Wissenschaftskritik im Tatort

Sonntag-Abend. Das Ende des Wochenendes, für manche ein Grund zum Trübsal blasen. Für manche allerdings auch ein Grund zum Freuen, schließlich gibt es da noch den Tatort. Ich zähle eher zu letzt-genannter Gruppe und so habe ich mir heute mal wieder einen Tatort gegönnt (Mediathek-Link, falls ihn jemand verpasst haben sollte). Und den fand ich gar nicht so schlecht – im Gegensatz zu stern.de, dort wird kein gutes Haar an der heutigen Folge gelassen. (Spoiler: der Leser sei gewarnt, denn im Folgenden wird doch einiges über die Tatortfolge verraten).

Mein Nachbar Detritus teilt offensichtlich meine Meinung, wenn auch aus leicht anderen Gründen. Er lobt die realistische Darstellung der Laborhandgriffe, die ich nicht sonderlich gut beurteilen kann, da ich als Plasmaphysiker in gänzlich anderen Laboren arbeite. Allerdings hatte auch ich den Eindruck, dass es sich zumindest um eine gute Darstellung handeln würde (ich schaute den Tatort zusammen mit einer Chemikerin an). Meine Einschätzung war also nicht allzu falsch.

Ich fand aber vor allem einen anderen Punkt interessant, den mein Nachbar auch kurz anspricht und zwar den Erfolgsdruck in der Wissenschaft. Es geht beim Tatort unter anderem darum, dass jemand Messergebnisse gefälscht hat und darauf aufbauend eine Veröffentlichung geschrieben hat, die innerhalb kürzester Zeit eine beachtliche Anzahl von Zitaten vorweisen kann. Es geht also um Betrug in der Wissenschaft.

Zu dem übergeordneten Thema "Ehrlichkeit in der Wissenschaft" gab es Mitte dieses Jahres ein Bloggewitter, ausgelöst durch einen ehemaligen Verteidigungsminister, der bei seiner Dissertation geschummelt hat. Er hat er sich bei Texten anderer Leute bedient, ohne dieses kenntlich zu machen. Und das in einem erheblichen Umfang. Dank einiger fleißiger Leute wurde diese Tatsache jedoch entlarvt und dem Beschuldigten der Doktortitel mittlerweile aberkannt.

Die Überprüfung einer geisteswissenschaftlichen Arbeit kann in dieser Art und Weise in der Tat auch von fachfernen Menschen durchgeführt werden. Bei naturwissenschaftlichen Arbeiten sieht das schon anders aus. Anstatt Texte anderer Wissenschaftler zu nehmen und nicht entsprechend zu kennzeichnen, fälscht man einfach ein paar Messdaten. Wie in dem Tatort gezeigt, können dazu ganz banale Tools wie einfache Bildbearbeitungsprogramme völlig ausreichen. Entlarven können diese Fälschungen dann nur Experten und auch nur dann, wenn sie an die Originalmessdaten herankommen. Genau da aber liegt das Problem: an die Originaldaten eines anderen Forschers oder einer anderen Gruppe muss man erst einmal herankommen. Hier hilft eigentlich nur ein völliges Offenlegen dieser Daten, eine Art frei zugängliche Datenbank. Das bringt allerdings auch Probleme mit sich. Jeder der schon einmal eine Zeit lang im Labor gearbeitet hat, weiß nur allzugut, dass man mitunter einiges an Aufwand betreiben muss, um an "seine" Daten zu kommen. Wenn dann jemand anderes die Lorbeeren durch eine entsprechende Veröffentlichung dafür einheimst, ist das zwar gut für dessen Karriere, nicht aber für die eigene. Denn Veröffentlichungen sind wichtig, genauso wie im Tatort beschrieben. Man brauch sie für den eigenen Ruf, für das Anwerben von Forschungsgeldern und eben für die Karriere.

Was also tun? Das ganze thematisieren, mit Studenten frühzeitig über Wissenschaftsethik/-moral diskutieren, ein Wort (bzw. zwei Wörter), dass (bzw. die) ich während meines Studiums von keinem Dozenten gehört habe. Ernsthaft diskutieren, auch über die möglichen Folgen von gefälschten Messdaten (bei medizinischen Studien können diese ja unter Umständen dramatisch sein). Denn das reale Leben zeigt uns, dass solche Fälschungen tatsächlich passieren, man denke nur an den Herrn Schön.

Abschließend würde mich noch interessieren, ob noch jemand das Birnenlogo auf dem Laptop des Anti-Gentechnik-Aktivisten gesehen hat (an einer Stelle, wo man oft ein apfelähnliches Symbol findet)?

Alf Köhn

Veröffentlicht von

Alf Köhn hat in Kiel Physik studiert und an der Uni Stuttgart am Institut für Plasmaforschung promoviert. Momentan ist er als Post-Doc am Max-Planck-Institut für Plasmaphysik in Garching tätig und beschäftigt sich dort überwiegend mit der Wechselwirkung von Plasmen und elektromagnetischen Wellen.

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Neiiiin, jetzt hast du den Plot verraten! Hab ich mir noch den Aspekt des Wissenschaftsbetrugs verkniffen, sprichst du das hier ganz direkt an! Und das noch ohne „SPOILER!!1“-Warnung!

    Wie kannst du nur? 😉

  2. Spoiler

    Hm, jaa, da hatte ich auch gezögert. Vielleicht sollte ich einen Link einbauen an der entscheidenen Stelle, der dann erst den ganzen Text zeigt…

    Morgen früh mache ich oben eine Spoiler-Warnung rein, hast ja recht (jetzt mit dem schlauen Telefon ist das zu anstrengend).

    Immerhin weiß ich jetzt, warum dieser Punkt bei dir so kurz wegkam 😉

  3. Interessant war hier auch der Aspekt, dass es so klein begann. Bei der Vernehmung Achtung Spoiler sagt der Täter es habe ja so harmlos angefangen. Nur ein paar Mausklicks. Aber als die gefälschte Arbeit dann veröffentlicht war, hing natürlich die ganze Karriere und das Luxusleben daran, nicht entdeckt zu werden.

    Der Schritt von ein bisschen geschummelt zum großen Forschungsbetrug ist nicht groß. Er ist mit der Veröffentlichung getan.

  4. Luxuxbirnen

    @Karl:
    hehe, scheint ja eine Art Standardretusche für den Apfel zu sein.

    @Joachim:
    das gute Luxusleben, was man als Forscher halt so führt 😉
    Aber ansonsten gebe ich dir recht, dass der Tatort sehr schön gezeigt hat, wie man mit wenigen Mausklicks im Endeffekt einen riesigen Skandal/Betrug geschaffen hat.

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