Immer mal wieder interessant: 3D

Kürzlich machte ein Video die Runde, das möglicherweise den französischen Schriftsteller Marcel Proust zeigt. Er war im Jahr 1904 Gast bei einer Hochzeit, bei der auch gefilmt wurde. Bei dem nun öffentlich gemachten Ausschnitt sieht man ein Brautpaar und Hochzeitsgäste eine Treppe herunterkommen. Zwischen all den Frackträgern mit Zylinder sieht man für etwa eine Sekunde einen grau gekleideten  Mann mit Melone, der Marcel Proust sein könnte. Könnte. Ob er es wirklich war, ist strittig.

Fotografiere und teile

Wer in den letzten Jahren mal bei einer Hochzeit war, weiß, wie viele Smartphones da gezückt werden und Bilder und Videos von Brautpaar und Gästen in die ganze Welt schicken. Das war 1904 nicht wirklich anders. Nur in der Anzahl der Fotografen und in der Reichweite unterscheiden sich die Vorgänge. Aber der alte Film hat es immerhin bis ins nächste Jahrhundert geschafft …

 

Fotografieren war schon 1904 nicht sehr schwer

Wenn man sich den Filmausschnitt, der vom französischen Centre National du Cinéma restauriert wurde, betrachtet, und den vermeintlichen Proust mal unbeachtet lässt, dann erkennt man mindestens noch einen weiteren Mann, der Aufnahmen macht. Mit einer großen umgehängten Tasche steigt er auf der Treppe auf und ab, macht Aufnahmen, verstellt Zuschauern die Sicht. Einen weiteren Mann mit einer Kamera in der Hand sieht man kurz die Treppe herunterkommen.

Der feine Herr mit der Umhängetasche ist mehrfach zu sehen. Er scheint bemüht, möglichst viel vom Geschehen einzufangen. Es heißt, die Mutter der Braut, die Comtesse de Greffulhe, habe  Fotos und die Filmaufnahmen in Auftrag gegeben. Der teure Anzug des Herrn spricht aber eher für einen Hochzeitsgast, der privat fotografiert. Das wäre gar nicht erstaunlich, denn das Fotografieren war 1904 schon ein Massenphänomen.

„You press the button, we do the rest“

Spätestens seit Ende des 19. Jahrhunderts begann die Fotografie, auch für technisch wenig versierte Menschen zugänglich zu werden. George Eastman entwickelte um 1890 eine Kamera für Rollfilme mit 100 Bildern. Der belichtete Film konnte samt Kamera per Post an die Firma Kodak geschickt werden. Nachdem der Film entwickelt und die Abzüge hergestellt waren, wurde die Kamera mit einem neuen Film bestückt an den Kunden zurückgeschickt. Das Verfahren war allerdings noch teuer. Kurz darauf wurde die Fotografie dann für alle erschwinglich: Ab dem Jahr 1900 gab es die „Brownie“, eine Version aus preiswerten Materialien mit nur wenigen Bildern auf dem Film. Sie kostete einen Dollar.

Fotografieren in 3D

Der Apparat, den der Fotograf benutzt, ist aber kein gewöhnlicher Fotoapparat. Im Film deutlich zu erkennen sind zwei nebeneinander angeordnete Objektive. Es ist ein Stereoskop, mit dem man Fotos machen konnte, die dreidimensional wirkten, wenn man sie aus einer bestimmten Entfernung betrachtete. Dazu wurde eine spezielle Halterung benutzt. Der Effekt beruhte darauf, dass jedes Auge des Betrachters eine unterschiedliche Ansicht präsentiert bekam. Man sah also zwei Fotos gleichzeitig, die sich bis auf die Tatsache glichen, dass sie aus einem ganz leicht unterschiedlichen Winkel aufgenommen wurden – analog zum natürlichen räumlichen Sehen des Menschen mit zwei Augen.

Eine Anzeige aus dem Jahr 1904, mit der für ein Klapp-Stereoskop geworben wurde

Die Stereoskopie war um 1900 der letzte Schrei – hat sich aber nicht durchgesetzt. Ab 1910 wurde die Stereofotografie vom neuen Medium Film verdrängt. 1933 klagte die Foto-Branche über die Einschätzung der Masse, die Stereoskopie sein „eine überlebte Sache“ und hob die Vorzüge der Stereobilder hervor: „An die Stelle der mühseligen Raumvorstellung beim Flachbild“ böten sie eine „befreiende Raumwahrnehmung“ (ausführlich nachzulesen auf stereoskopie.com). Erst Mitte des 20. Jahrhunderts gab es noch einmal ein Hoch der 3D-Fotografie, die mit dem „View-Master“, einem mit Pappscheiben ausgestatteten Betrachter für stereoskopische Dias, auch in den Kinderzimmern Einzug hielt. Aber auch daran versiegte bald das Interesse, ebenso wie an den zur selben Zeit in den USA ganz kurz boomenden 3D-Filmen.

3D – auch heute im Kino

Trotzdem scheint die Faszination für die dreidimensionale Bilder und Filme immer wieder aufzuleben und im Lauf der Zeit wurden immer neue Verfahren zur dreidimensionalen Darstellung entwickelt. Sie beruhen bislang aber immer noch darauf, dass man eine spezielle Brille aufsetzt oder eine bestimmte Sehtechnik anwendet.

Auch aktuell werden wieder viele Filme für das Kino auch in 3D angeboten. Immer noch braucht man zum Betrachten eine spezielle Brille, und möglicherweise ist genau die Tatsache, dass man ein Hilfsmittel zum Sehen braucht, ein Grund dafür, dass die 3D-Aufnahmen sich bislang nicht auf Dauer behaupten konnten. An der Entwicklung von speziellen Leinwänden und Bildschirmen, auf denen Bilder dreidimensional erscheinen sollen – aus allen Blickwinkeln und ohne, dass eine Brille benötigt wird – wird seit Jahrzehnten gearbeitet; es ist ein Thema, das im Rahmen von virtueller Realität große Bedeutung hat.

Eine im Juni 2016 veröffentlichte Studie der Filmförderungsanstalt (http://www.ffa.de/studien-und-publikationen.html) ergab zwar bei den meisten – nicht allen – Altersgruppen ein leichtes Wachstum der Besucherzahlen von 3D-Filmen, aber ein Boom sieht anders aus. Zwar geht ein gutes Viertel aller Kinobesucher derzeit in einen 3D-Film. Allerdings verteilt sich das Interesse der 3D-Besucher auf nur wenige Filme: 2015 sah etwa ein Drittel davon „Star Wars: Das Erwachen der Macht“.

Überwindung der zweiten Dimension

Ob mit der virtuellen Realität dann 3D zur führenden Abbildungstechnologie wird? Wer weiß. Abgesehen davon, dass die Darstellung ohne Spezial-Equipment noch nicht klappt – ein Teil der Kinobesucher und VR-Anwender klagt über Übelkeit und Kopfschmerzen.

Schon in der Antike erfreute man sich an räumlich-illusionistischen Bildern: Wandmalerei aus dem Gartensaal der Villa der Livia, 1. Jahrhundert, Rom, Museo Nazionale Romano

Und vielleicht erhöht 3D den Sehgenuss auch gar nicht so erheblich. Seit Beginn der Malerei sind wir daran gewöhnt, zweidimensionale Darstellungen so zu deuten, als seien sie räumlich. Schon seit der Antike gab es raumperspektivische Darstellungen mit Verkürzungen und Schrägansichten. Der große Coup war dann im 15. Jahrhundert die Entdeckung der Zentralperspektive – und die hat sich im Unterschied zur  Stereoskopie nachhaltig durchgesetzt. Die konstruierte Zentralperspektive hat die illusionistische Malerei mit überaus beeindruckenden Ergebnissen über Jahrhunderte beherrscht, bis sich die Malerei in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts – letztlich etwa zeitgleich mit dem Populärwerden der Stereoskopie – bewusst von der räumlich-illusionistischen Darstellung abwandte. Trotzdem wurde und wird die illusionistische Darstellung per Zentralperspektive nach wie vor gelehrt und betrieben.

Ich arbeite als Journalistin, Sachbuchautorin und Bildredakteurin. Als Kunsthistorikerin begeistern mich die spannenden langen oder kurzen Geschichten hinter den sichtbaren Gegenständen – seien sie hunderte von Jahren alt oder erst wenige Tage. Insofern ist für mich eigentlich alles Menschengemachte ein "Denkmal", nicht nur das, was bewusst zur Erinnerung an eine Person oder an ein Ereignis errichtet wurde – zum ehrenden Gedenken oder mahnend. Am schönsten finde ich die vielen heute als Kulturdenkmale verehrten Reste, denen früher niemand einen besonderen Erinnerungswert beigemessen hätte. Zum Beispiel die in Pompeji erhaltenen Zeugnisse antiker Vergnügungskultur. Welche Schlüsse wohl dereinst aus den Relikten unserer Welt gezogen werden?

13 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Für unsere Hochzeit 2003 hatten wir uns auch eine Stereoskopiekamera besorgt und damit ein paar Dutzend Fotos gemacht. Für uns ein witziges Experiment, denn wir hatten das noch nie zuvor ausprobiert und wussten nicht, wie das am Ende wirken würde.

    Im Ergebnis hat man allerdings keine „abgerundete“ Perspektive, stellten wir schnell fest. Sondern es sieht eher so aus, als seien die einzelnen Bildebenen ausgeschnitten und hintereinander angeordnet. Etwa wie bei einem dieser alten Papiertheater: http://www.ruhrnachrichten.de/storage/pic/mdhl/artikelbilder/nachrichten/kultur/rn-kultur/2882784_1_630_008_4325529_Papierthea.jpg (Eigentlich auch logisch, wenn man mal drüber nachdenkt.) Dementsprechend wirken Stereoskopieaufnahmen um so besser, je mehr Kleinkram in der Szene herumsteht, denn jeder Gegenstand bildet natürlich wieder eine eigene Ebene. Wir haben die Kamera seitdem allerdings nicht wieder benutzt.

    Und was die derzeitige 3D-Technologie in Kinos angeht: Mir wird davon übel, und ’ne Brille vor der Brille ist auch nicht wirklich angenehm. Ich gehe lieber in die 2D-Version und warte derweil aufs Hologrammkino. 😉

  2. Und als Brillenträger ist es leider auch kein reines Vergnügen.

    Pathfinder, bzw. Sojourner haben übrigens ab 1997 den Mars in 3D fotographiert. Ich habe noch das Buch „Die Mars Mission“ vom BLV-Verlag von 1998 , samt mitgelieferter 3D-Brille. Ich finde die Fotos schon weit plastischer als die „normalen“ Bilder im Buch.

    • Mit rot-grüner Brille? Und sind da nur 3D-Bilder im Buch oder auch andere? Es würe mich mal interessieren, ob man die Brille beim Blättern auf- und absetzt, oder ob man sich für eine Betrachtungsart entscheidet. Und wie liest es sich mit der Brille?

      • Mit rot-grüner Brille, die man zum Betrachten der „normalen“ Bilder absetzen muss. Die eigentlichen 3-D Bilder haben meine Erwartungen übertroffen. Vor allem fand ich es aber eine faszinierende Idee, dass man überhaupt auf dem Mars mit dieser Technik fotografiert hat.

  3. (…) und möglicherweise ist genau die Tatsache, dass man ein Hilfsmittel zum Sehen braucht, ein Grund dafür, dass die 3D-Aufnahmen sich bislang nicht auf Dauer behaupten konnten.

    Sog. 3-D-Brillen sind plumpe Hilfsmittel, die Dreidimensionalität nicht herstellen können, für den Konsumenten, letztlich: Marketing.

    Der Gag besteht darin, dass Bilder n-fach räumlich erfasst werden müssen, dies auch geht, vgl. auch mit sog. 360-Grad-Kameras, aber der eigentliche Gag besteht darin, dass die Pupillen-Einstellung des Konsumenten (IT-seitig sozusagen) an diese n-fache Erfassung gebunden werden muss.

    Des Kinobesuchers Pupillen wären insofern, nach zuvor ergangener Eichung derselben, von einer Art Kino-Robotik zu begleiten und dann wiederum pers. zu bedienen – was im Kino, wo mehr als eine Person sitzen, natürlich nicht gehen kann.

    MFG
    Dr. Webbaer

  4. Zitat:„Und vielleicht erhöht 3D den Sehgenuss auch gar nicht so erheblich.“ Nein. 3D-Filme im Kino sind heute wenig beeindruckend, weil die Technik noch nicht so weit ist. 3D-Filme sind heute meist zu dunkel, weil durch die 3D-Projektion Licht verloren geht. Zudem stört die heute noch notwendige Brille, zumal sich das von hinten projizierte Licht in der Brille spiegeln kann.
    In Zukunft wird die Laserprojektion und eine Rundum-Leinwand das 3D-Erlebnis stark steigern. Die Laserprojektion sorgt für mehr Licht und bessere Kontraste.

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