50 Jahre danach: Gagarin startet wieder

Nur eine Woche weniger als ein halbes Jahrhundert nach seinem historischem Flug startete Juri Gagarin am frühen Mittwochmorgen (5. April 2011, 0:18 Uhr mitteleuropäischer Zeit) erneut von der selben Startrampe wie damals bei seiner historischen Mission am 12. April 1961. Diesmal war Russlands Nationalheld allerdings nicht in persönlich dabei, sondern in der Form eines mehrere Meter hohen Piktogramms, das auf der Nutzlastverkleidung der Sojus FG-Trägerrakete des Raumschiffs Sojus TMA-21 aufgemalt war.

Gagarin-Piktogramm auf der Nutzlastverkleidung der Sojus FG-Trägerrakete mit Sojus TMA-21

Gesamtansicht des Piktogramms. Die Trägerrakete ist hier bei der Endmontage in Baikonur.

Im Inneren des Raumschiffs befand sich die ersten drei Mitglieder der 28. Besatzung der Internationalen Raumstation, und auch deren Insignien tragen Hinweise auf Juri Gagarin. Und nicht nur auf ihn. Das Missions-Logo der Expedition 28 enthält neben Gagarins Namen auch den von Alan Shepard. Der flog im Jahre 1961 nur drei Wochen nach Gagarin in den Weltraum, damals allerdings nur für einen 15minütigen suborbitalen „Hüpfer“, der weit hinter der sowjetischen Leistung zurückblieb.


Missionslogo der ISS-Expedition 28. Es enthält auch bereits die Namen von Fossum, Wolkow und Furukawa, die erst im Mai zur ISS aufbrechen.

Alan Shepard hatte seinen ganz persönlichen Triumpf erst 10 Jahre später, als er als fünfter Mensch den Mond betrat, ein Erlebnis, das keinem sowjetischen Kosmonauten beschieden war.

Doch nicht nur das Missionslogo der ISS-Expedition 28, auch das Startlogo des Sojus-Raumfahrzeugs selbst nimmt Bezug auf Gagarin, so wie ihm überhaupt die gesamte Mission gewidmet ist.


Sojus TMA-21 Startogo

Für die traditionsbewussten Russen wird damit der Flug von Sojus TMA-21 zum bedeutenden Medienereignis, anders als die meisten Raumflüge der vergangenen Jahre. Dementsprechend groß war dieses Mal auch der Erfolgsdruck auf Besatzung und Offizielle.

Und es gibt noch mehr Bezüge zum Start vor 50 Jahren. Die Trägerrakete beispielsweise kann ihre Verwandtschaft zu Juri Gagarins Trägerfahrzeug nicht verleugnen, denn die Sojus FG ist selbst für einen ungeübten Betrachter ohne weiteres als Mitglied der R-7 Semjorka-Baureihe erkennbar. Sie stammt somit noch aus der selben Raketenfamilie, mit der vor einem halben Jahrhundert auch Gagarin in den Orbit startete.

Start von Sojus TMA-21 auf einer Sojus FG Trägerrakete

So wenig hat sich seit Gagarins Tagen in der Raumfahrt getan, und doch so viel.

Was sich „wenig“ getan hat, ist an der Art des Transports abzulesen. Eine Rakete, die immer noch auf der R-7 basiert. Eine winzige, enge Raumkapsel, die seit den sechziger Jahren Standard in Russland ist, und eben auch der Start von der selben Anlage, von der einst schon Gagarin die Erde verließ.

Viel hat sich getan an der Zusammensetzung und dem Erfahrungshorizont der Crew an Bord des russischen Raumfahrzeugs. Der einzige Astronaut (oder sollte man eher sagen Kosmonaut) an Bord der Sojus TMA-21 mit Weltraumerfahrung ist ausgerechnet der US-Bürger Ronald Garan. Seine beiden Begleiter, die russischen Kosmonauten Andrey Borisenko, der als Kommandant fungiert, sowie Flugingenieur Alexander Samokutyaev sind Weltraumneulinge.

Sojus TMA-21 Crew. Von links: Ron Garan, Andrei Borisenko, Alexander Samokutyaev

Auch die Altersstruktur ist heute eine völlig andere als zu Gagarins Zeiten, der seine Wostok 1 vier Wochen nach seinem 27. Geburtstag bestieg (der zweite Mann im Orbit, German Titow, war bei seinem Flug sogar noch nicht einmal 26 Jahre alt). Alle drei Besatzungsmitglieder der Sojus TMA-21 sind in einem Alter, das man in der Sowjetunion Anfang der sechziger Jahre für einen Kosmonauten als ausgeschlossen hielt. Wie sollten Menschen, die im fünften Lebensjahrzehnt stehen, die Strapazen eines Raumfluges überstehen können? In der Zwischenzeit sind bereits sechzigjährige mit der Sojus geflogen, und im Shuttle – im Oktober und November 1998 – sogar schon ein Mensch im Alter von 77 Jahren. Übrigens niemand anders als John Glenn, der 1962 als erster Amerikaner in den Erdorbit flog, seinerzeit auch schon gute 40 Jahre alt.

Raumflüge sind nach wie vor gefährlich, wenn auch nicht mehr ganz so riskant wie zu Gagarins Zeiten. Kein Astronaut oder Kosmonaut steigt heute mit einer nur 50 %igen Überlebenschance in sein Raumschiff, so wie es einst Gagarin tat. Nach wie vor aber sind aber die Chancen, bei einem Raumflug zu sterben, deutlich höher als bei einer Durchsteigung der Eiger Nordwand. Nach wie vor gehört Mut und Fitness dazu, ein solches Unterfangen zu wagen. Von den gut 500 Menschen, die bislang in den Weltraum flogen mussten das 18 mit dem Leben bezahlen. Eine ähnlich große Anzahl kam beim Training auf dem Boden ums Leben.

Die Crew der Sojus TMA-21, des Fluges, der Juri Gagarin gewidmet ist, sieht so aus:

Kommandant der Mission ist der 41jährige Alexander Samokutyaev, ein Oberstleutnant der Russischen Luftwaffe. Er hat 680 Flugstunden und eine große Anzahl von Fallschirmsprüngen auf seinem Konto. Für ihn ist es der erste Raumflug.

Flugingenieur der Sojus ist der 46jährige Andrei Borisenko, ein ehemaliger Missionskontroller des russischen Flugkontrollzentrums. Er hat dort Flüge zur Mir und zur ISS überwacht. So oft er die Flüge auch schon vom Boden aus erlebt hat, dies hier ist sein erster wirklicher Raumflug.

Ronald Garan ist 49 und hat schon einen Raumflug absolviert. Er hat eine lange Militärkarriere hinter sich, bei der er es auf über 5.000 Flugstunden brachte. Er flog 2008 bei der Shuttle-Mission STS 124 auf der Raumfähre Discovery. Es war dies die Mission, bei der das japanische Labormodul Kibo in Betrieb genommen wurde. Im Rahmen dieser Mission führte er auch drei Außenbordmanöver durch.

Am 7. April gesellte sich dieses Trio zur Crew der Expedition 27, die schon seit als 100 Tagen an Bord der ISS befindet. Dann befindet sich wieder eine sechsköpfige Besatzung in der Station. Kommandant ist dort gegenwärtig der russische Kosmonaut Dmitry Kondratyev. Mit von der Partie sind die US-Astronautin Cady Coleman und Paolo Nespoli von der Europäischen Weltraumagentur. Das Anlegemanöver von Sojus TMA-21 erfolgte um 1:08 Uhr mitteleuropäischer Zeit.

Am 16. Mai sollen Coleman, Kondratjew und Nespoli wieder zur Erde zurückkehren. Am 30. Mai 2011 werden Furukawa, Fossum und Wolkow mit Sojus TMA-02 zur Station fliegen und diese am 1. Juni 2011 erreichen.  Dann wird sich die ISS Expeditionscrew 28 wie folgt zusammensetzen:

Von Links nach rechts: Satoshi Furukawa (NASDA), Mike Fossum und Ron Garan (beide NASA), Alexander Samokutjajew, Sergej Wolkow und Andrei Borissenkow (Roskosmos).Furukawa, Wolkow und Garan treffen laut Plan erst am 1. Juni 2011 an der ISS ein.

Ich bin Raumfahrt-Fan seit frühester Kindheit. Mein Schlüsselerlebnis 1963. Ich lag mit Masern im Bett. Und im Fernsehen kam eine Sendung über Scott Carpenters Mercury-Raumflug. Dazu der Kommentar von Wolf Mittler, dem Stammvater der TV-Raumfahrt-Berichterstattung. Heute bin ich im "Brotberuf" bei Airbus Safran Launchers in München im Bereich Träger- und Satellitenantriebe an einer Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Technik tätig. Daneben schreibe ich für Print- und Onlinemedien, u.a. für Astronomie Heute, Raumfahrt Concret und vor allem für mein eigenes Portal, "Der Orion", das ich zusammen mit meinen Freundinnen Maria Pflug-Hofmayr und Monika Fischer betreibe. Ich trete in Rundfunk und Fernsehen auf, bin Verfasser und Mitherausgeber des seit 13 Jahren erscheinenden Raumfahrt-Jahrbuches des Vereins zur Förderung der Raumfahrt (VFR). Aktuell erschien in diesen Tagen beim Motorbuch-Verlag "N1 - Moskaus Mondrakete". Bei diesem Verlag sind in der Zwischenzeit insgesamt 16 Bücher von mir erschienen, zwei davon werden inzwischen auch in den USA verlegt. Daneben halte ich etwa 20 mal im Jahr Vorträge bei den verschiedensten Institutionen im In- und Ausland. Mein Leitmotiv stammt von Antoine de Saint Exupery: Wenn du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Menschen zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge zu verteilen und Arbeit zu vergeben, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem weiten unendlichen Meer. In diesem Sinne: Ad Astra

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