Innovationen sind zu klein oder zu groß

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Wahrheiten als Querdenkerisches verkleidet, von Gunter Dueck
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Die meisten Ideen landen im Schredder, das ist klar. Die meisten Fußballer schaffen es nicht bis zum Profi, und die meisten Gedichte werden nie gelesen, genauso geht es wissenschaftlichen Veröffentlichungen. Abgesehen davon: Gute Ideen setzen sich eben auch kaum durch. Ich gebe hier einige Gründe, warum in den Konzernen auch gute Ideen nicht so recht vorankommen.

Es gibt kleine gute Ideen und große gute Ideen.

Kleine Ideen sind oft sehr gut ausgereift und lassen sich gut umsetzen, wenn – ja, wenn – sie die Prozesse des Unternehmens nicht stören und wenn sie sich am besten noch in der eigenen Hauptabteilung umsetzen lassen. Der Hauptabteilungsleiter muss sich am besten dafür einsetzen, das Projekt fördern oder wenigstens wohlwollend dulden. Kleine Innovationen stehen aber auch unter solchen günstigen Umständen immer stärker vor der Hürde der „Finanzierung“, weil die umsetzenden Mitarbeiter, die früher Innovationen nebenbei betrieben haben (Torpedo, Keller, Hobby), heute so sehr viele Überstunden schieben, dass sie keine Energie mehr übrig haben! Sie werden auch nicht mehr gelobt, wenn sie etwas außer der Reihe hinbekommen, weil sie – so findet das Management – in dieser Zeit alternativ noch an den Quartalszielen hätten arbeiten können.

Die Quartalsziele sind wie ein Schwarzes Loch für Schaffensenergie. Das ist so gewollt.

Wenn kleine Ideen aber erfordern, andere Abteilungen oder gar Bereiche zum Mitmachen zu bewegen, setzt es Meetings ohne Ende, deren immense Kosten übrigens nie mitgezählt werden.

Wenn man einem Projektantrag die Meeting-Kosten, die bis zu seiner Ablehnung anfallen, als Anfangsinvestition gäbe, dann wäre schon viel für ein Unternehmen getan.

Wegen kleiner Innovationen werden nie und nimmer Prozesse geändert, außerdem schalten Manager nur das Gehirn ein, wenn die Ideen im Prinzip versprechen, in der Größenordnung zu helfen, in der sie selbst denken. Wenn man also für eine kleine Innovation die Genehmigung von weiter oben braucht, muss die Idee so groß sein, dass sie in einem vernünftigen Verhältnis zu den Umsatzvorstellungen derer da oben passt. „Leute, die Idee mag ja ganz gut sein, aber ich brauche nicht solchen Kleinklein, ich muss schließlich den ganzen Bereich weiterbringen. Bringt doch einmal etwas Größeres.“

Wir bringen also etwas Größeres, was unbedingt verspricht, dass dann das Business durch die Decke schießt.

Quelle: Adobe Stock

Die großen Ideen aber stoßen an die Unternehmenskultur, an vergessenen Grundannahmen und verfolgten Strategien. „Unsere Kunden wollen das nicht.“ – „Der Großhandel torpediert uns.“ – „Wir können nicht xy verprellen.“ – „So etwas liegt nicht in der DNA unseres Unternehmens.“ – „Das ist vernünftig, aber das können wir nicht, wir haben es schon versucht.“ – „Wir wollen uns nicht öffnen, wir leben gut von unseren proprietären Lösungen, mit denen wir unsere Kunden gefangen halten.“

Kleine Ideen verursachen Aufwand. Große brauchen Nerven, Mut, kosten Ärger, bedingen einiges an Risiko und gefährden Karrieren. Aus meiner ungeduldigen Drangzeit (so um 2000): Ich wollte mit Business Intelligence Firmen kooperieren. „So etwas machen wir grundsätzlich nicht.“ Ich wollte gerne so etwas machen wie Google Maps, als es noch nicht einmal Google gab – ich habe damals aus Protest gegen das Achselzucken ein Kapitel darüber in meinem ersten Buch publiziert (in „Wild Duck“). Kollegen hatten damals Software „wie SAP“ als Prototyp fertig…, aber der Vertrieb fand, das sei zu weit weg von Hardware… Ich will nicht jammern oder anklagen, aber es wäre gut, wenn große Unternehmen einmal als Liste formulieren, was sie absolut nicht wollen, damit Innovatoren nicht immer an dieselben Betonwände rennen und damit die Unternehmen einmal in Schriftform dokumentieren, wofür sie sich einige Jahre später schämen müssen. Vielleicht wird die Liste mit der Zeit kürzer. Zum Beispiel:

  • Kein Fremdkapital aufnehmen!
  • Alles selbst machen! Macht behalten!
  • Investitionen absolut vorrangig in „mehr vom Gleichen“ als etwas in etwas Anderes
  • Investitionen ja, aber der Gewinn muss trotzdem steigen!
  • Niemanden verärgern, damit wir immer gut dastehen!
  • Nur Innovationen, die sich an unseren vorhandenen Skills und den gesetzten Prozessen orientieren.
  • Kunden sollen kaufen wollen, was wir gut können und gerne tun.
  • Zuspätkommen bei Innovationen mit Not-Akquisitionen heilen (Aufkaufen drittklassiger Innovatoren, die sich willig wegen drohenden Scheiterns liebend gerne am Markt anbieten, um doch noch schnell an die große Kohle zu kommen).

Wenn diese Aversionsliste fertig ist, dann, liebe Top-Manager, schauen Sie sich an, welche Liste wohl zum Beispiel Elon Musk haben könnte. Fertigen Sie diese im Geiste stellvertretend für Musk an. Geht schnell. Und Sie erkennen, warum große Ideen bei Ihnen immer scheitern.

Gunter Dueck

Veröffentlicht von

www.omnisophie.com

Bei IBM nannten sie mich "Wild Duck", also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie "Teil des technologischen Gewissens". Ich habe mich viel um "artgerechte Arbeitsumgebungen" (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um "artgerechte Haltung von Menschen"! Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen. Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater - und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe. Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren. Gunter Dueck

5 Kommentare

  1. Vieles was im obigen Text Innovationen entgegensteht hat mit der Grösse eines Unternehmens zu tun. Mit der Konsequenz, dass Innovation am Schluss nur noch durch Aquisition von Startups/Newcomern gelingt. In der forschungsintensiven und auf Innovationen angewiesenen Pharmaindustrie ist das schon längere Zeit so. Ohne den Kauf von Genentech im Jahr 2009 wäre Roche heute nicht dort wo es jetzt steht. Im Artikel Das grosse Fressen in der Pharmabranche aus dem Jahr 2018 liest man gleich ganz zu Beginn:

    Im ersten Quartal 2018 haben Medikamentenhersteller Übernahmen angekündigt, deren Gesamtwert höher liegt als das Volumen aller letztjährigen Akquisitionen zusammen.

    Innovation hat es in grossen Konzernen überhaupt schwierig. Der Zweck von Grossfirmen ist vielleicht überhaupt der, Marktmacht aufzubauen, also die Dinge durch die schiere eigene Grösse und Finanzmacht in die gewünschte Richtung zu bewegen.
    Wer eine Grossfirma will, die zugleich Innovation begünstigt, der muss möglicherweise eine Holdingstruktur benutzen wie Googles Alphabet Inc. Die Innovation findet bei Alphabet Inc. nicht an der Konzernspitze statt, sondern in Tochterunternehmen wie Deep Mind, Calico, Waymo oder Verily Life Science. Warum ist das so? Weil Innovation meist um einen Ideenkern herum passiert. Es muss einen Owner und es muss Vor- und Weiterdenker dieses Ideenkerns geben und einen Mitarbeiterstab, der die Ideen umsetzt. Im Prinzip entspricht dem immer eine nicht allzu grosse Firma, so wie etwa Deep Mind bei Google/Alphabet oder wie die Boring Company als Unternehmen Elon Musks.

  2. Fast ein Allgemeinplatz!
    Es ist die Herausforderung aller grossen Organisationen,
    sowohl in der Industrie als auch in der Forschung und in “staatlichen Unternehmen”, Innovatives, man kann auch
    sagen: die Zukunft, “adäquat” zu managen.

    Auch Elon Musk’s Unternehmungen werden da Schwierigkeiten bekommen,
    vor allem, wenn der “allmächtig ungewöhnliche Elon” seine Rolle irgendwann nicht mehr wird spielen können!
    Spannende Zeiten,
    die Suche nach “Patentrezepten” geht weiter !!

  3. Gunter Dueck schrieb (05. Jun 2020):
    > […] Ich wollte gerne so etwas machen wie Google Maps, als es noch nicht einmal Google gab

    Ich wollte gerne so etwas machen wie Wikipedia, als wissenschaftliche Inhalte dort noch in allen Einzelheiten artikuliert, enzyklopädisch wikifiziert und (wahlweise) gelesen werden konnten.

    > […] es wäre gut, wenn große Unternehmen einmal als Liste formulieren, was sie absolut nicht wollen

    Es wäre auch gut, wenn Wikipedia-Nutzer die Darstellung von Wikipedia-Inhalten durch [[User:Optionen]] individuell so einstellen könnten, dass sie darin nichts lesen müssten, was sie jeweils absolut nicht lesen wollen — ohne Inhalte an sich einzuschränken oder deren individuelle Darstellung durch andere Nutzer vorzuschreiben.

    Immerhin gibt es ja inzwischen SciLogs-Kommentare, um Barriere-frei Mängel zu benennen und deren Behandlung einzuleiten. (Man stelle sich vor, Elon Musk würde sich in der Wissenschaft und insbesondere deren Barriere-freier Kommunikation engagieren …)

  4. Modernes Unternehmertum, grössere Unternehmen meinend, ist sozusagen Tod auf Raten, niemand weiß, warum das Geschäftsmodell (das immer irgendwie einfach ist, letztlich am “Billig einkaufen und teuer weiterverkaufen” orientiert ist), funktioniert und Ertrag abwirft, der zu einem sogenannten positiven Cashflow führt, und niemand ist letztlich direkt verantwortlich.
    Denn es sind die Eigentümer, die das Management bestellen, und niemand weiß genau, auch die Eigentümer nicht, warum wie etwas gedeiht und Ertrag abwirft oder auch nicht.
    Ausnahme : Eigentümer, die im Management tätig sind.

    Ansonsten ist der Eigentümer, sind die Eigentümer, dem Management grundsätzlich abhold, denn gewusst wird, dass diese eigene Interessen haben und eigene Narrative bereit stellen.
    Der eigentliche Gag ist insofern, dass die anderen nicht besser sind und insofern Marktmacht aus einem nicht umfänglich verstandenen und entstandenen Apparat entstehen kann, sozusagen : religiös.

    Insofern sitzen kluge Personen, wie sich Dr. Webbaer einzuschätzen erlaubt, global bzw. globalistisch tätige Unternehmen und Unternehmer sind gemeint, sozusagen auf einem Misthaufen, der irgendwie Energie oder Einkommen sozusagen abstrahlt.
    Elon Musk darf vielleicht in diesem Zusammenhang namentlich genannt werden, der ist, wie Dr. Webbaer findet, und der hat es bereits so vor vielen Jahren gesagt bzw. geschrieben, ein Bluffer, ein Topper und ein Absauger von Staatsbeihilfen sondergleichen, vielleicht doch ganz OK, Dr. W relativiert hier seine diesbezügliche Einschätzung, und besser als andere wichtige Füh…, äh Leiter in Unternehmensfragen.

    Dr. W mag aktuell dies :

    -> https://www.youtube.com/watch?v=lEr9cPpuAx8 (die YouTube-Quelle ist hier nicht weiter geprüft worden, hoffentlich ist sie OK, es gibt auch andere Quellen)

    …Dr. Webbaer war bereits bei den Apollo-Missionen, insbesondere auch bei der Mondlandung (“Mondbesteigung”, so hieß dies damals) verfügbar, als televisionärer Kunde, wie Sie womöglich ebenfalls, lieber Herr Dr. Dueck, vorrätig bis vorräettig.

    Große Unternehmer haben genau diejenigen Visionen, die Helmut Schmidt seinerzeit abtat.

    Mit freundlichen Grüßen und eine schöne KW 25 noch!
    Dr. Webbaer (der sich schon ein wenig an Sie gewöhnt hat, hoffentlich nie zu zutraulich geworden ist)

  5. @ Herrn “Martin Holzherr”, die doppelten Anführungszeichen sollen eine zusätzliche Abstraktionsebene aufmachen, denn Sie heißen ja nicht so, Dr. Webbaer heißt übrigens auch nicht so)

    ‘Google’ hat halt das Geschäftsmodell Entitäten, Nutzer des Webs, zu identifizieren zu suchen, ‘Google’ geht Ihnen idT sozusagen auf den Sack, sofern Sie in der Lage sind derart fruchtbar zu werden, um identitätsbezogen Werbung zu platzieren.
    Dieses Geschäftsmodell wird idR oft nicht so direkt beschrieben, denn ‘Google’ verfügt mittlerweile über beträchtliche Medienmacht und hat wohl, indirekt, also legal, viele “Mitarbeiter” im politisch-medialen Komplex schlicht eingekauft.

    ‘Gute Ideen’, der Schreiber dieser Zeilen muss hier ein wenig abweichend vom werten hiesigen Inhaltegeber berichten, setzen sich schon durch.
    Diesbezügliche Kritik wird abär, qua Marktmacht und wie der Schreiber dieser Zeilen nicht nur gelegentlich erfahren hat, womöglich : gerne auch “abgewürgt”.

    Im Web findet ein ganz klar erkennbarer Wettkampf von Gedanken und folgendem Geschäftsmodell statt, Dr. Webbaer begrüßt ihn, und antisoziale Gegenbemühung von denjenigen, die es im Web, global-medial geschafft haben, was der liberale Schreiber dieser Zeilen nicht begrüsst, explizit nicht.

    Hat sich ein wie hier gemeintes Geschäftsmodell durchgesetzt, insbesondere die sogenannten Social Media sind gemeint, entstehen “globale Player” mit beträchtlicher Wirtschaftsmacht, die in der Lage sind sozusagen regionale Demokratien medial-politisch einzukaufen.

    Das sind dann ‘gute’ oder große Ideen und sie sind gefährlich, Dr. Webbaer schaut regelmäßig auch bei “Zuck”, den “Google-Brüdern”, bei Jack Dorsey und so gerne mal drüber, ja, die wollen was, die wollen auch illegitime politische Macht entfalten.

    “Blockchain” insofern als Gegenmodell interessant, Dr. W will die Funktionsweise an dieser Stelle unerläutert lassen,
    MFG
    Dr. W

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