Body Grauser

Auslese 2011Eigentlich sollte ich der Firma Google ja dankbar sein. Sie liefert mir mit ihrem „Body Browser“ den Anlass, endlich mal wieder einen Blogbeitrag zu einem Thema zu schreiben, von dem ich wirklich etwas verstehe – und das ist die Anatomie des Menschen. Die hat – zum Stöbern („to browse“) – Google jetzt in’s Netz gestemmt. Doch packte mich beim Browsen das Grausen.

Vor das Grausen haben die Entwickler von Google allerdings einen Sichtschutz gestellt, den nur der überwinden kann, der sich überwindet, „Chrome“ oder eine beta-Version des Firefox 4.0 zu installieren. Normalerweise lasse ich von derlei Operationen lieber die Finger – aber die Neugier war stärker. Und siehe – mit Google’s eigenem Browser „Chrome“ lief es bei mir nicht, aber mit dem „Firefox 4.0b8“ (was immer das auch sei) lief es schon.

Zum Auftakt gibts eine seelenlose 3D-Puppe, weiblich, züchtig blau beunterwäscht. Der Versuch, ihr mit den Schiebereglern zur Linken den BH und das Höschen auszuziehen, scheitert – da kommt immer gleich die ganze Haut mit, man kommt sofort zu den Muskeln. Amis halt, bei denen sind selbst die Avatare noch prüde. Ich für meinen Teil stellte, da mich die Schieberegler jeder erotischen oder ästhetischen Empfindung beraubten, ganz emotionslos fest, dass der Nabel verrutscht ist. Der gehört ein Stück weiter nach oben – auf das Niveau der Intersectio tendinea tertia musculi recti abdominis, um es genau zu sagen.

Dann versuchte ich der Dame auf den Hintern zu gucken, das mach‘ ich nämlich gerne. Gedreht und gezoomt war sie schnell, denn die Navigation ist nicht übel. Am Hintern aber – der sich wieder gleich bis auf die Muskeln entblätterte, kein bischen von dem schönen Fett, das ihn rundet, kam zum Vorschein – am Hintern störte mich, dass der Musculus iliocostalis lumborum sich dick und fleischig auf der Rückseite des Kreuzbeines zwischen die Pobacken schiebt. Das tut der nämlich nicht. Der ist da recht dünn und sehnig. Wäre er da nämlich dick und fleischig, dann hätten wir keine Rinne (Crena ani) zwischen den Arschbacken, sondern einen Wulst. Drei Arschbacken wären zwar besser als zweie (wie sagen doch die Amis: „There ain’t nuttin‘ like to much of a good thing!“), aber wir haben halt nur zwei.

(Es folgt weiteres Geschimpfe auf Fachchinesisch – für den Profi, der Spass daran hat, ist alles im Body Browser leicht nachzuvollziehen. Ich hab‘ nicht alles illustriert, nur ein paar „highlights“. Stand des Browsers: 10.1.2011 – nur für den Fall, dass da mal aktualisiert wird.)

Und dann werd‘ ich wirklich „picky“ und gucke mir diesen Avatar genau an. Der arme Krüppel – nein: die arme Krüppelin! Das ist ja schrecklich, diese Missbildungen! Die Schilddrüse liegt vor den infrahyalen Muskeln. Sie gehört dahinter. Dem Musculus trapezius fehlt die Pars clavicularis. Kann sie keinen Bierkasten heben. Gut. Ist ja eine Frau, und kein Bierkutscher. Frau muss aber vielleicht doch auch mal die Schulter heben, und wenn es nur wäre, um schulterzuckend zu sagen: „Naja – is‘ halt von Google…“.

(Das rosafarbene ist die Schilddrüse. Die gehört unter die Muskeln. Der seitliche Teil der Schlüsselbeine – seitlich der Träger des BHs – sollte nicht „nackt“ sein. Da fehlt die Pars clavicularis des Musculus trapezius, der dort ansetzt.)

Auch kann man der armen, missgestalteten Dame nicht wirklich raten, zum Arzt zu gehen. Das gibt Ärger, denn die Ärzte – selbst wenn sie die Anatomie kennen, was entgegen manch anderslautender Gerüchte vorkommen soll – denn die Ärzte, selbst wenn sie die Anatomie kennen, kennen die Regelfälle und die wichtigsten Varianten. Völlig virtuelle Anatomien, bei denen etwa die Faszikel des Plexus brachialis (die Stämme der Armnerven) sich um die Vena subclavia (die Unterschlüsselbeinvene) winden, und nicht um die Arteria subclavia, wie es sich gehört, wurden sie nicht gelehrt. Von daher wirds beim Versuch, einen zentralen Venenkatheter in die Vena subclavia zu bugsieren, unter Umständen unschöne neurologische Überraschungen geben.

(Tiefe „Präparation“ der Achselgegend. Die gelben Strippen sind Armnerven, die sog. Fasciculi des Plexus brachialis. Die sollten sich aber um die Arterie [rot] winden, und nicht um die Vene [blau])

Beim Versuch, statt dessen die Vena femoralis (eine Beinvene) zu punktieren, wäre zu beachten, dass sich der benachbarte Nervus femoralis ebenfalls nicht dort befindet, wo er hingehört. Denn er liegt nicht weit weg seitlich neben, sondern unmittelbar hinter der Vene. Auch das kann argen Ärger geben. Muss ich noch erwähnen, dass der Nervus ulnaris am Handgelenk bizarrerweise unter (und nicht über) dem Retinaculum flexorum verläuft, was aber daran liegt, dass die Gestalter dieses virtuellen Wesens das Ligamentum carpi volare mit dem Retinaculum flexorum verwechselt haben?

(Ende fachchinesisches Geschimpfe)

Das ist, gelinde gesagt, alles sehr ärgerlich. Weil

1. die geleckte Oberfläche, die technisch wirklich recht gut gemachte, schnelle Navigation, die ausgefeilten Suchfunktionen, der ansehnliche Reichtum an Details und nicht zuletzt der „gute Name Google“ für ein „Qualitätsprodukt“ stehen – was es nicht ist. Es strotzt von Fehlern, und ich hab‘ noch viel mehr davon gefunden als die, die ich aufgelistet habe.

2. der Mist im Detail das viele Richtige, das auch darin ist, entwertet. Nur – woher soll’s der Laie wissen?

3. ja offenbar Anatomen an diesem Avatar gearbeitet haben. Er ist sicher nicht ohne Expertise erstellt worden – aber, um Gottes Willen, bei all den Milliarden Dollars, die Google investieren kann – hätten die sich nicht ein professionelleres Konsortium für die Endkontrolle besorgen können? Eines, das was von topographischer Anatomie versteht?

Wer sein Haus bei Google Street-View nicht im Netz sehen mag, hat ein Recht, einen Antrag auf Verpixelung zu stellen. Könnt‘ man da nicht auch die Verpixelung der neuralgischen Punkte dieses virtuellen Wesens fordern? Oder könnt‘ nicht Google mit einem Millionenscheck zu mir kommen, und sagen: „Machen Sie mal!“

Veröffentlicht von

Gedankenfragmente von Helmut Wicht, Dozent an der Frankfurter Universität, über Neurobiologie, Anatomie, Philosophie, Gott und die Welt. Seine eigentliche Expertise bezieht sich auf die (Human-)anatomie und die vergleichende Anatomie des Nervensystems.

12 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. @Helmut: Das Auge lernt mit.ä

    >Oder könnt‘ nicht Google mit einem
    >Millionenscheck zu mir kommen, und sagen:
    >“Machen Sie mal!“

    Meine Stimme dafür haste, alter Recke!!

    …. und nicht die Po-Rundungen vergessen … *lach*

  2. @ Diederichs

    ..ich war kurz davor, den „send feedback“ Knopf im Body-Browser zu drücken und mich bei Google bitterlich zu beschweren.

    Auf ähnliche Art und Weise bin ich bei einem anderen Anbieter von Internet-/ und „App“-Anatomien schon mal zu einem (nur mässig gut bezahlten) Job gekommen.

    Es war aber eine furchtbare Maloche, denn die HAUPTarbeit war es, den 3D-Designern vertändlich zu machen, was man eigentlich haben will. Die Designer sassen jwd über die Welt verstreut in irgendwelchen Programmierstuben, und ich versuchte in zahllosen mails und Texten und Skizzen und Korrekturen auf 2D-Ausdrucken zu erklären, was ich gerne anders gehabt hätte. Dann korrigierten sie – aber bauten dabei oft neue Fehler hinein. An die 3D-Welten (-files) kam ich direkt gar nicht heran. Eigentlich, so dachte ich oft während dieses Jobs, wäre es einfacher, wenn ich selbst lernte, mit den 3D-Programmen umzugehen.

    Bis ich dann mal vor so einem Ding sass.

    Au weia..

  3. Dann besser Grey’s Anatomie

    Helmut vergiss, die einmalige Millionenzahlung! Wenn Du denn Body Grauser korrigiert hast, lässt Du Dich von Google auf unbestimmte Zeit einfach per Click bezahlen. Für jeden Click auf den Body Grauser geht ein Euro auf dein Bankkonto. Dann musst Du Dir noch ein Steuerparadies suchen!

  4. @ Wicht

    aber mit dem „Firefox 4.0b8“ (was immer das auch sei) lief es schon

    Der aktuelle Firefox ist 3.6.irgendwas. 4.0b8 ist eine beta-Version, die noch nicht freigegeben ist. Wahrscheinlich hat google die Anwedung in HTML5 programmiert und das können die aktuellen Browser noch nicht so gut, deshalb wohl mit dem neuen Firefox 4.

    ..ich war kurz davor, den „send feedback“ Knopf im Body-Browser zu drücken und mich bei Google bitterlich zu beschweren.

    Ich habe das nun für Dich gemacht. Das fachchinesisch von Deinem Beitrag kopiert und dann ab dafür. Du bekommst bestimmt bald Post.

    Ne, war natürlich nur ein Scherz. 😉 Aber ich finde schon, Du solltest denen eine kundiges Feedback geben. Die stecken da einiges an Geld rein und dann scheitert es daran? Oder überleg nur die Heerscharen von Studenten, die Du demnächst in der Prüfung alle durchfallen lassen mußt, weil sie das so von google gelernt haben …

  5. ein ganz deutliches abkupfern

    ja schoen schnell das haessliche ding- haben sie wohl von der firma argosy und dem http://www.visiblebody.com/ abgeschaut

    nur das deren animationen wirklich schoener sind

    anmelden mit karin mustermann und sonundso passwort und dann kann man sich das ding mal auf einem leistungsstarken rechner mit altem browser ansehen

    oh technik, Te semper, ut omnibus patet, immoderato amore complexa sum

  6. @ sascha vom tisch

    „haben sie wohl von der firma argosy und dem http://www.visiblebody.com/ abgeschaut“

    Danke für’s Link. Kannte ich nicht. Aber das 3D-Modell bei „Visible Body“ ist definitiv ein anderes. Ob besser – kann ich nicht sagen. Aber das Verhältnis dieser Modelle zur anatomischen Realität (der des Präpkurses), die Sie ja nun kennen, ist unisono nur eines: lausig.

    Die klebrige, bindegewebige, zähe, stinkige, fettige, matschige, knochenharte, diffuse Konsistenz des Leibes: alle diese digitalen Dinger leugnen sie, tun so, als ob alles klar un abgrenzbar wäre.

    Alles Mist. Das sind Abbildungen von Konzepten, nicht von Körpern.

    An die Messer, an die Leichen!

  7. zu tisch, wie ich gerne laechelnd denke

    was entwickelt der mensch doch fuer sonderbare freuden, ich schaetze und teile ihre, danke, dass sie mir kenntnis unterstellen.

    dennoch- nehmen wir nicht gerade zum herausfinden der komplexen verkabelung des arbor vitae (m)eines motorrades einen synoptischen plan zur hand, explosions zeichnug etc, etc.

    es ist kein ersatz fuer die momente an den fetten koerpern- sowohl motorisch als auch humanen aber vorausgesetzt anstaendig gemacht, eine sinnvolle ergaenzung.

    die wenigsten des fb16 teilen die freude am/an schrauben. Operibus credite et non verbis

  8. @ A.S.

    „Bei derartig vielen Fehlern hilft nur noch eins: Sofort komplett verpixeln!“

    Nicht besser vorher wistelblouen und die Wahrheit lieken? Und drauf warten, dass mir Google gratis hundert hübsche Huren schickt, in der Hoffnung, das ich mindestens eine davon vergewaltige, damit man mich mundtot machen kann?

  9. Volle Zustimmung!

    Es ist schade, dass derzeitig fuer solch eine Anwendung ausschliesslich auf kostenpflichtige Dienste zurueckgegriffen werden kann, wenn man anatomisch korrekte Darstellungen erwarten will. Insofern ist Google Body Browser derzeit leider nicht mehr als ein Spielzeug.

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