Bild: Christine Gaa

Acrylnägel fackeln Finger ab

Es gibt ja eine ganze Reihe Gründe, weswegen Rauchen ungesund ist, aber der hier ist neu: Künstliche Fingernägel, die an einer Zigarette Feuer fangen. Ein solcher Fall eines brennenden Acrylnagels schaffte es im Sommer 2016 in die wissenschaftliche Literatur. Eine 64-jährige Frau hatte ihren künstlichen Daumennagel mit dem letzten Zug ihrer Zigarette angesteckt, der Kunststoff ist abgefackelt und hat so schwere Verbrennungen verursacht, dass das letzte Daumenglied abgenommen werden musste.

Das klingt ein bisschen schräg, leuchtet aber ein: Die meisten gängigen Kunststoffe haben einen sehr ordentlichen Heizwert, vor allem die aus Erdöl hergestellten. Also fast alle. Und wenn man an einer Zigarette zieht, wird die Glut bis zu 900 Grad heiß – und anscheinend heiß genug, um Acrylnägel anzuzünden. Dabei scheint es egal zu sein, ob die Nägel aus Pulver und Modellierflüssigkeit hergestellt werden oder aus Acrylgel, sie entzünden sich an offener Flamme binnen einer Sekunde. Ja, das hat mal jemand systematisch erforscht.

Wobei ich allerdings den Verdacht habe, dass im oben genannten Fall ein weiterer Faktor im Spiel war, und zwar eine Schicht Nagellack. Erfahrungsgemäß zündet Plastik ohne offene Flamme nicht so dolle (sonst würden Zigaretten vermutlich viel mehr Leute flambieren als sie es eh schon tun), aber Nagellack ist eine Lösung von Nitrocellulose. Die brennt bekanntlich extrem gut – so gut, dass sie Bestandteil von Sprengstoffen ist und als Treibladung in Schusswaffen taugt.

Ein bisschen davon auf dem eh schon gut brennbaren Nagel dürfte das gute Stück entzündlich genug machen, dass eine Zigarette zum Entflammen reicht. Wenn das bei normalen Acrylnägeln schon problemlos ginge, würden sich doch alle Naslang irgendwelche Kiddies die Pfoten abfackeln. Davon hört man aber nix.

Was aber tatsächlich immer mal wieder vorzukommen scheint, sind schwere Verbrennungen durch Nagelkleber. Der Mechanismus ist echt ganz lustig: Das sind Cyanoacrylate, die anionisch polymerisieren und bei denen die Reaktion durch Wasser als Nucleophil startet – die Luftfeuchtigkeit reicht aus, damit der Kleber auszuhärten beginnt.

Doof wird es, wenn man relativ viel Kleber mit sehr viel Nucleophil zusammen bringt. Dann härtet der Kram nicht nach und nach aus, sondern reagiert sofort komplett und wird dabei sehr heiß. Das erreicht man zum Beispiel sehr einfach, indem man den Kleber über Baumwollklamotten kippt – die Zellulose hat haufenweise nucleophile OH-Gruppen und entsprechend heiß wird das dann. Bis zu 70 Grad, das reicht für Verbrennungen dritten Grades, Amputationen sind hier allerdings nicht überliefert.

Credit: Bild & Header: Christine Gaa

Ich bin gelernter Chemielaborant und habe ab 1999 in diesem Beruf gearbeitet. Anschliessend habe ich an der Uni Hamburg Chemie studiert. Seit dem Abschluss Ende 2006 veröffentliche ich Beiträge in meinem Fischblog und verkaufe Artikel an andere Publikationen. Seit 2008 wohne ich im Raum Heidelberg und bin bei Spektrum der Wissenschaft für das Blogportal Scilogs verantwortlich. Daneben arbeite ich als freier Journalist und Redakteur unter anderem für die digitalen Angebote von Spektrum, veröffentliche auf verschiedenen Social-Media-Plattformen und experimentiere mit Mobile Reporting. Zu meiner Webseite

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  1. Eine Rolle könnte auch der Nagellackentferner spielen, der angewendet wurde um den alten Lack zu entfernen oder einfach nur um die Nägel fettfrei zu machen. Nagellackentferner haben in der Regel einen Aufdruck (Flammensymbol), der das Produkt als leicht entzündlich ausweist. Inhaltsstoffe können sein: Aceton, Ethyl- und Butylacetat, Isopropanol, Glykol, Fettalkohole oder Pflegeöle und Duftstoffe. (Für Acrylnägel sollte acetonfreier Nagellackentferner verwendet werden, da Aceton das Acryl angreifen würde.)

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