Kriterienkacker, Excelenzen und DIN-Startups

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Wahrheiten als Querdenkerisches verkleidet, von Gunter Dueck
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Sie kennen ja den Begriff des Korinthenkackers, mit dem man einen engstirnig peniblen Charakter disst. Dieser hat Verwandte: Erbsenzähler, Kleinkarierte, Bürokraten, Abhaker, Checklistige und Excelenzen.

Alle diese haben wichtige Aufgaben: Sie sorgen dafür, dass an alles gedacht wird und dass alle Vorschriften eingehalten werden. Weil sie das tun und tun müssen, werden wir Fehlerhaften von ihnen oft an den Ohren gezogen und ermahnt. Das mögen wir nicht und bedenken sie deshalb mit den genannten wenig wertschätzenden Bezeichnungen.

Oft verlangt eine verwarnende Vorschrifteneingrenzung einige schmerzhafte Ehrenrunden in Projekten und kann sehr viel Geld und Nerven kosten (Berliner Flughafen: „Brandschutz vergessen“). Da schütteln wir uns vor Unwillen, weil die Hauptsache eines Projektes an gefühlten Nebensächlichkeiten scheitern soll. Zähneknirschend nennen wir diese korrekten Hoheiten (wenn sie nicht im Raum oder Chat sind), Geschäftsschädiger oder Projektverhinderer.

Fragen wir sie aber selbst, dann verteidigen sie sich mit dem sehr guten Argument, dass man sie ja schon im planenden Vorfeld in das Projekt hätte einweihen können, sodass ihre Bedenken schon an dieser Stelle eingeflossen wären. Sie wollten doch keine Unmenschen sein, sondern nur für Korrektheit sorgen – und sie würden auch sehr unter unseren ungerechten Vorwürfen leiden, die das Klima vergifteten, und zwar auf beiden Seiten. Das Problem entstünde dadurch, dass wir uns nur um unsere Hauptideen kümmerten und ignorant gegen hindernde Regeln wären. Deshalb müssten sie nun alles kleinlich abhaken! Aber es sei doch bitteschön unsere Aufgabe, alles fehlerfrei abzuliefern – nicht die ihre. Sie müssten unseren Job machen!

Das stimmt wohl irgendwie…

 

Noch einmal festgestellt: Das Checken, Abhaken und Kontrollieren hat seinen absoluten Sinn, wenn die Qualität eines Produktes oder eines Services sichergestellt werden muss.

Es gibt aber Grenzen der Häkchen, die beim Überschreiten graue Haare bescheren. Wenn Meisterhaftes, Neues, Kreatives und Außergewöhnliches beurteilt werden sollen, haben Kriterien weniger Sinn als sonst. Sie führen oft zu komplettem Unsinn und be-/verhindern alles Herausragende.

Das Abhaken sorgt nur dafür, dass etwas „richtig“ gemacht wird, dass also keine Fehler gemacht werden. Der Prozess soll eingehalten werden, alle Dokumentationen müssen vorliegen. Wie aber beurteilt man Kunstwerke? Vielleicht haben Sie den Film „Bohemian Rhapsody“ gesehen – darin kommt dieser erste Nummer-Eins-Hit von Queen prominent vor. Man wollte ihn damals nicht produzieren, weil er 5 min 55 sec dauert. Das Kriterium der Song-Länge war verletzt. Kein Haken bei < 3:30 min oder so. Geht nicht, abgelehnt. Merke: Das Bestehen auf das Einhalten ALLER Kriterien versagt bei „Was ist Kunst?“, bei „Wer ist ein Genie?“ oder „Wird dieses Startup ein Einhorn?“.

Das Genie, der herausragende Künstler oder der begnadete Entrepreneur erschaffen „aus sich selbst heraus“. Die Resultate ihrer Schöpfungen halten sich eben nicht an die bestehenden Regeln. Die Allgemeinheit und besonders die Kriterienkacker bestehen aber auf der Beurteilung auf der Grundlage des gegenwärtigen Denkens. Sie verstehen nicht, dass das Neue Große nicht über Raster begriffen und gewürdigt werden kann – und dass ein Urteil, ob etwas wahrhaft groß ist, so oder so oft glatt daneben liegen kann, was fast alle Inverstoren und Kunstersteigerer leidvoll erfahren müssen. Urteile über Neues Großes sind eminent schwierig. Ist es überhaupt normal Sterblichen vergönnt, das Große auf Anhieb zu spüren und von der Spreu sicher zu trennen?

Wenn man die Biographien berühmter Künstler liest, sieht man, dass sich die viel später als Genie in Kunst und Wissenschaft Gewürdigten oft persönlich kannten und befreundet waren: Sie verstehen also untereinander, so scheint es, wer ein Genie ist. Und wir eben nicht? Und Kriterienkataloge ganz bestimmt nicht, das ist klar!

Neulich berichtete das Handelsblatt, es würde eine DIN-Norm für Startups geben. Es gab einen Entrüstungssturm bei Twitter. Der Gedanke, Startups in ein Raster einzusperren, ließ Grauen aufsteigen. Teilentwarnung: Es ging nicht um eine neue harte Norm, sondern „nur“ um einen Leitfaden mit dem Namen DIN SPEC 91354, der sich zum Ziel setzt, alle Punkte aufzulisten, die ein Jungunternehmer beachten soll, damit er nicht gleich an groben Schnitzern scheitert.

Hier eine Einführung:

https://www.din.de/blob/313462/ff9bf5d1099dc812b623ccc40d95fc50/broschuere-din-spec-91354-data.pdf

Ich bin nicht dagegen, Jungunternehmern Leitfäden an die Hand zu geben, damit sie keine dummen Fehler begehen. Leitfäden und Kriterien haben ihren Sinn, ich sagte es schon.

Kriterienkataloge aber, besonders wenn sie DIN heißen, eröffnen fast zwangsläufig Irrwege:

  • Banken/Kreditgeber/Behörden, deren Sachbearbeiter keine Ahnung vom speziellen Business des Startups haben, prüfen dann doch wieder als Kriterienkacker, ob überall ein Haken drankommen kann. Wissenschaftler zum Beispiel, die Drittmittel für das Erforschen des Unbekannten einwerben wollen, müssen das noch Unbekannte genau detaillieren, damit es beurteilt werden kann. Jungunternehmer müssen üblicherweise den Umsatz der nächsten fünf Jahre kennen, na dann Prost! Haben Sie die Gewinnwarnungen der DAX-Konzerne in den letzten Wochen gelesen (Deutsche Bank, BASF, BMW)? Nicht einmal die wissen, was Trump so bringt…
  • Jungunternehmer selbst starren zu sehr auf die Kriterien für ihre Kreditwürdigkeit und versuchen sie ebenso zwanghaft zu erfüllen. Sie glauben am Ende, ihr Erfolg sei sicher, WEIL alle Haken dran sind. Sie verstehen nicht, dass das Befriedigen der Kriterienkacker vielleicht notwendig sein kann, aber nichts ist, was „Genie“ wäre.

Kriterien helfen dabei, keine Fehler zu machen und vielleicht sogar, alles ganz gut zu machen. Aber eine Fixierung auf Kriterien verengt den Blick in das All und verblendet den Ausblick auf das Neue Große.

 

Gunter Dueck

Veröffentlicht von

www.omnisophie.com

Bei IBM nannten sie mich "Wild Duck", also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie "Teil des technologischen Gewissens". Ich habe mich viel um "artgerechte Arbeitsumgebungen" (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um "artgerechte Haltung von Menschen"! Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen. Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater - und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe. Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren. Gunter Dueck

8 Kommentare

  1. Erfolgreich kann man auch werden, wenn man die Schwierigkeiten nicht sieht, die man bedenken sollte.
    Diese übergenauen Menschen gehören deshalb in das zweite oder dritte Glied in einer Firmenhierarchie.
    Sie sind notwendig und mit gutem Willen kann man mit ihnen auch zsammenarbeiten.

  2. Ein guter Artikel. Trotzdem einige Anmerkungen von mir:

    1. Wo gibt es denn eine Zeitbegrenzung für Lieder (Popmusik)? Für flotte Tanzmusik (Rock and Roll) ist das eventuell sinnvoll. Aber sonst?

    2. Im Falle von Brandschutz geht aber nicht um “Kleinigkeiten” sondern eventuell auch um “Leib und Leben” der Meschen, die sich im Flughafen befinden. Und das nicht nur durch das Feuer sondern auch wegen der Panik (Loveparade Duisburg).

    3. Kredite für Existenzgründer. Hier ist es das Risiko der Bank bei einer Insolvenz des Kreditnehmers. Ob man dafür eine “DIN-Norm” macht oder die Bank eigene Kriterien hat, ist im Prinzip egal. Ich kannte einen Fall, daß eine Bank für einen 40-Jährigen Angestellten einen Ratenkredit über 1000 Euro mit der Begründung verweigerte, weil er schon so alt sei.

    Gruss
    Rudi Knoth

  3. Um im Radio ausgestrahlt zu werden gibt’s (gabs?) ein paar Bedingungen. Dazu gehört Spieldauer, Tempo (BPM) und auch Dynamikumfang.

  4. “Kriterienkacker” – Als wenn diese Welt- und “Werteordnung” für unser “Zusammenleben” keine systematisch-systemrationale Bildung zu Suppenkaspermentalität im Sinn hat / nicht alles in Gewinner und Verlierer kategorisieren will bis ins Genom!?

    “Die glücklichen Sklaven sind die erbittertsten Feinde der Freiheit.” Marie von Ebner-Eschenbach

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