Kuriose Inschrift in Ulm

Als ich vor ein paar Tagen durch Ulm spaziert bin, ist mir in der Nähe des Münsters diese schöne Jugendstilinschrift aufgefallen. Verwirrt war ich dann aber gleich, weil das Haus, an dem diese Inschrift angebracht ist, so gar nicht zu der Gedenktafel passen will. Ulm Schadsches Haus Neue Strasse Ulm Schadsches Haus Neue Strasse WallensteingedenktafelDiese Inschrift erinnert an eine Übernachtung Wallensteins in Ulm. Links das Planetensymbol für Mars, rechts das für Jupiter (sieht man in der vergrößerten Ansicht besser) – wohl ein Bezug auf  Wallensteins Interesse an Astrologie.

Ulm Schadsches Haus Neue Strasse Ulm Schadsches Haus Neue Strasse WallensteingedenktafelHier die Ansicht des gesamten Gebäudes am Weinhofberg, links im Bild die Gedenktafel. Weniger auratisch geht’s nicht.

Ein paar Fakten dazu waren schnell ergoogelt:

Die Familie Schad war ein Ulmer Patriziergeschlecht. Während des Dreißigjährigen Krieges lenkte sie die Geschicke der Stadt maßgeblich. Wallenstein hielt sich vom 30. Mai bis Oktober  1630 in Memmingen auf und erhielt dort unter anderem seine Entlassung als Oberbefehlshaber der kaiserlichen Truppen. Am Vorabend seines Eintreffens in Memmingen hat Wallenstein also offenbar im Hause Schad in Ulm übernachtet.

Dieses Haus ist nun aber gar nicht mehr da  ̶ Ulm wurde im Zweiten Weltkrieg stark zerstört. Damit ist die Tafel nun auch zum Gedenkstein für das verschwundene Haus geworden.

Es bleiben aber doch Fragen:

Gestiftet wurde die Tafel anscheinend nicht von Nachkommen der Patrizierfamilie, sondern von der Stadt Ulm, wie die kleine Inschrift unterhalb des anmutigen Kanonenkugelhaufens besagt. Gab es 1910 wohl einen besonderen Anlass? Oder war es ein Ersatz für eine Vorgängertafel? Wovon nährt sich der Stolz auf eine einzige, immerhin doch recht banale Übernachtung?

Vielleicht gibt es Ulmer, die hier Rat wissen?

 

 

Ich arbeite als Journalistin, Sachbuchautorin und Bildredakteurin. Als Kunsthistorikerin begeistern mich die spannenden langen oder kurzen Geschichten hinter den sichtbaren Gegenständen – seien sie hunderte von Jahren alt oder erst wenige Tage. Insofern ist für mich eigentlich alles Menschengemachte ein "Denkmal", nicht nur das, was bewusst zur Erinnerung an eine Person oder an ein Ereignis errichtet wurde – zum ehrenden Gedenken oder mahnend. Am schönsten finde ich die vielen heute als Kulturdenkmale verehrten Reste, denen früher niemand einen besonderen Erinnerungswert beigemessen hätte. Zum Beispiel die in Pompeji erhaltenen Zeugnisse antiker Vergnügungskultur. Welche Schlüsse wohl dereinst aus den Relikten unserer Welt gezogen werden?

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ich kann weder zur Tafel noch zum Stolz auf die Übernachtung etwas beitragen. Aber so ganz banal scheint der Besuch nicht gewesen zu sein. Martin Nestler berichtet in „Ulm – Geschichte einer Stadt“, Sutton-Verlag, zum Gefolge Wallensteins hätten 630 Personen gehört. Die haben wohl die Geld- und Lebensmittelvorräte der Stadt weitgehend aufgebraucht und die Ulmer hätten, so Nestler, mit gewisser Freude den nächsten Besuch Wallensteins verhindern können.

  2. Übernachtung für 630 Personen

    Wie das Gros der Leute untergebracht war, möchte man sich da auch lieber nicht ausmalen …

  3. In dem Buch „79 Ulm – Kurioses kreuz und quer“ von 1987 stehen noch folgende Informationen:
    Die Tafel wurde 1910 durch den Verein für Kunst und Altertum angebracht. Ich vermute enfach, dieser Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht auf solche historischen Begebenheiten hinzuweisen.

    Interessant der Hinweis, dass während der Übernachtung 1630 die Handwerker aufgerufen waren, in dieser Nacht „klopfen und Schreien zu unterlassen“, der Nachtruf des Nachtwächters wurde verboten und sogar das Schlagwerk der Kirchturmuhr wurde abgestellt, um den Schlaf des Generals auch ja nicht zu stören.

    Die Bürger Ulms waren auf Wallenstein aufgrund der durch ihn verhängten Kriegslasten übrigens nicht sonderlich gut zu sprechen; vorgeschrieben war ein Empfangszeremoniell für die 630 Leute (28 vier- und sechsspännige Kutschen, 10 zweispännige Kutschen, 24 Gepäckwagen).
    Als Gastgeschenke wurden genannt: ein silbernes Waschbecken mit Kanne, Hafer, Ochsen, Hammel, Kälber, Fische und 8 Fässer Wein.

    Wallenstein und sein Gefolge zogen am nächsten Tag Richtung Memmingen ab.

    Das Gebäude wechselte im 18. Jhdt. mehrfach den Besitzer, ging dann 1865 in den Besitz einer jüdischen Kaufmannsfamilie.
    Während des Kriegs wurde das Haus zerstört, nur de Wallensteintafel von 1910 blieb erhalten und wurde Mitte/Ende der 50er Jahre in den Nachfolgebau integriert.

    • Ganz herzlichen Dank für diese sehr interessanten Infos! Bleibt noch die Frage, ob es weitere solcher Gedenktafeln aus der Zeit um 1910 in Ulm erhalten geblieben sind. Also die Frage, ob es damals eine Art denkmalpflegerische Maßnahme war, die mehrere denkwürdige Orte in Ulm betraf – oder ob es ein spezielles „Wallensteingedenken“ war.

      • Ich habe gerade herausgefunden, dass der besagte Verein bis heute existiert:
        http://www.verein-ulm-oberschwaben.de/

        Laut eigener Aussage widmet sich der Verein „der historischen Forschung und dem Sammeln und Sichern gefährdeter Kunstschätze unseres Raumes und verstreuter lokalhistorischer Zeugnisse“

        Ich vermute daher, dass die Wallenstein-Plakette nur eine von mehreren Aktionen war.

        Fragen sie doch einfach mal dort nach. Wenn, dann wissen die ja am besten, was ihr Verein Anfang des 20. Jahrhunderts so alles gemacht hat.

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