Schnelles und langsames Denken – von Anekdoten und evidenzbasiertem Wissen

Es fällt schwer zu glauben, dass in einem hochentwickelten Land wie Deutschland Kleinkinder an Masern sterben, einer Krankheit, welche gerade für Erwachsene sehr heftig verlaufen kann, für die es jedoch seit Jahrzehnten eine wirksame und im Vergleich zur Infektion selbst nahezu risikolose Impfung gibt. Doch gerade in vermeintlich gebildeteren Schichten grassiert eine ausgeprägte Impfskepsis, welche im Internet eine nahezu unerschöpfliche Nahrung erhält. In unzähligen impfkritischen Foren lassen sich dort sehr persönliche und emotionale Berichte darüber finden, was einzelnen Kindern nach der Immunisierung passiert ist. In den allermeisten Fällen ist hier jedoch nicht von anerkannten Impfschäden die Rede (welche nur sehr selten auftreten), sondern von Pseudo-Zusammenhängen wie erhöhten Allergien, von denen Naturheilpraktiker berichten, wenn sie schildern, dass fast alle Kinder, die zu ihnen kommen, geimpft seien. Dass bei solchen Darstellungen elementare statistische Fehler (wie Ignorieren von Samplebiases und Nicht-Berücksichtigung von bedingten Wahrscheinlichkeitsregeln) gemacht werden, verstehen auch gebildeten Eltern nicht immer (da mehr als 90% der Menschen geimpft sind, ist es nicht erstaunlich, dass auch der allergrösste Teil der Allergiker in diese Gruppe fällt). Zahlreiche seriöse wissenschaftliche Studien haben dagegen gezeigt, dass es keinerlei Zusammenhang zwischen Impfungen und Allergien (oder wie oft auch behauptet wird: zu Autismus) gibt.

Doch geht es nach dem neuen US-Präsidenten Donald Trump, so sollte sich die Impfskepsis leider noch verstärken. So hat er den erklärten Impfskeptiker Robert F. Kennedy Jr. zum Chairman einer Kommission zur „Impfsicherheit und wissenschaftlicher Integrität“ berufen (die Kommentierung dazu verdient einen eigenen, separaten Blogbeitrag).

Nun ist es so, dass menschliche Entscheidungen im Allgemeinen eher von unseren Gefühlen geleitet werden als von Wissen. Geschichten über Einzelschicksale sprechen unsere Emotionen stärker an als Statistiken und wissenschaftliche Studien, welche zumeist nur allzu fade wirken. Dazu kommt, dass wir Wahrscheinlichkeiten im Promille-Bereich oder darunter kognitiv nur schwer verarbeiten können. So gewinnt im öffentlichen Bewusstsein oft die Oberhand, was sich gegenüber harter statistischer, wissenschaftlicher Evidenz als „anekdotische Evidenz“ bezeichnen lässt. Wer von uns hat nicht schon von einmal von einem Fall gehört, bei dem homöopathische Mittel gegen ein Leiden gewirkt haben? Die unzählig häufiger auftretenden Fälle, in denen die kleinen Zuckerkügelchen nichts ausgerichtet haben, verschwinden dagegen schnell im Nichts des Vergessens. Führte man darüber Buch, wie oft sich eine Verbesserung eines Krankheitszustandes nach reinem Nichtstun einstellt, so kämen wir auf die gleichen Ergebnisse wie nach der Einnahme von homöopathischen Mitteln. Tatsächlich liegen entsprechende Studien hundertfach vor. Nur sind sie kaum so interessant wie die Geschichte des Freundes, dessen Husten nach Einnahme eines Globulis aufhörte. Oder die einer Freundin, die am Tag, als ihr das Horoskop Glück in der Liebe versprach, den Mann ihres Lebens gefunden zu haben meinte (betrachten wir regelmässig unser Horoskop, so müssten die meisten Menschen an den meisten Tagen ihre grosse Liebe finden).

Dass wir Menschen bei zeitlich korrelierenden Ereignissen schnell in kausalen Kategorien denken, mag unser evolutionäres Erbe sein. Wer das Rascheln von Blättern kausal mit einem Löwen in Verbindung brachte, anstatt mit dem (sehr viel wahrscheinlicheren) Wind, hatte mehr Chance, unser Vorfahr zu werden. Ein Fehlalarm kostete den Menschen nicht viel, ein Löwe jedoch meistens das Leben. Entsprechend verarbeiten wir Informationen heute. Doch oft genug liegen wir mit unseren schnellen, instinkt- und gefühlsgetriebenen Schlüssen falsch, wie uns der Nobelpreisträger Daniel Kahneman in seinem lesenswerten Werk „Schnelles Denken, langsames Denken“ eindrucksvoll darlegt. Gehen wir einer Sache auf den Grund und untersuchen sie in ihren Einzelheiten – Kahneman spricht hier von „langsamem Denken“ – so kommen wir oft zu ganz anderen Schlussfolgerungen.

Solch langsames Denken mit seinen ausführlichen Studien und genauem Analysieren von Phänomenen ist das Wesensmerkmal der Wissenschaft. Dass die mit ihr verbundene Skepsis gegenüber schnellen kausalen Schlussfolgerungen bei rein korrelativen Parallelphänomenen auch einmal einem zutreffenden Zusammenhang übersieht, ist kein Argument gegen sie. Befürworter homöopathischer Medizin erzählen gerne die Geschichte von Zitrusfrüchten, die man früher unter vielem anderen Seeleuten zu Essen gegeben hat, um die Skorbut zu bekämpfen. Der Zusammenhang zwischen Heilung von ausfallenden Haaren und Zähnen und Zitronen war ungefähr so offensichtlich wie der zwischen Zuckerkügelchen und der Heilung von Halsschmerzen. Hier jedoch war die Korrelation jedoch tatsächlich kausaler Natur, eine Einsicht, welche die Wissenschaft, als sie sich diesem Phänomen schliesslich widmete, zur Entdeckung der Vitamine führte, was unser Verständnis von gesunder Ernährung revolutionieren sollte. Vergleichbares ist trotz analoger Bemühungen für Homöopathie nie gelungen.

Wo wir heute unsere Häuser vor Gewittern mit Blitzableitern schützen, welche die elektrischen Ladungen ableiten, anstatt wie früher durch Opfergaben an Götter, um deren guten Willen zu erbitten, so verlassen wir uns auf evidenzbasierte, wissenschaftlich etablierte Kausalzusammenhänge. Diese sind das Resultat skeptischen „langsamen Denkens“ und sind generell schwieriger zu erfassen als das einfache und schnelle Erklären durch übernatürliche Wesen im generellen Jenseitigkeitsbezug vieler Religion (es hat fast hundert Jahr gebraucht von Benjamin Franklins Blitzversuchen bis zur Formulierung der Gleichungen, die alle elektromagnetischen Phänomene beschreiben. Doch wer von uns kennt schon die Details der Maxwell’schen Feldtheorie). Das mühsame Erforschen der Phänomene, das Erfassen der vielen Einzelheiten, die damit oft verbundenen Irrwege und Korrekturen, die Achtsamkeit gegenüber zu schnellen Schlussfolgerungen, dies alles zeichnet die Wissenschaft aus und fällt uns Menschen zugleich ungleich schwerer als das Formulieren von kausalen Zusammenhängen mit transzendenten Wirkungsmechanismen.

Das soll nicht heissen, dass jeder Transzendenzbezug spiritueller Traditionen das Ergebnis vereinfachenden „schnellen Denkens“ ist. Gerade in den kontemplativen geistigen Traditionen des Fernen Ostens bezieht sich Transzendenz in erster Hinsicht auf erleuchtungsartige Erfahrungen. Sie beschreibt nicht Jenseitigkeit im platonisch-christlichen Sinne, sondern ein „Hinaustreten“ (lateinisch „transcendere“) in neuartige Erfahrungsbereiche des eigenen Geistes. Doch wie wissenschaftliche Erkenntnis ist diese Form des „Tranzendierens“ erst das Ergebnis intensiver meditativer Bemühungen und langen Forschens – in diesem Fall über die Natur des eigenen Geist. Vergleichbar ist auch der damit verbundene Motivationsrahmen: Er liegt im ebenso unbedingten und kompromisslosen Willen nach Wissen und zweifelt genauso an den „schnellen“ Zusammenhängen unseres alltäglichen Schliessens.

Die wissenschaftliche – sowie die kontemplative – Methode ist mühsam und alles andere als perfekt. Oft sehnen wir uns nach schnelleren, einfacheren Einsichten und stellen dann schnelle Kausalzusammenhänge her, wo keine sind. Doch sollten wir diese mächtigste(n) Methode(n), über die wir zur Erkenntnisgewinnung über die Natur (und unseren Geist) und zuletzt der Verbesserung unserer Lebensbedingungen verfügen, niemals geringschätzen. Sie lässt uns aus Fehlern lernen, auch wenn dies langsam und bisweilen schmerzhaft ist. Sie lässt uns bescheiden und intellektuell redlich bleiben in Anbetracht der Schönheit und Komplexität unserer Natur und der unseres eigenen Geistes.

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Jahrgang 1969 habe ich in den 1990er Jahren Physik und Philosophie an der Universität Bonn und der École Polytechnique in Paris studiert, bevor ich am Max-Planck-Institut für Physik komplexer Systeme in Dresden im Bereich theoretischer Physik promoviert und dort auch im Rahmen von Post-Doc-Studien weiter auf dem Gebiet der nichtlinearen Dynamik geforscht habe. Vorher hatte ich auch auf dem Gebiet der Quantenfeldtheorien und Teilchenphysik gearbeitet. Unterdessen lebe ich seit nahezu 20 Jahren in der Schweiz. Seit zahlreichen Jahren beschäftigte ich mich mit Grenzfragen der modernen (sowie historischen) Wissenschaften. In meinen Büchern, Blogs und Artikeln konzentriere ich mich auf die Themen Naturwissenschaft, Philosophie und Spiritualität, insbesondere auf die Geschichte der Naturwissenschaft, ihrem Verhältnis zu spirituellen Traditionen und ihrem Einfluss auf die moderne Gesellschaft. In der Vergangenheit habe ich zudem zu Investment-Themen (Alternative Investments) geschrieben. Meine beiden Bücher „Naturwissenschaft: Eine Biographie“ und „Wissenschaft und Spiritualität“ erschienen im Springer Spektrum Verlag 2015 und 2016. Meinen Blog führe ich seit 2014 auch unter www.larsjaeger.ch.

44 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Schnelles Denken ist für den Alltag und das Individuum fast immer besser als langsames Denken. Wenn es ums Impfen geht bedeutet schnelles Denken: „Ich lass mich impfen, weil alles was ich darüber weiss für das Impfen spricht“. Langsames Denken in Bezug auf das Impfen könnte aber folgendes bedeuten: „Wer weiss ob Impfen nicht gefährlich ist? Ich informiere mich zuerst bevor ich mich impfen lasse“. Und dann liest der Betreffende all das was es im Internet über das Impfen gibt – unter anderem das, was Impfgegner geschrieben haben.

    Die Art des langsamen Denkens, die zu empirisch gesichertem Wissen führt ist praktisch nie das Resultat des langsamen Denkens eines Individuums, sondern das Resultat des Denkens, Experimentierens, Kommunizierens einer ganzen Gemeinschaft von Forschern. Und ja, dieser Prozess ist langsam. Und dieser Prozess umfasst auch mehr als nur Denken, denn Forschen umfasst viel mehr als nur Denken.

    Für mich sind der Glaube an Globuli oder die Impfgegnerschaft nicht das Resultat von voreiligen Schlüssen, sondern ich vermute dahinter die Bereitschaft von Anhängnern, sich Glaubenssystemen anzuschliessen und eine Gemeinschaft von Gläubigen zu bilden, die unbeirrt an etwas festhält, auch wenn vieles dagegen spricht. Säkulare Glaubenssysteme, die sich in Impfgegnerschaft oder den Glauben an die Homöopathie äussern, sind letztlich eng verwandt mit religiösen Glaubenssystemen. Auch bei religiösen Glaubenssystemen findet man die Abschottung gegen aussen und das Vertrauen vor allem oder allein in Brüder im Geiste, in Glaubensbrüder.

  2. Lieber Herr Jäger,

    Sie können es nicht lassen, die wissenschaftlichen Methoden über den Klee zu loben, und mit dem Finger auf andere zeigen – jetzt sind die Homöopathen dran.

    Sagen Sie uns doch mal, was das soll.

    Was wollen Sie uns denn sagen ? Was ist Ihre Erkenntnis, die Sie uns mitteilen wollen ? Ich kann es nicht herauslesen aus Ihrem Beitrag.

    Selbst dann nicht wenn ich die Schlüsselsätze Ihres Beitrags zweimal lese: z.B.
    „… sollten wir diese mächtigste(n) Methode(n), über die wir zur Erkenntnisgewinnung über die Natur (und unseren Geist) … verfügen, niemals geringschätzen.“ Wer tut denn das ? Die Hömöopathen ? Das glaube ich nicht, daß die das geringschätzen. Das sind fast alles gebildete Leute. – Und was meinen Sie mit „Natur“ ? Die Natur außerhalb von uns ? Das kann nicht gemeint sein. Der Mensch ist auch Teil der Natur, und was meinen Sie dann mit „Erkenntnisgewinnung“ über den Menschen als Teil der Natur ? Schreiben Sie nicht präzise, weil Sie das im Unklaren lassen wollen, was Ihnen selbst nicht klar ist ?

    Was wollen Sie uns sagen, wenn Sie schreiben, Menschen lassen Ihre Kinder nicht impfen, weil Sie der (Natur?)Wissenschaft nicht trauen ? Sollten sie der Wissenschaft trauen – vielleicht sogar blind trauen ? Das tun ja selbst Ärzte nicht. Kein Arzt gibt – wenn er behandelt – ein Heilversprechen ab. In meiner Familie gibt es fast nur Ärzte. Die sollten Sie mal über wissenschaftliche Studien reden hören. Unbedingtes Vertrauen begründen Studien nicht. Das ist aber keine Wissenschaftsskepsis. Nein, gerade weil jedermann von der Beschränktheit der naturwissenschaftlichen Sichtweisen weiß, macht es Sinn, auch andere Quellen für das notwendige Vertrauen herzunehmen. Es ist Erfahrung und intuitive Klugheit der Patienten, die sie innehalten läßt, nicht ihr zu kurzes Denken und ihre Unkenntnis der „wahren“ Statistik.

    Sehen Sie, ich kenne die ärztlichen Methoden genau, sie sind beständiges Thema in unserer Familie. Mein Sohn z.B. hat Medizin studiert, ich weiß was Schulmediziner machen. Ich weiß auch was Hömoöpathen machen, weil ich mich seit 15 Jahren intensiv damit auseinandersetze (ohne eine wissenschaftlich begründete Erkenntnis darüber zu haben). Sie mögen die schulmedizinischen Methoden kennen, aber das, was Homöopathen machen, davon wissen Sie garantiert praktisch nichts.

    Es liegt eine Weisheit in dem Spruch: über das, worüber ich nichts weiß, sollte ich lieber schweigen.

    Es grüßt Sie herzlich
    Fossilium

    • “ Wer tut denn das ? Die Hömöopathen ? Das glaube ich nicht, daß die das geringschätzen. Das sind fast alles gebildete Leute.“
      1) Wenn ich mitbekommen habe, dass Homöopathen ihre Gunst wissenschaftlich rechtfertigen wollen, dann oft mit Erkenntnissen (aus mal mehr, mal weniger seriösen Quellen) aus der Quantenphysik, die sie normalerweise selbst nicht verstehen. Anton Zeilinger z. B. kann davon ein Lied singen und hat sich auch mehrfach von solchen Interpretationen seiner Arbeiten distanziert ; ) Bisher konnte ich nirgendwo sehen, dass tatsächlich ein Homöopath nachzuweisen versucht, wie denn tatsächlich nach der vielfachen Verdünnung noch eine Wirkung aus dem Wirkstoff hervorgehen sollte und warum die ganzen Verunreinigungen, die auf dem Weg des Wassers bis ins (auch nicht vollkommen reine) Glasfläschchen damit in Verbindung kommen, keine eigene Wirkung entfalten. Das wäre, wenn es Hand und Fuss hat, wissenschaftlich spektatulär. Auch den Ansatz, dass Gleiches Gleiches heilen soll, finde ich fragwürdig (Hahnemann kannte damals sicher noch nicht das Prinzip der Impfung und es lässt sich bei Homöopathie auch kaum anwenden), aber das führt jetzt zu weit ; ) Man kann natürlich argumentieren, dass Homöopathen diesen Ruhm nicht suchen (und sie dabei über einen Kamm scheren), aber als Antrieb dazu kann ja auch dienen, die eigene Zunft auf gefestigten, professionellen Boden zu stellen und damit mehr Leuten damit helfen zu können. Aber wie gesagt: Von Bestrebungen dazu habe ich bisher nichts mitbekommen. Das kratzt dann auch schon etwas am nächsten Punkt:
      2) Was verstehen Sie unter „gebildet“ und woraus schließen Sie, dass „fast alle“ Homöopathen „gebildete“ Menschen sind? Im Zusammenhang mit Kritik an Homöopathie geht es ja oft um den wissenschaftlichen Hintergrund der Technik, also wäre es ja zweckmäßig, wenn „fast alle“ Homöopathen, wie Sie behaupten, eine wissenschaftliche Bildung über die Schule hinaus genossen haben. Können Sie das irgendwie belegen?

      „Was wollen Sie uns sagen, wenn Sie schreiben, Menschen lassen Ihre Kinder nicht impfen, weil Sie der (Natur?)Wissenschaft nicht trauen ? Sollten sie der Wissenschaft trauen – vielleicht sogar blind trauen ?“
      Welche besseren (im Sinne von „sich selbst überprüfend“, „systematisch Erkenntnisse erarbeitend“, etc.) Quellen gibt es denn? So was wie Internetforen mit tonnenweise voneinander unabhängiger, schlecht dokumentierter anekdotischer Evidenz und vielen kognitiven Verzerrungen? Trotz der Schwächen des Wissenschaftsbetriebes (der natürlich qualitativ leider nicht das Ideal des wissenschaftlichen Arbeitens erreicht) kenne ich keine sinnvollere Quelle, aber vielleicht können Sie mich da belehren.

      „In meiner Familie gibt es fast nur Ärzte. Die sollten Sie mal über wissenschaftliche Studien reden hören. Unbedingtes Vertrauen begründen Studien nicht. Das ist aber keine Wissenschaftsskepsis. Nein, gerade weil jedermann von der Beschränktheit der naturwissenschaftlichen Sichtweisen weiß, macht es Sinn, auch andere Quellen für das notwendige Vertrauen herzunehmen. Es ist Erfahrung und intuitive Klugheit der Patienten, die sie innehalten läßt, nicht ihr zu kurzes Denken und ihre Unkenntnis der „wahren“ Statistik.“
      1) Von wievielen Ärzten sprechen Sie in ihrem Umfeld und wieviele Ärzte wird es wohl insgesamt in etwa (in Deutschland) geben?
      2) Die Ärzte in Ihrem Umfeld gehören dann vermutlich auch gegenseitig zu ihren (erweiterten) Umfeldern und da ist es weniger überraschend, dass sie ähnliche Positionen vertreten als bei wildfremden Personen.
      3) Das ist gut zu hören, dass die Ärzte in Ihrem Umfeld Studien kritisch begutachten, weil das generell bei studierten Leuten so sein sollte. Außerdem wäre es natürlich Wunschdenken, dass alle Studien in Aufbau und Durchführung höchsten Standards entsprechen, aber das ändert nichts an der generellen Aussagekraft von Erkenntnissen, die aus wissenschaftlichem Arbeiten (versus z. B. „Anekdoten sammeln“) entstehen. Das liegt zum einen daran, dass Wissenschaft nun mal von Menschen betrieben wird und Menschen nicht perfekt sind (eigene Interessen verfolgen können, (Denk-)Fehler machen, etc.) und außerdem der (‚aktuelle‘, aber daran wird sich vermutlich so schnell nichts ändern) Wissenschaftsbetrieb nicht optimal ist. So werden, oft schlicht aus direkten oder indirekten finanziellen Gründen, die eigentlich recht wichtigen Versuche, Studien zu reproduzieren, eher selten durchgeführt, aber das ist alles ein anderes Thema.
      4) Die Ärzte ziehen wegen der teilweise mäßigen Qualität der wissenschaftlichen Quellen noch wesentlich schlechter belegte Quellen als wissenschaftliche Studien heran? Das klingt nicht sinnvoll.
      5) Wie ein anderer Kommentator schon geschrieben hat: Es wäre gut, wenn Sie erläutern könnten, woher der Patient denn (was für) „Erfahrung“ hat und was es mit der „intuitiven Klugheit“ auf sich haben soll. Vielleicht interpretiere ich da gerade auch etwas viel hinein, aber das klingt etwas nach „es ist klug, die Homöopathie als sinnvollen Ansatz zu betrachten“, was dann doch eher nach Deutungshoheit klingt, die Sie dem Autor des Beitrages ja absprechen wollen.

      Zu einem anderen Beitrag hat ein Kommentator etwas geschrieben, was für mich plausibel klingt: Damals gab es als Konkurrenz zur Homöopathie solche Sachen wie den Aderlass, die häufig mehr schaden als „nichts tun“. Dadurch, dass (abgesehen vom Placeboeffekt, der bei evidenzbasierter Medizin genau so mitspielt) Homöopathie eben quasi „nichts tun“ ist, war der Heilerfolg gegenüber der Konkurrenz größer. Das setzt sich im Laufe der Zeit in den Köpfen der Menschen fest und dadurch, dass es noch einige Zeit gedauert hat, bis die Medizin merklich wissenschaftlicher vorgegangen ist, hatte die Homöopathie eben schon einen (zeitlichen) Vertrauensvorsprung ; )

    • @ liebes Fossilium :

      Sie können es nicht lassen, die wissenschaftlichen Methoden über den Klee zu loben, und mit dem Finger auf andere zeigen – jetzt sind die Homöopathen dran.

      Sagen Sie uns doch mal, was das soll.

      Was wollen Sie uns denn sagen ?

      Die Sache ist vglw. einfach, Dr. Webbaer springt hier stellvertretend ein: der hier gemeinte Primat hat sich um sein Fortkommen zu kümmern und insofern Methoden (hier steckt auch das Meta drinnen und die Bearbeitung) zu entwickeln und idF zu pflegen, die Nutzen generieren.

      Es gilt nicht die szientifische Methode ‚über den Klee zu loben‘, sondern sie als einzig mögliches sinnhaftes Vorhaben des hier gemeinten Primaten zu beschreiben.
      Sie ist exoterisch, jeder kann sozusagen mitmachen, sie ist empirisch gebunden und sie kann philosophisch hinterfragt werden, die Erkenntnistheorie steht als Subdisziplin hier offen.


      Ansonsten geht es auch anders, besondere Anwendungen ergeben sich so wohl nicht, aber es kann auch esoterisch („für Eingeweihte“, die einen bes. Glaubensentscheid getroffen haben) sozial beigetragen werden.
      Gerne auch soz. homöopatisch, wenn es individuell bekommt.
      Bei schwerwiegender Krankheit rät Dr. W hier abär eher ab.

      Wichtich (mittelniederdeutsch) hier die Unterscheidung zwischen Exo- und Esoterik.

      MFG
      Dr. Webbaer

  3. > Sie mögen die schulmedizinischen Methoden kennen, aber das, was Homöopathen machen, davon wissen Sie garantiert praktisch nichts.

    Homöopathen bewirken nicht mehr als jene, die Placebos verordnen.

    • Hallo Herr Mistelberger,

      ich habe gesagt, ich weiß was Homöopathen machen, genau so wie ich weiß, was Schulmediziner machen, und daß ich glaube, daß Herr Jäger nicht weiß, was Homöopathen machen.

      Über die Wirkung homöopatischer Behandlung habe ich nichts gesagt, Herrn Jäger
      hat – um es einmal lax zu sagen – Homöopathen in die Schnelldenkergruppe abgeordnet, die nicht nachdenklich genug sei, um hinter die eigenen Denkfehler zu kommen, was umso eher gelingt, je wissenschaftlich gründlicher man an einen Sachverhalt rangeht.

      Ich verteidige die Homöopathen.

      Finden Sie das schlecht ?

      Grüße
      Fossilium

      • @ fossilium

        „Herrn Jäger hat – um es einmal lax zu sagen – Homöopathen in die Schnelldenkergruppe abgeordnet“

        Dabei sind es doch die Homöopathen, denen nachgesagt wird (ich war schon länger bei keinem mehr), sie würden sich Zeit nehmen für den Patienten, sich in Ruhe seine Geschichte(n) anhören, eine ausführliche Anamnese erstellen und würden nicht so gehetzt wirken wie die Schulmediziner. Während diese als Schnelldenker, aus wenigen Symptomen, in einem kurzen Augenblick erfasst, und anonym bestimmten Laborwerten eine Diagnose zimmern, die mit ihrem Bauchgefühl und persönlichem Erfahrungswissen übereinstimmt.

        „Ich verteidige die Homöopathen. Finden Sie das schlecht ?“

        Nein, solange damit kein Wahrheitsanspruch verknüpft wird, ist das okay.

  4. Hallo Fossilium, Ihre Argumentation ist doch genau der Knackpunkt, den Hr. Jäger anspricht.
    Sie kritisieren „die Schulmedizin“ ohne irgendwelche harten Fakten zu nennen, sondern stellen einfach mal ein Dutzend unklar formulierte Fragen in den Raum. Als Gegenargument kommen Sie mit sog. individuellen Erfahrungen oder einer „intuitiven Klugheit des Patienten“ was ja nun definitv Unfug ist, oder haben Sie irgendwelche Definitionen oder Belege oder sonstwas für das, was Sie hier so schreiben?

  5. Natürlich gibt es auch voreilige Schlüsse aufgrund von zu schnellem, zu direktem und zu wenig reflektiertem Denken. Und natürlich haben fast alle Menschen Schwierigkeiten Statistiken in Bezug auf ihre eigene Person und in Bezug auf Risiken richtig zu interpretieren. Da haben sie mit Kahnemann recht. Schnelles, ichbezogenes und emotional gefärbtes Denken und Entscheiden ist mit kognitiven Verzerrungen wie Selbstüberschätzung, vorschnelle Verallgmeinerung von ein paar wenigen selbst gemachten Erfahrungen etc. verbunden.

    Doch einen allzu engen Zusammenhang zwischen der Hinwendung zu Parawissenschaften, alternativen Heillehren, Homöopathie und der Tendenz zu zu schnellem Denken, den sehe ich nicht. In einer Hinsicht vielleicht schon. In Bezug auf Ängste (z.b. vor Genfood,Impfungen), Risikoeinschätzungen spielt „schnelles Denken“ im Sinne Kahnemanns eine Rolle. Denn mit „schnellem Denken“ meint er ein Denken, das von der eigenen Person und ihren Empfindungen, Bedürfnissen und Emotionen ausgeht. Wer so denkt stellt sich tendenziell ins Zentrum, überschätzt Risiken für sich selbst und sieht auch dort Gefahren, wo es statistisch kaum welche gibt, solange die Gefahren ihn betreffen könnten (der Terroranschlag war genau dort, wo ich jeden Morgen durchgehe!).

    Doch welches Persönlichkeitsprofil haben Homöopathie-Anhänger oder Impfgegner? Sind es emotional/affektiv betonte Menschen (also zu schnelle Denker im Sinne Kahnemanns)? Ich weiss es nicht.
    Wer an die wissenschaftliche Methode glaubt, der sollte sich vor vorschnellen Einordnungen hüten und zuerst einmal forschen. Sie einfach in die Kategorie der zu schnellen Denker einordnen ist ohne entsprechende Studien, die das belegen, fragwürdig.

  6. Wird die Impfablehnung nicht ein wenig dramatisiert?
    Natürlich ist es richtig , darüber zu reden , vor allem , wenn der individuelle Impfschutz von Kindern gefährdet ist.
    Aber Quoten von über 90% aind eine krachende Erfolgsgeschichte für das „langsame“ Denken. 100% sind unmöglich und vielleicht auch gar nicht wünschenswert , auch absurde Formen der Skepsis dienen als Gradmesser für die aktuelle Qualität der seriösen Herangehensweisen.

    • Um die Masern auszurotten braucht es hohe Impfraten. Und die Masern auszurotten wie das bereits bei Pocken gelang, ist erstrebenswert. Die WHO hat den Termin für die Ausrottung der Masern in Europa auf das Jahr 2015 gesetzt. Dieser Termin wurde verpasst, sind doch im Jahr 2014 allein in Berlin (einem Nest von Impfgegnern und Impfmüden) 600 Personen an Masern erkrankt und ein Kleinkind gestorben. Da kann folgende WHO-Aussage nicht verwundern:

      Wenn wir bedenken, dass wir in den vergangenen zwei Jahrzehnten die Masern-Fallzahlen um 96 Prozent reduzieren konnten und nun nur einen Schritt von der Ausrottung der Krankheit in Europa entfernt sind, sind wir angesichts dieser Zahlen bestürzt“, sagt Zsuzsanna Jakab, WHO-Leiterin für die Region Europa.

      In den USA dagegen ist die Masernausrottung gemäss Artikel Masern in Amerika für ausgerottet erklärt gelungen. Der letzte einheimische Masernfall war in den USA im Jahr 2002, danach gab es nur noch importierte Fälle. Was hat man damit erreicht? Nun:

      Bevor die umfassenden Impfaktionen 1980 begannen, starben weltweit fast 2,6 Millionen Menschen pro Jahr an Masern. Auf dem amerikanischen Kontinent waren es laut Paho allein zwischen 1971 und 1979 fast 102’000 Tote.

      In Europa ist die Impfquote bei Masern inzwischen zu klein um Masern auszurotten.GWUP hat sich des Themas ebenfalls angenommen.

      • @Martin Holzherr

        Die Masern sind wohl ein Grenzfall , was die Sinnhaftigkeit der Ausrottung angeht.
        Aber ganz unabhängig davon hat sich die impffreundliche Haltung in einer Weise durchgesetzt , die deutlich gegen den Mißerfolg des Prinzips des „langsamen“ Denkens spricht.
        Mich erinnert der Optimalismus ein wenig an die Verbreitung liberaler Erziehungsmethoden. Deren Befürworter halten sich nicht selten für gescheitert , weil es nunmal einen Prozentsatz von Leuten gibt , die sowas für schwach halten.
        Daß sie aber 70 , vielleicht 80 % erreichen können , übersehen viele völlig.

        Egal , bei welchem Thema, rationales Denken sollte sich nicht selber fressen , indem es immer nur seine Mißerfolge sieht. Um selbstzufriedenes Zurücklehnen geht es aber natürlich nicht.

  7. Es geht im Beitrag von Herrn Jäger nicht um die Frage, ob homöopathische Mittel wirksam sind.

    Herr Jäger nimmt die Impfskepsis einiger Leute und die damit verbundenen Folgen zum Anlaß, um wieder für die wissenschaftliche Methode zu werben, diesmal mit den Schlüsselbegriffen „schnelles“ und „langsames“ Denken als tiefgreifendes Strukturmerkmal der methodischen Herangehensweise an alle Fragestellungen, auch im medizinischen Bereich. Ich gehe davon aus, daß Herr Jäger klug genug ist, die Oberflächlichkeit seines Beitrages zu erkennen. Er will einfach nur sehen, was die Kommentatoren aus ein paar hingeworfenen Behauptungen machen.

    Daß Wissenschaft eine sehr wirksame Methode zur Erkenntnisgewinnung ist (nicht zum Erlangen von „Wissen“, dieser Begriff wäre erst noch zu definieren), wird niemand bestreiten. Was nicht geht ist, die Methode so zu glorifizieren, als sei sie allen anderen Methoden der Erkenntnisgewinnung überlegen, ja wie in einem früheren Beitrag behauptet, sogar im ehtischen Bereich, bei der Frage des richtigen Handelns, die Methode Wahl um herauszufinden, welches Handeln richtig sei !

    Was auch nicht geht ist, und deswegen bin ich hier, daß dabei immer wieder auf andere gezeigt wird, jetzt z.B. auf die Homöopathen, weil diese eine andere Herangehensweise an fundamentale Fragestellungen haben. Ich behaupte, daß Herr Jäger diese Herangehensweise nicht kennt, wie viele hier, die sich hier auf die nachgewiesene Unwirksamkeit homöopathischer Mittel kaprizieren.

    Die Behauptung, die wissenschaftliche Methode sei in allen Fällen die Methode der Wahl, um zu „Wissen“ zu gelangen, ist einfach viel zu kurz gedacht, es offenbart einen sehr engen Blickwinkel auf das was „Wissen“ ist, es negiert die Tatsache, daß der Mensch mit seinem „Wissen“ und die unglaublich komplexen Zusammenhänge in der belebten Natur rational gar nicht faßbar sind – es ist eine sehr eingeschränkte Sichtweise auf die „Natur und den menschlichen Geist“, um mit den Worten des Autors zu sprechen.

    Denn die Wissenschaft ist eine Methode, die nichts anderes kennt, als mit Hilfe des Verstandes unverstandene komplizierte Sachverhalte auf rational faßbare zu reduzieren. Sie kennt nur die Ratio als formales Mittel.

    Der Mensch hat aber zur Beurteilung eines Sachverhaltes Gott sei Dank mehr zur Verfügung als die Ratio ! Er hat auch ein Gefühl, besser gesagt, er hat ein zweites Gehirn, die Neuronen im Bauch, das Bauchgehirn. Nur weil er ein zweites Gehirn hat, kann er komplexe Sachverhalte überhaupt beurteilen, denn dann sendet nur das Bauchgehirn die notwendigen Signale. Der Verstand wäre völlig überfordert, wenn er uns z.B. mitteilen müßte, ob jemand, der vor uns steht und den wir beurteilen müssen, sympathisch oder unsympathisch ist. Es ist schon überfordert, wenn wir beurteilen müssen, welches Erkenntnisziel wir haben sollen. Nur das Bauchgehirn kann das, die Ratio nicht. Das Bauchgehirn denkt zuerst. Und das Kopfgehirn gaukelt uns dann vor, die richtige Beurteilung einer Situation stamme von ihm.

    Komplexe Sachverhalte begegnen uns nicht nur situativ, sondern immer und überall, z.B. immer dann wenn wir wissen sollen, was wir in einer komplexen Situation tun wollen, z.B. wenn der Nachbar seine Frau verprügelt, weil diese fremdgegangen ist. Dieses Wissen, was da zu tun ist, ist naturwissenschaftlich überhaupt nicht zugänglich, es ist wissenschaftlich-rational nicht herleitbar, aber es ist ein zum Überleben und Zusammenleben und zum Wohlbefinden ein sehr notwendigeres Wissen ! Meinetwegen soll jeder von dem „naturwissenschatlichen Wissen um die Schönheit und Komplexität unserer Natur und der unseres eigenen Geistes“ schwärmen.

    Die wissenschaftliche Methode prägt dennoch nur einen ganz kleinen Teil unseres Daseins. Sie als maßgebend für unser ganzes Dasein anzusehen, und dann andere Leute abzuqualifizieren, die Wissenschaftliches Denken nicht in den Mittelpunkt ihres Lebens und ihrer Arbeit stellen, ist unangebracht, ich nenne das unredlich, es ist nicht in Ordnung. Es ist eines Wissenschaftlers nicht würdig. Das betrifft nicht nur die Homöopathen, sondern auch die Esoteriker, die Gottgläubigen, die die die Dummen und Unwissenden, aller Spinner, Exzentriker und Nicht-Angepaßten.

    Grüße Fossilium

    • @fossilium 13. Januar 2017 @ 12:37
      Danke für Ihren Kommentar! Er regt zum Nachdenken an, das finde ich unterstützenswert.

      Dennoch möchte ich Herrn Jägers Beitrag verteidigen.
      Selbst in Ihrem @fossiliums Beispiel des schlagenden Nachbarn kann die Wissenschaft durchaus eine Antwort geben auf die Frage, was man am besten tut. Die Naturwissenschaft kann keine Antwort geben – wie Sie richtigerweise anmerken – auf die Frage, was man tun soll im Sinn der Wahl des zu erstrebenden Zieles. (Einige Biologen würden an dieser Stelle widersprechen.) Zur Wahl des erstrebenswerten Zieles dient häufig beispielsweise die Moral, Religion oder Ethik. Aber die Wissenschaft kann Antworten geben auf die Frage, wie man am Besten vorgeht, wenn das gewählte Ziel feststeht.

      Und im Falle von Herrn Jägers Beitrag sehe ich die Prämisse grundsätzlich durchaus gegeben: Fast alle Eltern wollen, dass ihr Kind möglichst gesund aufwächst.
      Der beste Weg dies zu erreichen ist durch die Naturwissenschaft durchaus zugänglich. Er führt, vereinfacht gesagt*, über die Impfung und nicht über die Nicht-Impfung. Und Herr Jäger beklagt zurecht, dass dieser Weg dennoch nicht eingeschlagen wird.

      *Eine Ausnahme wäre eine bekannte Unverträglichkeit gegenüber Impfstoffbestandteilen. Solche kommen aber ausgesprochen selten vor, einige Impfstoffbestandteile (i.e. Immunantwort-Verstärker) sind ersetzbar und die Nicht-Impfungsrate übertrifft die Rate an Unverträglichkeiten um mindestens das Hundertfache.

  8. Verehrte Wizzy,

    die Welt – oder, wie Herr Jäger meint, die Natur und der menschliche Geist – hat eine Tiefe, die mit der menschlichen Ratio allein nicht erschlossen werden kann. Das Kahnemansche Langdenkverfahren kratzt nur an ihrer Oberfläche. Die Naturwissenschaften können Vorhersagen machen, daß etwas so und so funktionieren wird, aber jede naturwissenschaftlich begründete Ontologie scheitert. Rational ist die Welt eben nur in Ausschnitten erfaßbar, beschreibbar, erklärbar- eben in Ausschnitten. Die Ratio ist darauf angelegt zu vereinfachen. Sie zerlegt in Teile, sie schafft es 3 Schachbrettzüge zu überschauen.

    Ein guter Schachspieler überschaut mehr. Wie macht er das ? Er macht es mit seinem Gefühl. Oder Intuition, Instinkt, Inspiration, oder wie man es immer nennen will. Er macht es aber nicht mit dem Kanemannschen Langdenkverfahren, da käme er nicht sehr weit mit.

    So wie beim Schachspiel ist es das ganze Leben. Hätten wir nur die Wissenschaft, wären wir nur rational. Wir sind aber mehr, wir sind klug ! Die Klugheit kommt von daher, daß sich Wissenschaftlichkeit und Unwissenschaftlichkeit in dieser Welt passend paaren. Hätten wir nur die Jäger-Kahnemannsche Wissenschaftlichkeit, wären wir arm dran.

    Das gilt auch in der Heilkunst. Sie heißt nicht umsonst Kunst und nicht Wissenschaft. Die beim Heilen n u r auf die Wissenschaft setzen, zu denen hätte ich kein Vertrauen. Von den Schulärzten, die ich kennengelernt habe, tut es tatsächlich auch kaum einer. Aber in Diskussionen über Homöopathen tun sie dann so, als käme nur Wissenschaft in Frage.

    Grüße Fossilium

    • Geehrter Fossilium,

      >Verehrte Wizzy,
      >
      >die Welt – oder, wie Herr Jäger meint, die Natur und der menschliche Geist – hat >eine Tiefe, die mit der menschlichen Ratio allein nicht erschlossen werden >kann.

      Das ist zunächst mal eine Behauptung. Diese zweifle ich entschieden an. Sie geben als Argument das Beispiel des Schach-Spieles. Sehr gutes Beispiel!

      >Ein guter Schachspieler überschaut mehr. Wie macht er das ? Er macht es mit >seinem Gefühl.

      Haben Sie sich schon einmal mit einem guten Schachspieler unterhalten? Was sagt dieser Ihnen? Dass man unglaublich viel Lernen muss, um ein guter Schachspieler zu werden. Jahrzehntelang Bücher wälzen, viele vergangene Partien, eigene und die voriger Meister genau analysieren. Sehr viel logisches Denken. Sehr viel Planung.
      Davon abgesehen werden die besten Schachgroßmeister der gesamten Welt schon seit 1996 vom Computer geschlagen, wobei die Software ihr Niveau seitdem in kaum erreichbare Höhen steigern konnte. Go-Spieler mittlerweile auch, Dame- und viele andere Spieler schon davor. Der Computer hat also wohl ein besseres „Gefühl“, welches zu 100% auf Ratio reduzierbar ist.

      >Das gilt auch in der Heilkunst.
      Meine Rede des vorigen Abschnitts. Die beste Heilkunst beruht auf Ratio, nicht auf Gefühl. Und die Ratio (Studien) sagt auch, dass die zwischenmenschliche, emotionale Komponente nicht gänzlich unwichtig ist – bei den bedrohlichsten Krankheiten aber sind Operationen und chemische Behandlungen am Allerwichtigsten. Und u.a. natürlich Impfungen.

      Grüße, Wizzy

  9. Das nachvollziehen wissenschaftlicher Arbeiten ist schwierig. Noch viel schwieriger ist jedoch, dass in gewissen Gruppen die feste Meinung vorherrscht, mit ihrere Spezialtheorie hätte sich die Wissenschaft noch nicht ernsthaft beschäftigt und deshalb habe die mehrheitsmeinungsgeprägte Wissenschaft an dieser Stelle schlicht eine blinde Stelle.

    Ich hatte vor zwei Jahren eine wochenlange Diskussion mit einem Anhänger der Electric Universe Theorie. Die wurde tatsächlich früher wissenschaftlich untersucht. Und widerlegt. Ich habe auch schon mit Darwinkritikern diskutiert, mit Impfkritikern, mit Homöopaten (schreibt man das so?) und mit Leuten die meinen, die Erde sei 6000 Jahre alt. Menschen, die meinen das Mittelalter (die Völkerwanderung) hätte nicht existiert oder sei ganz anders verlaufen als aufgeschrieben sind da echt noch vergleichsweise nah an der Wahrheit.

    Schön ist, dass man in diesem Blog Wissenschaftler tatsächlich ansprechen kann. Klar ist natürlich auch, dass höchstens sehr interessierte Mitbürger, oder sehr wütende Widerleger ihren Weg hierher finden. Was schade ist.

    Ich möchte eine Sache anregen.
    In allen meinen Diskussionen mit irgendwelchen komischen Leuten hat mir immer eine Sache gefehlt: Eine Visuell leicht zu erfassende Übersicht über Forschung auf diesem Gebiet.

    Es fehlt eine simpel zu lesende Baumgrafik, oder meinetwegen ein Stadtplan: Auf diesem Stadtplan ist die gängige Haupttheorie zu sehen, und vielleicht (falls existent) die berühmtesten zwei Nebenheorien, im Stamm, bzw. auf der Hauptstraße. Auf den Ästen (oder in den Sackgassen) sind Hypothesen, die widerlegt worden sind. Die Hauptstraße bzw. der Stamm darf auch Kurven haben an den Stellen, an denen die Haupttheorie durch neue Erkenntnisse auch mal angepasst worden ist. Auf die widerlegten Hypothesen kann man klicken und kommt auf das Paper, das die Hypothese widerlegt hat. Gleichermaßen kommt man durch Klicken auf die Hauptstraße (oder den Stamm) auf Papers, Experimente oder Visuel hübsch aufbereitete Webseiten, welche die Haupttheorie belegt haben, oder ihr eine neue Richtung gegeben haben.

    Im Falle von Darwin könnte man Lamarck, die vielen Kirchen-Gegenheorien und so einiges anderes zeigen.
    Auch für Impfgegner (hast du auch das Gefühl dass du immer kurz nach der Impfung krank wirst?) wäre so etwas sehr gut. Gerade bei Masern könnte eine drastische Darstellung der Haupt- und Nebenwirkungen der ERKRANKUNG von Masern wunder wirken.

    Versteht ihr?

    Die Leute denken anekdotisch. Gebt ihnen Anekdoten aus dem gut belegten Mainstream. Masernkinder mit Hirnschäden. Darwinfinken. Erklärt wie die Altersbestimmung über den Kohlenstoffzerfall mit Baumringen gegengecheckt wurde. Macht eine interaktive Karte die von der Völkerwanderung bis zur Renaissance geht, so dass jeder sehen kann was los war.

    Macht Anekdoten. Eure Gegner machen das auch.

    Das Problem ist, ihr macht eine Studie (3 Jahre wenn man einrechnet dass man sich das Geld besorgen muss). Der Gegner macht eine Anekdote (eine halbe Stunde auf der Couch mit dem Laptop). Den Krieg kann man nicht gewinnen.

    Sorgt dafür dass die Leute EURE Anekdoten weitererzählen. Die Studien sind bei vielen Themen ja schon längst da. Jemand will die Mondlandung noch mal nachgewiesen haben? Natürlich, es gibt Fotos aus einem Satelliten und es gibt diesen famosen Spiegelreflektor auf dem Mond, der Laserstrahlen zurückwirft.

    Die Beweise sind da. Präsentiert sie. Nicht als langen Text, das liest der unstudierte Hobbykritiker eh nicht. Macht bunte Poster. Videos. Interaktive Webseiten. Die Beweise, die versteht der Laienkritiker auch nicht. Da reicht ein Link.

  10. Howdy!

    Die wissenschaftliche – sowie die kontemplative – Methode ist mühsam und alles andere als perfekt.
    […]
    Sie lässt uns aus Fehlern lernen, auch wenn dies langsam und bisweilen schmerzhaft ist. Sie lässt uns bescheiden und intellektuell redlich bleiben in Anbetracht der Schönheit und Komplexität unserer Natur und der unseres eigenen Geistes.

    Die szientifische Methode ist perfekt („durchgemacht“), nur sie erlaubt Anwendungen, die vglw. zuverlässig sind.

    Für den zweitzitierten Nachsatz gibt gib es natürlich ein fettes +1, so isses.

    MFG
    Dr. Webbaer

        • @ Dr. Webbaer

          Es wäre der Leserlichkeit und Übersichtlichkeit der Kommentare sehr zuträglich, würden Sie auf (teils mehrfache) Korrekturen offensichtlicher Fehler in nachgeschobenen Kommentaren verzichten.

          Viele Fehler würden gar nicht bemerkt – schnelles Denken – oder könnten leicht vom Leser als solche erkannt und durch rationale Überlegungen korrekt aufgelöst werden – langsames Dünken.

  11. Pingback: Video von „Außer Sinnen“ 2016: Dr. David Bardens über die „Alternativmedizin“ @ gwup | die skeptiker

  12. fossilium, Lars Jaeger,
    …..über wissenschaftliches Denken
    Wer wissenschaftlich denkt, erweitert seinen Horizont. Wer zusätzlich an etwas glaubt, der erweitert seinen Horizont noch mehr. Glauben und Denken stehen nicht im Widerspruch , auch nicht begrifflich, da gibt es eine sehr große Schnittmenge.
    ….Impfmüdigkeit. Wenn große Teile der Bevölkerung nicht mehr geimpft werden, wächst die Gefahr.
    Ist die Impfmüdigkeit mangelndem Denken geschuldet,mangelnder Aufklärung , mangelnder Verantwortlichkeit, dem Glauben oder einfach nur der Bequemlichkeit geschuldet?

  13. So hat er den erklärten Impfskeptiker Robert F. Kennedy Jr. zum Chairman einer Kommission zur „Impfsicherheit und wissenschaftlicher Integrität“ berufen (die Kommentierung dazu verdient einen eigenen, separaten Blogbeitrag).

    Vergleiche:
    -> https://www.washingtonpost.com/politics/trump-to-meet-with-proponent-of-debunked-tie-between-vaccines-and-autism/2017/01/10/4a5d03c0-d752-11e6-9f9f-5cdb4b7f8dd7_story.html (‚Robert F. Kennedy Jr., a proponent of a widely discredited theory that vaccines cause autism, said Tuesday that President-elect Donald Trump asked him to chair a new commission on vaccines.
    Hours later, however, a spokeswoman for Trump’s transition said that while Trump would like to create a commission on autism, no final decision had been made.‘)

    Präzision ist schon wichtich (mittelniederdeutsch).

    Ansonsten, als Bonus-Kommentar, noch kurz zum Anekdotischen angemerkt.
    Anekdoten sind so schlecht nicht, zeigen sie doch auf, was möglich ist, hier ein Bonmot:

    Anekdoten sind Gedankenexperimente von denen behauptet wird, dass sie stattgefunden haben.

    Ansonsten wären’s Fakten, wobei deren Belegkraft idR singulär bleibt, der gewohnten empirischen Betrachtung fern.

    Ankedoten abär oder also durchaus und ihrem Wesen nach Diskurse potentiell bereichernd.

    MFG
    Dr. Webbaer (der hier meist (immer?) abstinent ist, wobei eine richtige „saftige“ Anekdote abär nicht schlecht sein muss)

  14. Dr. Webbaer,
    über sonstiges Denken,
    Sprache scheint Ihnen so wichtig zu sein, wie dem Fisch das Wasser.
    Tatsächlich ist sie ein Schlüssel zu den Herzen der Menschen. Bei meinen Studien bin ich auf eine Person gestoßen, die so gar nicht ihr Sprachverständnis hatte, aber von der man etwas lernen kann.
    Pater Leppich, genannt das „Maschinengewehr Gottes“. Seine Reden sind rhetorisch und moralisch eine Delikatesse.
    Anmerkung: Bei manchen Kommentaren wünschte ich mir auch etwas von dessen Feuer.

  15. Die Eltern welche ihr Kleinkind vegan ernähren bis es mit Entwicklungsrückstand und neurologischen Ausfällen in der Klinik landet, gehören für mich in die gleiche Kategorie wie die Impfgegner. Solche Menschen als schnelle Denker im Sinne Kahnemann’s zu kategorisieren wie das der Autor dieses Beitrages macht, halte ich für falsch. Extremdiäten und Impfgegnerschaft gehört für mich vielmehr in den Bereich der säkularen Glaubenssysteme, die heute immer mehr um sich greifen. Ähnlich wie religiöse Sekten sind diese säkularen Sekten der Diätgläubigen, der Impfgegner und Anthroposophen rationalen Argumenten gegenüber kaum zugänglich.Ähnlich auch wie religiöse Sekten haben sie ihren eigenen Kanon von „heiligen“ Schriften und „Heiligen“.

  16. Martin Holzherr,
    …..säkulare Glaubensysteme
    Da sprechen Sie ein heißes Eisen an. Wir haben kürzlich einen Inder kennengelernt, dessen Eltern waren Veganer, aber der Sohn hat sich abwertend dazu geäußert.
    Es ist schon eine Krux, dass sich die“ aufgeklärte Gesellschaft“ immer irrationaler verhält. Behauptung: Ganz ohne Irrationalität geht es nicht, oder anders formuliert, irgendwie muss man sich ja von der Masse unterscheiden.

    • Anstatt von säkularen Glaubenssystemen könnte man auch von modernem Sektierertum sprechen. Der Artikel Wenn Eltern den Tod der eigenen Kinder in Kauf nehmen fasst dieses Phänomen in folgendem Untertitel zusammen:

      Zunehmend ernähren Eltern ihre Kinder vegan, bis sie krank werden. Andere verweigern ihnen eine möglicherweise lebensrettende Krebstherapie. Oft aus ideologischen Gründen.

      Es scheint, dass solches modernes Sektierertum in den letzten 10 Jahren stark zugenommen hat. Vielleicht ist es als Ersatzreligion zu interpretieren. Ihr obiges Beispiel eines Inders dessen Sohn nicht mitmacht ist dagegen kein typisches Beispiel. In Indien scheint nur unter explizit religiösen Hinuds Veganismus strikt durchgehalten zu werden. Seit Modis Amtsantritt haben aber vegane Exzesse zugenommen. So wurden Schulprogramme, welche unter- und fehlernährte Kinder mit Eiern verpflegen wollten nach Modis Sieg gestrichen, denn Eier gehören nicht auf einen veganen Speiseplan. Doch nur wirkliche Hindu-Hardliner halten so etwas durch.

  17. Die hier vorgenommene Gegenüberstellung von langsamem und schnellen Denken ist nicht sinnhaft.
    Egal, was der ‚Nobelpreisträger Daniel Kahneman‘ hierzu angemerkt hat, ist es so, dass die Kurzfristigkeit des Denkens gegenüber der Langfristigkeit obsiegt, jedenfalls kurzfristig.
    >:->

    Nicht soll so die sog. Homöopathie verteidigt werden, ein tapferer Verteidiger derselben ist ja im hiesigen Kommentariat bereits aufgetaucht, sondern das Denken in Geltungszusammenhängen.
    Der Scope ist hier gemeint.

    Der hier gemeinte Primat ist ganz wundervoll angepasst und in der Lage altgewohnte Ideologien und Theoriengebäude mal „einen guten Mann sein lassen“, wenn er aktuell herausgefordert wird.

    Opi W schlägt alternativ die Unterscheidung zwischen engem und weitem Denken an.

    MFG
    Dr. Webbaer

    • @Dr. Webbaer

      Da ich Kahnemann gelesen habe: Schnelles Denken beruht auf einem Denken in Kausalitäten, langsames Denken meint „statistisches“ Denken. Heißt, bei Schlussfolgerungen legen wir auch da Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge zugrunde, wo es nur um Wahrscheinlichkeiten geht.

      LG, Trice

  18. Howdy, Herr Dr. Jaeger,
    ein kleiner Meinungsbeitrag des Schreibers dieser Zeilen ist gerade „verschwunden“.
    Bei der extra hinterlassenen E-Mail-Adresse findet sich kein Eingang Ihrerseits.
    Wenn Sie wünschen, wird sich Dr. Webbaer hier kommentarisch ausklinken,
    sprechen Sie aber gerne deutlich.
    MFG
    Dr. Webbaer

    • PS und huch! :
      Doch wieder da, sorry, kA, was los war, Dr. Webbaer hat extra die Browser-Chronologie aktualisiert.
      Betracheten Sie die Nachricht weiter oben gerne als nicht versandt.

  19. „Opi W schlägt alternativ die Unterscheidung zwischen engem und weitem Denken an.“

    Manchmal schreiben Sie ja echte Wahrheiten, lieber Webbär.
    (Könnte glatt von mir sein).

    Liebe Grüße
    Fossilium

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