Fuchskind und „Das Proton-Paradoxon“ – ein Interview mit Daniela Schreiter

Daniela Schreiter ist Comiczeichnerin. Schon länger ist sie – überwiegend im Internet – mit Comics des „Fuchskinds“ bekannt. Seit neuestem zeichnet sie auch für Spektrum neo. Ihr neuestes Projekt ist der „Schattenspringer“. Die ersten Teile gab es bislang nur online, doch seit kurzem ist er gedruckt und komplett erhältlich.

Martin Huhn: Hallo Daniela! Du hast Jura studiert, zeichnest Comics und interessierst Dich für Naturwissenschaft. Wie passt das alles zusammen?

Daniela Schreiter: Hallo Martin! Comics habe ich schon gezeichnet, als ich noch ein kleines Kind war. Ich habe einfach nie damit aufgehört. Sie sind Teil meiner Art, mich meiner Umwelt mitzuteilen. Natürlich habe ich dabei auch schlichtweg Riesenspaß. Bei den Naturwissenschaften ist es ähnlich: Ich wollte immer ganz genau wissen, wie die Welt funktioniert und warum. Diese kindliche Neugier ist bis heute geblieben. Vor allem das Staunen sowie die Euphorie, wenn ich wieder etwas lerne und dieses neue Wissen verknüpfen kann. Die Rechtswissenschaften kamen erst später dazu. Diesen Studiengang wählte ich, weil ich über einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn verfüge und politisch interessiert bin. Zudem ist dieses Fach im Aufbau der Falllösung und der Anwendung der Gesetze sehr mathematisch strukturiert. Ein Professor sagte im 1. Semester einmal: „Wer Spaß an der Mathematik hat, wird sich auch in den Rechtswissenschaften gut zurechtfinden.“ Da hatte er gar nicht so unrecht.

Ich bin einfach vielseitig interessiert und würde am liebsten (fast) alles querstudieren.

Martin: Dein naturwissenschaftliches Interesse lebst Du gerne in der Fuchskind-Figur aus und verbindest somit beide Interessen.

Daniela: Genau wie mit Sofia & Nyno, Comics und Wissenschaft passen einfach gut zusammen :-).

Fuchskind im Interview

Martin, Huhn sowie Daniela, Fuchskind im Interview. Dem Huhn war nicht ganz wohl, weil da ein Lied von einem Fuchs und einer Gans im Hühnerkopf herumschwirrte, aber es ist nichts passiert.
Credit: Daniela Schreiter

Martin: Ein anderes Thema, welches Dich von Herzen bewegt, ist das Asperger-Syndrom. Deshalb hast Du autobiographisch den „Schattenspringer“ gezeichnet, in dem Du uns an Deinen Kindheits- und Jugenderlebnisse teilhaben lässt. Wie kamst Du auf die Idee und was möchtest Du damit bewirken?

Daniela: Ich habe schon öfter kleinere Episoden aus meinem Leben als Comic gezeichnet und diese auf meine Homepage gestellt. Somit war es naheliegend, speziell mein Leben mit dem Asperger-Syndrom aufzuzeichnen. Besonders wollte ich meiner Umgebung begreiflich machen, wie ich die Welt um mich herum wahrnehme und warum mich anscheinend manchmal ganz profane Dinge völlig überfordern können. Der Comic ist dafür „mein Medium“, in dem ich mich am besten ausdrücken kann. Worte allein waren hierfür nie genug. Zudem war es ein guter Weg, meine eigene Diagnose für mich begreifbar zu machen und zu verarbeiten. Erst später, als ich das erste Feedback zum Comic bekam, begriff ich, dass ich damit auch anderen Autisten zum Teil aus der Seele spreche, weil viele ganz ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Aber auch viele Nicht-Autisten schrieben mir, dass sie durch den „Schattenspringer“ zum ersten Mal mit dem Asperger-Syndrom in Berührung kamen und vorher nur wenig über Autismus wussten.

Martin: Mir ging es ebenso. Ich weiß erst durch Deine Comics etwas über das Asperger-Syndrom. Und weshalb Du Dir im Leben oft wie ein Außerirdischer vorkommst. Fiel es Dir schwer mit diesem Thema an die Öffentlichkeit zu gehen? Teilweise wird es doch sehr persönlich und intim.

Daniela: Als ich die ersten Seiten fertig hatte, habe ich wirklich noch ein bisschen mit mir gerungen, ob ich sie online stellen sollte. Ich wusste, dass es kein Zurück mehr gibt, wenn ich meinen Autismus öffentlich mache. Aber mir lag das Projekt sehr am Herzen. Ich wollte meiner Umgebung zeigen, wie mein Asperger-Autismus aussieht und dass Autismus nicht gleich „Rain Man“ bedeutet. Am Ende war aber gar nicht die Öffentlichkeit das große Problem, sondern das Aufzeichnen an sich. Gerade Szenen aus der Kindheit, die schlimme Schulerlebnisse und Mobbing beinhalteten, musste ich beim Erinnern und Zeichnen quasi noch einmal „durchleben“. So brauchte ich teilweise wochenlange Pausen, bis ich mich wieder soweit seelisch erholt hatte, dass ich weiterzeichnen konnte.
Inzwischen bin ich aber sehr froh darüber, dass ich es getan und den Comic zu Ende gebracht habe. Das Feedback von anderen Autisten, Eltern autistischer Kinder, Nicht-Autisten, Erziehern und Lehrern ist wunderbar. Ich hätte nie mit so viel Resonanz gerechnet!

Martin: Mir imponiert sehr, wie das kleine Mädchen, trotz großer Nachteile, ihren Platz im Leben sucht, darum kämpft und ihn einnimmt. Ich denke, das kann auch anderen Kindern Mut machen, die nicht unbedingt Außerirdische sind, dafür aber Außenseiter. Die einen sind zu schlecht im Sport, die anderen zu gut in Mathe, wieder andere tragen ärmliche Kleidung und schon wird das Leben schwerer. Hast Du schon Fanpost von dankbaren Eltern bekommen?

Daniela: Ja, tatsächlich. Der größte Anteil der Post, den ich zum „Schattenspringer“ bekomme, stammt von Autisten oder Eltern autistischer Kinder. Eltern schreiben mir dabei sehr oft, wie froh sie sind, weil sie ihr Kind nun besser verstehen und nachvollziehen können. Gleichzeitig kann das Kind mit dem Comic einfacher nach außen kommunizieren, worin es sich besonders wiedererkennt oder was ihm/ihr besonders Probleme bereitet. Gerade letzteres ist bei Autismus-Fachbüchern meistens nicht möglich, da sie nicht kindgerecht sind. Es wird immer nur „über autistische Kinder“ und nicht „mit ihnen“ gesprochen. Der Comic erleichtert den Kinder Zugang zu bestimmten Themen und viele sagen: „ja, so geht es mir auch“ oder „so ähnlich ist es bei mir, aber bei mir ist es noch so und so“. Dadurch eröffnet sich eine Möglichkeit, ihren Eltern ihre besondere Wahrnehmung der Welt mitzuteilen. Was andernfalls sehr schwierig sein kann, da das Kind gar nicht genau weiß, warum die eigene Erfahrung mit der Welt so anders verläuft. Es fehlen hier die Vergleiche mit Menschen, denen es genauso oder ähnlich geht.

Als Kind hatte ich das gleiche Problem: ich merkte, ich war anders. Aber ich konnte meinen Eltern nicht begreiflich machen, was eigentlich in mir vorging und wie ich die Welt wahrnahm. Meistens konnte ich nur sagen, dass etwas zu laut, zu hell, zu heiß, zu schmerzhaft, zu kratzig war oder dass die anderen Kinder nerven und ähnliches.

Der Comic soll natürlich aber auch gleichermaßen Erwachsene ansprechen, die sich mit Autismus näher befassen möchten oder auch selbst autistisch sind.

Martin: Auf Seite 48 im „Schattenspringer“ (rechts unten) taucht auch Deine Lieblingszeitschrift auf. Es ist Spektrum der Wissenschaft. Wie lange bist Du schon Leserin von Spektrum?

Daniela: Seit inzwischen über zehn Jahren, wenn auch nicht immer regelmäßig.

Martin: Warum ist es Deine Lieblingszeitschrift?

Daniela: Spektrum bietet vor allem im Bereich der Physik immer wieder wunderbare, aktuelle Artikel. Aber auch die Biologie, ein für mich ebenfalls sehr spannendes Gebiet, ist thematisch häufig vertreten. Das schöne hierbei ist die Mischung: selbst Themen, mit denen ich mich nicht unbedingt beschäftigt hätte, wie beispielsweise Archäologie, werden mitgelesen. So verhindere ich einen „Fach-Tunnelblick“ und finde auch jenseits meiner Lieblingsthemen sehr wissenswerte Artikel.

Überdies sind sie ohne Vorkenntnisse gut verständlich, ohne dass dabei die Qualität des Informationsgehalts darunter leidet – längst keine Selbstverständlichkeit. Auch Optik und Haptik der Zeitschrift, sowie die klare Gliederung sprechen mich sehr an, so dass ich sie immer wieder in die Hand nehmen und darin lesen möchte. Es ist für mich eine rundum Wohlfühl-Wissenschaftszeitschrift mit einer großen Vielfalt.

Martin: Das hören wir gerne. Welcher Artikel aus dem Spektrumheft April 2014 gefällt Dir am besten und warum?

Daniela: Es gibt gleich zwei Artikel, die ich besonders gelungen fand, dabei handelt es sich thematisch um die „üblichen Verdächtigen“: Physik und Biologie.

Das Titelthema „Das Proton-Paradoxon“ (€ 1,49) hatte natürlich gleich mal volle Aufmerksamkeit, Kernphysik und Experimente am LHC interessieren mich immer. Hier bewundere ich besonders die Beharrlichkeit, die bei den jahrelangen Experimenten (und vielen Fehlschlägen) an den Tag gelegt wurde! Man fiebert beim Lesen regelrecht mit der Forschergruppe mit. Wenn in den letzten Stunden, in denen das Experiment noch durchgeführt werden kann, bevor es für eine andere Gruppe geräumt werden muss, auf einmal doch noch das heißersehnte Signal auftaucht.

Die Frage, ob es bei den Abweichungen des Protonenradius um einen Messfehler handelt oder es eventuell ein Hinweis auf ein neues Naturgesetz ist, macht besonders neugierig. Ich bin gespannt, was man hierzu in der nächsten Zeit noch hören wird!

Mein zweiter Lieblingsartikel befasst sich mit Buntbarschen: „Evolution im Zeitraffer“ (€ 1,49). Besonders interessant fand ich den Abschnitt zu den Ernährungsweisen der Buntbarsche. Insbesondere bei den Arten, die anderen Fischen von ihrer Flanke einige Schuppen „abraspeln“, um diese zu verspeisen. Dafür haben spezialisierte Arten ein schiefes Maul, bei einigen nach links, bei anderen nach rechts verschoben, damit angegriffene Fische nicht eine Seite besonders schützen können. Sehr faszinierend!

Martin: Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg mit dem „Schattenspringer“.

Den Comic „Schattenspringer“ gibt es neben der Online-Version, auch in gedruckter Form von Panini mit einem zusätzlichen Kapitel.

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Martin Huhn hat Verfahrenstechnik studiert und arbeitet seit dem Jahre 2000 bei Spektrum der Wissenschaft. Dort ist er im Bereich Webentwicklung tätig. Sein Geschäft ist so ziemlich alles, was mit dem Webauftritt des Spektrum Verlages zu tun hat.

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