Über das Buch „Der große Entwurf – Eine neue Erklärung des Universums“ von Stephen Hawking

Ich habe das Buch "Der große Entwurf – Eine neue Erklärung des Universums" von Stephen Hawking gelesen. Ich war überrascht, wie lesbar inzwischen solch ein Buch von ihm ist, vielleicht ist das auch ein Verdienst des Koautors Leonard Mlodinow. Ich will hier darlegen, was mir an dem Buch besonders gut gefallen hat.

Modellabhängiger Realismus

Ein erster wichtiger Punkt, den Hawking in aller Klarheit betont, ist der, dass es seiner Meinung nach keinen theorieunabhängigen Realitätsbegriff gibt. Diese Aussage beschreibt genau das, was Physiker im Umgang mit den physikalischen Theorien immer wieder erfahren. Ohne Theorie "im Hinterkopf" sind alle experimentellen Ergebnisse nur unverständliches Rauschen. Unsere Theorien – von der Newtonschen Theorie der Bewegung über die Maxwellsche Theorie des Elektromagnetismus bis hin zur Relativitätstheorie und Quantentheorie – sie alle ermöglichen erst das Verständnis, die Fähigkeit zu Vorhersagen und die immer effektivere Nutzung der Gesetzmäßigkeiten der Natur durch die Technik. Unsere Theorien sind aber letztlich, so erfolgreich sie auch die Natur beschreiben, mathematische Modelle, also "Konstruktionen menschlichen Geistes", die zwar immer weiter verfeinert werden, aber die Natur nie ganz erfassen können.  

Das fällt besonders auf, wenn man versucht, Modelle für komplexe Systeme zu formulieren, für Phänomene, die nicht genau reproduzierbar sind und deshalb mit mathematischen Gleichungen beschrieben werden müssen, in denen Zufallsgrößen auftreten. Solche Modelle sind meistens nicht von irgendwelchen Prinzipien ableitbar oder sonst begründbar, sie rechtfertigen sich alleine dadurch, dass sie das Phänomen halbwegs gut beschreiben und meistens gibt es mehrere solcher suboptimalen Modelle. Man nennt so etwas ein phänomenologisches Modell, dieses beschreibt nur das Phänomen, erklärt aber nichts, da es das Phänomen nicht auf eine tiefer liegende Gesetzmäßigkeit zurückführt. Bei solchen Modellen ist es also von vorneherein klar, dass unser mathematisches Modell ein Produkt unseres Geistes ist, und man wundert sich gar nicht, wenn der Kollege für das gleiche Phänomen ein ganz anderes Modell favorisiert. Hawking nennt solche phänomenologischen Modelle "effektive Theorien"; für ihn ist z.B. der freie Wille auch so eine effektive Theorie für das Gefühl, das wir damit verbinden.

Nun ist das bei unseren großen Theorien schon etwas anders, sie gründen sich auf Prinzipien, die sich auf jeweils tief liegende Eigenschaften der Natur beziehen. Die Konstanz der Lichtgeschwindigkeit oder das Einsteinsche Relativitätsprinzip sagen schon etwas grundsätzliches über die Natur aus, und die Art und Weise, wie man zu der Erkenntnis dieser Prinzipien gekommen ist, zeigt, dass solche Produkte des menschlichen Geistes sich nicht einfach durch Verabredung oder Verhandlung über die Natur ergeben, sondern durch akribische Befragung der Natur, in der die Natur auch "widerstehen" kann, d.h. nur wenige, nur ganz gestimmte Produkte des menschlichen Geistes überstehen die Prüfung durch Experimente. Das zeigt die Unabhängigkeit der Wirklichkeit vom Menschen. Dennoch, so gut ich auch die Bahn einer Rakete zum Mond berechnen und vorhersagen kann, wir können uns nicht vorstellen, dass die Rakete die mathematischen Gleichungen irgendwie "kennt", nach denen sie sich bewegt. Die sind nur in unserem Kopf. Das zeigt, dass in die Erkenntnis wesentlich unsere Eigenart und Fähigkeit als Mensch eingeht. In dem Blogbeitrag über Heisenbergs Buch: Physik und Philosophie zum Thema Objektivität und Intersubjektivität ist das auch in Bezug auf die Quantenphysik ausgeführt. Wir können so eine vom menschlichen Denken unabhängige Wirklichkeit erkennen und das gelingt im Laufe der Zeit auch immer besser, aber dieses Erkennen bleibt auch immer geprägt durch unsere Fähigkeiten als Mensch. Aber was kann man mehr erwarten?

Die Philosophen und Theologen aller Religionen reden ja seit jeher von einer Wirklichkeit hinter den Dingen, von einer letzten oder letztendlichen Wirklichkeit bzw. Realität. Es gibt in dieser Hinsicht eine Fülle von verschiedenen Positionen. Ich glaube heute, dass dieses Gefühl, dass da noch etwas "dahinter" sein muss, aus der Art und Weise resultiert, wie unser Denkorgan im Rahmen der Evolution entstanden ist, und – dass unser Denkorgan aufgrund seiner Entstehung in seinem speziellen Entwicklungsstand viel zu beschränkt ist, um überhaupt die richtige Frage in eine solche tranzendentale Richtung zu stellen. Dieser Skeptizismus kommt dem kritischen Realismus, wie er u.a. von Hans Albert formuliert wird, am nächsten, und dieser entspricht auch dem, was Hawking den modellabhängigen Realismus nennt. Natürlich kann man der Versuchung nicht widerstehen, über das prinzipiell Nachprüfbare hinaus zu sinnieren, aber man soll dann nicht so tun, als wenn man etwas "Wahres" dazu sagen könnte und vor allem soll man es dem Anderen nicht verargen, wenn er in diesen Fragen zu einer anderen Meinung kommt.

Naturphilosophie versus Naturwissenschaft

Hawking beginnt seine Ausführungen damit, dass er von den frühen Vorstellungen der griechischen Philosophen über Naturvorgänge erzählt. Die Vorsokratiker, in der Zeit von 600 – 400 v.Chr. lebend, werden heute als Begründer der Naturphilosophie und der Philosophie überhaupt angesehen. Hier bildete sich die Vorstellung, dass es Gesetzmäßigkeiten und allgemeine Prinzipien für die Phänomene der Natur gibt. Aussagen nach dem Schema "Alles ist …" sind da entstanden, so ist der Urstoff etwa Wasser wie bei Thales von Milet, oder Luft wie bei Anaximenes , das "Seiende" ist entweder geprägt durch ständiges Werden und Vergehen wie bei Heraklit oder unvergänglich und unveränderlich wie bei Parmenides. Wir mögen heute lächeln bei solchen pauschalen Gedanken, aber es war die Zeit, in der sich in der Entwicklung der Menschheit zum ersten Male die Vernunft regte. Im fernen Asien war es die buddhistischen Philosophen, die etwa um die gleiche Zeit sich von dem Gedanken an Götter befreiten und in der Natur allgemeine Prinzipien walten sahen.

Von der Position des modellabhängigen Realismus aus sind dieses auch alles Modelle für die Welt, kosmologische Modelle sozusagen. Unsere heutigen Modelle sind allerdings ausgebaute mathematisch formulierte Theorien, die aber auch alle mit einem nicht hinterfragbaren Prinzip starten. Es ist lehrreich, sich diese Prinzipien anzuschauen, um den Unterschied zwischen Naturphilosophie und Naturwissenschaft zu verdeutlichen. Am bekanntesten ist heute das Prinzip, dass die Geschwindigkeit des Lichtes unabhängig von der Bewegung des Beobachters ist. Ob man sich von einer Lichtquelle entfernt oder ob man sich auf sie zu bewegt, immer misst man für die Geschwindigkeit des Lichtes den gleichen Wert. Das ist kontraintuitiv, unsere Erfahrungen mit Bewegungen sind da ganz anders. Kommt mir ein Auto mit 100km/h entgegen, so hängt die Geschwindigkeit, die ich für dieses Auto messe, davon ab, wie schnell ich mich selbst bewege. Somit lag dieses Prinzip auch nicht auf der Hand, es brauchte viele Experimente, die mit der üblichen Auffassung nicht zu erklären waren, und den Einfall und Mut eines genialen Physikers wie Albert Einstein, um auf dieses Prinzip für das Licht und allgemein für elektromagnetische Wellen zu stoßen.

Das ist schon der erste Unterschied zu den Prinzipien der Naturphilosophie. Die Motivation, ein Prinzip zu formulieren, ergibt sich nicht allein durch tiefes Nachdenken, sondern durch viele Hinweise aus Befragungen der Natur selbst, den Experimenten. Und der zweite Unterschied ist noch wichtiger: Aus dem formulierten Prinzip lassen sich neue Einsichten ableiten, die wiederum experimentell überprüfbar sind. So ist aus diesem Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit die gesamte Spezielle Relativitätstheorie ableitbar mit all ihren verblüffenden Effekten, und mit unseren Navigationsgeräten, die wir in unseren Autos nicht mehr missen möchten, sind wir im Alltag ständig Nutznießer dieser Einsichten.

Solange man ein Prinzip verkündet, aus dem man nichts weiter folgern kann, so dass es nicht überprüfbar ist, ist es eigentlich keinen Pfifferling wert. "Alles hängt mit allem zusammen", "es gibt nur entweder Eines oder Vieles" – was soll es, möchte man sagen, das ist alles irgendwie richtig, aber führt nicht weiter. Prinzipien in der Naturwissenschaft waren dann erfolgreich, wenn sie sich "Worte fassen" ließen, und zwar in Worte der Sprache der Physik, der Mathematik. Dann ließ sich daraus zweifelsfrei etwas ableiten und diese Folgerungen waren auch überprüfbar. Darin besteht also der wesentliche Unterschied.

In heutiger Zeit versucht man Naturwissenschaften und Philosophie unter dem Namen Naturphilosophie wieder einander näher zu bringen. In dem von Christian Kummer im Alber-Verlag heraus gegebenen Buch "Was ist Naturphilosophie und was kann sie leisten" wird dieser m.E. verdienstvolle Versuch beschrieben. Wenn man die Beiträge liest und deren Inhalt mit dem Hintergrund der jeweiligen Autoren korreliert, muss man allerdings feststellen, dass nicht nur eine gründliche Ausbildung in Physik oder Biologie unabdingbar ist sondern wohl auch noch ein ständiger Umgang mit der jeweiligen Wissenschaft sowie ein Dialog mit den Fachwissenschaftlern, um da überhaupt Sinnvolles sagen zu können. Es ist wohl möglich, als Physiker oder Biologe über die Bedeutung der Erkenntnisse der Naturwissenschaft zu philosophieren, aber man kann darüber offensichtlich nicht sinnvoll als "reiner" Philosoph im Seminar reden. Insofern wäre der Name "Philosophie der Naturwissenschaft" besser als Naturphilosophie, so wie es auch ein Autor, nämlich Holger Lyre, in seinem Beitrag ausdrückt. Es wäre zu hoffen, dass das Thema nicht so sehr durch Konfrontation und Verteidigung von Positionen bestimmt wird sondern durch einen kollegialen interdisziplinären Dialog.

Der große Entwurf

Der dritte Punkt, den Hawking hervorhebt, ist der bemerkenswerteste und steht im Zentrum seines Buches: Ein Modell für die Entwicklung des Universums. Und das wichtigste schon vorweg: Es ist kein Modell, in dem es einen Anfang gibt. Alle Irritationen, die sich durch den Begriff des Urknalls in den letzten Jahrzehnten ergeben haben, werden hoffentlich hinfällig, wenn dieses Modell allmählich Platz greift in den Köpfen der Menschen. Ich hatte ja schon in meinem ersten Blogartikel "Was bedeutet der Urknall eigentlich?" darauf hingewiesen, dass der Urknall nicht ein Ereignis darstellen soll, sondern einen Zustand des Universums. Wenn man vom heutigen Zustand des Universums ausgehend die Vergangenheit im Rahmen kosmologischer Modelle berechnet, ergibt sich, dass das Universum vor etwa 13,7 Milliarden Jahren ein sehr heißes und dichtes Gebilde von elementaren Quanten gewesen sein muss, und wenn man diese Extrapolation in die Vergangenheit noch weiter treiben würde, würden Temperatur und Dichte gar unendlich werden. Das ist aber nun ein Zeichen, dass die Allgemeine Relativitätstheorie, die unter "normalen" Bedingungen alle Prüfungen bestanden hat, bei solchen Extremen nicht mehr gültig sein kann, denn nun spielen Quanteneffekte eine große Rolle und die Allgemeine Relativitätstheorie, die ja eine klassische Theorie der Gravitation ist, kann solche Quanteneffekte nicht berücksichtigen. Alle Aussagen, die den Urknall mit einem Anfang der Welt, mit einer Schöpfung oder einen Schöpfer in Zusammenhang gebracht haben, waren stets reine Spekulation. Man kann hier wieder mal sehen, wie ein Wort, in diesem Falle "Urknall" (oder "Big Bang" im englischen), Aufmerksamkeit erzeugt und die Menschen irreführen kann. Hätte man das Ganze "frühzeitiger supradichter Zustand" genannt, hätten viele Leute viel Zeit gespart und damit vielleicht etwas Vernünftigeres angefangen.

Nun haben die Physiker inzwischen einige Modelle entwickelt, in denen die Gravitation im Rahmen einer Quantenphysik beschrieben werden kann. Eine heute besonders favorisierte Quantengravitationstheorie ist die so genannte M-Theorie, die auch Hawking natürlich nicht in einem solchen Buch erklären kann. Er kann aber das Szenarium darstellen, was sich aus dieser Theorie für das Universum vor dem Urknallstadium ergibt. Danach existiert unabhängig von jeder Zeit etwas, was er "frühes Universum" nennt. Man könnte es auch Ursubstrat nennen. Dieses ist rein räumlich organisiert ist, d.h. es gibt dort keine Zeit. Quantenfluktuationen, die es in einem solchen Substrat auch gibt, lassen Keime von Universen mit einer Zeitkomponente entstehen. Diese haben alle, je nach Art der Fluktuation, ihre eigene Entwicklung, und wir erleben in unserem Universum eine ganz bestimmte dieser Entwicklungen.

Es wäre vermessen zu glauben, man könne das im Rahmen der M-Theorie formulierte Szenarium von der mathematischen Sprache in die Alltagssprache übersetzen. So etwas ist ja schon in der Quantenmechanik zum Scheitern verurteilt. Und nun soll man sich noch beliebig gekrümmte Raumzeiten und ein zeitloses Dasein vorstellen können. Für manche Aspekte dieses sehr abstrakten Modells lassen sich aber doch Bilder oder Vorbilder finden.

Dieses frühe Universum ist ein Quantenobjekt, es brodelt von Quantenfluktuationen wie kochendes Wasser, nur dass man sich jetzt das Brodeln nicht in der Zeit sondern in einer Raumzeit vorstellen sollte, was man aber natürlich nicht kann. Aber für dieses Brodeln gibt es offensichtlich mathematische Ausdrücke, die Hawking zu diesem Bild inspiriert haben. Jede Blase, die sich bei dem Brodeln bildet – um in diesem unzulänglichen Bild zu bleiben – entspricht einen jungen Universum, das sich je nach Art der verursachenden Quantenfluktuation entwickelt.

Schön ist auch das Bild, in dem man mit einer Kugel veranschaulicht, wie aus dem frühen Universum ein junges und damit die Zeit in diesem Universum entsteht. Der Südpol steht z.B. für das frühe Universum, die Breitengrade nehmen die Rolle der Zeit ein. Die Entwicklung einer Quantenfluktuation kann dann durch einen Weg vom Südpol in den Norden beschrieben werden: die Breitengrade entstehen und wachsen wie die Zeit, aber am Südpol gibt es keinen Breitengrad so wie es im frühen Universum keine Zeit gibt.

Natürlich ist die Anzahl solcher Bilder, die einem ein unbestimmtes Gefühl von Verstehen suggerieren, wesentlich geringer als die Fragen, die man sich dabei stellt. Wieso gibt es denn eigentlich Quantenfluktuationen? Es gibt ja keine Zeit im Ursubstrat, usw. Ich vermute, dass jeder, der die M-Theorie nicht gut verinnerlicht hat, mit diesem Szenarium Schwierigkeiten hat. Als Physiker, der etwas Umgang mit solchen abstrakten Theorien hat, weiß man aber, dass diese Bilder alle sehr unzulänglich sind und dass es gar nicht möglich ist, auf anschauliche Weise ein zufrieden stellendes Bild zu entwerfen. Zwar wird diese Übersetzung dessen, was man in mathematischer Sprache aus der Theorie ableiten kann, in anschauliche Bilder mit der Zeit durch Übung und viel Phantasie immer besser werden. Auch werden einige, heute noch fremde Vorstellungen irgendwann Allgemeingut werden. Dass die Erde eine Kugel ist, dass es eine Datumsgrenze auf ihr gibt usw. wird ja heute auch allgemein akzeptiert. Das ist allerdings inzwischen auch erfahrbar, was bei einer Quantenfluktuation wohl nicht zu erwarten ist.

Logisch überzeugend wird das Ganze wohl erst, wenn man die Theorie selbst verstehen könnte, was nur relativ wenigen gelingen kann. Und dann ist natürlich noch zu fragen, ob diese Theorie überhaupt überprüfbar ist, oder ob sie nur ein Modell darstellt, das mit dem Wissen unserer heutigen Zeit konsistent ist.

Tatsache ist, dass hier ein Modell auf zeitgenössischem Stand der Wissenschaft vorgestellt wird, das die Entstehung unseres Universums als Quantenfluktuation aus einem zeitlosen Ursubstrat heraus beschreibt. Und dabei ist dann unser Universum nur eines von vielen. Von einem Anfang der Welt kann hier also nicht gesprochen werden. Und wir, Menschen mit Bewusstsein und der Fähigkeit, Gesetzmäßigkeiten in der Welt zu erkennen und sich nutzbar zu machen, leben nicht nur auf einem unscheinbaren Platz in einem unvorstellbar großen Universum – dieses soll auch noch nur eines von unüberschaubar vielen sein. Man darf gespannt sein, welches Schicksal dieses Modell erleben wird.

Veröffentlicht von

Josef Honerkamp war mehr als 30 Jahre als Professor für Theoretische Physik tätig, zunächst an der Universität Bonn, dann viele Jahre an der Universität Freiburg. Er hat er auf den Gebieten Quantenfeldtheorie, Statistische Mechanik und Stochastische Dynamische Systeme gearbeitet und ist Autor mehrerer Lehrbücher sowie des Sachbuchs: "Die Entdeckung des Unvorstellbaren". Nach seiner Emeritierung im Jahre 2006 möchte er sich noch mehr dem interdisziplinären Gespräch widmen. Er interessiert sich insbesondere für das jeweilige Selbstverständnis einer Wissenschaft, für ihre Methoden sowie für ihre grundsätzlichen Ausgangspunkte und Fragestellungen und kann berichten, zu welchen Ansichten ein Physiker angesichts der Entwicklung seines Faches gelangt. In seiner "Freizeit" versucht er, im klassischen Stil zu komponieren und seine Kompositionen auch mit Hilfe moderner Software zu produzieren. Insgesamt versteht er sich heute als Physiker und "wirklich freier Schriftsteller und Tonsetzer".

30 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Na ja, man kann auch durch die Lottozahlen der letzten 50 Jahre eine Funktion über die Zeit legen, die den Verlauf exakt beschreibt. Falls die nächsten nicht stimmen sollten kann ich durch eine geringfügige Erweiterung der Theorie auch die neuen Zahlen erklären. Ähnlich funktionieren doch auch die Urknalltheorien und andere große Entwürfe. Mit dunklen Materien, dunklen Energien, dunklen Dimensionen und anderen dunklen Parametern kann man die Theorien doch fast an jede neue Messung anpassen.

  2. Ein Gegen-Interview

    Im „forum grenzfragen“ des katholischen Tagungszentrums Hohenheim fand ich ein Interview mit dem Physiker Jürgen Audretsch: http://www.forum-grenzfragen.de/…gs-groem-e.php. Es ist eine Audio-Übertragung.
    Audretsch „verriss“ das Buch. Fachlich kann ich es (und ihn) nicht beurteilen. Aber mir kam es etwas unheimlich vor, dass und wie er diesen Verriss gerade in diesem Interview gegenüber dem Leiter des Tagungszentrums kundtun musste: ob etwa „theologische“ Gründe die Form – auch physikalischer Aussagen – prägten. Und das würde mich als Theologe ärgern, auch wenn ich natürlich das Reißerische an der Vermarktung der Hawking-These nicht mag, dass man da keinen Gott brauche. Aber ich würde auch ein Interview nicht mögen, das nur wie ein passender Schlüssel auf eine vorgefasste theologische Meinung wäre…
    Unheimlich mir auch der Satz aus der darüber stehenden Einleitung: „Nachdem bereits der Philosoph Godehard Brüntrup diese Entstehung aus dem Nichts als logischen Widerspruch entlarvt hat [!? – dabei ein weiter führender Link, den ich jetzt weglasse], liegt nun eine Bewertung aus der Sicht von Jürgen Audretsch, Prof. em. für theoretische Physik an der Universität Konstanz, vor.“ Godehard Brüning ist Ihnen noch bewusst. Und ich kenne und achte Ihr Urteil. Was halten Sie jetzt vom Ganzen?

  3. Rezensionen

    Ja, da war Audretsch wohl nicht alleine. Ohne sich in dem Thema auszukennen, muss ich sagen, dass die Rezensionen in der Guardian, The New York Times und einige andere, die ich gelesen habe, auch überwiegend negativ sind. Kritisiert wurde nicht nur das Gottesmarketing, sondern vor allem der seichte Präsentationsstil und die Tatsache, dass die M-Theorie nicht genug empirische Ünterstützung gefunden habe, um als „Theory of everything“ gepriesen zu werden.

  4. @Aichele und Hagthorpe

    Ja, ich kenne auch solche negativen Äußerungen, aber die beeindrucken mich nicht. Natürlich berichtet das Buch nur über einen Entwurf, so steht es ja auch im Titel. Die empirische Prüfung der M-Theorie ist eine Arbeit für die Zukunft, wenn sie überhaupt möglich ist (siehe mein letzter Satz im vorletzten Abschnitt.) Die marktschreierische Art gefällt mir auch nicht, aber die wird eher von der Presse veranstaltet, im Buch liest sich das alles viel milder. Wenn man da nicht allergisch ist, denkt man nur: „geschenkt“.
    Ich habe den Eindruck, dass das Buch je nach Einstellung zu den „großen Fragen“ jeweils ganz anderes gelesen wird. Ich habe es so gelesen: Hier wird ein Entwurf dargestellt, der (noch) keine Überprüfung erleben konnte, der aber zeigt, dass eine Entstehung unseres Universums ohne einen äußeren Agenten im Rahmen heutiger Physik denkbar ist. Da gibt es keine Grenzüberschreitung, keinen Beweis, dass es keinen Gott gibt, (nur dass man ihn für diesen Zweck nicht braucht). Das ist alles. Dabei wird vorher und auch noch zwischen drin viel Wissenswertes über die Geschichte der Physik, ihre Ergebnisse und Methoden erzählt. So gehen viele Kritikpunkte von Herrn Audretsch ins Leere, ich teile höchstens seine Ansicht, dass die Wegintegral-Methode nicht so in den Vordergrund gestellt werden sollte, weil sie wohl zu suggestiv ist und damit zu leicht in die Irre führen kann. Es gibt aber keinen Königsweg für eine Übersetzung physikalischer Modelle in die Alltagssprache, jeder versucht es anders, erreicht damit diese oder jene. Ich finde meine Art, so etwas zu versuchen, allerdings am besten :-).
    Übrigens haben unsere modernen Theologen doch längst akzeptiert, dass alle Aussagen der Bibel, die sich auf Natur beziehen, nur den damaligen Wissensstand widerspiegeln. Damit müsste eigentlich die Grenzüberschreitung von dieser Richtung aus aufhören und sie müssten auch daran keinen Anstoß nehmen, wenn man ein Modell vertritt, in dem man keinen Schöpfergott für das Universum braucht. Wenn man andererseits als Physiker die Aussagen der Theologen über Gott und Gotteswirken nicht für überzeugend hält, ist das immer noch keine Grenzüberschreitung.
    Über den Satz „Nachdem bereits der Philosoph Godehard Brüntrup diese Entstehung aus dem Nichts als logischen Widerspruch entlarvt hat [!?“ kann ich, wie Herr Aichele schon vermutet, nur schmunzeln. Als wenn ein Herr Hawking und ähnliche Geister solch einen billigen logischen Widerspruch nicht sähen. In dem Interview ist ja dankenswerterweise darauf hingewiesen worden, wie der Begriff „Nichts“ in der Physik eine konkrete Gestalt angenommen hat und sich von dem philosophischen Begriff unterscheidet.

  5. @Josef Honerkamp

    Ja, das Probliem liegt, soweit ich das verstanden habe ja gerade in der Grenzüberschreitung, nämlich in der Behauptung, man hätte auch eine philosophisch und (anti)theologisch befriedigende Antwort produziert. Für mich war es immer selbstverständlich, dass ALLE physikalischen Theorien, auch sämtliche, die den Urknall betreffen, ohne Gottes Wirken auskommen und die Entstehung des Universums ohne sein Wirken erklären können. Wir wären bei den Stoikern und Platonisten, wenn es anders wäre. Allerdings können all diese Theorien qua natürlicher Grenze nicht die Antwort auf die Frage geben, was der GRUND des Ganzen ist. Da findet sich jeder seine eigene Antwort und hat volles Anrecht darauf, auch Anrecht zu sagen, es gäbe keinen Grund. Nur das Problem seitens Hawkins, wie ich es verstanden habe, liegt daran, dass er behauptet, er habe auch diese Frage beantwortet. Und diese Antwort kann es aus der Physik heraus nicht geben. Ob man einen Anfang eines Universums annimt, oder eine Entstehung vieler Universen aus einem zeitlosen Vakuum (eben nicht „nichts“) heraus, über die Frage nach Gott hat man dadurch noch nichts gesagt. Und wieso sollte man auch, wenn die Physik mindestens seit 200 Jahren ohne diese Frage auskommt, sie damit auch offen lässt.

  6. Des Haw-Kings neue Kleider

    Stephen Hawking

    Auf dem Hintergrund meiner neurologischen Arbeitszeit habe ich tiefes Mitgefühl und großen Respekt für einen Menschen wie Stephen Hawking.
    Und großartig finde ich, daß er sich ein Universum ohne Schöpfer vorstellen kann. Das können schon sehr viele Menschen, und es werden immer mehr.

    Wenn ich aber in jedem Buchladen sehe, daß Weihnachten vor der Tür steht,
    weil wieder ein Bestseller von S.Hawking in feinster Geschenk-Ausführung stapelweise verkauft wird, dann beschleicht mich ein böser Verdacht nicht zum ersten Mal.

    Wenn ich S. Hawking beim Papst und bei Obama und so weiter im Fernsehen sehe, dann bekommt dieser Verdacht schon seit einigen Jahren kräftige Bestätigung.

    Gerade habe ich mal bei Wikipedia den S.H.-Artikel und vor allem dessen Diskussionsseite gelesen, und da fand ich genau meinen bösen Verdacht bestens beschrieben:
    http://de.wikipedia.org/…kussion:Stephen_Hawking

    Der arme Mann wird wegen seiner bizarren Lebens-Krankheitsgeschichte
    gnadenlos kommerziell ausgenutzt. Seine Leistungen der Jugendzeit in Ehren, aber seit der „kurzen Geschichte der Zeit“ erschien mir das Produkt „Hawking“
    überdimensional, aufgebläht, da war schon geniale Vermarktung am Werk.
    Offensichtlich kommen die Bücher hauptsächlich von den Coautoren, die den Stand der kosmophysikalischen Spekulationen aus dem effeff kennen und gut darstellen können, sogar die Übersetzer haben es gut drauf, und dann die schönen bunten Bilder und das große Thema.

    Wenn mir S.Hawking. „die Universen“ erklären will, indem er mir die Erkenntnisse von einem „Beobachter außerhalb von Raum und Zeit“ beschreibt, dann zweifele ich daran, daß derartige Aussagen mit dem gesunden Menschenverstand zu vereinigen sind, auch wenn sie mathematisch beweisbar sind. Was wir „Beobachten“ nennen geht nur in Zeit und Raum (I.Kant).

    Am Schluß des Märchens von des Kaisers neuen Kleidern sagt das Kind:
    Der Haw-King ist ein raffiniertes Medienprodukt, und von dem Weihnachtsgeschäft lebt der Verlag wieder gut ein Jahr.
    Und die Formel für Alles bleibt nichts weiter als ein Hirngespinnst,
    Fortsetzung folgt.

  7. eine kleine Frage:

    Stimmt mein (oberflächlichster, denn ich habe nichts von ihm gelesen) Eindruck, dass Hawking mit seiner Kosmogenese und „imaginary time“ ganz einfach bloss vorschlägt, die Wick’sche Rotation und den Trick, Singularitäten beim berechnen von Green’sche Funktionen durch Schwingerfunktionen sprichwörtlich „im Komplexen zu umgehen“, „ontologisch ernst zu nehmen“? Wenn ja, wäre das nicht nur ein schönes (schön? – na ja …) Beispiel für Platonismus in der heutigen Physik, sondern auch ein direktes Analogon zu pythagoreischen Uberlegungen zur „Gegenerde“, die man postulierte, weil 10 so eine schöne Zahl sei, aber nur 9 Planeten zu sehen waren.

    Hmmm,… da fällt mir doch was ein: In der „dimensional renormalization“ umschifft man Divergenzprobleme, indem man in den Formeln für den Wert von „d“, die Dimension, auch beliebige, komplexe Zahlenwerte zuläßt. Ich sehe schon „Das i-dimensionale Universum“ als nächsten Blockbuster der Populärwissenschaft. Bin ja gespannt, wie der verfilmt wird.

  8. Verwirrend

    Die Sache mit der „modellabhängigen Realität“ bei Hawking/Mlodinow war mir nicht unmittelbar einleuchtend, und ich habe im Diagonalverfahren einmal versucht, mir einen Eindruck zu verschaffen. Es beginnt im ersten Kapitel mit

    [Model-dependent realism] is based on the idea that our brains interpret the input from our sensory organs by making a model of the world. When such a model is successful at explaining events, we tend to attribute to it, and to the elements and concepts that constitute it, the quality of reality or absolute truth.

    Im folgenden wird das mit variierten Formulierungen wiederholt exemplifiziert, um dann achten Kapitel nochmals zusammengefasst zu werden:

    We form mental concepts of our home, trees, other people, the electricity that flows from wall sockets, atoms, molecules, and other universes. These mental concepts are the only reality we can know. There is no model-independent test of reality. It follows that a well-constructed model creates a reality of its own.

    Demzufolge kann nur mentalen Konzepten die Qualität des Realen zuerkannt werden, von einer physikalischen Realität ist da überhaupt nirgendwo die Rede. Ein merkwürdig philosophischer Realitätsbegriff für ein Autorenteam, das zuvor noch die Philosophie vollmundig für tot erklärt hat. Oder sehe ich das falsch?

    @T.
    Stimmt. Genauer gesagt, das ist die sog. Hartle-Hawking „no-boundary proposal“, eine Variante der Wick Rotation (vgl. R. Penrose, Road to Reality).

  9. @N. Hagthorpe

    Hawking beantwortet wohl auch Fragen nach „Warum“, gibt also auch „Gründe“ an, aber das ist alles nur wieder physikalisch gemeint. Aus dem „Nichts“ – weil Quantenfluktuation (hier ist physikalische „Nichts“ gemeint; das so genannte philosophische Nichts, was ist das?) , usw. Theologisch würde es werden, wenn er über „Sinn“ etwas sagen würde; das tut er aber m.E. nicht. In Bezug auf einen Gott sagt er nur, dass man mit der Annahme seiner Existenz das Problem nur einen Schritt weiter nach „hinten“ verschiebt. Es ist nun mal so, wie Sie schon sagen: In der Physik kann man keine Aussagen über Sinn machen und damit auch keine Aussage über die Existenz eines Gottes. Man braucht ihn nicht, das ist alles.

  10. @chrys

    Daß wir die Realität in unserem Gehirn modellieren und nur diese selbstreferentiellen Konstruktionen zu Gesicht bekommen, ist doch ein alter Hut, den Konstruktivisten und Systemtheoretiker seit Jahrzehnten unisono mit den Hirnforschern verkünden.
    Bei W.v.Humboldt hieß das Ganze „Weltwissen“, bei Luhmann „Sinn“, und die Außenseite unserer Sinn-Grenze bleibt uns unzugänglich.
    Die unfaßbare Komplexität der Welt wird durch das Modell reduziert und in eine vereinfachte Form gebracht, die uns zur Orientierung dienen kann.
    Physik ist an sprachliche Formulierungen gebunden und kann damit auch nur das innere Sinn-Modell zum Ausdruck bringen. Die Wirklichkeit liegt unter dem Schleier der Maya, wir erkennen davon nur Name und Gestalt.
    Was ist da neues dazugekommen?

  11. @Chris

    Nein, das wäre ja Solipsismus. Ich verstehe seine Ansicht so, wie ich es in meinem Artikel beschrieben habe, und das ist auch immer meine Meinung gewesen. Es gibt „etwas“ da draußen, aber ich kann nicht umhin, dass ich das nur mit meinem Gehirn in Form von Denkmodellen wahrnehmen und analysieren kann. Und das ist schließlich nur ein Produkt dieses „etwas“, auf einem ziemlich zufälligen Stand der evolutiven Entwicklung. So kann man nicht mehr erwarten.

  12. @T.

    Ihre technische Frage kann ich nicht genau beantworten,kann aber Ihren Verdacht verstehen. Ich habe auch den Eindruck, dass er auch die Pfadintegrale zu „ontologisch“ sieht, habe mich aber getröstet damit, dass der Formalismus erst einmal zeigen muss, was er kann und dass dann über die „richtige“ Interpretation diskutiert werden muss (siehe Quantenmechanik).

  13. @Josef Honerkamp

    Ich verstehe nicht, warum Sie die Kategorie „Sinn“ mit Theologie und der Frage nach Gott verbinden. Das System „Sinn“ hat von Natur aus keine religiösen Implikationen. Im Gegenteil sind für mich, nach meinem Sinn, die Fragen nach Gott widersinnig, sie passen nicht in meinen Sinn, zu viele Widersprüche.
    Daß die Physiker nicht über „Sinn“ nachdenken und reden können, finde ich bedauerlich, weil sie mit ihrer Arbeit sehr viel Sinn schaffen, das innere Sinn-Modell ständig verbessern.
    Wenn die Physiker einmal Computer bauen wollen, die Übersetzungen von Sprache zu Sprache in einer sinngemäßen Qualität leisten können, dann müssen sie ihre Scheu vor dem Phänomen „Sinn“ überwinden

  14. Autsch – Sinnbegriff @Steffen Rehm

    Autsch, da müsste doch der Begriff „Sinn“ klarer definiert werden.
    Ich kann manchen Sinnzusammenhang als unsinnig erklären. Dan ist es ein falscher Sinn. So wie eine falsche Richtung auch eine Richtung ist.
    Eine sinngemäße Qualität einer Übersetzung ist wieder etwas anderes – die gibt den Sinn oder Unsinn einer Äußerung entsprechend dem Sinn, der Absicht des originalen Sprechers angemessen wider.
    „Sinnfragen“ sind Fragen nach der Richtung des Lebens. Wieder etwas anderes. Sie entstehen zwar auch ohne Religion(en). Sie werden aber zumeist als quasi-religiös oder direkt religiös bezeichnet, da sie in den bisherigen Menschheitstraditionen eben in Religionen gesammelt und gebündelt wurden. Man kann sie natürlich aus den Religionen herausnehmen und auf andere weise weiterpflegen; aber es ist nicht so falsch davon auszugehen, dass sie zumindest bisher das Vorzugsterrain der Religionen waren und dass sie deshalb als Frage an die Theologen bezeichnet werden.
    Und Naturwissenschaft geht mit Recht davon aus, dass sie nicht nach dem Sinn eines Geschehens sondern nach dessen Wirkusammenhängen zu sehen hat. Beispiel: Evolution. Darin einen Sinn zu sehen (etwa im Sinn einer Zielgerichtetheit auf die Menschen zu), das ist keine wissenschaftliche Fragestellung.
    Also, damit das Reden über Sinn Sinn macht (oder ohne Anglizismus: Sinn findet), muss man sinnvollerweise klären, welchen Sinn man im Sinn hat.

  15. Grenzüberschreitung? @N.Hagthorpe

    Laplace hat keine Grenzüberschreitung begangen, wenn er zur Bewegung der Gestirne auf die „Hypothese Gott“ verzichtete. Sondern das war naturwissenschaftlicher Realismus. Nach dem, wie es Herr Honerkamp darstellt, ist der ausdrückliche Verzicht Hawkings auf eine „Hypothese Gott“ genau auch auf dieser Linie zu sehen: In meinem Gebiet der Physik kann und will ich damit nichts anfangen. Müsste doch so OK sein.
    Ich kann schon verstehen, wenn jemand aus theologischer/religiöser Absicht Naturwissenschaftlern gegenüber entgegenhält, selbst bei solchem Verzicht auf die Gotteshypothese würden sie Grenzen überschreiten – dass sie darauf allergisch reagieren. Eben nach allem, was es da in den letzten Jahrhunderten an kirchlicher Bevormundung und Schlimmeres gab.
    Und die Begriffsunterscheidung ist natürlich auch nötig: Der Grund des Seins im philosophisch-theologischen Sinn ist nicht die naturwissenschaftliche Begründung des Seins oder gar der Kippschalter beim „Urknall“ . Wenn ich das verwechseln würde, hätte man mich zu Recht im Verdacht, ich würde zwar innerhalb der jetzt ablaufenden Wirklichkeit der naturwissenschaftlichen Methode alles Recht einräumen, aber die eine Ausnahme machen: Am Anfang Gott als eine andere Ursache. Ist schon recht, wenn Naturwissenschaftler ihre Arbeit auf ihre Weise tun. Und sie benützen eben dazu ähnliche Begriffe, die in ihrem Zusammenhang dann doch ganz anderes aussagen.

  16. @Josef Honerkamp / Steffen Rehm

    Herr Honerkamp, mit Ihrer Vorstellung einer vom Menschen unabhängigen Wirklichkeit habe ich keinerlei Probleme. Dass zwei oder mehr unterschiedliche Modelle denselben Aspekt dieser Wirklichkeit gleichwertig darstellen können, das ist auch völlig in Ordnung. Ein Modell ist ja nichts anderes als eine mehr oder weniger brauchbare Beschreibung eines Phänomens und darf nicht mit dem beschriebenen Phänomen selbst verwechselt werden. Die Qualität des Realen sehen wir, wenn überhaupt, dabei aber doch als Eigenschaft des Phänomens, nicht als Eigenschaft seiner Beschreibung. Und genau das sagen Hawking/Mlodinow nicht, jedenfalls nicht für mich aus dem Wortlaut erkennbar. Im Gegenteil, die Qualität des Realen wird hier ausdrücklich dem Modell, also der Beschreibung zugeordnet.

    Ich habe noch etwas herumgesucht und Penroses Rezension des Buches in der Financial Times gefunden. Der hat mit dem modellabhängigen Realismus auch so seine Schwierigkeiten:

    The viewpoint of „theory-dependent realism“ being espoused in this book appears to be a kind of half-way house, objective reality being not fully abandoned, but taking different forms depending upon the particular theoretical perspective it is viewed from, enabling the possibility of equivalence between black and white holes.


    @Steffen Rehm
    Vielleicht wird das aus dem Kontext inzwischen klarer, es geht um dieses „etwas“ da draussen, wie Herr Honerkamp es genannt hat, das sich in Experimenten und Beobachtungen der Natur manifestiert. Das kommt nicht aus unseren Hirnen und man kann bzw. muss ihm dennoch berechtigt eine Realität zuschreiben.

  17. Physik durch Bilder

    Hier noch ein guter kurzer Artikel über J. Baez:

    „They say that a picture is worth a thousand words—but how many equations might be saved with the right choice of image? Mathematician John Baez argues that if we want to solve some of the deepest puzzles in physics today, then we need to go back to the drawing board—literally…. Category theory could also help illuminate an ancient saying about the nature of time. The Greek philosopher Heraclitus famously mused about the notion of change and the passage of time, stating that you cannot step into the same river twice. Why not? „Well, people usually say it’s because the river would be different later: all the water molecules in it will be different,“ says Baez. „But the writer Borges pointed out that you will be different too.“ It won’t be the exact same river, and it won’t be the exact same you, but you and the river will be the same in a way. „The Greeks found this idea very troubling: they thought things were either equal or not equal,“ says Baez. It’s a puzzle that faces mathematicians and physicists every day too, whenever they look at equations and think hard about what they really mean. On one hand, the two sides of the equation look different, but on the other hand, the „equals sign“ tells us that they are the same. Categorification is a fancy name for coming clean on this issue: instead of merely saying that two things are the same, it specifies a way of regarding them as the same, says Baez. Category theory may help our understanding of ancient Greek philosophy. But any sceptical physicist who does not want to change her mathematical ways will ask: Has categorification ever actually been shown to be useful in physics? The answer is a resounding „yes.“

    Baez‘ Bezug zu den alten Griechen reduziert sich nun aber nicht auf den auf sie zurückgehenden Wissenschaftsbegriff und eine Neigung zu visualisierendem Denken, sondern greift in seinem Azimuth-Projekt auch deren übergeordneten „Anti-Idiotismus“ auf: Erst durch Einmischung in die Angelegenheiten der Polis sahen die Griechen einzelwissenschaftliches Denken legitimiert. Einzelfachspezifischer Erkenntnisdrang war ihnen nur als Spezialfall eines umfassenden, sich auf die Marktplätze begebenden, „Erkenntnis-Engagements“ denkbar. In der damals aufgekommenen Wissenschaftskonzept spiegelt sich dies durch das Insistieren auf Begründungs- und Reproduzierbarkeitszusammenhänge wieder. Sich statt dessen auf ihre jeweiligen sozialen, ökonomischen und kognitiven Privatsphären Zurückziehende waren die beklagenswerten „Idiotes“. Baez beschreibt seinen „Anti-Idiotismus“ im Azimuth-Projekt so: „now I want to work on more practical things, too. Why? I keep realizing more and more that our little planet is in deep trouble! The deep secrets of math and physics are endlessly engrossing — but they can wait, and other things can’t. Since July 2010 I’ve been working at the Centre for Quantum Technologies, which is located in Singapore. I’ll stay there until the end of July 2012. This will be a good time to change gears and try something new. I plan to talk about many things on this blog: from math to physics to earth science and biology, computer science and the technologies of today and tomorrow – but in general, centered around the theme of what scientists can do to help save a planet in crisis.“ Es wäre zu wünschen, dass sich zahlreiche Mitstreiter für ihn finden – denn, wenn nicht unter den „Wissenschaftlern und Ingenieuren“, wo sollte man denn sonst hoffen, die dringend notwendigen „Anti-Idioten“ zu finden?

  18. linguistik turn

    Zurück zu S.Hawkin und den Spekulationen über Multi-Universen.

    UNIVERSUM ist zunächst ein Wort, das die Menschen geschaffen haben, um das GANZE, was existiert, zu benennen im gleichen Sinn wie das Wort Weltall.
    Der Begriffsumfang von Weltall bzw. Universum schließt demnach ALLES ein, was existiert. Folglich ist es ein sprachlogischer Widerspruch, daneben noch die Existenz von weiteren Universen zu behaupten, denn dann wäre keins der vielen „Multiversen“ das Ganze, nicht Universum, nicht ALLES enthaltend.
    Autoren, die solche Sprachschlamperei propagieren, kann ich nicht ernst nehmen, auch wenn deren mathematische Phantasie Blasen außerhalb des Weltalls erzeugt.

  19. @Steffen Rehm

    Linguistisch zu argumentieren ist hier blödsinnig. Naturwissenschaftliche Begriffe erfahren natürlich im Laufe der wissenschaftlichen Entwicklung Umdeutungen. Außerdem bleibt der Begriff Universum sinnvoll, da er ja alles beschreibt, was für uns begeh- und beobachtbar ist.

  20. Für Theologen

    Aus theologischer Sicht besteht eigentlich nicht die geringste Veranlassung, das Buch von Hawking und Mladinow auch nur in die Hand zu nehmen. Eine seriöse theologisch-wissenschaftliche Darstellung der creatio ex nihilo à la Hawking (und ähnlicher Konstrukte) existiert doch seit 20 Jahren:

    W. B. Drees. Beyond the Big Bang: Quantum Cosmologies and God. Open Court Publ., 1990.

    Für weitere Informationen über den Autor, Willem Bernard Drees, siehe
    http://en.wikipedia.org/wiki/Willem_B._Drees

    Dass die sog. M-Theorie dabei keine Erwähnung findet (die kam ja erst ab 1995 auf) ist absolut unerheblich. Die M-Theorie ist für Hawkings Genesis-Szenario beliebig austauschbar durch eine alternative Quanten-Kosmologie, unverzichtbar ist in diesem Kontext nur der Pfadintegral Kalkül.

    Hawkings derzeitiges Faible für M-Theorie erklärt sich wohl vielmehr dadurch, dass er sein notorisches „Hawking Paradoxon“ im Fall der sog. AdS/CFT Korrespondenz (einem Ableger der M-Theorie) gelöst zu haben glaubt — aber das ist eine andere Geschichte.

  21. Theologe u Physiker Drees – @Chrys

    Danke, Chrys, für diesen Verweis auf Drees. Ich habe mich heute Abend ziemlich exzessiv in ihn eingelesen. Er scheint eine sehr aufgeklärte Theologie zu betreiben und die Naturwissenschaft in ihrem Selbstverständnis zu verstehen und als solche ernst zu nehmen – ohne aus ihren offenen Fragen theologischen Gewinn herausholen zu wollen.
    Ob man als Theologe das Buch von Hawking und Mladinow deshalb nicht in die Hand nehmen muss, kann ich zwar nicht beurteilen. Aber gehe ich recht in der Annahme, dass jedenfalls Drees sich nicht über die fehlende Gotteshypothese bei Hawking und Mladinow aufregen und keine unzulässige Grenzüberschreitung beklagen würde?
    Mit Drees, den ich bisher nicht so ausführlich wahrgenommen hatte, könnte ich mich theologisch anfreunden. Gibt eben doch immer wieder Entdeckungen… Na ja, deshalb sind wir ja hier. 🙂

  22. @H.Aichele

    Sein Konzept einer Welt, deren Ursprung akausal ist und ohne eine wie auch immer geartete „Anfangssingularität“ auskommt, hat Hawking offenbar schon in seiner ‚Kurzen Geschichte der Zeit‘ von 1988 ausführlicher dargelegt als in dem neuen Buch (nur weniger provokativ). Mit Hawkings Schriften, insbesondere auch den vorausgegangenen Fachpublikationen, war Drees 1990 vertraut, er zitiert das ja auch alles. Einen Grund für aufgeregte Empörung scheint mir Drees darin aber nicht zu erblicken. Man darf wohl auch davon ausgehen, dass der Gottesbegriff bei Drees nicht nur auf die Idee des primum movens reduziert ist, wie es bei Hawking immer wieder anklingt.

    Laut wikipedia ist ‚Beyond the Big Bang‘ im Kern Drees‘ Dissertation in Theologie, mit einem Theologen und einem Astronomen als Gutacher. Sachliche Wissenschaftlichkeit ist eigentlich eine Grundvoraussetzung für jede auch nur halbwegs sinnvolle interdisziplinäre Diskussion solcher Fragen. Auf der von Ihnen verlinkten Webseite (forum-grenzfragen.de) war unten eine Tagung zum Thema „Universum aus dem Nichts“ angekündigt. Die Teilnehmer wären jedenfalls gut beraten, die Debatte nicht nach den simplen Strickmustern zu führen, wie sie von Hawking/Mlodinow vorgegeben und in einigen Reaktionen auch gleich aufgenommen worden sind.

  23. @Stefan Taube

    Stefan Taube schrieb:
    „Linguistisch zu argumentieren ist hier blödsinnig. Naturwissenschaftliche Begriffe erfahren natürlich im Laufe der wissenschaftlichen Entwicklung Umdeutungen. Außerdem bleibt der Begriff Universum sinnvoll, da er ja alles beschreibt, was für uns begeh- und beobachtbar ist.“

    Hallo Stefan,

    ich wüßte gern, was Sie unter dem Wort „Sinn“ verstehen, das Sie mit „blödsinnig“ und „sinnvoll“ offensichtlich als Wertmaßstab benutzen.
    Allerdings glaube ich, daß Sie mir keine Antwort schreiben können, weil Sie das selbst nicht wissen.

    Wenn Ihnen das linguistische Argument nicht gefällt, kann ich es vielleicht etymologisch probieren: Universum, universal, Universität, da kommt das UNI- immer vom lateinischen UNUM=EINS, in EINS zusammengefaßt, davon kann es im kosmologischen und sprachlogischen Sinn nicht mehrere geben.

    Nehmen wir an, daß es doch mehrere davon gibt, dann erheben sich die Fragen, wie die alle in Zusammenhang sind, ob das Ganze der vielen „Parallelwelten“ begrenzt ist oder unbegrenzt, und was für einen Namen wir dem Ganzen, als EINHEIT, geben.
    Und dann stellen wir fest, daß „Universum“ da eigentlich am Besten passt.

    Bis dahin ist diese höhere EINHEIT dann sicher auch längst „begehbar“ und „beobachtbar“, und dann kommt einer, der mathematisch beweist, daß es mehrere dieser EINHEITEN geben kann, mehrere Universen. Es ist zwar offensichtlich Quatsch, das Wort im Plural zu benutzen, aber:
    Nehmen wir an, daß es doch mehrere davon gibt, dann erheben sich die Fragen, wie die alle im Zusammenhang sind, ob da Ganze der vielen ….usw, usw.

    Letztendlich sehen wir nichts als Selbstähnlichkeit, die fraktale Dimension des Kosmos. Schreiben die Ghostwriter von S.Hawking davon eigentlich auch schon etwas?

  24. von einer Reise zurück – einige Antworten

    @Steffen Rehm
    1. Wie Herr Aichele schon bemerkte, gebrauchen wir wohl das Wort „Sinn“ in unterschiedlicher Weise. Ich verstehe darunter schon so etwas wie eine Wertzuordnung, die wir Menschen setzen, und dieser Vorgang entzieht sich der physikalischen Betrachtungsweise. Sie verstehen unter „Sinn“ vermutlich eher etwas, was wir zwar auch als Menschen entdecken, nämlich Verständnis, das aber mit den Strukturen in der Natur korreliert ist. In diesen Sinne stimme ich mit Ihnen überein. Vielleicht sollte man sich über unsere Reaktion auf die Erkenntnis von Strukturen in der Welt noch mehr Gedanken machen.
    2. zu Ihrem vorherigen Kommentar: Ich weiß nicht, in wieweit Herr Hawking von seiner Umgebung „gesteuert“ wird, aber ich möchte den Autor sehen, der seinem Verlag (vertraglich natürlich) verbietet, auf das Weihnachtsgeschäft Rücksicht zu nehmen. Und Kant sollte man in dem Zusammenhang nicht erwähnen; mit seiner Ansicht, dass Raum und Zeit synthetisch a priori, also keine empirischen Begriffe sind, lag er falsch. Er war der Philosoph der klassischen Physik, nicht aber der modernen Physik ab 1900.

    @Chris
    1. Sie schreiben „Die Qualität des Realen sehen wir, wenn überhaupt, dabei aber doch als Eigenschaft des Phänomens, nicht als Eigenschaft seiner Beschreibung.“ Ja, dem stimme ich zu, aber was ist die Qualität des Realen? In meinem Artikel über „Realismus und Nichtseparabilität….“ und auch in der Rezension des Buches von Heisenberg habe ich ausgeführt, wie unsere klassischer Realismusbegriff in der Welt der kleinsten Dimensionen versagt. In dieser Welt können wir uns nur über Modelle verständigen, wir sind sozusagen „blind“, weil unser Vorstellungsvermögen nicht ausreicht. Ich meine Hawking und Modlinov haben das auch stets im Hinterkopf, ich habe das denen beim Lesen wenigstens unterstellt. Natürlich hat Penrose als Platoniker so seine Schwierigkeiten damit, aber der hat m. E. noch nicht verinnerlicht, dass unser Erkenntnisapparat auch nur ein Produkt der Natur und damit der Evolution ist.
    2. Vielen Dank für den Hinweis auf Drees. Vielleicht ist es interessant, solch einen Theologen mal zu lesen. Aber er vertritt sicher nicht die(!) Theologie. Die offiziellen Verlautbarungen der Kirchen und schon gar die religiösen Praktiker erzählen doch ganz was anderes. Man sollte die Theologie nicht an einigen Ausreißern messen sondern an dem Konsens ihrer Wort- und Meinungsführer. Und dort ist immer noch Gott der, der alles erschaffen hat, alles erhält und „alles so herrlich regieret“. Schließlich gibt es in der Theologie ja kein nachprüfbares Wissen.

  25. Optimisation @Josef Honerkamp

    Gestern ist gerade ein schöner Artikel in der New York Times erschienen.
    http://www.nytimes.com/…amp;_r=1&ref=science
    Es geht dort um Untersuchungen (gerade auch mit Hilfe von Physikern) die zeigen, dass sich einige evolutionären Mechanismen (das Sehen, die Muskelkontraktion, Mikrobenorientierung, auch der basale neuronale Aufbau des Hirns) so weit angepasst haben, dass sie an die Grenze des physisch möglichen stoßen. Natürlich darf man dass nicht vorschnell auf ein so hochkomplexes und auch fehlerbehaftetes System wie das Gehirn übertragen, trotzdem wäre ich etwas zurückhaltender mit der Behauptung unser Denken sei allein wegen seiner evolutionären Herkunft z.B. zur Mathematik platonischer Art nicht fähig.

  26. @Josef Honerkamp

    Mit Ihnen diskutiere ich gern, aber wenn wir nicht verschiedene Meinungen hätten, gäbe es keinen Anlass dazu. Doch dazu kann es nicht kommen, wenn ein Philosoph, ein Physiker, ein Linguist und ein Hirnforscher sich über das Wort Zeit Gedanken machen.

    Kant mag überholt sein, aber seine Meinung über Zeit war m.E. nicht falsch, sie passt heute gut in die aktuelle „Korrelationstheorie“ der Hirnforschung, in der die Wahrnehmung von Zeit als ein Ergebnis der Hirnwellen, der rhythmischen Aktivierung der Hirnrinde, verstanden wird. Unser getaktet arbeitendes Nervensystem ist die Ursache von unserem Zeitempfinden, mit dem wir Veränderungen der Umwelt als Bewegungen wahrnehmen können; das ist uns a priori von Geburt an gegeben und gibt eine neurophysiologische Erklärung für Kant ab.
    Zeit ist im allgemeinen Sprachgebrauch ein Wort, das die Menschen für den Maßstab gebrauchen, mit dem sie die Dauer von Bewegungen messen. Eine Bewegung kann in der Beobachtung langsam oder schnell erscheinen, das heißt sie braucht viel oder wenig Zeit, eine kurze oder lange Zeit. Die Messlatte dafür und die Fähigkeit des Zählens ist nur im beobachtenden System zu finden, außerhalb seiner Systemgrenzen gibt es nur Veränderungen, Bewegungen.
    Das war eine Aristoteles-Interpretation, die auch längst überholt sein mag, aber ebenso gut in die Hirnforschung passt.
    Die Floskel „Zeit ist, was die Uhr misst,“ ist demnach falsch. Eine Uhr kann von sich aus gar nichts messen, aber ein geschulter Beobachter kann mit Hilfe einer Uhr die Dauer von Bewegungen sekundengenau messen, im Maßstab „Zeit“. Die Uhr ohne Beobachter ist nichts weiter als eine gleichförmige Bewegung, die technisch synchron der Erdrotation angepasst ist.

    Pardon, wenn ich meine Meinung zuspitze: Seit Einstein sind die Physiker über die Begriffe „Zeit, Raum, Dimensionen“ ein wenig in Verwirrung geraten, so daß sie von Aristoteles und I.Kant nichts mehr wissen wollen. Hawkings reißerische Weihnachtsbotschaft verbreitet auch nur die Verwirrung flächendeckend. Allerdings steht die Quantentheorie schon auf der richtigen Seite, wenn sie die bis dahin übersehene Rolle des subjektiven Beobachters in die Physik einführt.
    Zeit in meinem Sinn ist keine objektive Kategorie, sie ist nur Subjekten mit der Fähigkeit des Zählens zugänglich, denen sie zunächst zur mathematischen Vermessung und Beschreibung ihrer Vergangenheit und Zukunft dient.
    Mit Vergangenheit und Zukunft sind Veränderungen bzw. Bewegungen gemeint, die bereits geschehen sind oder noch nicht geschehen sind, die also nur in Erinnerungen oder Phantasie existieren.

    So ist es mit allen Dimensionen: Die Welt enthält an sich keinerlei Maßstäbe, solange derartiges nicht von einem messenden System gebraucht und darum auch selbst erzeugt wird. Der Raum hat von sich aus keine Dimensionen, solange es kein messendes Wesen gibt, welches die Position von Objekten im Verhältnis zu einem von ihm festgesetzten Bezugspunkt genau bestimmen will. Dazu sind bekanntlich mindestens 3 rechtwinkelig aufeinander konstruierte Dimensionen nötig (L,B,H) nötig, die allein in der Phantasie des messenden Wesens existieren, nirgenswo sonst.

    Die professionellen Fachleute für Zeit sind nach meinen Erfahrungen die Musiker, die ständig mit größter Genauigkeit (Zehntelsekunde) in der Zeit gestaltend wirken und sychron mit ihren Mitspielern agieren; sie arbeiten und improvisieren kreativ im Medium Zeit, sind dauernd am Zeit-Zählen, haben ein sehr bewußtes Erleben von Zeit und verfügen über einen optimal trainierten Hirnschrittmacher im thalamocorticalen System zur zeitlichen Steuerung ihrer Aktivitäten.

  27. Hawkings Welt / @Josef Honerkamp

    Die subjektunabhängige Wirklichkeit, die zu erfassen die Physiker sich bemühen, offenbart sich letztlich ja immer nur durch die Mess- und Beobachtungsdaten von Experimentatoren oder Astronomen. Die Theoretiker kommen mit dieser Wirklichkeit selber gar nicht mehr in einen unmittelbaren Kontakt. Wenn auch in der Quantenmechanik eine adäquate Veranschaulichung des Geschehens mit vertrauten Bildern nicht möglich ist, so hat sich auch hier das Zusammenspiel von Theorie und Experiment im Prinzip doch hervorragend bewährt. Theorie ohne Experiment hat keine Schnittstelle zur Wirklichkeit, und Experiment ohne Theorie bleibt, wie in Ihrem Beitrag so treffend ausgedrückt, unverständliches Rauschen.

    Die von Hawking/Mlodinow gelieferte Erklärung der Welt leidet halt an dem Mangel, dass ihr diese Schnittstelle zur Wirklichkeit in obigem Sinne komplett fehlt. Und mein Eindruck war der, dass die Autoren hier doch eher eine zu ihrer favorisierten Theorie passende Wirklichkeit als eine zur empirischen Wirklichkeit passende Theorie proklamieren. Kann man gewiss auch anders lesen, bei Interpretationsfragen hat es meist viele Freiheiten.

    Nochmals zur Theologie. Hawking hat seiner creatio ex nihilo faktisch nichts Neues hinzugefügt. Nach eigenem Bekunden hat er seine Idee erstmals 1981 auf einer Konferenz im Vatikan vorgestellt, eine zitierfähige Publikation dazu erfolgte 1983 gemeinsam mit James Hartle. Gut, Willem Drees mag der einzige Theologe weltweit sein, der diese Arbeit verstehen kann (Drees hat bei Martinus Veltman Physik gelernt, daher darf man ihm das zutrauen), aber 1988 hat Hawking dann bereits alles in seiner „kurzen Geschichte der Zeit“ recht allgemeinverständlich aufbereitet. Damit und mit dem Buch von Drees kann sich ein Theologe sicherlich besser zum Thema kundig machen als etwa mit dem neuen Text von Hawking/Mlodinow. Der Herr Prof. Brüntrup scheint mir das z.B. aber nie getan zu haben, sonst hätte er deutlich gelassener reagieren können.

  28. Hawking

    Ich weiß gar nicht, mehr wann ich zum ersten Mal von Stephen Hawking gehört habe, ich habe gerade versucht mich mal daran zu erinnern aber mir fällt es nicht ein. Ich habe das Gefühl ihn schon immer zu kennen, denn er begleitet mich schon etliche Jahre mit seinen Dokumentationen und vor allem Büchern, die ich verschlinge, aber Schwierigkeiten habe zu verstehen. Ich denke die wenigsten Menschen verstehen seine Thesen und Überlegungen wirklich, meiner Meinung nach geht es auch nicht wirklich um das verstehen, sondern um die Möglichkeit selbst über Dinge nachzudenken und seine eigene Überlegung zu tätigen. Dafür, dass er das schafft und mich dabei seit Jahren dabei unterstützt, bewundere ich ihn. Ich bewundere ihn außerdem auch als Mensch, denn andere würden mit einem solchen Schicksalsschlag ein ganz anderes Leben führen. Aber das natürlich nur am Rande, es geht ja um diese mehrteilige Dokumentation zum Buch, die ich kurz gesagt empfehlen kann. Die einzige Kritik „Es ist zu kurz“. Spaß beiseite, ich sauge diese Dokus so in mich auf, dass mir dabei die über zwei Stunden zu kurz vorkommen, ich hätte da gerne noch mehr zu gesehen. Absolute Kaufempfehlung, schau aber selbst einfach mal rein.

  29. Pingback: Kwaku Ananse » Stephen Hawking, Leonard Mlodinow: Der große Entwurf

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