Bungee im Netz

Es gibt einen zynischen Dilbert-Cartoon – der ist schon über 25 Jahre alt. Es geht darin um den Bungee Boss, der am Gummiseil in die Abteilung springt, blitzschnell eine Neuorganisation anordnet – und, bevor er etwas davon erklären kann, schon selbst vom Gummiseil weggerissen wird (also selbst wieder umorganisiert ist). Gerade als Dilbert zynisiert „I think, he made a difference“, kommt schon ein neuer Bungee Boss.

Im Netz steht das Original, es kostet leider sehr viel Geld, das hier direkt zu posten (klicken Sie einmal probehalber auf den buy Link!): https://dilbert.com/strip/1994-09-07

Solche künstliche Dramatik kennen Sie sicher aus Ihrer Firma. Die Manager müssen so schnell wechseln, weil … egal: es wollen ja alle mal drankommen, da hält man die Organisationszyklen kurz oder genehmigt goldene Blitzfrühpensionen. Der Bungee Boss fiel mir beim Twittern über wichtige Dinge ein. Bei Twitter findet ein systematisches Bungee Babble oder Bungee-Gebabbel statt. Da „shared“ oder teilt jemand etwas bedenklich Falsches. Viele schnappen es auf, einige stellen es richtig. Aber die meisten Tweet-Konsumenten lesen ja meist nur den Original-Tweet und nehmen dieses Falsche wahr und mit. Dann – Bungee-Bungee! – sind sie von diesem Vorgang weggehüpft, und zwar vollständig weg. Sie bleiben nicht da, bis die Diskussion etwas ergibt! Wenn man nämlich Hunderten von Twitterern folgt (was viele tun), bekommt man viel mehr Tweets in die Timeline als man je bewältigen kann. Ihre und meine Tweets werden also nur zufällig gelesen und immer von einer anderen Leserschar.

Ein Anlass vor Weihnachten: Da geht im Netz eine Pie-Chart-Grafik mit den Todesfällen im September herum, die korrekt zeigt, dass im September nur 0,7 % Prozent der Todesfälle im Zusammenhang mit Corona stehen. Von dieser amtlichen Meldung geht eine starke Suggestion aus: „Es ist gar nichts los!“ Es folgen zig Anmerkungen der Form „Wusste ich! Panikmache!“ – „Pandemie-Lüge“ usw. Da graust es mir, denn pro Tag sterben in Deutschland stets ca. 2575 Menschen (so war es 2019), und die paar Pandemie-Tote im September ergeben vollkommen korrekt die besagten 0,7 %. ABER: Derzeit sterben täglich um die 1000 Leute mit Corona, das sind dann doch ca. ein Drittel von den „normalen“ 2575. Die Fakten vom September suggerieren etwas Gegenteiliges – das wird unter dem Original-Tweet von etlichen Experten angemerkt. Diese heute passenden Fakten aber werden nicht mehr wahrgenommen. Die Bungee-Hüpfer sind schon weg. Sie haben die Original-Suggestion geschluckt und fühlen sich bestärkt, sich über die “erfundene”  Pandemie zu ärgern.

Da das so ist, nützt ein konstruktiver Kommentar eigentlich kaum noch, er ist so wirkungslos wie eine gut recherchierte Widerlegung einer Trump-Aussage, weil sie leider erst ein paar Tage später erscheint. Dann ist Trump mit Bungee-Bungee-Behauptungen schon längst ein paar Runden weiter. Die Leute, die seine Bungee-Meldung aufgeschnappt haben („nichts los“), kehren doch nie mehr zu den Antworten zurück. Bungee-Bungee! Alle hüpfen von Meldung zu Meldung. Was bleibt im Gehirn? Ein Bungee-Gemisch, gefärbt natürlich mit den Nuancen der eigenen Filter-Bubble.

Ich war einige Male versucht, bei groben Fehlern in Tweets die nüchternen Fakten einzustreuen, aber wenn die Leute nie wiederkommen, bin ich frustriert. Ich müsste am besten in derselben Sekunde kommentieren, das ginge noch! Aber ich sitze doch nicht ständig vor dem Bildschirm und kontrolliere das Netz… Wenn ich wirklich etwas kommentieren möchte, ist dies vielleicht schon eine volle Stunde(!) alt. Dann wird mein Kommentar kaum noch gelesen – die Bungee-Hüpfer sind schon weiter und weg.

Immer weiter und weg! Ich frage mich dann, was die vielen Super-Gummi-Bungee-Leser schließlich im Gehirn gespeichert haben. Es muss ein irres Gemisch an Headlines sein…

Und wenn dergestalt fragmentierte Gehirne einmal in Ruhe über die Welt nachdenken, um zu einer fundierten Meinung zu kommen, dann geht das wohl nicht wirklich. Wie soll aus groben Versatzstücken ein Ganzes werden? War das früher besser, als man das Ganze aus derben Stammtischsprüchen zusammensetzte, auch aus sonderbaren Vermutungen über das Treiben allmächtiger Eliten? [In meiner Kindheit redete man so: „Politik ist ein schmutziges Geschäft. Sie stecken alle unter einer Decke.“] Nein, es war wohl nicht besser, aber der Nebel war beständiger, die Irrtümer verfestigten sich besser, denn es gab nicht jeden Tag neue.

Frust. Ich weiß, man braucht Bildung. Das wissen Sie bestimmt auch. Aber die Bungee-Hüpfer sind doch, nach ihrer Kurz-Bio bei Twitter beurteilt, Gebildete?

 

Quelle: Adobe Stock Photo

https://stock.adobe.com/de/images/figur-bungeejump/27186020?prev_url=detail

Zum Schluss noch eine theoretische Anmerkung: Das ganze Netz ist voll von Filterblasengedanken – dass man also in einer Art Seifenblase eingeschlossen ist und nichts sonst vor der Welt wahrnehmen will bzw. kann. Wir sollten das Bild der einschließenden Blase durch das einer Spezialbiene oder Mono-Maja ersetzen.

Mono-Maja fliegt das ganze Jahr über als Zugbiene durch die ganze Welt, sie sieht aber nur eine einzige Blütenpflanzenart, von der sie Nektar trinkt. Die Millionen anderer Blüten nimmt sie nicht wahr. Mono-Maja sagt dann: „Ich habe die ganze Welt gesehen, habe jeden Winkel der Welt besucht. Und was soll ich sagen? Überall waren Chemtrails am Himmel zu sehen. Mit dieser Erkenntnis kehre ich heim. Ich wusste es schon vorher, aber jetzt bin ich sicher.“ Bungee-Bungee.

 

Veröffentlicht von

www.omnisophie.com

Bei IBM nannten sie mich "Wild Duck", also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie "Teil des technologischen Gewissens". Ich habe mich viel um "artgerechte Arbeitsumgebungen" (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um "artgerechte Haltung von Menschen"! Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen. Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater - und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe. Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren. Gunter Dueck

13 Kommentare

  1. Dilbert ist für Könner.
    Etwas für Anfänger. Gerade wirbt ein Desinfektionsmittel mit :” Beseitigt 99,9 %
    aller Keime und Viren.”
    Toll, denkt man da. Wenn man aber weiß, dass Keime und Viren zu Milliarden vorkommen, dann sind eben die 0,1 Prozent der Keime und Viren die verbleiben , immer noch 1 Million Keime und Viren.
    Bei diesen Informationen wird man selbst zum Bungeespringer. Zuerst ist man ganz oben, bei den 99,9 % und in der nächsten Sekunde wird man desillusioniert, wenn man nachrechnet.

  2. Zitat: im September nur 0,7 % Prozent der Todesfälle im Zusammenhang mit Corona…
    Was man im September gelernt hat, kann also im Oktober falsch sein.
    Das wäre eine mögliche Interpretation. Die andere, viel unangenehmere Interpretation ist allerdings: Im September hat man gar nichts gelernt, man hat sich nur eingebildet etwas gelernt zu haben – genau so wie im Dillbert-Komik eine Figur sagt“ I think, he made a difference“. Nur ist die Figur im Dillbert-Komik viel weiter als man selbst, denn man selbst ist noch nicht beim Zynismus angekommen.

    Zitat obiger Beitrag:

    Ich frage mich dann, was die vielen Super-Gummi-Bungee-Leser schließlich im Gehirn gespeichert haben. Es muss ein irres Gemisch an Headlines sein…

    Ja, der heutige Universalgelehrte, der also, der immer up-to-date ist, der hat wohl den Kopf voll von lauter halb abgelutschten oder nur angelutschten Lollies.

    Es kommt kein durchdachtes Ganzes dabei heraus. Früher aber auch nicht, denn wie Gunter Dueck schreibt gab es früher anstatt Lollies einfach x-Mal Durchgekautes.

    Synthese: Denken war und ist die Ausnahme, Sich einbilden zu Denken aber die Regel.

  3. Zitat: „ Ich müsste am besten in derselben Sekunde kommentieren, das ginge noch! „
    Wenn das passiert und eine künstliche Intelligenz antwortet auf jede Tweet-Behauptung innerhalb einer Sekunde mit ihrem geballten Wissen, einem tiefen Verständnis und einer überzeugenden Einordnung ins Welt-Ganze – dann beginnt ein neues Zeitalter. Ein Zeitalter in dem der Mensch sich mit Lollie-Schlecken zufrieden geben muss.

  4. Martin Holzherr,
    KI hat kein Verständnis, das sind nur Nullen und Einsen.
    Der Einzige , der jetzt etwas Intelligentes dazu sagen könnte, das wäre Dilbert.
    Man hört gar nichts mehr von ihm, hat er Corona ?

    • hwied (Zitat) „ KI hat kein Verständnis, das sind nur Nullen und Einsen“
      Dann würde ich es nicht KI nennen und nicht einmal für KD (Künstliche Dummheit) reicht es dann.
      Doch warum sollten Nullen und Einsen, die durch ein komplexes, anpassungsfähiges Netz von Verarbeitungsknoten flutschen, nicht kognitive Leistungen vollbringen können, die an die menschlichen heranreichen?
      Stephen Hawking gibt in seinem letzten Buch jedenfalls seinem Glauben Ausdruck, dass Intelligenz nicht an Wetware gebunden ist, sondern auch in elektronischen Devices möglich ist. Im Kapitel Wird uns künstliche Intelligenz überflügeln. liest man (Zitat Hawking):

      Dass es einen qualitativen Unterschied zwischen dem Gehirn eines Regenwurmes und dem eines Computers gibt, glaube ich nicht. Ich glaube darüberhinaus, dass es aufgrund der Evolution keinen qualitativen Unterschied zwischen dem Gehirn eines Regenwurmes und dem eines Menschen gibt. Daraus folgt: Computer können im Prinzip menschliche Intelligenz nachahmen oder sie gar verbessern.

      Allerdings ist es ein Irrtum zu glauben, das was wir heute künstliche Intelligenz nennen, sei schon das letzte und höchste was wir erwarten dürften. Aus den Schwächen heutiger künstlicher Intelligenz dürfen wir nicht schliessen, dass auch KI-Systeme des 22. Jahrhunderts immer noch lächerliche Blechkisten sind. Und nicht vergessen: die KI-Systeme und Anwendungen über die wir nun täglich lesen und die wir in Anwendungen wie Übersetzern, personalisierter Werbung und Sprachassistenten auch erfahren, die gab es vor 10 Jahren noch nicht. 10 Jahre aber sind nichts in der Geschichte der Wissenschaft und Technik auch wenn sie im Leben eines Menschen viel sein können.

      Gunter Dueck hat in diesem Beitrag eine Illusion der heutigen Zeit zum Thema gemacht: die Illusion man könne immer up-to-date sein und damit immer auf der Höhe der neuesten Erkenntnis und immer befreit von den Irrtümern von gestern.. In seinem Beitrag scheint aber eine weitere verbreitete Illusion auf: die Illusion, der Mensch könne alles unter Kontrolle halten, wo es doch eher umgekehrt ist und der Mensch vom Bungee-Seil hin-und her gezerrt wird. Neben der Kontrollillusion gibt es auch noch die Tendenz wenn nicht des Einzelnen, so doch der Menschheit zur Selbstüberschätzung und zum Glauben an einen ewigen Platz der eigenen Gattung auf der Siegertreppe. Daran glaube ich nicht. Zudem: es muss ja niemand auf der Siegertreppe stehen: zukünftige Superintelligenzen müssen nicht unbedingt uns Menschen sagen was wir zu tun haben. Sie können sich auch damit begnügen Dilbert-Comics zu zeichnen und ihren Spass damit zu haben.

  5. Martin Holzherr,
    Danke für den ausführlichen Beitrag. Die KI unterscheidet sich von der menschlichen I, dass sie keine Fehler macht und darin, dass ihr die moralische Komponente fehlt, die man Einsicht nennt.
    Ja, und um bei Dilbert zu bleiben der KI fehlt der Humor und der tiefsinnige Sarkasmus. Kann KI lachen , kann KI weinen , nein ? dann sollten wir sie immer gut im Auge behalten.

  6. @hwied (Zitat)“ der KI fehlt der Humor … dann sollten wir sie immer gut im Auge behalten “
    Im verlinkten NZZ-Artikel liest man:

    Haben Politiker Humor? … Man kann sich vorstellen, dass sich Politiker von ihren Referenten Witze zustecken lassen. Damit sie einen haben, wenn sie einen brauchen.

    Nun, wenn den Politikern tatsächlich der Humor fehlt, … dann sollten wir sie immer gut im Auge behalten.

  7. Martin Holzherr,
    ein scharfsinniger Witz ist ein Merkmal für einen guten Politiker.
    Mein Favorit war da Bruno Kreisky aus Österreich. Dessen Witze haben literarische Qualität.

  8. Scott Adams ist durch Dilbert bekannt geworden. Momentan beschäftigt er sich allerdings mit Faktischem:

    Episode 1253

    – Kim Jong-Un testing Biden

    – AOC feels the media needs to be controlled?

    – We need a way to interpret the news

    – How to determine if an election was fair

    – Master list of election fraud claims and debunks

    Episode 1252

    – Jack Dorsey’s statement on banning President Trump

    – congress saved 2B at a cost of 10B?

    – An impeachment of Trump…or of free speech?

    – Identifying a propaganda bubble

    – Hypocrite strategy is a LOSING strategy

    – Aggressive compliance strategy

    Zu den Bungees und Wesensverwandten:

    Man behandle sie wie kläffende Hunde (ignoriere sie) und alles wird gut. Dogbert sagte:

    Leadership is nature’s way of removing morons from the productive flow.

  9. Die aktuelle COVID-19-Epidemie ist sicherlich politischerseits schwer zu managen, was i.p. Management immer hilft ist das Eingehen auf Datenlagen und die sog. Güterabwägung, beides kommt womöglich nicht nur in der BRD aktuell etwas kurz.
    Nun wird hoffentlich alsbald die breit verfügbare Impfung dem Schrecken ein Ende setzen, dem tatsächlichen und dem gefühlten Schrecken, auch dem Schrecken derjenigen, die ihre Grundrechte eingeschränkt sehen und dies gar nicht mögen.
    Was halten Sie, Herr Dr. Dueck, von der “Verhausschweinung des Menschen”? Ischt manageable?

  10. Bonuskommentar hierzu :

    Ich war einige Male versucht, bei groben Fehlern in Tweets die nüchternen Fakten einzustreuen, aber wenn die Leute nie wiederkommen, bin ich frustriert.

    Die meisten Menschen können nicht mit Fakten oder mit Datenlagen umgehen, wer wie ich bspw. die US-Daten, die europäischen Daten (“EUROMOMO”) und die bundesdeutschen Daten (“Statistisches Bundesamt”) zu “Corona” gelegentlich im Web verweist, merkt das direkt.
    Die Leutz glotzen auf Visualisierungen von Daten und können ihnen keine Bedeutung entnehmen, werden sogar teils aggressiv, weil sie sich belästigt fühlen.
    (‘Dilbert’ (von einem offensichtlichen Nicht-Kenner Scott Adams in diesem Kommentariat auch mehrfach ‘Dillbert’ geschrieben) weiß dies ebenfalls, blöde halt, dass es in der Wirtschaft darum geht Geld zu verdienen, was misslingt, wenn mit Daten nicht hantiert werden kann.)

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