Pokémon Stop and Go

BLOG: WILD DUECK BLOG

Wahrheiten als Querdenkerisches verkleidet, von Gunter Dueck
WILD DUECK BLOG

Als großes Kind spiele ich natürlich seit etwa zwei Monaten Pokémon Go. Es ist so aufregend, das erste Taubsi zu erlegen! Dafür gibt beim ersten Mal 500 Erfahrungspunkte. Die Freude legt sich dann, wenn diese Taubsis überall sind und man doch auch einmal andere Arten fangen möchte. Die Seltenen sind leider nicht überall, also beginnt man mit der idealen Vorstellung, einst alle knapp 150 verschiedenen Pokémon gefangen zu haben.
Öffnet man die App, so sieht man eine sehr rudimentäre Version der Open Street Map oder von Google Maps. Hier ist der eigene Standort zu sehen – und da stehe ich selbst bzw. mein Avatar. Ich sehe auf der Karte die Kampfarenen, die Pokestops und vielleicht auch einfangbare Pokémons in meiner Nähe. An den Pokestops bekommt man kostenlos Bälle oder so eine Art Kapseln, mit denen man die Pokémons abwerfen muss – wenn man gut trifft (eventuell muss man öfter treffen, wenn die Pokémons stark sind), verschwindet das Pokémon in der Kapsel, die es getroffen hat. Dann gehört das Pokémon mir. Ich darf bis zu 250 Pokémons besitzen. Irgendwann hat man lausig viele Taubsis und Raupis, dann schickt man sie irgendwann „zum Professor“ und bekommt dafür eine kleine Belohnung. Man hat auch einen Brüter, mit dem man Eier ausbrüten kann! Die Eier bekommt man eher seltener auch an den Pokéstops, aus ihnen schlüpfen Pokémons, auch oft seltene. „Brüten“ bedeutet, dass man mit dem Smartphone einige Kilometer zu Fuß gehen muss, dann schlüpft eines aus. Heute war es bei mir so weit. Ich hoffte auf ein ganz neues Pokémon, das ich noch nicht habe, aber es schlüpfte ein Taubsi. Da möchte man manchmal das Smartphone wegwerfen!

So – das war eine grobe Vorstellung. Wer gut spielen will, muss also möglichst oft zu Pokestops, um Bälle, Eier und Wiederbeleber gegen im Kampf bewusstlos gewordene Pokémons zu bekommen (wenn sie in der Arena boxen). Man muss lange herumlaufen, um seltene Pokémons zu finden, und zum Brüten muss man auch laufen, allerdings egal, wohin. Laufen! Laufen! Laufen!

Viele Leute finden die Regeln albern. Bälle sammeln, wie niedlich! Ich versuche es Ihnen einfach zu erklären. Militärisch, dann blicken Sie es gleich. Interessant, oder?
Die Bälle sind nämlich so etwas wie Munition von Gewehren, mit denen man die Pokémons abschießt (es heißt: „fängt“). In den Arenen boxen sie – sie vernichten sich eben. Ich meine, es ist wie ein Ballerspiel, aber die Geschichte ist lieb, es gibt kein Blut. Daher regt sich niemand auf, obwohl es doch irgendwie wie sonst ist. Wenn man die Pokémons „zum Professor in Pflege schickt“, so ist das eine nette Beschreibung für das Löschen. Aber die ist lieb! Alles ist lieb an diesem Spiel, aber die Leute regen sich jetzt wieder auf. Es ist zwar kein Ego-Shooter, aber pfui, die Kinder verbringen so viel Zeit damit, sie laufen jetzt unsinnig durch den Wald! Sie kommen am Sonntag wie schon immer gefordert zum Spazierengehen mit, aber nur auf Wegen mit Pokestops und nur mit gesenktem Haupt auf das Smartphone. Pfui, sie sollen auf die Vögel im Walde achten und nicht auf Taubsis. Warum spielen sie nicht Halma oder Fang den Hut? Sie laufen herum wie früher wir bei Schnitzeljagden, das waren noch anständige Spiele! Und die heutigen Nichtkinder meckern und meckern – eigentlich immer.

Oh, ich habe wichtige Beobachtungen gemacht!

Das Spiel braucht dauerhaft die Map, dann das Bewegen meines Avatars auf der Karte, immer GPS, damit die Pokémons in der Nähe angezeigt werden können und immer eine Internetverbindung, über die in der Cloud registriert wird, welche Goodies ich am Pokestop bekam und welche Pokémons ich fing. Dadurch wird so ein modernes Smartphone das erste Mal so richtig heftig benutzt – es läuft heiß, und nach kurzer Pokémon-Jagd (zwei Stunden?) ist der Akku leer. Schlimm? Jetzt erst merkt man, dass das GPS flackert und in Gebäuden nicht gut funktioniert – doof, nun weiß der Brüter nicht, dass ich laufe und brüte – der Brüter zählt meine wertvollen Verdienstschritte nicht mit, wenn er kein GPS findet. Wenn ich zwanzig Minuten im Frankfurter Flughafen von A40 bis zum Koffer laufe, zählt es nicht! Im Wald zählt es oft nicht – immer fehlt entweder GPS oder Internet. Ja, und nun sieht jeder, worüber ich schon immer schimpfe: Das Internet ist kaum da. Es setzt überall aus, man bekommt sogar in Citys oft nur Edge oder GPRS oder gar nichts. Es gibt etliche Pokestops, wo nie Internet ist – Pech, die sind so gut wie nicht da. Ich will sagen: Wenn wir demnächst medizinische Überwachung per Smartphone und eHealth bekommen, wird es genauso lausig performen wie jetzt das Pokémon Stop & Go. Es ist zum Haareraufen!

Ja, und dann möchte ich auf die Feinheit hinweisen, dass die Pokestops hauptsächlich genau an den Sehenswürdigkeiten hierzulande zu finden sind (weil die Firma Niantic dafür weltweit die Geo-Koordinaten hat – wegen eines früheren Geo-Spiels). An jedem Denkmal, an Kirchen oder Museen sind welche. Diese Sehenswürdigkeiten sind jeweils nett abgebildet auf einer Infotafel zu sehen, die man antippen muss, um Bälle und Eier zu bekommen. Man kann durch richtiges Draufpatschen auch eine nähere Erklärung bekommen, wofür dieses Denkmal nun da ist. Das bringt mich auf eine wichtige Idee – deretwegen ich eigentlich hier schreibe: Können wir das nicht abwandeln und kleine Schulübungen auf die Tafeln drucken? Vokalen abfragen? Kleine Mathe-Specials? Wissensfragen zu der Umgebung hier? Wir könnten die Multiple-Choice-Fragen des Mediziner-Physikum an Pokéstops stellen, dann werden die Ärzte besser…bestimmt.

Warum kommen unsere Lehrer und Bildungspolitiker nicht einmal auf so geniale Ideen wie Pokémon Go, Kinder spielend die Hausaufgaben machen zu lassen? Wer was weiß und kann, bekommt vielleicht ein Evoli-Bonbon oder ein Pikachu-Empowerment? Wieso nutzen wir das nicht, dass wir Kinder jetzt so liebend gerne zwischen allen Sehenswürdigkeiten hin und her rennen? Wieso kann jedes Kind alle Namen aller Pokémon aufsagen, aber nicht so viele Insektenarten?
Wieso lachen oder protestieren die Pädagogen gegen eine „neue Sucht“? Warum können Sie niemals eine Sucht nach Bildung in uns erzeugen? Wieso war früher der Besuch eines Gymnasiums eine Gnade oder ein Privileg und warum ist es heute eine Last? Wenn die Erwachsenen uns spielen sehen, müssen sie doch ins Grübeln kommen, wenn sie so viel freie Energie und Beharrlichkeit überall sehen? Was wäre, wenn wir Bildung interessant machen würden?

Ich weiß schon, was Sie sagen: Man muss es sich hart erarbeiten, Medizin muss bitter schmecken, ohne Überwinden von Schweinehunden geht nichts! Wenn Übungen auf den Schultafeln stehen, hören die Kids sofort auf, sie hassen Aufgaben jeder Art. Da denke ich, Sie verstehen uns Kinder nicht.

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www.omnisophie.com

Bei IBM nannten sie mich "Wild Duck", also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie "Teil des technologischen Gewissens". Ich habe mich viel um "artgerechte Arbeitsumgebungen" (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um "artgerechte Haltung von Menschen"! Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen. Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater - und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe. Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren. Gunter Dueck

7 Kommentare

  1. Sie schrieben:
    “Das bringt mich auf eine wichtige Idee – deretwegen ich eigentlich hier schreibe: Können wir das nicht abwandeln und kleine Schulübungen auf die Tafeln drucken? Vokalen abfragen? Kleine Mathe-Specials? Wissensfragen zu der Umgebung hier? ”
    Ja, das könnte man machen, aber dieses Spiel würde keiner spielen.
    Interessante ist der Gedanke, dass die Spieler – wenn ich das richtig verstanden habe – an bestimmte Orte gelockt werden können, weil es da Eier und Bälle abzuholen gibt. Man könnte ihre “Tafeln mit Schulübungen” an diese Orte stellen oder Lehrer, die “Vokalen abfragen” . Vielleicht hülfe ja das.

  2. Bildung könnte ganz ähnlich wie bei Pokémon Go auch spielerisch vermittelt werden, Kinder oder kindlich Gebliebene (der Schreibär dieser Zeilen rechnet sich hier partiell hinzu) stehen halt auf “Erfahrungspunkte”, “Level” (wer wäre nicht gerne “Legend“?) und das Suchen wie die Sammelei.

    Am Rande notiert:
    Der Fressfeind des Pokémon Go-Spielers ist das Elektro-Auto.

    MFG
    Dr. Webbaer

  3. Ich hab auch mitbekommen, dass einigen Leute auf einmal bewusst wird, wo z.B. Stolpersteine überall angelegt. Punkte, an denen die meisten ja doch eher weitergehen ohne drauf zu achten.

  4. Es gibt dazu aber auch schon wissenschaftliche Untersuchungen, zu Gamification allgemein und Produkten ähnlich “World of Classcraft” (eines Unterrichts-Computerspieles). Ergebnis, konform zu älteren Erkenntnissen: Extrinsische Motivation tötet in der Tendenz intrinsische Motivation in thematisch verwandten Arealen oder, nach anderen Autoren, sogar allgemein. Die Schüler, die begeistert bei einem Spiel mit starkem Belohnungssystem mitmachen, zeigen parallel verringerte Eigenmotivation und Kreativität. Offenbar erfordert die Entwicklung besonderer individueller Stärken eine Art von Geduld, die solche Spiele untergraben. Wobei ich persönlich damit keineswegs sagen will, dass ich diese Spiele für in jeder Hinsicht negativ halte. Man sollte sie nur nicht übertreiben.

  5. Ich warte lieber auf das Halo-Go, damit ich in der Wiener Innenstadt Aliens jagen kann.
    Interessant wäre auch Tomb-Raider-Go in den echten Katakomben.
    Wenn man für den Eintritt bezahlen muss, dann wäre das ein gutes Geschäft für den Fremdenverkehr.
    Oder der Pokemon-X-Prize, wer findet das erste Pokemon auf dem Mond.

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