Volkswagening / volkswagieren und Supramanie

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Wahrheiten als Querdenkerisches verkleidet, von Gunter Dueck
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Alle schimpfen jetzt über VW, wir sind entsetzt. Das ist nicht genug, finde ich. Ich bin ziemlich betroffen. Gerade eben berichtet die Presse: VW-Ingenieure haben in Einzelheiten gestanden, die vor ein paar Tagen bekannt gewordene Betrugssoftware eingebaut zu haben. Die Ingenieure sahen wegen technischer Probleme bei der Entwicklung der „Clean-Diesel-Motoren“ keine andere Option, gleichzeitig die Kostenvorgaben der Konzernspitze und die Abgasvorschriften einzuhalten. Da betrogen sie. Die Software täuscht niedrigere Abgaswerte bei Tests vor. Das alles geschah 2008 und die entsprechenden Betrugsmotoren wurden von 2009 bis 2015 (also heute) verbaut.
Da stellen sich Fragen:

•    Wir klagen schon lange das Management pauschal an, gierig zu sein. Geben jetzt dafür die Ingenieure, Informatiker und Mathematiker ihre Ethik und Ehre auf? War die Ehre dieser Berufsgruppen nicht eigentlich eine sichere Bank? Ist diese Ehre zu einer Finanzkrisenbank verkommen?
•    Haben die Ingenieure dafür wenigstens einen größeren Bonus, ein paar Phaetons oder eine VW-Orgie bekommen? Das wäre beruhigend, dann wäre doch wieder nur Gier im Spiel. Oder war es ganz kostenlose Nibelungen-Piech-Treue auf einen Vorgesetztenbefehl hin? Wie hält man das eigene Unrecht dann so lange aus?
•    Und mein Aufschrei: Warum hat man nicht beharrlich weitergeforscht/entwickelt und dann vielleicht schon 2010 alles wieder legal im Griff gehabt? Warum ließ man alles im tiefen Betrugsbereich verharren? Fixt das denn keiner? Wer hat die Idee, es so lange zu lassen? Wo bleibt die Verantwortung für die Umwelt?

Ich trauere. „Kollegen“ betrügen, um einfach nur die Kostenvorgaben einzuhalten.
Gestern kam eine Schlagzeile im Internet, sie klang etwa so: „Is Samsung Volkswagening, too?“ Es geht um Fernseher, die wohl immer in offiziellen Tests denselben Normfilm abspielen müssen, wobei man den Energiebedarf misst. Nun kann man ja einen Chip einbauen, der merkt, wann man genau diesen Film anschauen will, und der dann den Bildschirm herunterdimmt.
Volkswagening: Ist das schon überall?

Man könnte die medizinischen Studien in Indien volkswagieren, indem man gesunde Versuchspersonen erst einmal über ein paar Wochen echt sehr krank macht und ihnen erst dann wieder gutes Essen mit den „neuen Medikamenten“ gibt. Dann erholen sie sich, was ganz sicher für das Medikament spricht. Ich könnte zum Beispiel Diabetes-Messwerkzeuge so volkswagieren, dass sie auf Wunsch die echten Messwerte zeigen, aber bei Einstellungstests oder Krankenversicherungsanträgen von Bewerbern erstklassig gesunde Werte vorgeben.
Smartphones haben heute in der Regel Quad-core- oder Octa-core-Prozessoren, also eben vier oder zweimal vier (= acht) Prozessoren. Fast alles auf dem Smartphone läuft mit den ersten vier Prozessoren, die anderen braucht man vielleicht beim gleichzeitigen Filmen und Videoschauen oder so (wenn das geht). Man könnte doch eigentlich gleich nur vier Prozessoren einbauen und die anderen vier irgendwie per Software vortäuschen? Ich muss noch einmal nachdenken, wie man hier volkswagiert. Für Digital Immigrants oder Erst-Smartphonekäufer reichen vier Prozessoren allemal, die merken es doch nicht, es ist ja das gleiche Prinzip wie bei Billigbrustimplantaten. Man könnte Fernsehsendungen volkswagieren, indem man sie billig dreht und niveaulos lässt. Keiner merkt es. Man könnte wissenschaftliche Arbeiten einfach vollkommen unverständlich schreiben, sodass nie herauskommt, was sie an Wichtigem enthalten (auf diesen Trick sind die Politiker noch nicht gekommen).

Ach, jetzt satirisiere ich schon wieder. Ich erinnere an mein frühes Buch Supramanie. Es hat den Untertitel: „Vom Pflichtmenschen zum Score-Man“, über den damals viele den Kopf schüttelten. Das Buch warnt vor der Entwicklung, dass wir bald nicht mehr vorrangig unsere Arbeit erledigen, sondern gewünschte Zahlen präsentieren werden. Es geht um die einem Jeden befohlene Sucht, seine Zahlen zu machen. Unter dieser Sucht leiden wir heute. Ich fühle mich seit 2001 wie der weinende Prophet an den Ufern Babylons. Damals wurde ich öfter harsch bei IBM gefragt, ob ich mit dem Buch etwas Bestimmtes anklagen wollte. Man hatte Angst, dass ich etwas über die Firma ausdrücken wollte. Wollte ich nicht. Ich wollte vor dem Volkswagieren und dem Faken warnen. Ich bekam in dieser Zeit auch zum Teil sehr böse Leserbriefe auf Kolumnen, die vor dem Faken in wissenschaftlichen Arbeiten warnte. Nestbeschmutzer? „Wollen Sie sagen, dass wir betrügen?“ – „Nein, aber bald, weil Sie zum Score-Man mutiert wer-den.“

Score-Man zu sein kann krankhafte Erscheinungen annehmen. Es muss eine Art Manie sein (eine solche manifestiert sich ja durch eine Überanstrengung von bestimmten Gehirnbereichen). Supramanie wäre dann die krankhafte Raserei infolge der uns befohlenen Sucht, immer der Beste sein zu wollen („supra“). Darüber würde ich mir ein Buch von Manfred Spitzer wünschen: „Arithmomanie, Supramanie und teleomanische Gehirndeformationen der Score-Men.“ Es handelt dann – wie gesagt – von bedenklichen Überanstrengungen mancher Hirnregionen, wo doch bislang die Forscher uns immer nur bei Unteranstrengungen Sorgen machen wollen.

Veröffentlicht von

www.omnisophie.com

Bei IBM nannten sie mich "Wild Duck", also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie "Teil des technologischen Gewissens". Ich habe mich viel um "artgerechte Arbeitsumgebungen" (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um "artgerechte Haltung von Menschen"! Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen. Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater - und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe. Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren. Gunter Dueck

18 Kommentare

  1. ‘Volkswagiert’ wird womöglich schon immer oder zumindest: seit möglich und auch von anderen Herstellern, insofern hat niemand bspw. den Angaben zum Verbrauch geglaubt und insofern könnte VW sozusagen gerettet werden, wenn herauskommt, dass alle betrogen haben und seit Längerem Software am Start haben, die Verhältnisse erkennt, die der Messung dienen (müssten).
    Insofern rät der Schreiber dieser Zeilen erst einmal abzuwarten bis sozusagen alles rauskommt, wenn möglich natürlich nur.
    MFG
    Dr. W (der ansonsten gegen Scores, Scoring, Kennzahlen und so nicht viel hat [1])

    [1]
    “What you cannot measure, you cannot manage!”
    >:->

  2. Auch die Tester müssen zu supramanischen Score-Men werden, zu Paranoikern, die überall Betrug wittern, dann sind wir auf der nächsten Stufe, wo alle hochrüsten und niemand mehr blind vertraut. Scheint nötig zu sein.

  3. Für mich ist so etwas nicht überraschend, denn das passiert häufig, wenn Fachleute durch Nichtfachleute bevormundet werden. Technisch ist es mit der aktuellen Technologie fast unmöglich, sowohl die Kosten- wie auch die Abgasseite gleichzeitig zu minimieren. Es ist eigentlich die Verantwortung der Politiker und Betriebswirtschaftler, die technische Vorgaben verbindlich machen, obwohl ihnen sowohl der technische wie auch der gesunde Menschenverstand fehlt.
    Das sind genau die gleichen “Hunde”, die in Rudeln laut bellend immer mehr Leistung fordern, aber die notwendigen Mittel kürzen, so daß den Technikern eigentlich keine vernünftige technische Lösung mehr möglich ist. Und dann wird eben die Wahrheit “verbogen”.

    • Das sehe ich ähnlich. Vermutlich werden Zielvereinbarungen getroffen worden sein, die so einfach nicht zu bewerkstelligen gewesen sind. Je nachdem wie gravierend die ausgehandelten Kosnequenzen bei Nicht-Einhalten sind, kann ich mir vorstellen, dass man anfängt kreativ zu werden. Die Software zu programmieren und ihren Erfolg zu testen ist die eine Sache, wer entschieden hat, dass sie eingesetzt wird, steht auf einem anderen Blatt und ist sicherlich nicht von den jeweiligen Ingenieuren entschieden worden.

    • Sehe ich auch so. Wer schafft die künstlichen abgasgrenzen? Die Politik. Zu welchen Zwecken darf sich jeder selbst denken – jedoch kann man sich sicher sein, dass es der Politik am Allerwertesten vorbeigeht wie “umweltfreundlich” ein Auto ist. Genauso wie es 95% der Autokäufer nicht interessiert wie viel Abgas hinten raus kommt, oder hat sich einer von euch beim Autokauf schon mal aus umweltgründen nach genauen Abgaswerten erkundigt und das günstige schöne Auto wegen umweltschädlichkeit nicht erworben? Der ganze “Skandal” ist so hausgemacht wie Erbsensuppe meiner Oma.

      • Ja, hab ich. Aus ihrer Sicht bin ich jetzt dpoof. Danke!!!!

        Übrigens: Ihre geistigen Flatulenzen sind ekelhaft.

        • Wieso sind sie aus meiner Sicht doof? Das habe ich weder so gesagt noch gemeint noch insgeheim gedacht. ich versuche ja nur ein bisschen aufzurütteln. Und wenn ich es durch geistige Püpse schaffe, haben die ihren Zweck mehr als erfüllt – Was raus muss muss raus. Sonst kriegt man Bauchschmerzen

  4. Also Herr Dueck – von der Gehirnforschung können Sie wirklich nichts erwarten: Dort wurde schon betrogen als VW noch ehrenhaft war:
    1975 wurden von Dr. Moody im Buch ´Life after Life´ die sogenannten ´Nahtod-Erfahrungen´(NTEs) als ´Sterbeerfahrung´ vorgestellt. Solche gleichartigen Erlebnisse werden von Menschen berichtet, die a) zum Erlebniszeitpunkt nachweislich bei bester Gesundheit (und damit geistig klar und bei Bewusstsein) waren – aber auch b) von Menschen die zum Erlebniszeitpunkt gesundheitlich beeinträchtigt waren (bis klinisch tot).
    Die Erlebnisse der Gruppe a) werden einfach ignoriert – und nur Erlebnisse der Gruppe b) werden wissenschaftlich betrachtet um einseitig das Phänomen des Sterbens bzw. von Todesangst zu untersuchen.
    Seit 1975 arbeit die Wissenschaft so – d.h. wir haben 2015 das 40 jährige Jubiläum.

    Weil die Erlebnisse von a) und b) gleichartig sind – sollte eigentlich die allererste Annahme sein: dass alle Erlebnisse von Menschen erlebt werden, die zu Erlebniszeitpunkt gleichermaßen geistig klar bei Bewusstsein sind: Aber diese logische Anahme finden Sie in der NTE-Forschung nirgens – nirgens, seit 40 Jahren!
    (Ach ja – wer ein ´Sterbeerlebnis´ hat, muss danach eine Leiche sein; denn sonst war es kein Sterbeerlebnis.)

    Ich habe schon intensiv auf dieses wissenschaftliche Fehlverhalten hingewiesen – seit 2008 auch bei SciLogs – ohne dass eine Reaktion erfolgte, die man von einem seriösen Wissenschaftler erwarten sollte!
    Auch ich habe meine Vorwürfe schon in einem Buch veröffentlicht: Kinseher Richard, ´PFUSCH, BETRUG, Nahtod-Erfahrung – oder: Regelwerk für Ablaufstrukturen des Denkens´

    Ach ja – noch eine Gemeinheit zum Schluss: Meine Beiträge bei SciLogs betrachte ich auch als eine Dokumentation wissenschaftlicher Qualität! Von einem guten Wissenschaftler hätte ich eine Reaktion erwartet, wo solch schwerwiegenden Vorwürfen nachgegangen wird. (Weil NTEs der Gruppen a) und b) gleichartig sind – bedeutet das gezielte ignorieren/weglassen von a) eine Datenmanipulation – das ist Betrug. )

    Vorschau: im nächsten Jahr werden es 41 Jahre, wo beim Thema NTE nachweisbar betrogen wird – und diese Zahl steigt mit jedem Jahr weiter an: Besser kann man die ´Qualität´ von Wissenschaft nicht demonstrieren.
    (Per Google-suche [the AWARE Project Parnia] [Immortality Project Prof Fischer] findet man die letzten großen Forschungsprojekte zum Thema NTE: in beiden Projekten ging es nur einseitig um Sterben/Tod. Dass man zum Erlebniszeitpunkt von NTEs geistig klar bei Bewusstsein sein könnte – spielte überhaupt keine Rolle)

    • Nachtrag:
      Der VW-Skandal und die NTE-Forschung haben eine Gemeinsamkeit. In beiden Fällen handelt es sich um absichliche Datenmanipulation um ein bestimmtes Ziel zu erreichen:

      Bei VW hat man die Motorsteuerung manipuliert um die Abgastests zu bestehen.

      In der NTE-Forschung ignoriert man Erlebnisse der a)-Gruppe, damit man unter Verwendung der NTEs von Gruppe b), diese Erlebnisse gezielt in einen einseitigen Zusammenhang mit Todesangst bzw. Sterbevorgängen bringen kann. So will man zeigen, dass der Mensch übersinnliche Fähigkeiten hat, dass NTEs einen Blick in das Jenseits ermöglichen oder dass die Existenz einer Seele bzw. eines Bewussseins unabhängig vom biologischen, funktionierenden Gehirn möglich ist.
      ( http://www.spektrum.de/rezension/buchkritik-zu-wohnt-gott-im-gehirn/1368739 )

  5. Haben die Ingenieure dafür wenigstens einen größeren Bonus, ein paar Phaetons oder eine VW-Orgie bekommen? Das wäre beruhigend, dann wäre doch wieder nur Gier im Spiel. Oder war es ganz kostenlose Nibelungen-Piech-Treue auf einen Vorgesetztenbefehl hin? Wie hält man das eigene Unrecht dann so lange aus?

    Kann es nicht, ganz profan, die primitive, kreatürliche Angst um den Arbeitsplatz gewesen sein?

    • Man sollte nicht versuchen, eine Entschuldigung für diesen offenen Betrug zu suchen.
      Schon kleine Kinder wissen, dass man nicht lügen/betrügen darf. Und bestimmte Qualitätsstandards sind allgemein bekannt.

      • Zunächst geht es darum, Erklärungen zu finden. Ob diese dann als Entschuldigung taugen, das steht auf einem anderen Blatt.

  6. “Wir klagen schon lange das Management pauschal an, gierig zu sein.”

    Ja ja, die ganz normale / systemrationale Schuld- und Sündenbocksuche, wo wir alle, ob wir es wollen oder nicht, immer für diese Symptomatik mitverantwortlich sind.

    “Geben jetzt dafür die Ingenieure, Informatiker und Mathematiker ihre Ethik und Ehre auf?”

    Und die Arbeiter bei VW sind offensichtlich immernoch bereit sogar noch mehr aufzugeben!

    “War die Ehre dieser Berufsgruppen nicht eigentlich eine sichere Bank?”

    Eine sichere Bank im “freiheitlichen” Wettbewerb um “Wer soll das bezahlen?” und “Arbeit macht frei”, ist der Kreislauf der zeitgeistlich-gepflegten Bewußtseinsschwäche in ANGST, GEWALT und “Individualbewußtsein”, die von Staat und Kirchen mit Bildung zu Suppenkaspermentalität GEBILDET wird!

    Ist diese Ehre zu einer Finanzkrisenbank verkommen?

    Welche Ehre??? Nein, diese heuchlerisch-verlogene Welt- und “Werteordnung” hat immer viele / multischizophrene Wahrheiten, in steter Krise der systematischen Konfusion durch Überproduktion von Kommunikationsmüll, für den geistigen Stillstand seit der “Vertreibung aus dem Paradies”. 😉

  7. Fisch stinkt vom Kopf her. Auf die Gesellschaft übertragen, wäre das wohl die Politikersparte. Dort herrscht “gefühlt” eher Durchsetzungsdrang und Schönrederei vor, als Weitsicht und Vernunft. Insbesondere scheint es dort ein Missverhältnis zwischen Egoismus und Verantwortungsbewusstsein zu geben. Dass einem in so einem Milieu “das richtige zu tun” oft zum persönlichen Nachteil gereichen würde, kann man sich ja leicht denken. Doch ich finde, dass das Schlimmere daran die Signalwirkung auf Manager und den Rest der Bevölkerung darstellt. Sicherlich kann die Spieltheorie mindestens eine passende Erklärung liefern, wie so ein Verhaltensrepertoire letztendlich auf den Rest des “Fischs” abfärbt. Leider habe ich keine brauchbare Lösung des Problems parat. Vielleicht sollte man für Politiker ein persönliches Negativpunktesystem für jede nachweisliche, ausgesprochene Lüge einführen? Falls sich überhaupt eine ausreichend unparteiische Instanz für so eine Punktevergabe finden ließe, würde dann aber sicherlich der Informationsgehalt von Politikerstatements gänzlich auf Null fallen. 😉

    Früher schien das anders zu sein. Was war früher anders? Vermutlich saß früher den Menschen noch der Schreck der Weltkriege (und davor derjeniger anderer Kriege) so in den Knochen, dass man sich deutlicher auf die positiven Werte, wie z. B. Weitsicht, besinnen wollte (oder musste), denn es gab seinerzeit deutlich offensichtlichere Probleme zu lösen. Das ist jetzt aber nicht mehr so. Man möchte fast meinen, dass es uns _zu_ gut geht. Oder vielleicht doch nicht? Die negativen Konsequenzen des thematisierten Stickoxidausstoßes ließen sich einreihen in eine lange Liste von anderen menschgemachten gesundheitlichen oder ökologischen Problemen, die gesellschaftlich zu wenig beachtet vor sich hin vegetieren dürfen.

    Seien wir also froh, dass wenigstens dieser Missstand endlich aufgedeckt wurde.

  8. Ich vermute nicht nur die wachsende zeitliche Entfernung der Weltkriege hinter der Augenwischerei. Heute profitieren in der Mitte Europas (und in den USA natürlich auch) fast alle vom Siegen, vom Übervorteilen des Rests der Welt. Profitieren bis in den letzten Winkel ihres Alltags. Es ist an sich anstrengend, das nicht zu sehen. Das geht nur, wenn das partielle Augenschließen übers Leben hinweg und täglich eingeübt wird. Dieser Stil wird militärisch und propagandistisch geschützt, bis er einmal in sich zusammenbrechen wird.
    Täglich müssen wir “siegen”. Sonst fürchten wir den Untergang. Diese Hirn-Software wird gehalten bis zur an sich vorhersehbaren oder wenigstens -ahnbaren Implosion. Genau diese Software programmiert ihn.

    Gerhard Kugler

  9. Gerade eben berichtet die Presse: VW-Ingenieure haben in Einzelheiten gestanden, die vor ein paar Tagen bekannt gewordene Betrugssoftware eingebaut zu haben. Die Ingenieure sahen wegen technischer Probleme bei der Entwicklung der „Clean-Diesel-Motoren“ keine andere Option, gleichzeitig die Kostenvorgaben der Konzernspitze und die Abgasvorschriften einzuhalten. Da betrogen sie.

    Dass ein (Ex-)Manager die in der Presse kolportierten Tatsachen derartig verdreht, indem er einfach die ihm offenbar nicht genehme Hälfte der Berichterstattung ausblendet, sollte mich eigentlich nach Jahrzehnten des Berufslebens weder wundern noch ärgern – aber wahrscheinlich ist mein Fell immer noch nicht dick genug: So etwas wundert – und ärgert – mich dann doch immer wieder.

    Die Presse berichtet keineswegs, dass sich ein paar kleine Ingenieure dazu entschlossen, zu betrügen. Das wäre wohl auch kaum plausibel. Das Geständnis der beteiligten Ingenieure ist aber mit Schuldzuweisungen an das Management verbunden, von dem die Anweisung dazu kam. So wird ein Schuh draus.

    Wie sollte es auch anders sein? Natürlich muss jemand mit technischem Fachwissen, also ein Ingenieur, die technischen Details ausführen. Aber Entscheidungen von dieser Tragweite werden doch nicht auf der Ebene kleiner Ingenieure gefällt. Also bitte.

  10. Das ist ein evolutionärer Prozess, der vom Management beabsichtigt ist. Wenn das Ziel Abgasvorschrift + Wirtschaftlichkeit von der Mannschaft im ersten Durchgang nicht erreicht wird (offensichtliche Unfähigkeit), wird Personal gewechselt, bis das Ziel erreicht wird. Da das voraussehbar ist und die Mannschaft über einen Selbsterhaltungstrieb verfügt kann das Ziel auch oft im ersten Durchgang als erreicht gemeldet werden.

  11. Aus einigem Abstand betrachtet, vor dem Hintergrund des mittlerweile gewonnen Wissens um die Umstände des Abgasskandals, ist der obige Artikel mit seiner voreiligen Schuldzuweisung an einige Ingenieure nicht nur bollkommen absurd, sondern nach wie vor ärgerlich.

    Selbst vor Monaten, als ich bereits meinen ersten Kommentar zu diesem Artikel absetzte, war abzusehen, dass das Problem nicht von einigen Ingenieuren ausging – was eigentlich nie plausibel war – sondern vom Management. Das hat sich auch bestätigt, wenn auch damals niemand wissen konnte, welches Ausmaß dieses Managementversagen annehmen würde. Dieser Blog-Artikel ist nicht nur ärgerlich, sondern peinlich. Ich frage mich, wie man so etwas schreiben kann.

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