Die Besten sollen lehren!

Wie jeder aus Erfahrung weiß, gibt es etliche schlechte Lehrer, unter denen Kinderseelen knicken und die Eltern von Ferne mitleiden. Wie reagiert das Schulsystem darauf? „Wir können diese Lehrkraft nur in der Unterstufe des Gymnasiums einsetzen, weil seine mangelnde Qualifikation in der Oberstufe zu Problemen führt. Was Kinder noch schlucken, akzeptieren Erwachsene nimmermehr.“ Also setzt man die besten Lehrer für die Leistungskurse vor dem Abitur ein, die schlechten müssen die Unterstufe beglücken.
Nach diesem Muster ist das ganze Bildungssystem aufgebaut: Erst der Babysitter zu ein paar Euro die Stunde zum Aufpassen, dann unterbezahlte Kindergärtner, dann Grundschullehrer… Die Bezahlung wird immer besser, je älter das Kind ist – das geht bis zur Universität und wird dann bei der Alterspflege nicht mehr so richtig durchgehalten.
Wir wissen aber doch, dass ein Kind in frühester Zeit am meisten geprägt (!) wird. Geprägt! Nicht einfach nur erzogen. Was prägt am stärksten? Das wissen wir auch: Der erste Eindruck. Der erste Erzieher, die erste Lehrerin, die erste Professorin, der erste Chef. Wer im ersten Schuljahr Begeisterung für das Lernen tankt, hat es leichter. Wer im Gymnasium sofort unter einem wundervollen Lehrer sich gut macht, kommt weiter. Wenn die erste Professorin in den Grundvorlesungen die Studenten für das Fach entflammt, wird alles gut. Wer in ein Unternehmen eintritt und während der ersten Zeit respektvoll willkommen geheißen wird, bleibt da und leistet viel.

Deshalb soll Einstein selbst die Physikvorlesungen halten und eben nicht ein introvertierter Assistent kurz vor der Habilitation, der sich jetzt endlich ein bisschen seine Scheu vor der Menge abtrainieren soll. Die besten Lehrer müssen das Schulleben oder das Studium eröffnen! Hilfe, wieso jammern alle über die enormen Abbrecherquoten? Hilfe, da gibt es so viele Aktionen und Hilfsprogramme. Dabei ist es einfach: Die Besten sollen lehren.
Dafür sind sich die Besten leider oft zu fein. „Ich bin der Beste und nun soll ich den Kindern etwa billige Bruchrechnung beibringen? Das kann sogar der XY!“ – „Ich als Leibnizpreisträger soll Anfängervorlesungen halten?“ Wir sehen sogleich, was dabei an Bruch herauskommt: Es wird überall geklagt, dass es nicht nur an Bruchrechnung und Sprachausdruck hapert – nein, der Sinn dafür ist nicht genügend ausgeprägt. Die „Master“ finden es nicht einmal mehr schlimm, im Grundsätzlichen Lücken zu haben.
Der Sinn! Die Kinder müssen tief geprägt werden, dass sie eben Bruchrechnung und Sprachgefühl für erstrebenswerte Ziele halten – so wie gutes Autofahren beim Führerschein. Sie müssen zum Schulbeginn einatmen, was Bildung ist. Sie müssen zu Beginn eine Freundschaft mit der Wissenschaft eingehen. Sie sollen vom ersten Chef ein Verantwortungsgefühl für gute Arbeit mitbekommen.

Man staunt immer wieder, dass in Skandinavien die Lehrberufe so hoch im Ansehen stehen. Warum wohl? Die besten Uni-Absolventen werden in Skandinavien Lehrer, nicht wie hier diejenigen, die sich den Master nicht geben wollen. In Skandinavien lehren dann eben die Besten. Es geht doch! Es wirkt doch! Aber wir hier in Deutschland verstehen den Punkt nicht.
Wir erleben die Lehrer, wie sie sind, wir nehmen das falsche System als gegeben hin. Wir staunen nur, dass es in Skandinavien zwei Lehrer (zwei (!) der Besten) in der Klasse gibt, sodass man auf den Einzelschüler eingehen kann, ohne sehr den Fluss des Unterrichtes zu stören. Wir wollen nicht verstehen, dass die Besten meist auch eine gute menschliche Kultur in der Bildung verbreiten und keine des imaginären Rohrstocks nötig haben.
Und über beste Erziehung in der Breite wird hier gar nicht nachgedacht. Wir stehen dann um den Problemhaufen herum: Ach, es fehlt an Sprachgefühl und Rechenleistung. Ach, die Eltern, die das Versagen des Bildungssystems überkompensieren, erzielen gute Ergebnisse bei der Erziehung, die anderen Eltern, die sich auf das System verlassen, eben tendenziell nicht (wenn sie nicht gerade so genannte resiliente Kinder haben). Ach, da ist wohl eine Schere zwischen Arm und Reich. Da müssen wir wohl Geld umverteilen, gell? Leute, das ist nicht der Punkt! Die Besten sollen lehren, und wir brauchen wohl doch eine Erziehungsführerscheinprüfung, mindestens eine allgemeine Weiterbildung über den Wert von Zuwendung, Respekt, Mutmachen, Empowerment oder meinetwegen Wertschätzung, wie man neuerdings sagt.

Veröffentlicht von

www.omnisophie.com

Bei IBM nannten sie mich “Wild Duck”, also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie “Teil des technologischen Gewissens”. Ich habe mich viel um “artgerechte Arbeitsumgebungen” (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um “artgerechte Haltung von Menschen”!
Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen.
Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater – und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe.

Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren.

Gunter Dueck

15 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Stimme zu 100 % zu. In Deutschland bleibt da leider viel zu viel Potenzial auf der Strecke. Man muss das Lehrpersonal einfach deutlich gezielter auswählen! Danke für den super Artikel!

  2. Und was sind nun die Kriterien um zu den besten zu gehören? Starre
    Meritokratie und ein starkverschultes Studium “Bolognese”?

  3. Sepp,
    ……Lehrer/innen gezielter auswählen.
    Das ist ein gutgemeinter Vorschlag. Wie soll das praktisch gehen?
    In der Grundschule soll die Lehrkraft erziehen und lehren. Beides können nur die wenigsten sehr gut.
    Wenn du menschliche Qualitäten hast, hast du ein Defizit im kognitiven Bereich. Wenn du ein mathematischer “Versteher” bist, hast du Schwierigkeiten in die Niederungen menschlicher Dummheit(man verzeihe mir diesen Ausdruck) einzudringen.
    Aber es ist richtig, der Schaden, den ein/e Grundschullehrer/in anrichten kann , wiegt schwerer, als später in der Oberstufe, wo Schüler “trotz” der Lehrkraft etwas lernen können.

    • Zitat: Lehrer/innen gezielter auswählen.Wie soll das praktisch gehen?
      Durch 1) Selektion 2) ständige Fortbildung.
      Genau das passiert in den PISA-Vorzeigeländern Finnland und Shanghai. In Finnland werden die Besten Lehrer, weil Lehrer ein angesehener, von vielen angestrebter Beruf ist, sich darum viele für eine Ausbildung zum Lehrer bewerben und nur die besten genommen werden. In Shanghai ist es üblich, dass Lehrer Problelektionen vor anderen Lehrern geben müssen und überhaupt gibt es fortflaufende Bemühungen zur Verbesserung der Unterrichtsqualität und Weiterbildungsprogramme an denen alle Lehrer teilnehmen.
      In den USA, wohl aber auch in Deutschland, ist der Lehrerberuf aber wenig attraktiv und es gilt quasi der Spruch “Wer nichts wird wird Lehrer”.

  4. Da kommt mir Radio Eriwan in den Sinn: Im Prinzip ja, aber…
    Nicht jeder gute Wissenschaftler ist auch ein guter Lehrer. Einsteins Vorlesungen sollen Berichten von Zeitzeugen zufolge “sehr ausbaufähig” gewesen sein, um es mal vornehm zu zitieren. Es sollen diejenigen Unterrichten, die das gerne tun und gut können. Nur wer begeistert ist, kann begeistern. Nur wer selbst brennt, kann die Lunte anzünden… (Alles übertragene Sepp Herberger Sprüche)

  5. Martin Holzherr,
    Wer nichts wird, wird Lehrer. Ich kenne nur diesen Spruch: Wer nichts ist und wer nichts kann, der geht zur Post oder Bundesbahn.

    Das sind saudumme Sprüche. Heute wird nur noch Lehrer, wer Idealist ist.
    Und es bleiben nur gute Lehrer, Lehrer. Dafür sorgen die Schüler.
    Ich war 40 Jahre Lehrer.

  6. Also, ich habe in meinem Physikstudium andere Erfahrungen gemacht:

    C4-Professoren, die viele Preise eingeheimst haben und eine umfangreiche Publikationsliste vorweisen können (und die damit wohl zu “den Besten” gehören), waren didaktisch ein Katastrophe.

    Und der “introvertierter Assistent kurz vor der Habilitation” ist durchaus in der Lage, komplexe Zusammenhänge didaktisch aufzuarbeiten und aus verschiedenen Blickwinkeln darzustellen. Bei so einem Assistenten hatte ich Übungen in Festkörperphysik; ich habe sehr viel bei ihm gelernt. Dieser Assistent war aber keiner von “den Besten”; seine Habilitation hat er nicht abgeschlossen.

    Dem Satz “Die Besten sollen lehren!” kann ich persönlich nicht zustimmen.

  7. Wie jeder aus Erfahrung weiß, gibt es etliche schlechte Ärzte, Autofahrer, … und Blogartikel.

    Was soll dieser Artikel, mit diesem ersten Satz? Wertschätzung einer gesellschaftlich hoch relevanten Tätigkeit?

    Engagierte, gute Lehrer kämpfen in Deutschland vor allem mit den Rahmenbedingungen, viel zu wenig Zeit für viel zu viele Aufgaben. In Skandinavien erzielt man nicht nur wegen der Selektion diese Ergebnisse. Es macht schon einen Unterschied, ob ich 16 oder 27 Unterrichtsstunden geben muss (Vorbereitung, Klausuren, Elterngespräche, Austausch mit Kollegen, …) Wenn man, wie ich, jede Woche etwa 180 Schüler unterrichtet, kann man nicht besonders viel Zeit für individuelles Eingehen auf den Einzelnen veranschlagen. (Von Politikern hört man dann vor dem Hintergrund vor Korrekturbelastungen etc. gerne, dass Lehrer ja auch etwa mit 2/3 Stelle arbeiten können, das ist in Deutschland Bildungspolitik.)

    Natürlich ist es wünschenswert, die Besten für die Bildung zu gewinnen. Allerdings ist es höchst fragwürdig, in einem im untragbar gewordenen System (zuletzt die Forderung nach individuellem Fördern, Inklusion, etc. weitgehend ohne Änderung der Rahmenbedingungen), Selektion, ohne die Rahmenbedingungen zu thematisieren. So vergrault man nur die Besten und Engagierten im System und bekommt sicher wenig neue.

    Aber: Zu Schule hat ja jeder eine Meinung …

  8. Wer ist in diesem Artikel denn mit “den Besten” gemeint? Die fachlich Besten oder die pädagogisch Besten? Wie in den Kommentaren von Herrn Pfeifer und Uli bereits geschrieben wurde, macht das einen großen Unterschied. Ich denke, wenn im Artikel vom Leibnitzpreisträger die Rede ist, ist der fachlich beste gemeint. Und wenn dieser pädagogisch unfähig ist oder keine Lust oder Zeit hat, gute Lehre zu machen, ist niemandem geholfen.

    • Sehe gerade (zum ersten Mal) dass mein Name hier (fett gedruckt) wie mit einer eigenen Webseite erscheint. Ich habe aber keine solche. Weiß (also) nicht so recht wie das kommt – vll. aber hat es etwas mit meinem Google account zu tun …

      Dies nur zur Info (um Missverständnisse zu vermeiden). Ich habe das hier schon öfters bei anderen postings gesehen = dass wenn man den Namen anklickt die Meldung *Diese Website ist nicht erreichbar* kommt (?) …

  9. Die Schlechten sollen aufhören zu lehren!
    Meinen Glückwunsch zu Ihrem Beitrag. Ich finde ihn nicht nur überaus gut, sondern sogar ausgesprochen wichtig und dringend notwendig. Die ersten beiden Sätze sind prägend. Mit dem zweiten Nebensatz: “, unter denen Kinderseelen knicken und die Eltern von Ferne mitleiden.” weisen Sie auf das Phänomen des Underachievement hin, welches vor fast 100 Jahren erstmals wissenschaftlich erkannt wurde und seitdem von abertausenden von Wissenschaftlern versucht wird, zu verstehen und zu erklären. Eine Lösung dafür gibt es nach nunmehr fast 100 Jahren immer noch nicht und ist auch wohl für die nächsten (wieviele? nochmals 100?) Jahre nicht in Sicht.
    Dabei geben Sie bereits mit dem ersten Nebensatz: “, gibt es etliche schlechte Lehrer,” einen Hinweis auf die Hauptursache, nach meiner Meinung auch die einzige Ursache dafür. Dabei ist es für mich weniger eine Frage, ob man sich so einen Zustand volkswirtschaftlich leisten kann, als vielmehr, dass es sich dabei um die Verletzung von Menschenrechten handelt, nämlich das Recht auf Bildung und das Recht auf körperliche Unversehrtheit, wozu zweifelsfrei auch die Psyche zu zählen ist.
    Und “Wie reagiert das Schulsystem darauf?”. Nach meiner Meinung gar nicht. Die Ursachen liegen ja beim Individuum, seiner Peer-Group oder dem Elternhaus mit seinem sozialen Umfeld, ist die einschlägige Meinung der Pädagogen. Es reagiert höchstens auf Vorgaben aus der Bildungspolitik und die fehlen in dieser Hinsicht bisher komplett.
    Wie ich aus den bisherigen Kommentaren meine herauslesen zu können, herrscht überwiegend Konfusion über die Praktikabilität Ihres Vorschlags. Was wir hier in Deutschland, ebenso wahrscheinlich auch in vielen anderen Ländern, bräuchten, ist eine Art Qualitätsmanagementsystem im Bildungswesen, verbunden mit einem Paradigmenwechsel. Präselektion ist zwar gut, wenn die aber nicht zuverlässig funktioniert, muss man auch über Postselektion nachdenken und die Schlechten aus dem System entfernen.
    Wenn man bedenkt, dass ein Pädagoge in seinem, sagen wir einmal 40-jährigen, Berufsleben mehrmals Underachiever produziert, so ist davon auszugehen, dass die Kosten für die Gesellschaft, welche durch das Underachievement entstehen könnten, diejenigen der Lehrerausbildung bei weitem übersteigen dürften. Es reicht demnach nicht aus, nur das Potential der Schüler möglichst früh zu identifizieren, vielmehr müssen auch “gesellschaftsschädliche” Lehrer erkannt, nachgeschult und ggf. auch vom System ferngehalten werden.
    Als solide Datenbasis bräuchte man dazu eine 100%-ig flächendeckende Potentialanalyse ab dem 4. Lebensjahr, idealerweise alle zwei Jahre wiederholt. Ein Anfang wäre jedoch gemacht, würde man aktuelle Fälle analysieren und die Betroffenen auch angemessen rehabilitieren.
    Können es wir uns als, vom Humanismus geprägter, Wissensgesellschaft in der “Bildungsrepublik Deutschland” leisten und verantworten, dass wir einen Teil unserer Besten und potentiell Leistungsfähigsten bereits in jungen Jahren von einem mangelhaften Bildungssystem seelisch verkrüppeln zu lassen?

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