Sorellina „Vega“ ist startklar

Was ist das für ein Ding? Ein amerikanischer Mittelständler braucht dafür dreieinhalb Jahre, 150 Millionen Dollar und etwa 250 Mitarbeiter. Die europäische Raumfahrt benötigt dafür 13 Jahre, eine Milliarde Euro und den Einsatz von mindestens 1.000 Menschen.

Die Vega wartet – fast startbereit – auf der Startanlage ELA 1 in Kourou auf ihren Jungfernflug

Das „Ding“, um das es hier geht, ist ein Satellitenträger für kleine Nutzlasten. Und zwar der technisch recht anspruchslose neue europäische Kleinträger Vega. Wobei „neu“ nach dieser immensen Entwicklungsdauer eher ein Euphemismus ist. Die Vega, das ist die kleine Schwester der großen Trägerrakete Ariane 5.

Der oben erwähnte US-Mittelständler heißt übrigens SpaceX. Der entwickelte seinen eigenen Kleinträger Falcon 1 nicht nur mit einem Bruchteil des in Europa erforderlichen Aufwandes. In dem Preis inklusive war auch noch gleich eine neue Startanlage. Die befindet sich auf Omelek, einem kleinen Atoll der Marshall-Inseln.

Die Vega ist ein Wunschprojekt Italiens. Eine eigene Trägerrakete für die nationale Grandezza. Seit Jahrzehnten betreiben Italiens Luft- und Raumfahrtfirmen umfangreiche Forschungen und Entwicklungsarbeiten auf dem Gebiet der Feststoffantriebe. Unzählige Treibsätze wurden auf den Testständen von Salto di Quirra in Sardinien verfeuert. Nie wurde ein verwertbares Produkt draus. Bis dann Mitte der neunziger Jahren die Diskussion über einen möglichen Bedarf Europas für einen Kleinträger aufkam.

Die italienische Raumfahrtagentur ASI begann daraufhin mit intensiver Lobby-Arbeit für das Projekt „Vega“. Zunächst mit Studien, dann mit Vorentwicklungsarbeiten. 2003 gelang es ihr schließlich, das Projekt bei der ESA unterzubringen. Etwa 700 Millionen Euro hat das die europäische Raumfahrtbehörde seither gekostet, weitere 450 Millionen Euro wird das insgesamt sechs Flüge umfassende Qualifizierungsprogramm erfordern. Der Hauptauftragnehmer der Vega, der italienische Luft- und Raumfahrtkonzern Avio, steckt noch einmal 76 Millionen Euro an Eigenmittel (die allerdings eher ein italienischer Regierungskredit sind) in das Vorhaben.

Italien gründete sogar ein eigenes Unternehmen für Entwicklung und Bau der Vega, die „European Launch Vehicle (ELV) S.p.A“, deren Aktien trotz ihrer Bezeichnung vollständig in italienischer Hand sind. 70 Prozent gehören Avio in Colleferro, 30 Prozent befinden sich in der Hand der italienischen Raumfahrtagentur ASI.

Extrem viel Aufwand für ein Produkt, das raumfahrttechnisch auch vor 30 Jahren schon nicht der Hit gewesen wäre und bei dem man fragen muss, ob es Europa überhaupt braucht.

Immerhin,  unter dem Aspekt der europäischen Unabhängigkeit hat die Vega eine gewisse Berechtigung, denn mit diesem Träger ist Europa in der Lage, das gesamte derzeit nachgefragte Nutzlastspektrum zu bedienen. Für die großen Nutzlasten existierte schon zuvor die große Schwester der Vega, die Ariane 5, für die kleinen Nutzlasten gibt es nun die Vega und für die mittleren Nutzlasten seit dem letzten Jahr die Sojus.

Moment, die Sojus? Ist das nicht eine russische Trägerrakete?

Richtig. Die Sojus ist ein russischer Träger. Europa setzt sie gerne und inzwischen erfolgreich von Kourou aus ein und daher ist die Frage nicht abwegig, warum man für das untere Ende des Nutzlastspektrums nicht  auch einen der reichlich vorhandenen und technisch ausgereiften russischen Träger verwendet. Es gibt nämlich in Europa auf dem Gebiet der Kleinträger schon eine langjährige Partnerschaft mit Russland, und zwar das von Astrium Deutschland und Chrunitschew betriebene Joint Venture „Eurokot“. Eurokot vertreibt einen  Träger namens „Rokot“. Und der deckt haargenau das Nutzlastspektrum der Vega ab.

Bei der Rokot handelt es sich um eine russische Interkontinentalrakete, die  im Rahmen der START-Abrüstungsvereinbarungen ausgemustert wurde und nun, mit einer leistungsfähigen neuen Oberstufe versehen, zivil eingesetzt wird. Russland hat noch 200 Stück davon vorrätig.

Die Rokot ist dabei noch nicht einmal der einzige verfügbare russische Träger in dieser Leistungsklasse. Es gibt da auch noch die Dnepr, die in kaum geringeren Stückzahlen verfügbar ist wie die Rokot.

Diese beiden Träger waren allerdings, mangels Nachfrage, nicht gerade häufig im Einsatz. Die Rokot 15mal in elf Jahren, die Dnepr 17mal in zwölf Jahren. Zusammen also etwa 2-3 Starts jährlich.

Die ESA aber ging bei ihrem Geschäftsmodell für die Vega zunächst von vier bis fünf Einsätzen pro Jahr aus. Wie sollte da die Vega, bei wesentlich höheren Stückpreisen, häufiger eingesetzt werden als die Rokot und Dnepr zusammen? Noch dazu wo die beiden russischen Typen mit dem Erscheinen der Vega ja keineswegs vom Markt verschwunden sind.

Inzwischen hat die ESA die vor einigen Jahren projektierte Flugfrequenz auf etwas realistischere zwei Flüge pro Jahr reduziert. Um zumindest diese Zahl Realität werden zu lassen, hat die Weltraumbehörde die ersten sechs Missionen gekauft und auch teilweise gleich Nutzlasten dafür entwickeln lassen. Und so wird es wohl auch bleiben. Die Vega wird wohl nie den europäischen Regierungsmarkt verlassen.

Die Skepsis gegenüber der Vega drückt sich auch in den finanziellen Beteiligungen der einzelnen Nationen aus. 58 Prozent der Entwicklungsgelder stammen aus Italien, 25 Prozent kommen aus Frankreich. Die Franzosen waren zunächst sogar nur mit 12 Prozent eingestiegen und haben ihren Anteil erst in den letzten Jahren gesteigert. Als dritter wesentlicher Beteiligter ist Belgien mit 6,5 Prozent im Spiel. Der Rest verteilt sich auf Spanien, die Niederlande, die Schweiz und Schweden.

Deutschland war fürs erste (sieht man mal von einigen Komponenten ab) überhaupt nicht dabei. Die Wahrscheinlichkeit ist aber recht hoch, dass Deutschland nach der Qualifikationsphase mit in das Programm einsteigen wird, um eine flüssigkeitsbetriebene Oberstufe zu entwickeln. Erst dann wird aus der Vega ein vollständig europäischer Träger. Die gegenwärtig eingesetzte Oberstufe mit dem Namen „Avum“ stammt nämlich aus der Ukraine.

Nicht nur in der Entwicklung, auch in der Fertigung ist die Vega sehr teuer geworden. Die Rakete, die etwa 1.500 Kilogramm Nutzlast in eine niedrige Erdumlaufbahn bringen kann,  wird pro Stück zunächst 32 Millionen Euro kosten. SpaceX, wir hatten das Unternehmen eingangs erwähnt, hatte ihre Falcon 1 für sieben Millionen Dollar angeboten. Die Produktion der Falcon 1 ist aber derzeit zugunsten der wesentlich größeren Falon 9 ausgesetzt, eine Rakete, die etwa neun Tonnen Nutzlast in eine niedrige Erdumlaufbahn bringen kann. Dieser Träger kostet derzeit 55 Millionen Dollar, entsprechend 42 Millionen Euro. Für nur zehn Millionen Euro mehr kann man bei SpaceX somit das sechsfache Gewicht in die Umlaufbahn bringen wie mit der europäischen Vega.

Doch genug des Lamentierens. Lösen wir uns von dem Gedanken, dass dieser Träger eigentlich überflüssig ist, und die ESA mit dem schönen Geld eine wunderbar anspruchsvolle Planetenmission hätte durchführen können anstatt sich einen neuen Orbitalrakete mit der Technologie der achtziger Jahre zu leisten.

Am 13. Februar, um 11:00 Uhr vormittags, steht nun nach unzähligen Startverschiebungen, der Jungfernflug auf dem Plan. Die Vega wird ihre Reise in den Weltraum vom historischen Startplatz 1 aus antreten, besser bekannt als ELA 1. Dieser Startplatz hat eine gemischte Historie. Die Europa II Rakete scheiterte dort, die erste Ariane, die an Heiligabend 1979 von dort aus ihren Jungfernflug unternahm, war erfolgreich.

Neun Satelliten werden an Bord sein. Der 400 Kilogramm schwere LARES, ein italienischer Geodäsie-Satellit, der 13 Kilogramm schwere Technologie-Satellit ALMASat-1 von der Universität Bologna und sieben so genannte Cube-Sats, allesamt kleine, dicht mit Technik gepackte Würfelchen von 10 Zentimeter Kantenlänge und einem Kilogramm Gewicht. Unter diesen Cubesats sind auch „Goliat“, „PW-Sat“ und „MaSat-1“. Sie werden Raumfahrtgeschichte schreiben, denn sie sind die jeweils ersten Erdsatelliten ihrer Entstehungsländer Rumänien, Polen und Ungarn.

Die Mission der ersten Vega wird mit „VV1“ bezeichnet. Das steht für „Vol Vega 1“. In Kourou wird französisch gesprochen, da mag die Rakete so italienisch sein, wie sie will. Ihr Name immerhin bleibt italienisch. Das Wort „Vega“ ist eine Abkürzung der Projektbezeichnung „Vettore Europeo di Generazione Avanzata. Auf Deutsch also etwa „Fortschrittliches Europäisches Startsystem“.

Naja.

Doch lassen wir nun unsere Skepsis zurück und drücken der kleinen italienischen Schwester der Ariane 5 die Daumen. Sie ist, bei aller Kritik, ein weiteres Stück europäischer Unabhängigkeit im Weltraum.

Eugen Reichl

Ich bin Raumfahrt-Fan seit frühester Kindheit. Mein Schlüsselerlebnis 1963. Ich lag mit Masern im Bett. Und im Fernsehen kam eine Sendung über Scott Carpenters Mercury-Raumflug. Dazu der Kommentar von Wolf Mittler, dem Stammvater der TV-Raumfahrt-Berichterstattung. Heute bin ich im "Brotberuf" bei Airbus Safran Launchers in München im Bereich Träger- und Satellitenantriebe an einer Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Technik tätig. Daneben schreibe ich für Print- und Onlinemedien, u.a. für Astronomie Heute, Raumfahrt Concret und vor allem für mein eigenes Portal, "Der Orion", das ich zusammen mit meinen Freundinnen Maria Pflug-Hofmayr und Monika Fischer betreibe. Ich trete in Rundfunk und Fernsehen auf, bin Verfasser und Mitherausgeber des seit 13 Jahren erscheinenden Raumfahrt-Jahrbuches des Vereins zur Förderung der Raumfahrt (VFR). Aktuell erschien in diesen Tagen beim Motorbuch-Verlag "N1 - Moskaus Mondrakete". Bei diesem Verlag sind in der Zwischenzeit insgesamt 16 Bücher von mir erschienen, zwei davon werden inzwischen auch in den USA verlegt. Daneben halte ich etwa 20 mal im Jahr Vorträge bei den verschiedensten Institutionen im In- und Ausland. Mein Leitmotiv stammt von Antoine de Saint Exupery: Wenn du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Menschen zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge zu verteilen und Arbeit zu vergeben, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem weiten unendlichen Meer. In diesem Sinne: Ad Astra

22 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Die Dimension Politik

    Jedes Luftfahrzeug und jedes Raumfahrzeug hat diverse Kenngrößen. Als da wären: Länge, Breite, Spannweite, Höhe, Durchmesser, Masse, Schub, Effizienz … und Politik. Kriegt man nur die Kenngrößen Länge bis Effizienz richtig hin und die Kenngröße Politik nicht, ist das Projekt mit hoher Wahrscheinlichkeit weg vom Fenster. Wenn man aber die Kenngröße Politik richtig bedient, dann kann man bei den anderen acht vollkommen daneben liegen und man hat trotzdem gute Chancen, das Projekt durchziehen zu dürfen.

    Das ist eine ganz allgemeine Betrachtung. Es liegt mir ganz fern, etwa andeuten zu wollen, dass ich mich hiermit auf irgendeinen konkreten Fall beziehe.

  2. Vermutungen bzw. Fragen:

    Ich glaube irgendwo gehört zu haben:

    Die unteren drei Stufen der Vega sind Feststoffraketen.

    Die Hüllen dieser Feststoffraketen bestehen aus gewickelten Kohlenstofffasern in Epoxidharz, also aus CFK.

    Der Treibstoff dieser Feststoffraketen besteht vermutlich aus:

    70 % Ammoniumperchlorat,
    17 % Aluminium,
    11 % Polybutadien-Acrylsäure-Arcylnitril,
    2,5 % Binder,
    0,17 % Eisenoxid.

    Liege ich damit richtig?

    Für weitere Details bin ich immer dankbar.

  3. Vega-Benutzerhandbuch

    Das Launcher User’s Manual für Vega kann man auf der Arianespace-Webseite hier kostenlos herunterladen. Dort ist etwas Information zum Stufenaufbau zu finden, allerdings nicht zur Zusammensetzung des Festbrennstoffs. Aber den kriegt man sicher auch anders ‚raus, mit etwas Eigeninitiative.

    Vieles in dem Handbuch ist allerdings unbrauchbar. Beispielsweise die kleine Nebensächlichkeit der Grafik, die die erzielbaren Nutzlasten als Funktion von Bahnhöhe und Inklination anzeigt (Kapitel 2.4, Seite 2-7). Wer diese Grafik erstellt hat, ist offenbar davon ausgegangen, dass die ausgebrannten Stufen überall herunterplumpsendürfen, wie es die Optimalität der Aufstiegstrajektorie diktiert. Wer sich auch nur ein bisschen auskennt, wird ob dieser Grundannahme in hysterisches Lachen ausbrechen. Das Handbuch enthält keinerlei weitere Information zu den Aufschlagszonen der Stufen. Aus gutem Grund. Was Probleme macht, davon sollte man lieber erst einmal nicht reden.

  4. @Michael Kahn: Politik vs Space-Company

    Sie schreiben: Wenn man aber die Kenngröße Politik richtig bedient, dann kann man bei den anderen acht vollkommen daneben liegen und man hat trotzdem gute Chancen, das Projekt durchziehen zu dürfen.

    Wenn das in der europäischen Raumfahrt zutrifft, dann spricht das dafür auch in Europa – ähnlich wie jetzt in den USA – verstärkt auf private Raumfahrtinitiativen zu setzen.

    Allerdings gibt es wohl in Europa keine Firmen wie SpaceX, sondern eben nur Nationen wie Italien, die sich auch irgendwie verwirklichen und ein Andenken setzen wollen. Nun, vielleicht wäre es sogar sinnvoll, wieder verstärkt nationale Raumfahrtziele zu verfolgen, denn eine Nation muss wie eine Firma auch darauf schauen, dass das Geld sinnvoll und proportional zum Erreichten eingesetzt wird. Während für Europa ja niemand zuständig ist und man Europa immer erst wahrnimmt, wenn einiges aus dem Ruder gelaufen ist.

  5. Treibstoff

    Stimmt. Die ersten drei Stufen werden mit Feststoff betrieben, Stufe vier arbeitet mit flüssigen Treibstoffen http://tiny.cc/6xlsb

    Zu den festen Treibstoffen: Die detaillierte Zusammensetzung bis hinunter zur letzten Gewürzprise kenne ich auch nicht. Hier ist aber ein guter und recht detaillierter Artikel zu dem Thema, der auch auf die Ariane 5 Booster eingeht: http://tiny.cc/9jlji


  6. Die ersten drei Stufen werden mit Feststoff betrieben, Stufe vier arbeitet mit flüssigen Treibstoffen

    Und das ist schon mal verdächtig. Der Aufbau entspricht nälich genau dem einer Interkontinentalrakete mit nachgerüsteter Oberstufe für orbitale Starts. Lass von der Vega die Avum-Oberstufe weg, und man hat ein Vehikel für die Art von Anwendungen, bei der die Zielperigäshöhe deutlich unterhalb der Erdoberfläche liegt.

    Eine solche Rakete kann wegen der zwangsläufig teureren Unterstufen nicht kommerziell mit zweistufigen Raketen mit Flüssigtreibstoffen wie der Falcon konkurrieren. Aber das muss sie auch gar nicht, denn sie hat ja noch den anderen Zweck, für die man auf dem freien Markt erwerbbare Startdienste eben nicht nutzen kann.

  7. Michale Aye – Und die Ukraine ist …

    …nicht ESA-Europa, wo normalerweise nur der einen Auftrag bekommt, der vorher auch bei der ESA einbezahlt hat…

    …nicht EU-Europa, das eine gewisse innere Stabilität und Versorgungssicherheit gewährleisten sollte…

    …und nicht das Europa der Nationalstaaten, die erwarten, dass mit ihren Steuergeldern auch die Industrie der jeweiligen Nationalstaaten dieser Gemeinschaft gefördert wird…

    Aus diesem Grund gibt es bei ESA-Projekten grundsätzlich die Verpflichtung des „Buy ESA/EU European“ wenn mit ESA-Geld etwas entwickelt wird. Von dieser Regel darf nur dann abgewichen werden, wenn ein notwendiges Produkt in ESA/EU-Europa nicht zu haben ist.

    Dabei ist es egal, ob es die Ukraine betrifft, oder die USA.

    Bei Kanada übrigens wäre das kein Problem. Kanada gehört zur ESA.

  8. Gleichwertig? Vergleichbar?

    Ad Astra ( 😉 )
    “ Von dieser Regel darf nur dann abgewichen werden, wenn ein notwendiges Produkt in ESA/EU-Europa nicht zu haben ist.“

    Das ist ja interessant. Bedeutet dies nicht, das mit der Fertigstellung der Vega keine Rokots und Dnjeprs mehr benutzt werden dürften, da es ja die VEGA im ESA/EU Europa gibt?

  9. Michael Aye: Buy European? Von wegen!

    Schön wär’s. Aber die Regel gilt nur für Bauteile und Komponenten. Dass dem, wenn es einen ganzen Träger betrifft, nicht so ist, hat die ESA höchstpersönlich ausgerechnet heute, vier Tage vor dem Erstflug des brandneuen europäischen Trägers bewiesen. Die ESA hat nämlich just heute zwei Startverträge unterzeichnet. Für die Erdbeobachtungssatelliten Sentinel 1 und 2. Vom Gewicht her passen die prima in die Leistungsklasse der Vega. Doch wer startet die? Na?? Richtig: die russische Rokot und nicht etwa die für irrsinniges europäisches Geld entwickelte Vega http://bit.ly/y6nq0o

  10. Sind Feststoffraketen teurer?

    Im Prinzip ja, und zwar ganz erheblich, aber wie immer im richtigen Leben müsste man mit der Begründung dafür etwas weiter ausholen, was ich mir hier schenke. Nur soviel:

    Erstens sind alle heute als Satellitenträger eingesetzten Feststoffraketen (Pegasus, Taurus, Minotaur und Vega) Kleinraketen. Und in kleinen Einheiten produzierte Leistungen (hier: Kilogramms an Nutzlast in den Orbit zu bringen) tendieren immer und überall dazu teurer zu sein, als wenn dasselbe im großen Maßstab passiert.

    Und zweitens muss man sich die Frage stellen, was als „Nutzlast“ bezeichnet wird. Alle Feststoffraketen, die heute eingesetzt werden, haben eine flüssigkeitsbetriebene Oberstufe mit relativ geringer Leistung, deren Aufgabe das „Feintuning“ der Bahnen des oder der Satelliten sind. Bei der VEGA beispielsweise ist das die AVUM-Oberstufe. Feststofftreibsätze können keine sehr präzisen Bahneinschüsse vornehmen und Mehrfachzündungen für Bahnanpassungen sind auch nicht möglich.

    Das Gewicht dieser zusätzlichen kleinen Oberstufe wird manchmal mit in die Nutzlastkapazität des Trägers mit eingerechnet, manchmal nicht.

    Aber lassen wir mal alle Details außen vor und peilen das Ganze sehr grob über den Daumen, nur um die Tendenz sichtbar zu machen, in die es läuft: Die Vega kostet 32 Millionen Euro und kann etwa 1.500 Kilogramm Nutzlast in einen niedrigen Erdorbit bringen. Kosten pro Kilo: 21.300 €. Die Orbital Sciences Taurus kostet etwa 20 Millionen Dollar (= 15 Millionen Euro) und kann etwa 600 Kilogramm in einen niedrigen Erdorbit bringen. Kosten pro Kilo: 25.000 €. Eine (überwiegend flüssigkeitsbetriebene) Ariane 5 EPS kann etwa 21.000 Kilogramm in eine niedrige Erdumlaufbahn bringen und kostet etwa 160 Millionen Euro. Kosten pro Kilo: 7.620 €

  11. @Karl Bednarik

    Vega: Vierstufig, Startmasse 137 Tonnen, Nutzmasse ~1500 kg in ein 700 km-sonnensynchrones Orbit.

    SpaceX Falcon 1e: Zweistufig, Startmasse laut Zahlen aus dem User’s Manual, Tabelle 2-1 weniger als 50 Tonnen, Nutzmasse ebenso ~1500 kg in ein 700 km-Orbit.

    Welche Rakete weist die geringere Systemkomplexität auf und damit die gerinheren Entwicklungskosten (von denen ein Teil Start für Start umgelegt werden muss?) Bei welcher ist die Fertigung preiswerter und damit die wiederkehrenden Kosten, die bei jedem Start anfallen?

    Die kleine zweistufige oder die große vierstufige?

  12. Hallo Michael Khan,

    natürlich bin ich ein vollkommener Laie auf dem Gebiet des Raketenfluges, aber gerade deshalb habe ich noch einige ergänzende Fragen:

    Eine Feststoffrakete besteht doch nur aus einer CFK-Hülle, die mit einer chemisch reaktiven Paste gefüllt ist.

    Eine Flüssigkeitsrakete besteht aus hoch komplizierten Metallstrukturen, aus teuren Legierungen, und aus kryogen verflüssigten chemischen Verbindungen.

    Was genau führt also zu dem geringeren Preis der Flüssigkeitsraketen?

    Ein Anhang ohne weitere Bedeutung:

    Die Polaris-Feststoff-Rakete konnte ihren Schub dadurch steuern, dass sie einen Teil ihrer Abgase seitlich nach vorne hinaus liess.

  13. @Karl Bednarik

    Eine Feststoffrakete besteht doch nur aus einer CFK-Hülle, die mit einer chemisch reaktiven Paste gefüllt ist.

    Nein, das stimmt nicht. Was Sie da beschreiben, ist ein Feuerwerkskörper. Würde die Vega oder eine andere Festoffrakete einen so einfachen Aufbau verwenden, dann würde sie wie ein aufgeblasener und losgelassener Luftballon herumsausen.

    Eine Feststoffraketenstufe braucht eine Auslaßdüse, die aus Werkstoff besteht, die mit der heißen, korrosiven Substanz klarkommt, aus der der Abgasstrahl besteht, und die gleichzeitig auch noch in zwei Richtungen schwenkbar sein muss, gesteuert durch einen geschlossenen Regelkreislauf und mit einer eigenen Energieversorgung. Bei den Boostern des Shuttle ist es ein durch eine Hydrazin-Heißgasturbine betriebenes hydraulisches System. Bei der Vega verwendet die Schubvektorsteuerung elektrische Aktuatoren.

    Eine Flüssigkeitsrakete besteht aus hoch komplizierten Metallstrukturen, aus teuren Legierungen, und aus kryogen verflüssigten chemischen Verbindungen.

    Das meiste einer Flüssigtreibstoff-Raketenstufe besteht aus Aluminium. Bei den Rohrleitungen und den Triebwerken, wie auch bei den Turbopumpen braucht man teurere Legierungen. Auch da kommt es darauf an, welcher Treibstoff und welcher Oxidator verwendet wird.

    Kryogene Stufen (also solche, die mit flüssigem Wasserstoff und Sauerstoff betrieben werden), sind allerdings sehr komplex und teuer und bedürfen auch noch einmal gesteigerten Aufwands bei den Bodeneinrichtungen. Deswegen verwendet beispielsweise die SpaceX Falcon auch nicht LH+LOX, sondern Kerosin+LOX. Da entfällt schon einmal der ganze Aufwand, den man mit dem 20 K kalten LH hat.

    Turbopumpen brauchen bei der Falcon auch nur die Triebwerke der ersten Stufe. Die Zweitstufe kommt, wie auch die AVUM-Stufe der Vega, mit druckbeaufschlagten Tanks aus. Bloß, dass die Avum UDMH und NTO verwendet, also hochgiftige Chemnikalien, die wieder (teure) Sicherheitsvorkehrungen bei der Startvorbereitung erfordern.

    Wahrscheinlich ist es auch keineswegs so einfach, wie Sie annehmen, die großen Kerne der Feststoffstufen herzustellen und deren Fertigungsqualität zu verifizieren und zu sichern.

    Bei Rohren und Pumpen für Flüssigkeitstriebwerke ist das einfacher. Die kann man vorher ausprobieren. In der Erststufe kann man sie sogar schon am Boden auf Vollasst hochfahren, bevor die Freigabe zum Liftoff erfolgt. Das geht bei Feststoffraketen aber logischerweise nicht. Wenn die zünden, dann geht’s ab. Da muss man schon verdammt sicher sin, dass alles in Ordung ist, und das bedeutet nun einmal Aufwand, und der kostet Geld.

    Was in der Raumfahrt Geld kostet, sind nicht Materialen und Hardware, sondern Leute. Ein preiswertes Startsystem ist eins, das in der gesamten Herstellungskette mit wenig Personal auskommt.

    Es ist eben nicht so, dass Fetstoffraketen ganz simple Geräte wären und flüssigkeitsbetriebene Raketen um Größenordnungen komlexer, so wie Sie das darstellen. Wenn man berücksichtigt, dass die Vega vierstufig ausfällt, der apparative Aufwand also vervielfacht wird, dann erklärt sich der höhere Preis ganz schnell.

  14. Ohne Mucken

    wir sind zum jetzigen Zeitpunkt (12:05 Uhr) noch nicht komplett durch das Programm (ein Oberstufen-Brennmanöver fehlt noch), aber ich denke, man kann den Flug jetzt schon als erfolgreich bezeichnen.

  15. Europäische Unabhängigkeit im Weltraum

    „Doch lassen wir nun unsere Skepsis zurück und drücken der kleinen italienischen Schwester der Ariane 5 die Daumen. Sie ist, bei aller Kritik, ein weiteres Stück europäischer Unabhängigkeit im Weltraum.“

    Sehe ich auch so, und es war ein toller Erstflug. Ob die erwähnten Mittelständler es wirklich besser können, soll sich erst mal zeigen. Die Falcon 1 hat bei fünf Starts satte drei Versager hingelegt, die Taurus bei neun Flügen ebenfalls drei (darunter die letzten beiden), und die Falcon 1e gibt es noch gar nicht. Und in Russland klappt gar nichts mehr so richtig; die umgebastelten ICBM’s sind auch immer mal für einen Versager gut.

    In jedem Fall denke ich, dass Europa eigene Kapazitäten unbedingt braucht, auch wenn es sich rein kommerziell gesehen nicht „rechnet“. Dazu gehört auch ein bemannter Zugang zum Orbit. Wenn 700 Millionen Euro für die Entwicklung der Vega da waren, muss es doch möglich sein, 5 Milliarden locker zu machen, um Ariane 5 und ATV zu einem bemannten System weiter zu entwickeln. Soviel hat 2009 allein die Abwrackprämie verschlungen…

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