauch gibt, es fehlt doch eher an Kapital. Wäre es nicht sinnvoller ein Teil der deutschen Klimasubventionen dort zu investieren anstatt in die Solarstrommodule aus China, zumal die vielen Milliarden dort nur zu einer Temperaturvermeidung von ca. 0,000001 Grad führen werden? Das wäre doch mal eine sinnvolle Hilfe.

  2. Ich habe noch mal ein wenig nachgelesen. Der Deichbau scheint in Bangladesch nicht so leicht zu sein. Teilweise ist es gar nicht so einfach, zu unterscheiden wo das Meer aufhört und das Land beginnt. Es ist halt eine sehr dynamische Küste. Ich habe mal eine NGO angeschrieben und ein paar Fragen gestellt, wie die Menschen vor Ort sich mit dem Thema beschäftigen. Wenn die NGO sich meldet, stelle ich das hier rein. Wäre jedenfalls sehr interessant.

  3. Facharbeit

    Sehr geehrter Herr Ohm,

    ich schreibe im Moment im Fach Erdkunde eine Facharbeit zum Thema: Klimawandel-Fallbeispiel Bangladesch, und suche dringend einen Interviewpartner der bereit wäre mir ein paar Fragen schriftlich zu beantworten. Vielleicht haben sie ja auch noch neue, aktuellere Informationen zu diesem Thema oder wohlmöglich auch Bilder oder ähnliches. Ich würde mich über eine Antwort bis zum 24.03.2012 sehr freuen. Wenn sie noch weitere fragen haben, dann können sie mir auch gerne eine E-mail schreiben.

    Mit freundlich Grüßen

    Mark Rudnick

  4. Pingback: Das Flüchtlingsdrama im Mittelmeer - Seite 102

  5. Der Klimawandel ist nicht das Hauptproblem von Bangladesch. Das Land ist nur ein Drittel so groß wie Deutschland und hatte bereits 1960 50 Millionen Einwohner. Der aktuelle Bevölkerungsstand liegt jetzt bei 163 Millionen Menschen und wächst weiterhin mit 1,6 % pro Jahr. Aus mündlichen Überlieferungen wurde schon vor Jahrzehnten davor gewarnt das große Flächen des Landes nicht bebaut werden sollten, weil sie so tief liegen, dass sie gelegentlich überschwemmt werden. Dieses Wissen wurde mit dem extremen Wachstum der Bevölkerung völlig ignoriert. Die diesem Land drohende Katastrophe ist auch ohne Klimawandel nicht zu verhindern.

    • Bangladeshs Fertilitätsrate (Frauen pro Kind) sinkt stetig und beträgt 2011 2.3 bis 2.0 in städtischen Regionen und 2.5 in ländlichen Regionen. Damit ist sie nahe bei der Fertilitätsrate von 2.1 bei der die Bevölkerung schliesslich stabil bleibt. 60% der verheirateten Frauen Bangladeshs praktizieren eine Form der Verhütung – ein ungewöhnlich hoher Anteil für ein Entwicklungsland.
      Das Bevölkerungswachstum wird also in Bangladesh bald zum Stillstand kommen. Meiner Ansicht nach wird aber Bangladesh mit folgendem Problem konfrontiert: Mit zunehmenden Wohlstand steigt auch der Flächenbedarf. Heute leben 1100 Menschen pro Quadratkilometer womit jeder Bangladeshi 1000 Quadratmeter für Wohnung, Nahrungsmittelanbau und Infrastruktur zur Verfügung hat. Wenn die Verstädterung nun zunimmt und Strassen etc. gebaut werden sinkt die Fläche für die Landwirtschaft etc. Eine durchschnittliches europäisches Stadtviertel (im Zentrum der Stadt, nicht am Rand) hat 3000 Einwohner pro Quadratkilometer. Das bedeutet, dass Bangladesh heute schon sehr nahe an der Dichte einer europäischen Stadt liegt. In Zukunft wird wohl ganz Bangladesh eine einzige grosse Stadt sein. Für Nahrungsmittelanbau wird da nicht mehr viel übrigbleiben. Teile der Bangladesh-Stadt wird man wohl auf Stelzen bauen müssen um Überschwemmungen zu überstehen.

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