Meta-Dummheit

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Wahrheiten als Querdenkerisches verkleidet, von Gunter Dueck
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„Dummheit ist, anderen zu schaden, ohne sich selbst zu nützen“, so definiert es Carlo M. Cipolla in seinem kleinen Büchlein „Allegro ma non troppo“, in dem man die fünf Prinzipien der menschlichen Dummheit erfahren kann. Cipolla nennt im Gegensatz zur Dummheit solche Handlungen räuberisch, bei denen der Eine dem Anderen schadet, um sich selbst zu nützen. Auf solche Räuber achten wir sehr sensitiv. Wir haben dafür Gesetze, Regeln, Strafkataloge und Lehrer, Pfarrer, Chefs und Eltern. Ziel: Wir sollen niemals räuberisch handeln, schon gar nicht ein gewohnheitsmäßiger Räuber sein.

Cipolla behauptet in seinem Buch, dass die dummen Handlungen eigentlich die gefährlicheren sind. Wir bestrafen Dummheit nicht wirklich, weil sie nach Cipollas Definition dem Dummen selbst schadet. Das merkt sich der Dumme, denken wir, weil man aus Schaden klug wird. Das wissen wir alle, aber das ist dumm.

Stellen Sie sich einen blitzgescheiten Juristen vor, der in absolut jedem Meeting bei jeder Angelegenheit findet, man habe die Sache noch nicht richtig durchdacht, um schon zu einer Entscheidung zu kommen. Man müsse noch weitere Informationen einholen, etwa den langfristigen Twitterplan des Weißen Hauses. „Da ist mir noch zu viel Risiko drin“, argumentiert er scharfsinnig wie gewohnt, und alles wird wieder einmal vertagt. Das schadet der Sache eminent und nützt dem Juristen nichts, den wir hassen. Wir wünschen ihn zur Hölle, denn er ist die Hölle.

Oder: Helikoptereltern (im Englischen spricht man auch von „paranoid parents“, ist das nicht besser so?) überversorgen ihre Kinder und sind ständig in ihrer Nähe. Hier und oft woanders fallen die ewigen Worte: „Wir wollen nur dein Bestes. Wir wissen besser als du, was gut für dich ist.“ Der Erfolg solcher Strategien ist mau/gering, das Überbehüten schadet dem Kind und den Eltern auch, eben weil die Strategie falsch ist. Das aber kann man den paranoiden Eltern um keinen Preis klarmachen – so wie auch der Jurist auf Vorwürfe nur besserwissend lächelt.

Ich will diese Handlungen „Meta-Dummheit“ nennen. In meinen Beispielen streben der Jurist und die Eltern eine Win-Win-Situation an. Der Jurist hilft, die Eltern auch. Das ist ihre subjektive Lage. Subjektiv handeln sie klug, objektiv – aus der Meta-Perspektive – begehen sie Dummheiten. Sie schaden sich selbst und anderen. Sie lernen aus dem Schaden nicht, denn wenn ein Schaden sichtbar würde, sehen sie die Ursache des Schadens konsequent in den Anderen (z.B. Brexit…), die nicht hören wollen – daher muss die eigene Anstrengung verstärkt werden! Da dreht sich die Todesspirale nach unten. „Die Hölle, das sind die anderen.“ (Sartre)

Die Meta-Dummheit ist die Hauptgefahr!

Der Eigensinn, die Borniertheit, die Engstirnigkeit, die Sturheit, das grimmige Festhalten, das „Mehr vom Gleichen“ als Watzlawick-Strategie für maximales Unglücklichsein, das sind Haltungen, die etwas Gutes wollen und allem und allen schaden. Subjektiv aus der Innenperspektive werden sie anders gesehen als abstrakt auf der Metaebene.

Meta-Dummheit ist ein Teil von jener Kraft, die stets das Gute will und stets das Böse schafft.

 

Erkennen Sie sie. Faust drauf!

 

 

Gunter Dueck

Veröffentlicht von

www.omnisophie.com

Bei IBM nannten sie mich "Wild Duck", also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie "Teil des technologischen Gewissens". Ich habe mich viel um "artgerechte Arbeitsumgebungen" (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um "artgerechte Haltung von Menschen"! Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen. Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater - und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe. Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren. Gunter Dueck

11 Kommentare

  1. Das Gefährlichste ist das gut Gemeinte, aber falsche (oder dumme).
    Denn es ist ja gut gemeint und es fällt schwer ihm entgegen zu treten, kommt es zum Entgegentreten, wird oft mit Greinen, lautem Klagen und Winseln reagiert – wer will sich das schon antun?

    Das direkt Böse ist weniger gefährlich, es kann gut angegriffen werden, Böse können sich mit ihrer (eben oft bösen) Position nur schlecht verteidigen, sie genießen keinen “Welpenschutz”.

    Dietrich Bonhoeffer hat dazu einiges geschrieben.

  2. Bonuskommentar zur sog. Meta-Dummheit noch :

    Die Dummheit oder Tumbheit meint die Unfähigkeit sich sprachlich angemessen auszudrücken, die Doofheit die Harthörigkeit, die Unfähigkeit angemessen zuzuhören, insofern mag Dr. Webbaer hier den Begriff ‘Meta-Unverständigkeit’ ein wenig mehr.

    Diese ‘Meta-Unverständigkeit’ kann aber auch schlicht Paternalismus genannt werden, der Paternalist, der sich gegenüber seiner Klientel für überlegen hält und vielleicht auch ist, geht in etwa wie folgt vor :
    1.) Er versucht der Klientel zu gefallen, auch als Autorität.
    2.) Er versucht nicht die Unverständigkeit seines Klientels zu ändern.
    3.) Er entwickelt eine lenkende Wirkung auf seine Klientel.
    4.) Er ruft der Klientel zu nicht auf andere zu hören, denn die seien böse.

    Er ist insofern das Gegenteil des “Sapere Aude”-Rufers und im aufklärerischen Sinne reaktionär. (Politisch scheint der Paternalist, zumindest in der BRD und seit vielleicht 14 Jahren, so erlaubt sich Dr. Webbaer einzuschätzen, stark im Kommen zu sein.)

  3. Nicht Mangel an Geist, sondern ein Geist*, der sich ununterbrochen selbst gegenwärtig ist, eine Ausgeglichenheit**, gegen die nichts und niemand ankommt.
    Die Menschen reden, die Karawane zieht vorüber: Die Dummheit erkennt man an jenem ruhigen Fortschreiten eines Wesens, das Worte von aussen weder ablenken noch berühren können. Sie ist nicht das Gegenteil der Intelligenz, sondern jene Form der Intellektualität, die alles auf ihr eigenes Maß zurechtstutzt und jeden Anfang in einem vertrauten Vorgang auflöst.
    Der Dummheit ist nichts menschliches jemals fremd; die macht – über die Lächerlichkeit hinaus – ihre unerschütterliche Kraft und ihre mögliche Grausamkeit aus. (Alain Finkielkraut)

    *Zeitgeist / Bewusstseinsbetäubung
    **konsum-/profitautistische Systemrationalität

  4. Dumm wird man nicht geboren, dumm wird man gemacht. (Kinderspruch)

    Dumm wird man gemacht, für den nun “freiheitlichen” Wettbewerb um die Symptomatiken von “Wer soll das bezahlen?” und “Arbeit macht frei”, wo sich die Gewinner auch selber schaden, was man an der daraus resultierenden Umweltverschmutzung sehen/spüren kann!?

  5. Juristen wird häufig nicht die Wahrheit dargelegt. Wer einmal Juristen erlebt hat, die geglaubt haben, einen Vorgang verstanden zu haben, obwohl der Sachverhalt ganz anders war, der denkt anders über den zweifelnden Juristen. Und wenn Richter auf dieser Grundlage Urteile sprechen, kommen Zweifel am Rechtsstaat auf. Wenn Zweifel bestehen, sollte man sie ausräumen, und zwar schnell. Oder man muß sagen “in dubio pro” ! Alles andere hat nichts mit Justiz zu tun. Man möge die Übersetzung des Wortes betrachten.

  6. “Dummheit ist andere zu schaden ,ohne sich selbst zu nützen.”
    Moral: Schlau ist also der, der andere ausnützt, um sich selbst zu nützen. Das ist die kapitalistische Krämerseele , die “clever” ist, wenn sie andere über den Tisch ziehen kann, ihre Unwissenheit (Dummheit) ausnützen kann, um Geschäfte zu machen. Dummheit ist also die Unfähigkeit andere zu bescheißen ohne ein Gewinn zu machen. Daraus wird dann die Lebensphilosophie: Schaden kannst du andere, aber es muss was für dich dabei herausspringen. Und das unter dem Segen der Amtskirche, Amen.

  7. Es verwundert mich nicht, dass im Beispiel ein Jurist als Dummer dasteht. Die Juristen waren schon immer der Hass. Das belegen zahlreiche Zitate von berühmten Denkern und Philosophen, die über die Juristen herziehen. Ein Jurist bringt auch unliebsame Neuigkeiten, z.B. wenn ein Fall nicht zu gewinnen ist.

  8. Dr. W.
    dumm und doof sind die beliebten Adjektive um Andere abzuqualifizieren.
    die Dummheit, als Begriff, ist das Gegenteil von Schlauheit, Intelligenz, Weitblick, Verantwortungsbewußtsein.
    Aber alles im Rahmen der kulturellen Vorstellungen darüber, was gut, nützlich und falsch ist.
    Im Märchen bekommt oft der thumbe Tor am Ende die Königstochter.

    Was uns jetzt als Meta-Dummheit aufgetischt wird, das ist eine Umschreibung für “was du da machst ist falsch”.
    Und das wiederum ergibt nur einen Sinn im Kontext mit einer ganz konkreten Situation.
    Und das kann ganz widersprüchlich sein. Als Margaret Thatcher die Bergarbeiter entlassen ließ, da hat sie eine Meta-Dummheit begangen, seil dieser Maßnahme ist die englische Geellschaft gespalten.
    Dieser Zwiespalt besteht heute noch und es waren die Älteren, die damals Betroffenen, die für den Brexit gestimmt haben. (Späte Rache)

  9. “anderen zu Schaden, ohne sich selbst zu nützen”

    Das ist die “klassische Musik” des “braven” Bürgers, für die herkömmlich-gewohnten Räuberbanden in Freiheit zu unternehmerischer/politischer Abwägung, die sich am Ende eines “gemeinsamen Fischzugs” im “freiheitlichen” Wettbewerb mit fetter Beute zur Ruhe begeben, während der “brave” Bürger und Kumpane vor allem den Schaden hat.

  10. Es ist OK anderen (ein wenig) zu schaden, wenn der eigene Nutzen groß ist.
    Es empfiehlt sich in diesem Zusammenhang für den derart Handelnden idF zumindest eine Entschuldigung, besser eine Kompensation, die auch über-kompensatorisch sein darf.
    Rahmengebend darf hier der Rechtsstaat sein.

    Kants Kategorischer Imperativ ist etwas für die anderen und einer seiner Fehlleistungen.

    Der im dankenswerterweise bereit gestellten Primärtext, je nach Sichtweise liegt ein Exposee, ein experimentell gehaltener Inhalt oder ein (dann ein wenig bedenkliches) Exponat vor, leidet, wie einige finden, an der Vorstellung, dass Paternalisten sich selbst schaden und womöglich auch daran, dass sie es gut meinen.

    MFG – WB

  11. Sorry, aber sowas geht einfach gar nicht. Wir können jetzt nicht anfangen auf diesem Niveau zu diskutieren. Ich sage ja auch nicht, nur weil Sie Herr Gunter Dueck kein anständiges Voice Training machen, sind Sie dumm. Jegliche Handlung basiert auf den zur Verfügung stehenden Informationen. Entscheidungen können qualitativ schlecht sein und Begabungen dafür ungleichmäßig verteilt, aber diese Form der Abwertung führt doch zu nichts. So wird der Diskurs im deutschsprachigen Kontext doch nur noch vergifteter. Mehr Demut und Sinnstiftung ist nötig, nicht noch mehr pejorative, diffamierende, polarisierende Debatten. Danke.

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