Missbrauch der BILD-Zeitung als Kernintellekt Deutschlands

BLOG: WILD DUECK BLOG

Wahrheiten als Querdenkerisches verkleidet, von Gunter Dueck
WILD DUECK BLOG

Auf der ersten Seite der SZ hieß es neulich fast wörtlich (Namen von mir unterdrückt): „Partei und Kanzlerkandidat wollen den Streit in der Öffentlichkeit um die eventuelle Pleite des Konzerns XY nicht weiterführen, weil er der eigenen Partei geschadet hat. Nach Umfragen haben sowohl Partei als auch Kandidat in der Wählergunst verloren.“ Das ist schon fast die so genannte Lean Brain Politik, oder? Man wirft etwas auf den Stammtisch und schaut, ob es absäuft oder nicht!

„Ich bin für die Rettung der Menschen! … Äh, nein? Okay, dann nicht.“

Vor vier Jahren habe ich diese Art von Lean Brain Politik im Lean Brain Buch empfohlen. Das wird nun umgesetzt! Ich bin begeistert. Ich schrieb im Buch (schwach verändert und mit Bitte um Verzeihung für nichtaktuelle Anspielungen; die Partei hatte damals einen anderen Kandidaten, dem Haare viel bedeuteten):

Wenn die Bürger irgendwann fast auf die Straße gehen und protestieren, weil nichts vom politischen System geleistet wird und wenn auch Entschuldigungen nichts mehr fruchten, dann werfen die Politiker jeden Abend im Fernsehen neue Schlagwörter in die Menge. Regierung und Opposition übertrumpfen sich einfach mit kuriosen Bierstammtischplänen. „Steuern auf die Hälfte!“ – „Millionärssteuer!“ – „Erziehungsgeld für Kampfhundebesitzer in derselben Höhe wie bei der Geburt von Söhnen!“ – „Ernennung eines offiziellen Parteifrisörs!“ Nun arbeitet die Redaktion der BILD-Zeitung jeweils die ganze folgende Nacht daran, diese Vorschläge zu sichten und intellektuell zu bewerten. Am nächsten Morgen korrigiert die Volksmeinung die Position der BILD-Zeitung noch um ein paar Nachkommazehntel und gibt sie als Endergebnis einer „Umfrage“ aus.

Die BILD-Zeitung wird in unserer Demokratie als Kernintellekt missbraucht.

Die Parteien lesen alles am nächsten Morgen genau, und wenn zufällig einmal ein Unsinn vom Vorabend überlebt hat und Stimmen zu bringen scheint, wird diese Idee zum Zentrum eines neuen Jahrhundertwahlprogramms aufgemotzt. Fertig. Leider kann nach der Wahl nicht daran gearbeitet werden, weil die neue Regierung erst noch die Wahlversprechen der früheren Jahrzehnte verkraften muss … „Die Rentner sind sicher“ etc.

Wann gehen wir endlich die weiteren notwendigen Schritte und institutionalisieren die volle Lean Brain Demokratie? Wir lassen die Staatssekretäre ohne die täglich störenden BILD-Zeitungskapriolen der Minister einfach normal fleißig arbeiten und inszenieren die Wahlen als Event oder Casting-Show. Die Regierung und die Opposition dienen dann nur noch als Schauspieler für Reality-Shows. Wir sollten ständig Wahlen haben, nicht immer diese ermüdende Zeit dazwischen, wo Politiker nichts entscheiden können, weil die Wähler keinen Druck ausüben. Wenn aber Wahlen sind, ist der Druck der Wähler so groß, dass wegen des Wahlkampfes auch nichts entschieden werden kann. Das macht aber nichts, weil es jetzt wegen der Wahl nicht langweilig ist. In der Casting-Show bekommen die Kandidaten von Heidi Klum oder Lothar Matthäus die Aufgabe, ein Regierungsprogramm freier Wahl flüssig in zwei Minuten vorzutragen. Dann rufen die Zuschauer an und wählen das Programm oder den Kandidaten oder irgendetwas Passendes aus. Die Anrufe kosten wie immer 49 Cents, was so viel Geld einbringt, dass alle Steuergesetze gestrichen werden können. Das Niveau des Fernsehens verändert sich gleichzeitig um einen historisch noch nicht gesehenen Qualitätsbetrag und wird endgültig volksfest.

Ach, im Ernst: Ist es nicht traurig, dass es keine Meinungen, Fronten und Diskussionen mehr gibt? Werden nun Haltungen, Einstellungen und Ethiken zum Kriegführen, zur Umwelt oder zum ökonomischen Zweck des Menschen nur noch nach Tagesumfragen gestylt? Wie kann eine langfristige Politik umgesetzt werden, wenn täglich neue Konzepte vom Stammtisch tropfen?

Früher, als die Grünen noch Turnschuhe trugen und ebensolche unausgetretenen Ansichten vertraten und Fundamentales kannten – da wurde um Positionen noch gerungen! Früher waren die Freien noch wirklich frei in Ihrer Meinung und fühlten sich nicht zum Parteiprogramm der reflexhaften Widerrede gegen jede von anderen geäußerte Meinung verpflichtet, auch wenn es die eigene ist. Früher hatte Linkssein eine gewisse intellektuelle Vornehmheit, sie war nicht dazu da, extremitätisch um sich zu beißen.

Und da frage ich mich, was die Politiker dazu bewegt, heute diese neuen Spielchen zu treiben. Es kann doch sein, dass sie nach unserer Stimme tanzen?! Und ist die Demokratie nicht so gedacht? Und wie wollen wir sie? „Ich bin ein Star, holt mich hier raus!“ Wir quälen sie wie Superstars, Supertalente, Next Supermodels, noch Ungefeuerte – sie müssen vorspielen wie Big B(r)others, wir bewerten sie und lassen sie minutenlang unter teuflisch indifferentem Gebabbel leiden, bis wir ihnen sagen, dass sie raus sind.. Das ist wahre Machtausübung. Und im Grunde ist es so:

Das Publikum macht das Theater.

Publikum! Mach Theater im Theater, aber lass die Politik nicht in Theater ausarten! In der Politik bist Du nicht Publikum, sondern hier sind Sie verantwortlicher Bürger, dem es daran liegen sollte, mit seiner Stimme beizutragen, die gegenwärtige Krise zu bewältigen und unerschrocken in die Zukunft zu schreiten. Es ist nicht Ihre Krise, ich weiß, aber es ist letztlich doch Ihre Krise, glauben Sie mir. Springen Sie den Politikern ins Kreuz und seien Sie nicht nur eines für sie. Missbrauchen Sie sie nicht als Staatsschauspieler für den Kernintellekt Deutschlands. Verlangen Sie Taten! Und beurteilen Sie nicht täglich! Sie selbst hassen doch Chefs, die alle Woche an Ihren Zahlen herumkritteln und Ihnen als zuschauendes kritisches Publikum bei Ihrer Arbeit ständig mit Beifall und meistens Buhrufen Theater machen. Sie sind es doch, die unter dem Chef-Publikum täglich leiden. Sie stöhnen doch, dass man vor lauter Publikum kaum noch zum Arbeiten kommt! Also lassen Sie doch die Politiker einfach arbeiten, ja? Vielleicht können die das ja sogar, wenn wir sie nur lassen? Vielleicht geben wir ihnen sogar einen kleinen Spielraum für Eigenverantwortung?

Veröffentlicht von

www.omnisophie.com

Bei IBM nannten sie mich "Wild Duck", also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie "Teil des technologischen Gewissens". Ich habe mich viel um "artgerechte Arbeitsumgebungen" (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um "artgerechte Haltung von Menschen"! Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen. Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater - und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe. Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren. Gunter Dueck

11 Kommentare

  1. Wohl nicht zu ändern…..

    Hallo,
    das Problem sehe ich eher in selbstbewußten Haltung, mit der die Generation Doof antritt.
    Das die Bildzeitung schon immer ein wichtiger Meinungsträger(macher) der Dummokratie war, ist wohl allen klar, deren Gedächtnis länger als eine Legislaturperiode andauert. Das das mit der Möglichkeit sich seine Meinung mit der Fernbedienung aussuchen zu können nicht besser werden würde, war mir bei der Einführung des Privatfernsehen schon klar.
    Das Demokratie an der Basis erlitten wird, war schon immer so. Zum Glück sind ja die Sachprobleme nicht immer so einfach, und wer es wissen will, kann sich ja informieren.
    Diese Problematik wird noch ganz andere Bereiche betreffen, die Welt bleibt halt nicht stehen.
    Früher lag der Schnee auch nicht höher, nur die Sendeplätze lagen weiter vorne.

    Gruß Uwe Kauffmann

  2. the lean-machine

    Also irgendwie erbringen diese ständigen Blogs im S.d.W. auf höchst empirische Weise den Beweis des Satzes vom ausgeschlossenen Zweiten oder: ‘dass man leider immer nur eins kann.’
    Denn es kommt schon relativ wenig Erhellendes aus dem wissenschaftlichen Alltag zu Tage, dafür gibt’s aber jede Menge Meinungsartikel und ‘off-topic’-Essays. Fehlt eigentlich nur noch der Hochfrequenzphysiker, der Heiter-Besinnliches über die Musik von Michael Jackson auf die Welt loslässt.

    Jetzt also ein Schwank über ‘lean-brain-Politik’ mit eingesprengten Realityteilen à la: ‘Also lassen Sie doch die Politiker einfach arbeiten, ja? Vielleicht können die das ja sogar, wenn wir sie nur lassen?’

    Ich hätte da allerdings auch ein ‘lean brain’-Projekt zum auf-den-Stammtisch-werfen-und-beim-Absaufen-zugucken:
    “Können Sie, liebes Spektrum, nicht einfach diesen ganzen Blogger-Kram wieder aus dem Magazin nehmen?”
    mit freundlichen Grüssen und bestem Dank im voraus
    Ihr Dankwart Dussek

  3. @dankwart dussek

    Den Blog schließen, weil wenig erhellendes rauskommt? Da hätte man die athenische Akademie auch schließen müssen, weil sie in ihren Anfangszeiten vermutlich auch nur wenig erhellendes liefern konnte. Wird uns nur durch die Gnade lückenhafter Überlieferung erspart.

    Ich zöge es vor, dieses noch recht neue Medium konstruktiv mitzugestalten und ein wenig Geduld zu haben. Immerhin gibt es schon erhellendes, in der Klimalounge z.B. ziemlich zuverlässig in jedem Blog. In ein-, zweitausend Jahren werden scilogs dann ein Juwel der Wissenschaft sein. Warten Sie’s ab!

  4. Danke schön

    “In ein-, zweitausend Jahren werden scilogs dann ein Juwel der Wissenschaft sein. Warten Sie’s ab!”

    Na, so etwas lesen wir aber gerne.

    Warum soll man immer etwas schließen, wenn es nicht gefällt? Zumal es sicher genügend Leser gibt, die es bedauern würden. Und ich weiß auch, daß so einige den Dueck gerne lesen. Kritisieren, ok, nicht mehr lesen, ok, aber eine Schließung fordern?

  5. @Martin Huhn

    Sie haben aber hoffentlich bemerkt, daß ich die Optimierungsmöglichkeiten auch bei den Kommentatoren und also auch bei mir sehe. Wenn das aus meinem vorigen Kommentar nicht deutlich geworden sein sollte, korrigiere ich meine Prognose zumindest für meine eigenen Fertigkeiten auf dreitausend Jahre.

  6. @ Bolt

    Auf die Kommentatoren haben wir keinen Einfluß. Aber mit den Kommentaren sind wir nicht ganz unzufrieden. Es geht überwiegend vernünftig zu.

    Man muß auch bedenken, daß die meisten Blogger hier bei uns vorher noch nie etwas mit Blogs zu tun hatten. Manche Beiträge sind nunmal so geschrieben, da gibt es nicht viel zu kommentieren außer “toll geschrieben” oder so ähnlich.

  7. @Martin Huhn – jetzt ohne Ironie

    Lieber Martin Huhn,

    Es war nicht meine Absicht, Sie zu kritisieren. Im Gegenteil: ich bin mit den scilogs und auch Ihrer Arbeit sehr zufrieden, häufig sogar begeistert. Herrn Dusseks Kritik finde ich überzogen. Es tut mir leid, wenn das falsch rüberkam.

    Ich denke allerdings, daß sich ein solches relativ junges Kulturprodukt noch entwickeln muß. Probleme wurden und werden ja hier auch teilweise diskutiert: Die Finanzierung, das Verhältnis zum Wissenschaftsjournalismus, die “Moderation” der Kommentare, off-topic Kommentare (wie unser aktueller Dialog), etc.

    Aber noch einmal: das ist kein Vorwurf an Irgendjemanden und nicht einmal ein Appell an Sie als Anbieter, da mal etwas zu tun, sondern lediglich eine Feststellung. Verbunden mit dem Vertrauen, daß sich Gutes zu Besserem entwickeln wird.

    Beste Grüße
    Jürgen Bolt

  8. @Huhn

    Hallo,

    Sie schreiben:

    “Auf die Kommentatoren haben wir keinen Einfluß. Aber mit den Kommentaren sind wir nicht ganz unzufrieden. Es geht überwiegend vernünftig zu.”

    🙂

    Ich hoffe mich da als löbliche Ausnahme einstufen zu können, denn ohne Reibung entsteht oft keine Wärme (Ok, meist zerbröselt es bei mir dann eher den Streichholzkoppf. [ 🙁 ] ).

    Es ist aber dennoch oft so das hinreichend Wärme aus den Blogbeiträgen und teils auch aus den Kommentaren strahlt.
    Des Menschens Manager, sein Gehirn, trifft täglich sehr viele Entscheidungen und die allermeisten sind richtig.
    Führungsgröße ist da meist die soziale
    Situation in der er sich befindet. Leider ist es halt bei mir oft so, dass der Dateizeiger, auf etwas im sozialem Kontext unbrauchbarem steht.
    Wissen hat aber noch nie davon profitiert, dass man es dauerhaft, nicht gegen den Strich bürstet.

    Gruß Uwe Kauffmann

    (*Die Wa(h)rHeid(t)en, die dem Bonifatius folgen*)

  9. Boulewarzeitung

    habe heute im Bild zeitung gelesen :
    “Der Heidelberger Psychologe und Sexualtherapeut Ulrich Clement sieht in der „Neuen Monogamie“ ein Beziehungs-Modell für dauerhafte Partnerschaften. In Maxim sagt er: „Im Moment klingt die Idee noch avantgardistisch, aber ich halte sie für überlebensfähiger als das Entweder-oder-Modell des alten Typs. Es erfordert Stärke, Großzügigkeit und die Idee, die Beziehung nicht als eine Verhinderungs-, sondern als Ermöglichungsveranstaltung zu sehen.“
    Neue Monogamie“ – irgendwie praktisch. Und doch so feige: Diese Idee hat etwas von Verdrängung, Schönrederei, Vor-der-Realität-die-Augen-verschließen. Einer stabilen Beziehung droht keine Fremdsex-Versuchung. Die anderen sollten sich überlegen, was sie wirklich wollen: Die Bequemlichkeit des Heimathafens, in dem die erfahrene Meerjungfrau für angenehme Lebensumstände sorgt? Oder Wagemut in Form von Loslassen und Neuanfang?”

    Sehr Geehrte Chef Redaktor Kai Diekman

    Für die ‚Bild‘-Zeitung gilt das Prinzip: Wer mit ihr im Aufzug nach oben fährt, der fährt auch mit ihr im Aufzug nach unten.
    Bild weis wie am bestem zu Geld kommen, und um Geistelhaltung nachdenken. Finanzbetrüge, Gut organisierte alles kommen nicht unter Hammer, Boulewarzeitung diese Sache muss immer in Erinerung bleiben.
    Der Pressa ist Wahrheit, nicht die Missachtung Personlichkeiten, oder Media Mafia.
    Ich dachte Bild ist Rettung der Menschen, wenn Arme und betrofene verplichtet, dann kaufen niemand die Zeitung. Bild verwandelt mit
    Miststuck und Recht Diktatur.
    Wegen des Rechts am eigenen Bild werden häufig einzelne Beteiligte auf Bildern durch Balken unkenntlich gemacht, andere Fotos mit den gleichen, erkennbaren Personen werden aber dennoch gedruckt.
    Auf den ersten Blick enthält die „Bild“-Zeitung leichte Unterhaltung, Klatsch- und Skandalberichte. Im September 2007 betrug die verkaufte Auflage täglich 3.547.644 Exemplare, zwei Jahre später sank die Auflage auf 3.155.751 Exemplare.[4] „Bild“ wird an über 100.000 Verkaufsständen in 44 Ländern verkauft.
    Veröffentlichungen der Bildzeitung über ihr Privatleben und Verstöße gegen das Allgemeine Persönlichkeitsrecht ausgesetzt
    Innerhalb der Polizei- und Gerichtsberichterstattung werden die Leser durch das Erzeugen von Furcht und Entsetzen unmittelbar angesprochen. Besonders bei Berichten über schwere Verbrechen werden Worte wie „Bestie“ und „abscheulich“ benutzt. In den dazugehörigen Prozessen findet durch solche Begriffe auch eine Vorverurteilung des Angeklagten durch die „Bild“-Zeitung statt, ohne dass die Schuld des Angeklagten erwiesen ist.

    Sex im Alter Übelebenschansen, und zweite ich habe Wechseljahre brauche Hormone, Diethardt Schirmer mich drohen,
    ich habe bekante über 8 Jahre,hier ich verklagt wegen Sozialsystem im Nationalen recht, und Helmut Kohl ist zuständigt für die Bild Zeitung.

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