Pflegeroboter und Technologielüge

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Wahrheiten als Querdenkerisches verkleidet, von Gunter Dueck
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Einsparungen kommen zuletzt immer dem Menschen zugute! Das ist die Grundlüge unserer Zeit. Sie lässt sich schwer entlarven. Vielleicht kann ich am Beispiel des Krankenpflegeroboters Ihre automatischen Gedanken ein wenig umbetten und waschen?

Im Handelsblatt von 10. September 2007 heißt es in einem Artikel über Pflegeroboter auf der Technik & Innovation Seite 21: Skeptischer sind die Experten bei der Einschätzung der Rolle, die eines Tages Pflegeroboter übernehmen könnten, wie sie in japanischen Kliniken schon getestet werden. Einige der Befragten halten einen vollwertigen Ersatz für menschliches Pflegepersonal für technisch nicht realisierbar. Darüber hinaus wurden Pflegeroboter von den meisten als „nicht erwünscht“ eingestuft, selbst angesichts eines drohenden Mangels an Pflegepersonal.

Die ganze Delphi-Studie „Zukünftige IT für den Gesundheitsbereich“ können Sie als PDF downloaden. Dort wird folgende These untersucht:

In vielen Krankenhäusern werden Roboter für schwere und standardisierte Tätigkeiten in der Krankenpflege (z.B. Umbetten, Wäsche wechseln etc.) eingesetzt, damit das Pflegepersonal entlastet wird und mehr Zeit für persönliche Zuwendung zu den Patienten hat.

Da haben wir ihn wieder, den Nutzen für den Menschen! Diese Lüge ärgert mich so, weil so viele von Ihnen immer wieder darauf hereinfallen. Ich bin bitterböse auf Sie! Sie legen damit in gutem Glauben die Menschheit in Asche.

Von wegen werden Pfleger wieder mehr Zeit für uns haben! Von wegen werden die Einsparungen in Menschlichkeit investiert!
Es sind Lügen, um Sie in jedem Einzelfall wieder und wieder gedanklich umzubetten.

Beispiele:

• Daten der Privatsphäre werden gespeichert, um den exzellenten Service in Call-Centers noch weiter zu verbessern und jedem Bürger Produkte per Telefon bekannt zu machen, von denen er nicht einmal träumen würde. Außerdem werden der Bekanntheitsgrad und die Publizität des Einzelnen durch den Adresshandel beträchtlich gesteigert, wofür er normal viel Anzeigengeld in eigener Sache ausgeben müsste.
• Die Apparatemedizin ist notwendig, um den Arzt von Routine zu entlasten, damit er mehr Zeit hat, sich persönlich die Sorgen der Patienten schildern zu lassen und die Patienten auch seelisch zu betreuen. Erst in persönlichem Kontakt ergeben sich bislang unerkannte Gesundheitsschwächen des Patienten, die wiederum zu einer besseren Auslastung der Apparate führen und den Patienten schneller amortisieren.
• Stammzellenforschung dient überhaupt nicht dem Züchten von Extremsportlern, sondern sie hilft Alzheimer und Aids zu bekämpfen und macht auf lange Sicht auch Doping unnötig.
• Die neuen Maschinen sparen so sehr viele Menschen ein, dass man sie anschließend für Innovationen und Zukunftsforschung einsetzen kann, um die sich gerade aus Kostengründen niemand kümmert.
• Kaufen Sie den neuen elektronischen Gammelfleischdekoder, damit Sie wieder mehr Zeit für Ihre Kinder haben.
• Die neuen Steuererhöhungen dienen der Entschuldiung und führen langfristig zum Wohlstand für alle. Sonst führt der mangelnde Handlungsspielraum, Geld zu verpulvern, zu einer scharfen Wiederwahlproblematik der hohen Politik, die im Interesse der Demokratie und der allgemeinen Freiheit nicht aufs Spiel gesetzt werden darf.

Das Neue, so propagiert diese Lügentechnik, ermöglicht das Wünschbare, für das gerade kein Geld und keine Zeit da ist. Deshalb entsteht, so die Lüge, aus Technologie plötzlich Raum für Menschlichkeit und Dienstleistungsfürsorge. Und die Gegner des Neuen werden brutal gefragt: „Willst du das Wünschbare verhindern, indem du die Technologie ablehnst?“

Hier im Beispiel: „Willst du, dass sich im Alter niemand mit dir befasst? Niemand dich beachtet? Niemand mit dir redet? Niemand dir Wärme gibt? Niemand menschliche Nähe zeigt? Aha, nein? Doch? Ja, doch? Warum bist du dann gegen Pflegeroboter, die doch erst die menschliche Nähe kostenmäßig ermöglichen? Wenn die Roboter uns anziehen, füttern, stündlich wenden, die Uhrzeit sagen, zur Flüssigkeitsaufnahme zwingen, die Gardinen auf und zu ziehen, Geschichten vorlesen, übers Haar streichen, die Finger und Haare schneiden – wenn sie Staub saugen, sauber machen, Windeln wech-seln – ja eigentlich alles für fast kein Geld – ja, dann werden wir wieder Zeit für dich als Menschen haben. Schau – schon allein, was später der Roboter machen wird, ist schon mehr, was heute für dich getan werden könnte.“

Und dann schreie ich: „Das ist die Technologielüge! Ich falle nicht rein!“

Und sie sagen: „Wenn wir es nicht machen, macht es ein anderer. Der Wettbewerb erzwingt Menschlichkeit. Niemand wird sich langfristig dagegen wehren können.“

Gunter Dueck

Veröffentlicht von

www.omnisophie.com

Bei IBM nannten sie mich "Wild Duck", also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie "Teil des technologischen Gewissens". Ich habe mich viel um "artgerechte Arbeitsumgebungen" (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um "artgerechte Haltung von Menschen"! Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen. Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater - und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe. Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren. Gunter Dueck

1 Kommentar

  1. Ich stimme für den Roboter

    Wenn ich bewegungsunfähig werden sollte, will ich dann, dass eine Krankenschwester meine Ausscheidungsprodukte entfernt, oder will ich dann, dass ein Roboter meine Ausscheidungsprodukte entfernt?

    Ich persönlich stimme für den Roboter.

    Warum sollte ich auch einer Krankenschwester meine Ausscheidungsprodukte zumuten.

    Ich erwarte auch von keinem Menschen, den ich nicht persönlich kenne, irgend eine Form von Zuwendung, denn das wäre ein wenig zu viel verlangt.

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