Stärken stärken, Schwächen schwächen – Leute, das reicht nicht!

„Sechs! Setzen!“ Wenn jemand ein schlechtes Zeugnis bekommt, stehen die Schwächen ja drin. Die müssen schnell weg, sonst gibt es Ehrenrunden, in der Wirtschaft einen Bankrott, im Handwerker einen Exodus der Kunden. Schwächen werden in Deutschland nicht gut verziehen und ganz und gar nicht gnädig übersehen. Wir hacken darauf herum… sind wir nicht alle ein bisschen Beckmesser? Auch wenn jemand unverkennbare Stärken hat, wird ungerührt mit „Ja, aber“ argumentiert.
Allerdings: Wenn jemand eine extreme Begabung hat, so erscheint diese derart wertvoll, dass man seine Schwächen in diesem einen Ausnahmefall dann doch verzeiht. Besonders Künstler dürfen Schwächen haben, vielleicht weil sie so viele zu haben scheinen, dass Schwächen wohl zum Künstler dazugehören könnten. Wer weiß?

Besonders große Unternehmen haben große Stärken – sonst wären sie ja keine großen Unternehmen. Sie leben von dieser Stärke seit langer Zeit und bemühen sich stetig und beharrlich, auf der anderen Seite Schwächen zu vermeiden oder zu verdecken.
Heute droht vielen Unternehmen die so genannte Digitalisierung, also ein Umbruch. Da zeigen diese Unternehmen Schwächen. „Weg damit!“, rufen wie immer die Mahner wie der „Merker“ Beckmesser in der Oper von Wagner. Dann antworten die Loyalen: „Nun lasst mal das viele Meckern sein. Wir wollen doch nicht alles schlecht machen. Wir sind seit jeher führend in der Welt. Wir alle hier sind pfauenstolz auf unsere Stärken, und ich lasse mir die von euch Schlechtrednern nicht miesmachen. Wir sind immer noch mit allen Problemen fertig geworden. Wir sind in der Krise stark, gerade dann und jetzt. Wir werden auch diesmal gestärkt aus einer kurzen schweren Zeit hervorgehen. Ich finde es absolut destruktiv, auf unserer Firma herumzuhacken, bloß weil wir in diesem Wandel nicht gleich Kopf und Kragen riskieren und uns eben sehr bedächtig anpassen und hauptsächlich abwarten, wie es weitergeht. Ich dulde es nicht, wenn diese absichtliche Behutsamkeit gleich als Verschlafen bezeichnet wird. Wir schlafen keineswegs, wir beobachten alles sehr scharf. Wir können nicht erkennen, dass die Newcomer substantiell dort stark sind, wo wir stark sind. Wir mögen Schwächen haben, aber sie haben keine Stärken.“

So reden sie am Problem vorbei, die Schwächenschwächer und die Stärkenstärker. Denn sie sind blind für die neuen Stärken, die nicht als „Fach in ihrem Zeugnis“ stehen. Dass Google eine Stärke „in Daten“ hat, ist lange nicht bemerkt worden. Dass Amazon eine Stärke in Logistik oder Cloud entwickelte, hat man nie würdigen wollen. Sie lachen doch alle so lange über Tesla oder Zalando! Sie lachen, weil sie keine Stärken im Neuen erkennen können. Sie sehen allerdings die vielen Schwächen im Neuen, denn das Neue ist oft dort schwach, wo sie stark sind.
Irgendwann hört das Lachen auf. Man erkennt in dem, was man lange hellwach beobachtet hat und als Schwäche klassifizierte, plötzlich Stärken. „Aha, Daten sind das Öl der Zukunft.“ Jetzt merken sie etwas, aber es ist falsch, vollkommen daneben. Richtig ist: „Daten sind das Öl der Gegenwart.“ Ach, Leute, in der Zukunft ist irgendetwas anderes eine Stärke, worüber dann Amazon und Google lachen.

Stellen Sie sich vor, Sie sind künstlerisch super, haben einen tollen Job – aber plötzlich sollen Sie Ingenieur sein! Oder umgekehrt. Stellen Sie sich vor, Sie sind Astronom und sollen Pilot werden, oder Sie sind Pilot und sollen Chirurg sein. Das wird hart. Sie müssen Ihre lange eingeübte Meisterschaft einfach vergessen und als Lehrling oder Newbie ganz neu anfangen. Alles von der Pike auf neu. Können Sie das überhaupt? Haben Sie im Neuen eine Begabung? Wahrscheinlich nicht. Können Sie neu anfangen – ohne Trauerblick zurück? Wohl kaum. Geht das, Riesenstärke auf einem neuen Gebiet zu erlangen, das einem fremd ist und auch von Fremden aufgezwungen wird? Die eigene Stärke haben Sie geliebt, Sie haben den Beruf wie eine Berufung gefühlt. Nun kommen die Teslas und Fintechs und wollen, dass Sie ein Star in einem ungeliebten Fach werden – in einem Fach, dass Sie fast hassen müssen, weil es das geliebte Alte tötet und Sie vom Meister zum blutigen Anfänger degradiert.

Nun geht es absolut nicht mehr darum, Ihre Stärken zu stärken, die sind nicht mehr gefragt. Es bringt nichts, an Ihren Schwächen zu arbeiten – oh nein, neue Stärken müssen her. Und wir Alten fühlen, dass wir nicht können, weil wir auch nicht mögen. Die Jungen wählen die neuen Stärken als Berufung und wir werden zu den neuen Stärken vom Gesetz des Marktdschungels gezwungen.

Wenn die alten Stärken nichts mehr zählen, sind wir nur noch schwach. Wir reden uns ein, wir müssten uns besser anpassen, und wir verstehen nicht, was diejenigen meinen, die von Neuerfindung reden. Neuerfindung? Das klingt zu marktschreierisch und sensationistisch. Neuerfindung? Da endet unsere Phantasie. „Verrückte Welt“, seufzen wir im Niedergang.

In dem Singspiel „Meistersinger von Nürnberg“ macht Beckmesser den Gesang des Ritters Walther von Stolzing nieder, der – ja wie soll man sagen – in heutiger Diktion mit einem neuen Genre oder Sound aufwartet, der alle bisherigen Vorstellungen vom Singen an sich sprengt. Nur Meister Hans Sachs kann im Neuen etwas Meisterliches erkennen:

Halt, Meister! Nicht so geeilt!
Nicht jeder eure Meinung teilt. –
Des Ritters Lied und Weise,
sie fand ich neu, doch nicht verwirrt:
verließ er unsre Gleise
schritt er doch fest und unbeirrt.
Wollt ihr nach Regeln messen,
was nicht nach eurer Regeln Lauf,
der eignen Spur vergessen,
sucht davon erst die Regeln auf!

Könnten wir nicht in dieser Weise das Neue einmal nicht „verwirrt“ finden? Und gleich über die neuen Regeln und Stärken des Neuen respektvoll nachsinnen? Ja, sollten wir. Wagners Spiel geht ja noch ganz gut aus. Man bricht ja nicht gleich mit aller Tradition, sondern heiratet in sie ein. Walther von Stolzing willigt ja dann doch noch ein, die traditionelle Meisterwürde anzunehmen und Schwiegersohn zu werden.

„Verachtet mir die Meister nicht, und ehrt mir ihre Kunst!“

Ein schönes Ende dieses Singspiels, aber ich fürchte, mit der Digitalisierung wird es ernster.

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www.omnisophie.com

Bei IBM nannten sie mich "Wild Duck", also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie "Teil des technologischen Gewissens". Ich habe mich viel um "artgerechte Arbeitsumgebungen" (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um "artgerechte Haltung von Menschen"! Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen. Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater - und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe. Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren. Gunter Dueck

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Vielleicht haben aber die alten Stärken noch länger ihre Daseinsberechtigung als geglaubt wird? Vielleicht können das Neue und das Alte koexistieren, obwohl immer mehr “Neues” hinzukommt? Wenn ich Ihre (mit Verlaub, aus meiner Perspektive sind Sie eine andere Generation) Beiträge lese, dann denke ich, mancherlei Stärke, Einsicht ist zeitlos.

  2. Wagners alte Stärken in der alten Opern-Branche werden von den neuen Starken der neuen Fim-Branche übrigens immer noch als Stärke betrachtet.
    Z.B. sagte Hans Zimmer in einem Interview zum Gladiator Soundtrack: “Yeah, I get a lot of shit about this Wagner thing, […] I just wanted to see if I could do that kind of music. I wanted to be Little Richard Wagner. (https://synchrotones.wordpress.com/2013/05/01/interview-with-hans-zimmer/)

    Jetzt einmal rein hypothetisch: Würde ein Richard Wagner heutzutage die Aufträge eines Hans Zimmers überhaupt anstreben wollen? Wagner würde vielleicht sagen: »Was? Eine digitale Tonabmischung für eine Leinwand… und für zu Hause alleine gucken? Wie lächerlich! Auch wenn es Dolby Surround IMAX 3D Ultra irgendwas Gedöns auf 70 Zoll in 8k ist. Das ist doch niemals eine Stärke gegenüber einem Live-Orchester und einer Bühne. Den Bedarf will ich als Unternehmen gar nicht decken«

    Hans Zimmer hätte dann argumentiert: »Ich verstehe dich im Herzen. Du siehst das aber falsch. Sei doch froh, dass du noch nach Großartigkeit streben könntest. Früher wollten die Leute hauptsächlich deine Musik erleben und der Besuch war ein gesellschaftliches Ereignis. Aber heutzutage genießen sie Filmmusik sogar zuhause auf ihren schrottigen mono Flat-Screen-Boxen. Die wollen einfach nur die Geschichte erleben und wir Komponisten sorgen (nur noch) für eine Subtilität, das richtige Feeling, das Eintauchen und Mitreißen in der Geschichte. Es ist aber trotzdem noch der gleiche tolle Job. Großartig bleibt großartig.«

    Wenn nun ein Tesla, Google oder Apple Mobilitätsfunktionen in Hardware bauen, werden diese Unternehmen doch ebenfalls die Stärken eines BMWs (sind wohl momentan die Stärksten) sehen, denn da sind zunächst keine Schwächen in Bezug auf das Bauen eines Autos, zumindest im aktuellen Wettbewerb.

    Nehmen wir einmal an, Wagner (im Sinne eines Automobilisten) weigert sich, für Filme zu arbeiten, und setzt viel lieber weiterhin auf die Oper – bzw. setzt weiterhin auf das Auto, statt auf die Mobilitätsfunktion. (Stichwort Zetsche: Ein Mercedes wird immer ein Lenkrad haben.) Dann werden die neuen Autos doch immer noch großartig werden. Das Problem ist doch nur, dass dann vielleicht nicht mehr so viele Leute Autos wollen, wenn sie nun auch die Mobilitätsfunktionen, ganz ohne gesellschaftliches Ereignis, haben können.
    Niemand wird davon ausgehen, dass einer, der in Musikkomposition stark ist, den Film besser erfinden kann, weil er das Bewegtbild immer als Anhängsel der Musik sehen wird. Also wie sollen unsere Automobilisten, unsere Wagners, jemals mit den IT-Konzernen mithalten können?
    Andererseits kann man die großartige Mobilitätsfunktion auch nie ohne großartige Autos realisieren, wie man auch keinen großartigen Film ohne großartigen Soundtrack realisieren kann.

    Das Problem der Automobilisten ist nicht, dass ihre Stärke (großartige Autos zu bauen) in Zukunft keine mehr ist und nicht mehr gefragt ist. Das Problem liegt aus meiner Sicht in dem vom Markt getriebenen Effizienzwahn, der zur Methodengläubigkeit und Bürokratie geführt hat, woran sie nun zu ersticken drohen. Das kann man aber lösen. Für die Dienstleistungsbranche (wie Banken und Versicherungen) sehe ich allerdings keine Zukunft. Das war noch nie für den Kunden großartig, sondern nur für die Anbieter selbst großartig.

  3. Ein sehr interessanter Blick auf die Stärke und Schwäche Debatte bei der es immer nur eine Lösung zu geben scheint.

    X rauf und Y konstant oder senken. Könnten Sie es Herr Dueck? ihre Stärke ist anscheinend IT und Mathe. Und von der haben Sie ihr Leben lang gezehrt.

    Sie haben es den großen Auto Konzernen gleich getan. Stärken ausgebaut und Schwächen toleriert. Jetzt sollen alle nur mehr IT machen und alles wird besser.

    Wo haben Sie außer Uni und IBM gearbeitet?

    Machen Sie es vor! Meistern Sie Ingenieurwesen in paar Jahren und fragen sie gleich nach einer bezahlten Umschulung. Bewerben sie sich dann als Berufsanfänger 60+ bei BMW.

    • @Jurij Oh, mein Traum und meine Stärke ist “Dichter/Satiriker”, ich habe nur Mathe als Beruf gehabt (meine Eltern hätten mir etwas gehustet!) und gehe erst jetzt an meine Stärken. Ich habe dann aus Notwendigkeit (meine Ideen verwirklichen) als Manager gearbeitet, da bin ich nicht gut im Sinne der BWL, aber erfolgreich im Sinne der Ergebnisse gewesen – ist aber nicht so meine echte Stärke, das Management. Ich habe für meine ersten Bücher fast noch mal ganz Psycho-Philo studiert etc. Also Umschulen könnte ich locker noch einmal. Lesen Sie mal mein Leben auf meiner Homepage, und kommen Sie mir nicht mit Umschulen geht nicht.

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