Polemik gegen den Hass auf „Jeder kann und soll studieren!“

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Wahrheiten als Querdenkerisches verkleidet, von Gunter Dueck
WILD DUECK BLOG

Neulich habe ich unter dem Titel „Hirn verpflichtet“ einen neuen Aufbruch in eine Wissensgesellschaft gefordert. Das gab ein vollkommen gewohntes Echo, das ich bei meinen Reden auf Bildungskongressen schon hinlänglich gewohnt bin. „Wer soll dann noch arbeiten, wenn alle ein Diplom haben?“ heißt es ebenso oft wie „Sind nicht ziemlich viele einfach zu blöd dafür?“ oder „Was wollen Sie denn mit dem ganzen Sozialsumpf machen?“ oder „Es gibt eine statische Glockenkurve über Intelligenz, wissen Sie das nicht?“ Mir bleibt bei realen Konfrontationen oft die Entgegnung im Hals stecken. Ich versuche es einmal hier in Ruhe. Ein Ruf an die, die gegen Hirnverpflichtungen sind:

Jeder KANN studieren: Laut Statistik bestehen fast alle Kinder das Abitur, deren Eltern eines haben. Wenn man sich also um ein Kind kümmert, wird was draus. Heute aber finden Eltern, die Schule soll sich kümmern, nicht sie. Die Schule aber geht bei der Gestaltung des Lehrplanes davon aus, dass die Persönlichkeitsentwicklung Sache der Eltern ist und nimmt implizit an, dass die Schüler als brennend interessierte fertige Persönlichkeiten angeliefert werden, die nach jedem gebotenen Wissen lechzen. Der Schulstoff dient dabei nicht dem Leben, sondern der Vorbereitung auf ein Studium, was ihn in der Tendenz uninteressant und trocken macht. Es ist z.B. ein Unterschied, ob man als Zwölfjähriger Anglistik studieren will oder nur Amerikanisch reden möchte. Oder: Mathematik hilft zu analysieren, zu urteilen und zu entscheiden. Aber dieser Aspekt kommt in der Schule nicht vor. Das Leben an sich und das Interesse der Schüler sind unwichtig wie es heute die Kunden sind. „Kunden verstehen die Produkte nicht und sind deshalb nicht ernst zu nehmen.“ 

Digital Natives lernen anders als Opa: DN’s gehen nie mehr in die Bibliothek, warum auch? Sie lernen Erdkunde über Google Earth und spielen Geo Challenge bei Facebook. Neue Sprachkurse von Rosetta Stone brechen mit allen Schultraditionen und haben sagenhaften Erfolg. Auf Computern kann man komponieren und dazu singen, Musik ist dann nicht mehr nur Reproduktion und Verstehen, sondern eigenes Werk. Langweilige Lehrfilme? YouTube hat alles. Ich behaupte: Bildung per iPad wird begeistern und bringt locker das bisschen Abitur in den Kopf. Das Problem ist: Wenn ich das Problem der optimalen Wissensvermittlung gelöst hätte – wie verändere ich dann das Bildungssystem? Das braucht schon immer Jahrzehnte, etwa um Mengenlehre einzuführen und wieder abzuschaffen – sogar ohne Anhörung von Betroffenen. 

Normale Intelligenz reicht: Wenn zum Kümmern noch das Interesse der Digital Natives hinzukäme, was die Lehrer und Eltern ja nur voraussetzen, schlicht befehlen, mindestens aber unentwegt als Notwendigkeit appellativ beschwören, dann muss es doch für jeden reichen! Lehrer interessierten sich z.B. lange kaum für das Internet! Dieselben also, die Offenheit und Interesse für alle voraussetzen, die später einen guten Beruf ausüben wollen. Die Armen klagen, ohne Hilfe zu sein. Die Besseren finden, die da unten hätten nicht genug Intelligenz oder zu kaputte Lebensläufe. Ich höre oft: „Die haben nicht genug im Kopf. Nicht jeder kann Abitur machen.“ Dieselben, die das sagen, fördern ganz sicher ihre eigenen Kinder zum Abitur, für die reicht es sowieso – ohne jedes Überlegen. Ist die Haltung, an der Intelligenz anderer zu zweifeln, etwa freudiges Elitebewusstsein, im Vorteil zu sein? „Meine Kinder? Ja, klar! Alle anderen auch? Geht doch nicht.“

Seelische Gesundheit lässt alles gelingen: Im Beruf scheitern die, die man erniedrigte, oder die, die trotz ehrgeizigster Bemühungen frustriert sehen, dass sie ihre eigenen zu hohen Erwartungen nicht erfüllen. Sehen Sie sich doch um! Bei der Arbeit! Warum scheitern viele? Das, was Sie teuflischen Stress nennen und was Ihnen selbst den Tag versauert und das Leben versaut, das haben Ihre Kinder doch auch. Und sie scheitern wegen öffentlicher Bloßstellung oder weil sie den häuslichen Erwartungen nicht entsprechen. „Note?“ – „Zwei minus.“ – „Wie war der Durchschnitt?“ – „Zwei.“ – „Dann bist du schlecht.“ Hey, Zwei minus bedeutet unrelativiert absolut, dass man es ganz gut verstanden hat. Punkt. Ist nicht schlecht. Wie reagieren Sie denn, wenn heute Ihr Chef sagt: „Sie sind okay, aber die meisten waren im letzten Monat einen Wimpernschlag besser. Das wollte ich nur kurz sagen. Nehmen Sie sich das zu Herzen.“ Bei fast allen, die ich kenne, ist die Woche gelaufen. Bei Schülern ist es aber normal, dauernd bewertet zu werden. Das Übel liegt nicht im Bewerten an sich – jeder möchte ja ein faires Urteil über die eigene Arbeit. Nur verglichen werden wollen die meisten nicht, weil sich das reine Urteil mit Wertung vermischt. Vergleichen, natürlich um positiv verglichen zu werden, wollen nur die Besten – und die sind die späteren Burnout Kandidaten, die nach dem Peter-Prinzip Liga für Liga aufsteigen, bis sie lebenslang im Abstiegskampf festsitzen. Ich wiederhole also immer wieder: Unter negativ empfundenen Stress verdirbt alles. Anstatt das zu ändern, predigen Manager und Lehrer, dass es jeder selbst in der Hand habe, jeden Stress positiv als Challenge zu sehen. Man muss, so höre ich oft, nicht die Realität ändern, sondern nur die Einstellung zu ihr positiv ändern. „Wir sind Note Vier?“ – „Das lässt mich verzweifeln!“ – „Aber die meisten anderen Firmen sind Vier minus! Dann sind wir doch gut!“ – „Aber es gibt welche, die Zwei sind.“ – „Das sind einzelne schwarze Schafe, die kein Maßstab für uns sind. Vier ist Stress pur, aber freuen Sie sich, dass wir nicht Vier minus sind.“

Ich bitte Sie: Im Kern geht es darum, dass wir und unsere Kinder (was fast dasselbe ist) seelisch gesund sind.

Bildung ist Vorfreude auf sich selbst (Sloterdijk): Warum haben denn alle Angst vor der Aussicht, gebildet zu sein? Ist das nicht schön? War es nicht früher eine Auszeichnung, als begabter Bauernbub aus fürstlicher Gnade doch auf die Klosterschule zu dürfen? Wovor haben Sie Angst? Ich komme immer wieder mit diesem Beispiel: Wenn Sie heute im Urwald ein unentdecktes Urvolk finden und sagen: „In zehn Jahren muss hier jeder das Rechnen, Lesen und Schreiben beherrschen.“ Dann werden die Urindianer alle erwidern: „Erstens müssen wir alle jagen und haben keine Zeit. Zweitens sind wir nicht klug genug dafür, der IQ reicht nicht. Drittens braucht das beim Jagen keiner.“

Schauen Sie einmal in den Artikel „Schulpflicht“ bei Wikipedia. Ich zitiere:

„In den katholisch gebliebenen Landesteilen Deutschlands verlief die Durchsetzung dieser Forderungen äußerst zäh. So wurde in Bayern erst 1802 (sechsjährige Unterrichtspflicht) ein entsprechendes Gesetz erlassen. Aber auch im evangelischen Sachsen begann erst 1835 mit dem Volksschulgesetz die achtjährige Schulpflicht. Besonders in der Landbevölkerung stieß die Schulpflicht zunächst auf Widerstand. Die in kleinbäuerlichen Betrieben notwendige Arbeitskraft der Kinder wurde erheblich wichtiger als deren Schulbildung angesehen. So kam es z. B. in der Eifel, nachdem diese 1815 preußisch wurde, in den beiden folgenden Jahrzehnten mehrmals zu heftigen Protesten der Landbevölkerung gegen den Schulbesuch der Kinder.“

Was also haben Bauern gesagt? „Erstens müssen wir alle ackern. Zweitens sind wir nicht klug genug. Drittens braucht es keiner zum Ackern.“

Jetzt gehen wir in die Wissensgesellschaft. Ich will, dass Sie mitkommen. Und Sie sagen: „Erstens haben wir alle Büroüberstunden. Zweitens können wir mit Computern nicht umgehen. Drittens braucht man das in unserem Job auch nicht.“

Sie denken bei Zukunftsmethoden an die Welt von heute: Die Urwaldindianer hatten Recht, Rechnen hilft nicht beim Jagen. Die Bauern hatten Recht, Lateinschule hilft nicht beim Ackern. Sie haben heute Recht, das Studium hilft nicht beim Taxifahren. Aber wir alle, die wir Bildung erwarben, bekommen wieder gebildete Kinder – und die Prosperität der Gesellschaft steigt. Sie denken leider kein bisschen an Ihre Kinder, nur an „Was wird aus mir? Nützt es mir jetzt?“

Nach dem urzeitlichen Jagen, nach dem einstmaligen Ackern, nach dem heutigen Bürositzen kommt eine neue Zeit! Wollen wir immer wieder dieses alte Spiel spielen? „Keine Zeit, kein Können, keinen Nutzen!“ Und gleichzeitig den Kindern sagen: „Aus dir soll mal was Besseres werden. Tu mit Interesse, worauf ich nie Bock hatte.“

 

AUFBRECHEN!

Veröffentlicht von

www.omnisophie.com

Bei IBM nannten sie mich "Wild Duck", also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie "Teil des technologischen Gewissens". Ich habe mich viel um "artgerechte Arbeitsumgebungen" (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um "artgerechte Haltung von Menschen"! Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen. Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater - und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe. Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren. Gunter Dueck

46 Kommentare

  1. schöner Text

    Ich bin schockiert – bisher hatte fast jedes zufällig gelesene Textbruchstück von Ihnen heftige Skepsis in mir hervorgerufen, und nun kommen Sie mit sowas 😉

  2. Druck, weil alles möglich ist

    Ich bin geneigt Ihnen zuzustimmen. Aber irgendwie auch nicht. Ich habe bei Ihren Vorschlägen das Problem, dass dabei genau das gefördert wird, was Sie ändern wollen. Jeder kann studieren und man muss auch nicht furchtbar schlau sein?

    Super! Dann mal rein in die Uni – wenn man einen Platz bekommt…
    Und was ist mit denen, die kein Abiur haben? Warum haben die keines?
    Entsteht bei denen, die kein Abitur machen oder es nicht geschafft haben, denn kein Druck oder das Gefühl versagt zu haben, weil es doch eigentlich recht einfach ist Abi zu machen und zu studieren? Ich denke doch.

    Kann man nicht einfach hergehen und sagen, dass es unterschiedliche Menschen gibt? Die einen denken eben scharf nach und die anderen packen eben gerne an. Wir brauchen sowohl die einen als auch die anderen…

  3. @ S Schewe

    Seufz, noch einmal: Fast alle (so 88 Prozent) Kinder, deren Eltern Abi haben, schaffen es selbst auch. Es geht also doch? Oder haben Abi-Eltern etwa keine Kinder, die gerne anpacken? Auch die schaffen es. Und man braucht doch Abi schon alein deshalb, um sich um die eigenen Kinder kümmern zu müssen, oder? Schauen Sie mal die Supernanny, wie die erst mal die Eltern umdrehen muss…das Problem sind gar nicht die Kinder, sondern die fehlende Erziehungskunst der Eltern!

  4. Naja, die Super-Nanny ist typische RTL-Unterhaltung. Nicht, dass ich etwas gegen schön doofe Berieselung aus dem Fernseher hätte, aber ernst nehmen kann ich den Quatsch nicht.

    Wenn Ihre Kernaussage ist, dass es die Eltern in der Hand haben, wie erfolgreich ihr Kind wird, dann hab ich das nun begriffen.

    Ansonsten rätsel ich noch ein bisschen bezüglich einigen anderen Aussagen im Text.

  5. Uni macht auch nicht glücklich

    Also einen Hass auf „Jeder kann und soll studieren!“ habe ich eigentlich nicht, aber schon ein paar kritische Fragen. Momentan stöhnt die Wirtschaft doch eher über zu wenig Auszubildende, zum Beispiel hier: http://www.morgenweb.de/…6_mmm0000000375416.html Die Frage „Wer soll dann noch arbeiten, wenn alle studieren?“ ist so falsch nicht.

    Außerdem habe ich schon beim ersten Post „Hirn verpflichtet“ darauf hingewiesen, dass ich eher den Eindruck habe, die meisten Arbeitnehmer in Deutschland sind überqualifiziert. Das Problem der tötlichen Langeweile, dem Bore-Out ist schon längst wichtiger als Burnout.

    Okay, mit dem letzten Punkt mag ich vielleicht falsch liegen, aber was ich nicht verstehe ist, warum das Lernen über ein paar Jahre an der Uni DIE Bildung bringen soll. Letztlich ist ein Studium auch immer eine Berufsausbildung und die viel spannendere Frage ist doch, wie man den Menschen darüber hinaus lebensbegleitend Bildungsanreize geben kann. Auf welchen Weg die Leute ins Berufsleben finden, ist doch wirklich zweitrangig.

    Die Gleichsetzung von „Hirn verpflichtet“ mit Universitätstudium ist jedenfalls sehr vereinfachend und zielt am Wesentlichen vorbei.

  6. @Stefan Taube: Die Ursache für Boreouts liegt wohl weniger in Überqualifizierung als darin, dass die Betroffenen die falsche Arbeit machen.

    Wenn wir uns mit zu einfachen Tätigkeiten bequem einrichten und dann langweilen, haben wir das Dilemma des fehlenden Aufbruchs nur von der Schul- und Studienwahl in die Arbeitswelt vertagt. Aussitzen ist aber keine wirkliche Lösung. Also: Hintern hoch!

  7. @Schewe: Wieso?…

    “Und was ist mit denen, die kein Abitur haben? Warum haben die keines?” Beispiel: Als meine Freundin auf Bitte zweier Schülerinnen eines sehr angesehenen und nicht als besonders konservativ geltenden Gymnasiums einen sie unerklärlicherweise sehr schlecht benotenden Lehrer kontaktierte, bekam sie zur Antwort, die Schülerinnen hätten “eigentlich” eine 2 bekommen können, aber “weil sie ab dem nächsten Schuljahr sowieso schlechtere Zensuren bekommen”, damit sie sich dran gewöhnen, würden sie vorab schlechter bewertet. Offensichtlich eine (vom “Täter” als selbstverständlich erachtete) soziale Selektion.

  8. Verstehe den Text nicht

    Auf Twitter gab es heute ein lebhaftes Rätselraten, was Sie sich nun eigentlich konkret wünschen. Die von Ihnen gewählte Überschrift und der erste Absatz deuten darauf hin, daß möglichst alle studieren sollen und alles andere in Ihren Augen eine minderwertige Ausbildung darstellt. Der Rest des Textes ist ein für mich nicht wirklich durchschaubarer Mix aus “Abi für alle” und “Eltern müssen ihre Kinder fördern”. Auch Ihre Einstellung zu Leuten, die freiwillig lieber eine Berufsausbildung machen, ist nicht deutlich geworden. Halten Sie die für ungebildet? Wie defnieren Sie Bildung genau? Ist ein Diplom-Physiker gebildet, der Rameau nicht von Beethoven unterscheiden kann und keine Ahnung hat, wer “Die Weber” geschrieben hat oder wer in Algerien an der Macht ist? Ist ein Auszubildender automatisch weniger gebildet, weil er für sein Wissen kein Diplom erhält? Kann es sein, daß das gesellschaftliche Verständnis von “Bildung” einfach zu sehr auf Akademiker fixiert ist?

    Können Sie da evtl. bitte etwas Licht ins Dunkel bringen? Vielen Dank.

  9. @Roland

    In einer idealen Welt hätten Sie recht. Sie ist aber nicht ideal, und wie man sieht, werden bzw. bleiben nur allzuviele in ihren Wunschberufen arbeitslos. Auch Akademiker.

    Sagt Ihnen eine Volkswirtin, die vor 21 Jahren viel lieber Sprachen pur belegt hätte, wegen der Aussichtslosigkeit jedoch stattdessen im Ausland Wirtschaft, Sprachen und Politik studiert (BA joint Hons. bzw. Maîtrise) und seitdem von F&E-Statistik bis Anwendungsprogrammierung schon ‘ne Menge durch hat…

  10. können und sollen

    jeder kann und soll radieschen züchten.
    jeder kann und soll arien singen.
    jeder kann und soll muskeln züchten.
    jeder kann und soll denken lernen.
    jeder kann und soll fernreisen.
    jeder kann und soll luzide träumen.
    jeder kann und soll genießen und lachen.
    jeder kann und soll konkurrieren.
    jeder kann und soll ejakulieren.

    jeder kann und soll alles können und sollen …

    sorry, aber diese ratgeberbücher-logik ist nur auf den ersten blick interessant. in allen bereichen finden versuche zur optimierung des modernen menschen statt; die steigende lebenserwartung zeigt deutlich, dass das projekt optimierter mensch durchaus gelingt. dass heute viel mehr junge menschen das abitur bestehen und auch studieren, zeigt nur auf, dass wir eben in unserer gesellschaft nicht mehr körperlich arbeiten müssen, weil das, wo es noch nicht maschinen tun, eben andere menschen tun (in den weniger entwickelten ländern).
    wir haben mehr zeit zum entwickeln des geistes. das ist nicht in erster linie unser verdienst, und der eigene ehrgeiz zum können und sollen führt ja geradezu auf die falle zu, von der Sie hier schrieben: dass manche talente zu hohe erwartungen an sich stellen.

    nein, nicht am durchschnitt messe ich meine leistungen, sondern an meinem individuellen leistungsvermögen.

  11. @Tolya

    Das war noch so ein Punkt, der bei mir nur Fragezeichen über dem Kopf produziert hat:

    Die Abiturientenrate in Deutschland steigt doch ohnehin kontinuierlich. Die Akademikerrate auch.

    Zitat Bundesamt für Statistik vom April 2007: “2006 hatten 43,1 % der Männer und Frauen Abitur oder Fachabitur. 2005 waren es 42,5 % und 1996 hingegen nur 36,2 %.”

    Hat Herr Dueck diese Tendenz nicht mitbekommen? Geht es ihm nicht schnell genug?

    Wie gesagt, ich werde aus dem gesamten Text irgendwie nicht recht schlau.

  12. @ute

    merci, wasser auf meine mühlen, diese statistiken …

    immerhin titelt gunter dueck ja mit polemik, also sei ihm seine ‘tendenz’ gestattet.

    mich würde doch interessieren, was duecks quintessenz ist:

    mehr hirn ANSTELLE von etwas anderen, oder aber:
    mehr hirn UND mehr von guten dingen überhaupt?
    MEHR MEHR? 😉

  13. Zustimmung und Widerspruch

    @Ute: Dein Satz “Kann es sein, daß das gesellschaftliche Verständnis von “Bildung” einfach zu sehr auf Akademiker fixiert ist?” fast sehr gut zusammen, was ich meine.

    @Roland: Hier muss ich widersprechen. Studium, aber auch Berufsausbildung bilden Menschen oft auf einem Niveau aus, dass sie ihre “Branche” oder akademische Disziplin in großer Allgemeinheit überblicken lässt. Aus organisatorischen und hierarchischen Gründen enden wir dann am Ende aber doch meist als kleines Rädchen im Gesamtgetriebe. Diese Art von Boreout ist strukturell.

    Ein Bauingenieur studiert, wie man Häuser baut. In der beruflichen Praxis wälzt er aber nur noch DIN-Normen. Ein Einzelhandelskaufman lernt, wie man ein Geschäft führt, von Einkauf, Marketing bis Buchführung. Nach der Lehre steht er oder sie dann enfach an der Käsetheke. Das hat mit “bequem einrichten” nichts zu tun. Es muss auch Leute geben die einfach die Arbeit machen und nicht den ganzen Tag zwanghaft schlau sein wollen.

    Es gab mal einen wunderbaren Leserbrief an “Spektrum der Wissenschaft”. Der Leser hat die Zeitschrift aufgefordert endlich damit aufzuhören, die Jugend für Physik begeistern zu wollen. Er selber habe in ART erfolgreich promoviert, also Einstein durchdrungen und methodisch erweitert, doch steht er nun am Ende beruflich und finanziell praktisch mit Nichts da. Er selber empfiehlt daher der Jugend doch eher Bankaufmann zu lernen.

    Meine laienhafte Frage an Herrn Dueck und die Diskussionsteilnehmer ist daher, ob die Wirtschaft überhaupt in der Lage ist, die Versprechen einzulösen, die mit einer hohen Bildung verbunden sind.

  14. Eine schöne weitsichtige Polemik

    Vor vielen Jahrhunderten waren weit über 90% aller Menschen in der Landwirtschaft beschäftigt, auf dass alle genug zu essen hatten. Fortschritte in der Technik, insbesondere Chemie (Dünger) und Biologie (Sorten), führten dazu, dass heute wenige Menschen mehr Lebensmittel für alle produzieren können.

    Vor weniger Jahrhunderten war dann die Industrie der Hauptarbeitgeber. Die meisten Menschen arbeiteten in Fabriken, um Güter für alle Menschen herzustellen. Durch technische Fortschritte sind die Prozesse heutzutage optimiert und überwiegend automatisiert und noch vergleichsweise wenige Menschen müssen die Produktion überwachen.

    Heute gibt die Dienstleistung den meisten Menschen Arbeit – und auch hier ist schon absehbar, dass dies mehr und mehr automatisiert wird. Telefoncomputer, Fahrkartenmaschinen, bald auch Roboter uvm. werden immer besser. Auch hier übernehmen immer weniger Menschen die Arbeit von vormals vielen Menschen und steigern dabei sogar die Gesamtproduktivität erheblich.

    Es gibt also immer weniger einfache, mechanische Arbeit. Die Konstante über die Jahrhunderte war hingegen der Wunsch nach Entwicklung, nach Fortschritt. Nur mit hohem Bildungsgrad können die Menschen diese Anforderungen der Zukunft erfüllen.

    Das beantwortet die Frage “Wer soll dann noch arbeiten?”: Im Gegenteil wird jemand ohne gute Bildung in einigen Jahren nur noch schwer Arbeit finden.

    P.S.: Ich mag den Ausdruck “digital natives” nicht – das klingt wie eine Ausrede, um nichts mehr lernen zu müssen (“ich bin ja kein Native, also KANN ich es ja gar nicht KÖNNEN. NIE!”). Aber jeder kann lernen, das Internet zu bedienen – wenn er sich denn übt und bemüht!

  15. @Alexander Wolf

    Ja, im Großen und Ganzen haben Sie zweifelsohne recht, aber mit der Wirklichkeit des einzelnen Arbeitnehmers hat Ihr großer Geschichtsentwurf wenig zu tun.

  16. Was auch mir noch nicht ganz klar ist: *was* soll sich ändern? Die Schulen (schwer) oder die Eltern (wahrscheinlich unmöglich)?

    Kleines Faktoid zum Bewerten und Vergleichen in der Schule:

    Ich war auf einer Waldorfschule, d.h. lange Zeit wurden Klassenarbeiten u.Ä. gar nicht vergleichend/vergleichbar gewertet, sondern ausschließlich anhand der Erwartungen an den/die Einzelne/n. Irgendwann in der 8. oder 9. Klasse (vielleicht auch früher?) hatten wir als Schüler davon genug und haben darum *gebeten*, doch vergleich*bare* Bewertungen zu bekommen – egal ob Noten oder Punkte oder was auch immer.

    Die haben wir auch bekommen, aber (wenn ich mich recht erinnere) meist keinen Klassendurchschnitt o.Ä. – der wegen der sehr heterogenen Klassen (Gesamtschule bis zur 11. Klasse) auch nur mäßig aussagekräftig gewesen wäre. Der Effekt war, dass wir unsere Ergebnisse untereinander verglichen haben, anhand dessen, wie/im Verhältnis zu wem sonst aus der Klasse wir uns selbst einschätzen.

    Ich kann allerdings nichts dazu sagen, wie sich das für das untere Drittel im Leistungsspektrum angefühlt hat … und wie sich die ganze Schule auf die soziale Selektion ausgewirkt hat, weil da das Bild an Waldorfschulen schon beim Schuleintritt verzerrt ist.

  17. @ Tolya

    Soweit ich das sehe, geht es nicht um “ratgeberbücher-logik”, sondern um die Absurditäten eines zur Fixierung sozialer Stratifikationen misbrauchten Bildungssystems, das hier eine ähnliche Rolle spielt wie in den USA das Gesundheitssystem. Zweifellos spielt hier immer noch die panisch-aggressive Reaktion damaliger einheimischer Mittelschichten auf die Öffnung des Bildungssystems im 19. Jhdt. für (damals jüdische) Bevölkerungsgruppen eine Rolle, als der damals als “Sozialsumpf” betrachtete Bev.-teil mit ein paar Jahren Verzögerung plötzlich in Gestalt von Lehrern, Ärzten, Anwälten und Unternehmern auftauchte.

  18. @Matthias und Stefan

    Kleine Anekdote nebenbei: Ich habe 1988 Abitur gemacht, also zu einer Zeit, wo die Abiturientenrate noch um bzw. knapp unter 30% lag. Das Titelbild unserer Abiturzeitung zeigte das Hochschulreifezeugnis quasi als Karikatur – auf den einzelnen Blättern einer Rolle Toilettenpapier. ^^

    Was passiert letztendlich, wenn tatsächlich jeder Abitur hat und immer noch mehr Leute studieren wollen? Die Universitäten sind ja schon jetzt nicht darauf ausgelegt, alle Interessenten aufzunehmen. Das wäre auch gar nicht finanzierbar – nicht einmal für die Schulen ist doch genug Geld da. Es ist doch also wahrscheinlich, daß die Unis dann den Selektionsprozess von den Schulen auf ihre Ebene verlagern werden, sprich: Aufnahmeprüfungen einführen.

    Was Notengebung und Vergleiche untereinander angeht, habe ich persönlich den Eindruck, daß Vergleiche auch anspornen können und zudem ein Bedürfnis zu sein scheinen. Schauen wir uns die Sportwelt an, mit verschiedenen Ligen und Meisterschaften. Die Literatur mit ihren zahlreichen Preisen für gute Autoren und Werke. Wenn sich jemand durch schlechteres Abschneiden bei Vergleichen auf den Schlips getreten fühlt, dann liegt es vielleicht auch in seiner eigenen Verantwortung, da mal seine Einstellung zu überdenken. Derartige Empfindlichkeiten können doch kein Grund sein, generell Leistungsvergleiche abzuschaffen? Muß denn jedesmal gleich die ganze Gesellschaft zur Verantwortung gezogen werden, wenn Einzelne mit irgendetwas nicht klarkommen? Das Beispiel des Arbeitnehmers im Text da oben ist übrigens nur aufgrund der gewählten Formulierung problematisch. Polemik in der Tat. Würde der Chef konkretisieren, woran es bei dem Kollegen vor ihm hapert und ihm Tips geben, wie er an sich arbeiten kann, um den Stand der anderen zu erreichen, wäre gegen einen derartigen Vergleich gar nichts einzuwenden.

    Ich persönlich bin der Ansicht, Abitur können wenn überhaupt nur dann alle schaffen, wenn wir voraussetzen, daß für jeden Schüler unendlich viel Zeit, Engagement und Geld zur Verfügung steht. Ist aber nicht so. Daher ist eine Abi-Rate von 100% m. E. Traumtänzerei.

  19. Schulsystem

    Das Problem: Das deutsche Schulsystem ist auf Selektion ausgerichtet. Es ist so aufgebaut, dass die Rosinen rausgepickt werden und die Schwachen schwächer werden.
    Das ist auch in der Bevölkerung anerkannt: Als der erste PISA-Schock kam, war der Impuls, der bei den Leuten ankam:
    “Wir müssen die Hochbegabten besser fördern”.
    Die werden und wurden aber schon immer gefördert. Es sind die schwachen Schüler, die lieber an eine andere Schule (Gymnasium –> Realschule –> Hauptschule –> Sonderschule) geschickt werden und die daher auch nicht das notwendige Rüstzeug zum Studieren mitbekommen.
    Wird das nicht grundsätltich geändert, braucht man über freien Hochschulzugang nicht mal nachdenken.

  20. eines …

    hat dueck ja schön herausgearbeitet: zumeist sind die eltern das problem. offenbar erfahren kinder nach wie vor die wesentlichen charakterbildenden prägungen zu hause. die art, wie sie überhaupt an den wissenserwerb herangehen, wird offenbar größtenteils sozialisiert. und auch das verhalten anderen und autoritäten gegenüber.

    polemisch gesagt: will man selbst die grenzdebilen zum studieren bringen, sollte man sie frühstmöglich ihren eltern wegnehmen. nur ob man selbst mit größtem aufwand aus einem zwerg einen brillanten basketballspieler machen kann …?!

  21. @ Tolya

    “will man selbst die grenzdebilen zum studieren bringen”: Dueck’s Dateninterpretation zufolge befänden sich unter Studenten bereits etliche mit deutlich unterdurchschnittlichen Fähigkeiten.

  22. @Peer

    Selbst wenn alle Schüler von der Krippe bis zur 12. oder 13. gemeinsam unterrichtet würden, gäbe es am Ende immer noch welche, die es schlicht und einfach nicht vor dem Pensionsalter packen. Es mag politisch inkorrekt sein, aber es gibt nun mal eine beträchtliche Anzahl von Menschen mit dem IQ einer Scheibe Toastbrot.

  23. @Ute

    “Selbst wenn alle Schüler …” Ich glaub nicht, dass das das Thema ist. Trotzdem wäre es interessant, Ihre Äüßerungen in quantitative Schätzungen zu verwandeln: Wenn die ca. 40% Abiturienten in der Gesamtbev. der intelligenteste Teil derselben seien, welchen Durchschnitts-IQ hätten die? Wie sähe der Durchschnitts-IQ deren Kinder aus (vorr. die reproduzieren sich nur Gruppenintern)? Wenn 88% dieser Kinder ein Abitur machen, diese deren intelligenteste Teilgruppe wären, welche Untergrenze hätte deren IQ? Wieviel % der Gesamtbev. liegen darüber?

  24. @T

    Auf Twitter meinte einer der anderen hiesigen Wissensblogger, die Studien, die sich mit der Vererbbarkeit von Intelligenz befassen, seien methodisch allesamt nicht makellos. Von daher halte ich eine Aussage für schwierig. Sie ist aber im Grunde auch irrelevant, denn am Ende zählt eben, _daß_ es nicht zu einer 100%igen Abirate kommen kann. (Es sei denn, man senkt das Niveau beträchtlich ab.)

    _Warum_ es bei manchen dazu halt nicht ausreicht, ist im Endeffekt nebensächlich. Denn zumindest eins läßt sich beobachten: Es ist nicht nur Nurture, sondern auch Nature involviert. Sprich: Auch Familie Einstein hätte aus Charlie Brown keinen Werner Heisenberg machen können. Von daher fände ich es auch idiotisch, ganze Schulsysteme basierend auf einer so fragwürdigen Prämisse umzustrukturieren.

  25. PS @T

    Ich bin mir nicht ganz sicher, ob sich die über 40% Abiturienten auf die Gesamtbevölkerung oder vielmehr auf den einzelnen Jahrgang beziehen. Falls dieser Statistik die Gesamtbevölkerung zugrunde liegen sollte, wäre diese Rate eigentlich schon sehr beachtlich. Denn es wären darin ja auch all die Generationen mit eingeschlossen, zu deren Schulzeit die Abiturientenrate noch weit niedriger lag.

  26. @Ute&Dueck

    “100%igen Abirate”: Wie gesagt, ist das m.E. nicht das Thema. Da ich sowieso den Eindruck habe, die (spärliche) Diskussion geht am Thema vorbei, wüßte ich gerne, wie Herr Dueck die Rezeption seiner Äußerungen erlebt und welche Schlußfolgerungen er daraus zieht.

  27. @T

    Tja, was hier eigentlich überhaupt das Thema des Textes ist, wüßte ich ja auch gerne – siehe 1. Kommentar von mir von vorgestern. Seelische Gesundheit, Urindianer & Jagd, Abitur, Eltern… Ich finde das gesamte Traktat ehrlich gesagt reichlich wirr.

    Komplett zustimmen kann ich nur der Aussage, daß aus vielen Kindern mehr werden könnte, wenn aus dem Elternhaus mehr Unterstützung käme.

    Aber daß durch bloße Förderung aus allen Kindern alles werden kann, wie es mir auch durchzuklingen scheint, ist/wäre in meinen Augen sozialromantischer, unrealistischer Unfug. Bedaure.

  28. “Langweilige Lehrfilme? YouTube hat alles. Ich behaupte: Bildung per iPad wird begeistern und bringt locker das bisschen Abitur in den Kopf.”

    Überschätze mir das Internet und die so genannten neuen medien nicht. Klar gibt es auf Youitube und Co alles, vor allem aber auch jeden Mist. Um sich im internet mit seinen unüberschaubaren Quellen zu bilden, womöglich noch bis zum Abitur oder dergleichen, braucht man aber eine solide Grundlage, um die Quellen auch zu hinterfragen. Nehmen wir doh einfach mal Youtube, Wenn ich da mein Fachgebiet betrachte, die Geologie, so wird man rach fündig. Da ich aber auch weiss, wass da auf den kleinen Filmchen zu sehen ist, und was zu sehen sein sollte und vor allem, wann der Kommentar absoluter Blödsinn ist, kann ich die Spreu schnell vom Weizen trennen. Ich bezweifel aber, dass mir das schon eine Handbreit neben meinem Fachgebiet gelingen würde, geschweige denn, wenn ich mich allzu weit davon entferne. OK, wenn man vertrauenswürdige Quellen kennt, ist das leichter. Nur, was sind diese vertrauenswürdigen Quellen? Um das zu entscheiden, brauche ich auch schon eine fundierte Grundlage. Ich bin also ziemlich skeptisch, was diese “Bildung per iPad” angeht.

  29. Warum immer Abi?

    Studieren kann doch heute fast eh jeder und das auch vollkommen ohne eine schulische Hochschulzugangsberechtigung?!? Wer also den Weg der Berufsausbildung ohne Abi geht, dann noch ein paar Jahre Berufspraxis erlangt, kann doch einfach als sogenannter “beruflich Qualifizierter Bewerber” ohne Probleme studieren… Von daher warum mehr Abiturienten, wenn das Ziel ist, mehr Akademiker auszubilden?

  30. Kommentar, wie ich die Diskussion erlebe

    Der “wirre” Artikel ist eine Fortsetzung von einem früheren mit dem Titel “Hirn verpflichtet”, was ja auch vorne steht. Sie sin ein Klick davon weg. Ich stelle nur fest, dass Kinder (weil Eltern sie prägen), fast immer so gut werden wie diese, wenn sie es vorleben. Deshalb machen fast alle Kinder (das steht in dem Artikel und in dem ersten auch) Abitur, deren Eltern eins haben. Jeder fügt sich in den gesetzten Standard, gell? Und dann schallt mir gewöhnlich ein Echo entgegen, gegen das ich diesen Artikel geschrieben habe. Auf Kongressen schimpfen sie, dass nun mal viele sehr dumm sind (hier “IQ wie Toastbrot”) und ich idealistisch. Ich erlebe hier die Diskussion genauso. Keiner geht auf die Tatsache ein, das Kinder sich an das Niveau der Eltern begeben, keiner hat offenbar gehört, dass in Finnland schon möglichst alle studieren (Finnland ist VORBILD, hören wir, und wenn ich als Deutscher ähnliches sage, ist das in Finnland Natürliche hier “sozialromantisch”). Wollen Sie zusehen, wie alle durch Automatisierung in Niedriglohnjobs gesteckt werden? Sehen Sie nicht, dass nach der Landwirtschaft und der Industrie sich jetzt auch die Services industrialisieren? Wie stellen Sie sich eine Wissensgesellschaft vor? Sie reden hier zum Teil doch genau wie in meinem “wirren” Artikel…sorry…und genau das habe ich im Artikel sagen wollen. Wer das Niveau heben will, bekommt den Kopf abgerissen – verrückt, weltfremd, romantisch.
    By the way, ich will nicht nur, dass viiiiel mehr Leute Abi machen, sondern die, die das heute schaffen, könnten noch mehr lernen: Verhandeln, Kommunizieren, Konklikte lösen, Führen, Verantwortung übernehmen, Urteilen können, Verkaufen,etc. etc. das neue Bildungssystem muss das liefern. Wissen allein ist bei Google.
    Und ich will, dass Erzieher im Kindergarten studiert haben und auch die Pfleger im Altenheim etc. … Oder den Meister machen etc.
    (Ich kann leider nicht alles in zwei Seiten schreiben, es gibt ja ein ganzes Buch dazu. AUFBRECHEN.

  31. @Dueck

    “Und dann schallt mir gewöhnlich ein Echo entgegen”: Stereotype irrationale Reaktionen von Gruppen lassen auf Interessantes im Hintergrund schliessen, welche Ideen haben Sie dazu? Beispielsweise ist der Glaube an die Entwicklungsfähigkeit des kindlichen Gehirns, an den Sie anknüpfen, in der Mittelschicht ja weit verbreitet, wenn man sich deren Förderungsinvestitionen in die eigenen Kinder anschaut.

  32. Alte Festungen und die Angst vor verlust

    Ich habe nach der Lektüre nur eine kleine Frage, ich bin relativ frischer Student, zuvor also auch Abiturient. Ich kann diesem Artikel vollstens zustimmen, ich habe viele Fächer gehabt in denen das Niveau allein von den Lehrern abhing… Es ist meiner Meinung nach ein Fakt, dass nur die, die auch einen Lernwillen mit anerzogen bekommen, gerne lernen. Damit meine ich nicht, dass ich immer freudestrahlend in die Schule gegangen wäre, jedoch habe ich ein gewisses Intresse allem neuen Gegenüber, dass ich bei vielen Mitschülern vermisse. Meistens kommt dieses Interesse, wenn man total begeistert mit ihnen diskutiert. Nur von Haus aus ist dieser Wille nicht vorhanden, also ein Erziehungsproblem, wie ich dem Artikel beipflichten würde.

    Ich denke zudem, dass diese ganze Diskussion “Dumm wie Toast” lediglich die Angst ist, dass alle Menschen ja schlau sein könnten und man selbst ja nicht mehr so relevant sein könnte…

    Zur Aussage “es kann ja nicht jeder studieren, es muss auch Arbeiter geben” frage ich mich ob man nur weil man Abitur hat nicht mehr im Stande sein soll mit seinen Händen zu Arbeiten… Ich habe einen ganzen Schwung Mitschüler gehabt, die danach auch handwerkliche Berufe ausgeübt haben und glücklich sind, trotzdem stehen ihnen sowohl formell als auch “intellektuell” die Türen zur Uni offen…

  33. Handwerker und Abi…

    Mein Gärtner-Meister ist Dr. der Biologie und glücklich. Und Bauern (mein Vater ist einer gewesen) schaffen optimale Viehhaltung gar nicht mehr ohne so eine Art Fachstudium, oder sie müssen subvntioniert werden. Oder KFZ-Leute…oder oder… Leute, die Welt ist bald nicht mehr so einfach. mehr sag ich nicht.
    Und Leute sind meistens so intelligent wie ihre Umgebung. Die Leistung einer Firma hängt großenteils vom Klima ab etc.
    Es gibt Messungen (tolles Buch: Peopleware, oder dt Wien wartet auf dich), wie lange Programmierer für eine Aufgabe brauchen. Es hängt NICHT vom Alter, Geschlecht, von der Prgrammiersprache, von der Erfahrung, vom Gehalt ab, von nichts, AUSSER: von der Firma, in der man arbeitet. Da gibt es einen inneren Konsens, wie lange es dauert. Und da ist die beste Firma so etwa 250 Prozent besser als die schlechteste. Wie in der Schule, oder?

    Und so, denke ich deshlab , ist es auch bei der Erziehung…Man bestimmt, wie gut etwas gemacht werden soll und wie lange es dauert. Warum kommen alle mit dem IQ?

    Hier diskutieren wohl nur jüngere Leute…werden Sie mal Tutor oder Manager oder so etwas. Die Leute scheitern fast immer an Macken, mangelnder Disziplin, Null-Bock, Versagensangst, mangelndem Selbstbewusstsein, Mutlosigkeit.

    Kennen Sie das denn nicht as der Schule oder von sich selbst, wenn es mal nicht gut lief? Wenn die Freundin grollt – Klausur weg…Was glauben Sie, was mit Leuten geschieht, deren Eltern sie nicht richtig behandeln?

  34. Finnland ist Vorbild?

    Aber nur bei denen, die die andere Seite der Medaille unterschlagen:

    http://www.finland.de/dfgnrw/dfg043a-pisa11.htm

    Wie gesagt: Aus geförderten Kindern kann man viel rausholen, ja. Das ist sicher auch mit ein Faktor, warum die Kinder von Abiturienten ihr Abitur überdurchschnittlich oft schaffen. Aber Förderung ist nicht alles, und ob es Ihnen nun gefällt oder nicht: Manche sind nicht intelligent genug. Die können Sie fördern, bis Ihnen der Lehrstoff zu den Ohren wieder rauskommt.

    “Verhandeln, Kommunizieren, Konklikte lösen, Führen, Verantwortung übernehmen, Urteilen können, Verkaufen,etc. etc. das neue Bildungssystem muss das liefern.”

    Fein. Und bitte wie, wenn das Abi nun in vielen Bundesländern schon nach 12 statt nach 13 Jahren geschafft werden muß? Wenn viele schon heute nicht wissen, wo sie die Alpen auf einer Landkarte finden? Nach Ihrer Vorstellung müßte der Staat den Eltern die Kinder schon nach der Geburt wegnehmen und 24/7 in passende Erziehungsanstalten stecken, damit all diese hehren Ziele erreicht werden können. Ansonsten dürfte die Zeit kaum reichen.

    “Wer das Niveau heben will, bekommt den Kopf abgerissen – verrückt, weltfremd, romantisch.” => Erstens reißt Ihnen hier niemand den Kopf ab, sondern es werden lediglich eklatante Schwachstellen Ihrer Theorie aufgezeigt. Zweitens hat niemand etwas dagegen, daß Sie das Niveau heben wollen. Aber es befremdet schon, daß Sie Dinge wie individuelle Veranlagung einfach als irrelevant beiseite wischen. Das erinnert an Pippi Langstrumpfs Motto “Ich mach mir die Welt, widdewiddewie sie mir gefällt.” Wissenschaft ist was anderes, meine ich.

  35. Wie viele nicht so Intelligente

    Hier ist die Statistik, also vom reinen IQ her können doch dann 75% Abi machen, oder?

    IQ BEZEICHNUNG
    % DER BEVÖLKERUNG
    PROZENTRANG
    <70 schwachsinn sehr niedrig niedrig durchschnitt hoch sehr hoch> 130
    hochbegabt 2 98
    > 140 “Genie” 0,5 99,5

    Wir müssen ja nicht streiten, es ist noch ein langer Weg – und Sie (“Ute”) sagen ja selbst, dass die Finnen die unteren Prozent optimal anheben, dass sind dann die 19 Prozent in der Tabelle. Bleiben noch knapp zehn unter 80…ja, die gibt es. (Und den IQ kann man höher bekommen, wenn man sich “kümmert”.)

    Zu den Hochbegabten in Finnland: Da ist es unseriös (in dem empfohlenen Artikel), einfach konfronatativ zu fragen…aber okay, da wird dann nicht viel getan. HIER aber auch nicht! Ich bin seit über 25 Jahren in der Jury der Studienstiftung und habe freiwillig etliche Veranstaltungen für die Hochbegabten “gespendet” (Sommerakademien)…bin selbst hochbegabt und hab auch zei Kinder dieser Art. Und? Es wird neichts richtig gefördert. Hochbegabte haben in der Schule Unterforderungssyndrome, stören und machen sich lustig. Ich selbst hab einfach tarurig geschwiegen…viele Jahre lang.
    Das aber ist eine andere Kolumne, die liegt hier noch. Es ist so, dass die Unterforderung (boreout) dann zu Verhaltensweisen fürhrt, die einem als schlechter Charakter angehängt werden. Ich bin erst bei Wechsel von Uni zu IBM mit 35 Jahren so einigermaßen “entschüchtert” worden.

    (Ich habe auc schon ein ganzes Buch “Menschen in artgerechter Haltung” geschrieben…ich kann das leider hier nicht alles wiederholen…ich meine, die Kolumne ist nicht einfach aus dem hohlen Bauch.)

  36. nach vielen Jahren Schweigen …

    “Hochbegabte haben in der Schule Unterforderungssyndrome, stören und machen sich lustig. Ich selbst hab einfach tarurig geschwiegen…viele Jahre lang.”

    … possierlich, irgendwie.
    Warum ist das eigentlich so – dass man nicht über den eigenen IQ (oder ähnliches) öffentlich sprechen darf? Das ist doch genauso “tabu” wie …

    Aber nun, Herr Dueck, nehmen wir also den unfähigen Eltern die Kinder weg, als Quintessenz? Bzw. Ganztagsschulen könnten helfen … oder gleich alle in Wochenschulen?

    Nur sollten die Lehrer und Erzieher dort ein wenig talentierter sein als das Gros heute; auch die Erzieher müssen erstmal erzogen werden.

    (Und dann am Besten auch noch die Erzieher der Erzieher der Erzieher …? 😉

  37. Hochbegabung

    im Übrigen:
    Ich halte den Begriff “Hochbegabung” für problematisch. Man assoziiert nur Gutes, stellt aber fest, dass etwa im Mensa-Club eine große Zahl der Mitglieder als Taxifahrer o.ä. ihr Geld verdienen. Seltsam?!
    Nicht wirklich. Auch Autisten haben Inselbegabungen. Viele Hochtalentierte, auch in anderen Disziplinen wie dem Sport, sind geradezu monomanisch von einem Aspekt ihrer ‘Existenz’ besessen. Dort erreichen sie Höchstleistungen … aber gerade die Charakterbildung, die sozialen Fähigkeiten etc. bleiben auf der Strecke.
    Was wäre das für eine Welt, in der nur Einsteins, von Neumanns, Lance Armstrongs, Lothar Matthäusse lebten?
    Die Dr. Seltsams hätten unseren Planeten schon längst nuklear verwüstet …

    Hochbegabung beschreibt immer auch eine Abweichung, vielleicht gar einen Defekt (viele Unfähigkeiten werden nicht beachtet, weil man ja erfolgreich auf seiner Insel(begabung) herumreiten kann)
    .

    Die bloße Erhöhung der Denkleistung oder des IQs wird m. E. eine Gesellschaft (wie etwa die deutsche) nur in geringem Maß erfolgreicher agieren lassen. Man fördert nur die Spezialisten, die dann im Alltag Generalisten brauchen, die ihnen die einfachsten Dinge erklären oder organisieren … eine Nerd- oder Monomanikergesellschaft kann doch nicht das Ziel sein?!

    Auch Selbstkritik, Empathie, aktives Zuhören und gegenseitiges Mutmachen tragen zu einer erfolgreichen Gesellschaft bei. Und wer vermittelt das in der Schule, im Studium?

  38. @Dueck

    “…werden Sie mal Tutor oder so etwas”: Meine Erfahrungen, vorwiegend Nachhilfe für Studenten, passen zu Ihren Aussagen zu den Begleitfaktoren erfolgreichen Lernens, aber dennoch finde ich, dass Sie da ein bischen kurzschlüssig sind. Denn die Daten gehen ja viel eher in die Richtung, dass Bildungserfolg und intellektuelle Fähigkeiten entkoppelt sind, was interessante andere Anschlußüberlegungen ermöglicht. Ich selbst habe bisher übrigens oft enorm von der Selbsverständlichkeit, mit der ein paar Bekannte, die in ihren Gebieten extrem fit sind, mit Theorien usw. umgehen, deren “Aura” als furchtbar schwierig und kompliziert mich sonst entweder völlig abgeschreckt hätte oder zumindest mein Lernen sehr in die Länge gezogen hätte, profitiert.

  39. @Dueck: Uni?

    Mir fällt gerade auf, dass Sie auch Ihre Unizeit als ‘Boreout’ betrachten. Hatten Sie nicht Mathe studiert und dann an der Uni unterrichtet? Ich würde denken, Mathematik liefert mehr als genug Interessantes zum Lernen und Nachdenken, z.B. algebraische/arithmetische Geometrie? Mich (als Ausserakademiker) würde ich interessieren, wie Sie die Uni und die Leute dort erlebt haben (ich kenne sie ja fast nur indirekt, über die Nachhilfestudenten und ein paar Freunde im Wissenschaftsbetrieb).

  40. ein Kochdiplom – Heureka!

    ich glaube, jetzt hab ich’s langsam kapiert! Heureka, vielleicht…
    Wenn ich nun versuchen würde ein Beispiel zu bringen, das mich gerade sehr interessiert, so ganz konkret?
    Ich koche gerade sehr leidenschaftlich und gehe auch sehr gerne in sehr gute Lokale. Das ist kochen der Moderne. Ehemals war kochen eine Notwendigkeit. Jetzt ist es so etwas geworden wie performing art! Ferran Adria, der beste Koch der Welt hat sogar schon einen Lehrstuhl fürs Kochen an der Uni in Madrid (da bin ich nich ganz sicher wo). Was er in seiner Küche erforscht, das diffundiert in die Gesellschaft hinein. Z.B. dass die Textur einer Speise wichtig ist. Textur verändert ALLES. Da muss man dann schon mehr können, als die Chemie einer Emulsion. Aber das zu erleben, zu essen ist eine neue Welt! NEU!
    Ich war ja mal beim Herrn Wohlfahrt, dem besten Koch Deutschlands. Ich habe kein Gericht verstanden oder auch nur im Ansatz adäquat würdigen können, aber etwas ganz wertvolles habe ich dort gewonnen. Exzellenzkompetenz! Ich weiß beim eigenen Kochen jetzt, dass es auf eine bestimmte Harmonie im Gericht ankommt!
    Und hätte ich ein Kind, das gerne Koch werden würde, dann würde ich es da mit hinnehmen. Ich würde ihm sagen, wenn es wirklich gut werden will, dann muss es in Madrid studieren! Warum denn nicht? Dann bräuchten wir aber viel mehr Studiengänge! (Nicht jeder kann nach Madrid, oder nach Tonbach!)
    Wir sollten nicht streiten OB wir die Bildung so allumfassend brauchen, sondern lieber über das WIE!

  41. Bildung vor dem Hintergrund der Kultur

    @ Alexander Wolf hat den Hintergrund deutlich gemacht: Die Bildungssituation muss dem Kulturstand und -Ziel angepasst werden. Jeder wünscht sich heutzutage eine warme Wohnung mit Fernseher in einem gut organisierten Staat.

    In einer Gesellschaft, in der eine Dorfgemeinschaft bei Getreidemangel einfach mal das Nachbardorf niedergemetzelt und ausgeraubt hat und Blutrache an der Tagesordnung war, gehörte jemand, der Schreiben und Lesen konnte, zur Elite.

    Wir steuern umgekehrt also auch unsere politischen Verhältnisse über den Bildungsgrad der Bevölkerung. Deshalb bleiben ja die Zustände in Afghanistan so schlimm.

    Insofern hat Gunter Dueck schon Recht, einfach mal mehr Bildung zu fordern, unabhängig von den Kosten. Von Jahrzehnt zu Jahrzehnt muss man dabei das Bildungssystem den Verhältnissen neu anpassen. Wenn heutzutage die Eltern die Leistung nicht mehr erbringen können oder wollen, müssen es eben andere übernehmen (Kindergärtner, Nachhilfelehrer etc). Er hat ganz richtig aufgezeigt, dass jedes Schulkind mit der richtigen Förderung Erfolg hat.

    In meiner Praxis als Lehrer habe ich es deutlich bemerkt, dass jeder schlechte Schüler fantastische Fortschritte macht, wenn man ihn besser fördert. Nur weiss ich aus der Praxis auch, dass der heutige Lehrer keine Zeit dafür hat.

  42. Polemik gegen Nicht-Gymnasiasten???

    Hmm.

    Was ich nicht mittragen kann ist, dass die Universität kein Garant dafür ist, dass man wirklich intelligent wird. Wenn ich mich in meinem Studiengang umschaue und mir allgemein die Lernmentalität der Studenten anschaue, dann bin ich geneigt anzunehmen, dass studieren nicht wirklich klug macht.
    Und mit der Einführung des Bachelor wurde denn auch gezeigt, wie unfähig das ganze System ist, auf die veränderte Komplexität der Welt zu reagieren. Heute bedeutet an der Uni ein “sehr gut”, dass man sehr gut auswendig gelernt hat und das man sehr hübsch konform mit der gängigen Auffassung der Ordnung der Dinge ist (also das Gegenteil innovativen Denkens). Das wird denn auch gemessen und nicht etwa Denkfähigkeit und Intelligenz, die meines Erachtens mit Multiple-Choice-Tests auch nicht erfassbar ist. Kategoriales Denken ist mit Multiple-Choice erfassbar, mehr nicht.
    Die selben Aussagen kann man für das Gymnasium machen. Die wirklich klugen Leute dort verzweifeln an dem Zwang zum Gehorsam und zur Konformität, an der erdrückenden Gleichförmigkeit, die ihnen aufgezwungen wird. Und so lassen sie es denn auch ein wenig schleifen, weil ihnen ein 3 so wertvoll ist wie eine 1: nämlich fast nichts. Die wirklich klugen Leute geben nämlich nur wenig bis gar nichts auf Noten, sie bewerten sich selbst oder lassen sich von Freunden und Vertrauten bewerten (wieviel Vertrauen gibt es heute schon noch zwischen Lehrendem und Lernendem?). Was bringen Noten auch schon? Es ist ein Verwaltungsinstrument, das als Bewertungsinstrument läuft. Glücklich machen sie nicht viele, denn man lernt dann für eine Note, nicht mehr um zu lernen (sowohl in der Uni als auch in der Schule). Und bekanntlich können nicht alle eine 1 bekommen, sondern nur sehr wenige. Man nennt den Willen zu Konformität in Bildungseinrichtungen heute Leistung, aber es ist trotzdem im wesentlichen der Willen zur Konformität, den man will.

    Ich finde auch ihre Aussage, dass die Kinder von Eltern mit Abitur auch immer Abitur machen könnten, weil sie das statistisch auch häufig tun würden, auch etwas sehr verkürzt. Gymnasium etc. hat nicht so viel mit der Intelligenz der Eltern zu tun. Denn das hieße, sie sagen, dass nur die Dummen nicht auf das Gymnasium gingen und das, weil ihre Eltern ebenfalls dumm waren. Das ist dann selbstgerechte Selbsterhöhung eines Akademikers, aber keine objektive Tatsachenanalyse.

    Womit ich auf meinen Anfang zurückkomme: die Uni bildet nicht wirklich. Das wusste schon Baruch de Spinoza: “Die Universitäten, die auf Staatskosten errichtet wurden, sind nicht sowohl zur Erweiterung des Geistes gebaut, sondern vielmehr zu dessen Einschränkung. In einem freien Staat sollte jeder, der danach begehrt und der sich angemeldet hat, auf Gefahr des eigenen Rufes und auf eigene Kosten lehren dürfen.”
    Und der Mann hatte Weitblick! Was wir brauchen, sind Zugänge zur Bildung, Vereinfachung und Erleichterung von Zugängen. Jeder soll lernen, was er für geeignet hält. Wir leben nicht mehr im 19.Jh., wo absehbar ist, was morgen passieren wird und was man übermorgen für Fachkräfte brauchen wird und was diese Fachkräfte eigentlich können müssen. Heute sieht man das sehr gut an den Informatikern, denen kaum etwas über Datenschutz in ihrem Studium vermittelt wird und die nun entweder unfähig oder quasi unbrauchbar sind, weil ihnen Kernfähigkeiten fehlen, die man vor 15 Jahren so noch gar nicht bedacht hatte und bedenken konnte. Unsere Studiengänge sind immer noch, ebenso wie die Schulen, bis unter die Oberlippe durchkanonisiert, d.h. in der Entfaltungs- und Erfahrungsmöglichkeit extrem beschränkt (sonst fiele auch Kontrolle und Vergleichbarkeit sehr schwer, nicht wahr?). Man lernt hier nicht, über seine Grenzen hinauszudenken, sondern innerhalb strikt vorgegebener Grenzen zu denken; in Zukunft und bereits heute brauchen wir aber keine eng-beschränkten Intelligenzen, sondern spezifische Intellektuelle, mit weitem Blick in den Dingen, die sie denken können über die Grenzen der meisten anderen hinaus. Man muss heute Denken lernen, nicht Mathe oder sonstwas (das sind dann nur noch Elemnte des Denkens).
    Der Universalgelehrte existiert nicht mehr. Die Unis und Schulen sind aber immer noch so aufgebaut, als müssten viele möglichst universal-gelehrt werden, ganz so wie zu Zeiten Humboldts.

    Die Klugen sind aber heute nicht die, die dem (Gaußschen) Durchschnitt entsprechen, sondern die, die an dessen Rändern normativ sein können, nicht weil sie mutig sind, sondern auch weil sie klug sind und weil man Normativität am Rand der Gaußschen Glocke “Innovation” nennt. Diese sind deswegen die Klugen, weil wir haufenweise Probleme haben, vor denen all unsere bisher funktionierenden Lösungen (die Lösungen der Mitte der Gaußschen Kurve) scheitern. In den 90igern hat man genau dies die “Krise der Institutionen” genannt und ich sehe wahrhaftig nicht, dass wir diese Krise gelöst hätten. Beispiele dafür wären das Finanzsystem, das Gesundheitssystem (Schweinegrippe, Vogelgrippe? Übermedikalisierung, unzureichende Studien gegen Schmiergelder, Volk der Pharmareferenten?), das Bildungs- und Ausbildungssystem (Bachelor, Schulen, Bildungszugänge), das Arbeitssystem (Kurzarbeit, Leiharbeit, Arbeitslosenverwaltung), die sich mit Migranten beschäftigenden Systeme (Abschiebegefängnisse, Blitzabschiebungen ohne wirklichen Prozess, Rassismus in Institutionen) usw.; ich weiß nicht mehr genau, wer es gesagt hat, aber dieser Mensch sagte in etwa, dass all unsere Institutionen und Erfindungen und Erfahrungen, die uns bis hierhin (bis ins Heute) geführt haben, notwendig waren, um zum Heute zu kommen, jetzt aber behindern sie uns am Weiterschreiten. Dieses Problem zu lösen ist eben Aufgabe von intelligenten Menschen, doch um eine solche Ausbildung bemüht sich niemand. Man muss sie selbst machen, es gibt keine (lebenden) Lehrer dafür.
    Und sie wollen jetzt also behaupten, wenn einfach nur mehr aufs Gymnasium und in die Universität gingen, würde es schon ganz eigentlich recht gut werden? Wer zb. soll das denn überhaupt bezahlen? Die “Ungebildeten”? Wieiviel sollen die noch bezahlen??

  43. @ Moni

    Sehr kluge Einlassungen!

    Ich bin aber ein bisschen frustriert…ich sage im Artikel, dass ich glaube, dass Kinder mit Abi-Eltern darum selbt Abi machen, weil man sich mehr um sie kümmert und weil Kinder ungefähr so werden dürften wie die Umgebung, oder? Das mit der höheren Intelligenz der Eltern habe ich explizit NICHT gesagt, mein Argument ist doch, das JEDER mit bestimmtem Umfeld das alles schafft.

    Dann: Es geht nicht darum, dass alles gut würde, wenn alle gebildet wären. Es ist so, dass derzeit alle “normalen” Jobs so stark automatisiert werden, dass sie wegfallen oder Niedriglohn bringen. Wir MUESSEN!! Gebildet werden, oder wir leben zu chinesischem Lohnniveau. Das Uni und Schule schlecht sind und genau so wie Sie sagen, hilft nicht. Die müssen auch umgebaut werden…dazu schreib ich auch dauernd.

    Sogar Bill Gates hat was gesagt!
    http://winfuture.de/news,57362.html

    Im Buch Aufbrechen stehen etliche 10 Seiten dazu drin…, auch dass es darum geht, eine neue Kultur zu schaffen, nicht eine , die Wissen in den Kof haut, sondern mit Wissen umgehen lernt…

  44. neue Studie

    Ein Bericht über eine neue Studie – Herr Dueck hat also im polit. Diskurs vorsichtig, aber treffsicher einen offenliegenden Nerv getroffen:) Mit konkreten Forderungen (kostenlose: Frühbildung, Kindergartenpl., Lehrmittelfreiheit, Studienplätze) und Überlegungen, was von Politikern zu halten ist die derartiges blockieren, würde das Theater erst so richtig losgehen.

  45. Hmm

    Interessanter Text. Nur lösen einige Ideen doch etwas Skepsis aus:
    – Auf die Frage, wen nun arbeiten soll wenn alle studieren wurde nicht eingegangen. Es ist nun mal so dass einer der studiert hat nie Müllman werden will oder Straßenfeger, Friseur, … und mit viel höheren Gehaltsvorstellungen daherkommt.
    – Meine Freundin ist Lehrerin und ich sehe den Aufwand der betrieben wird um das Lernen interessant zu machen. Es ist aber so, dass die versuche teilweise schon von Schülern sabotiert werden “Weil Schule ja eh scheiße ist, und was will die alte überhaupt von uns?”. Die Probleme sollten im Elternhaus gesucht werden, es kann nicht Aufgabe der unterbezahlten Lehrkräfte sein die Kinder zu Erziehen.
    -So sehr man das Bildungssystem ändert, der Markt wo man sich nach der Schule bewirbt is halt von Konkurrenz geprägt. Und Kuschelpädegokik-bloß-kein-Stress-Kinder sind dem druck nicht gewachsen.

  46. sehr gut – bitte weiterbloggen

    Herr Dueck, mir gefällt sehr was ich in Ihrem Beitrag lese. Ich finde mich in Ihrer Beschriebung gut wieder; bin ich doch ebenso durchschnittlich geworden wie meine Eltern. Erst heute mit Mitte Vierzig lerne ich die Dinge die mir wichtig sind und den Menschen aus mir machen, der ich sein kann. Und in manchen Fällen gelingt mir sogar das Querdenken. Das macht Spaß – und frei.

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