Alternativlos? Alternativblind!

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Wahrheiten als Querdenkerisches verkleidet, von Gunter Dueck
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Nun ist es heraus: Das Wort „alternativlos“ ist zum Unwort des Jahres gewählt worden. Angela Merkel hat es prominent benutzt. Die Griechenlandhilfe ist alternativlos! Der Euro wohl auch, der Stuttgarter Bahnhof sowieso. Und Guido Westerwelle, glaube ich.

Man versinkt im Sumpf und muss wieder heraus. Das ist alternativlos. Aber der Sumpf an sich eigentlich nicht, oder? Alternativlos ist wohl das neue Wort für Sachzwang, was sich zu stark abgenutzt hat. Es erklärt ebenfalls die Ohnmacht in einer bestimmten Situation. Das Wort Weiterwursteln passt dazu, wenn man resignativ veranlagt ist. Noch nicht ganz Abgebrannte neigen zu Aktionismus. „Hauptsache, wir tun etwas, das ist besser als nichts. Es nützt natürlich nichts, dafür tun wir aber viel mehr als andere.“ Mein Lieblingscartoon zeigt Leute in meinem Alter am Konferenztisch: „With amused resignation, they ever implement things they know will fail.“ Das Leben ist alternativlos, nicht wahr?

„Lasst uns Angeln auswerfen, damit wir Fische fangen und nicht übermorgen verhungern!“, ruft ein Schiffbrüchiger auf dem einsamen Rettungsboot, aber alle anderen sagen: „Wir schöpfen verzweifelt Wasser aus dem Boot, damit wir nicht heute schon ertrinken.“ Und Blondmodel „Nerv-Natter“ BILD-Hassliebchen Sarah aus dem Dschungelcamp würde Sturzbäche weinen, weil sie nun auf jeden Fall sterben muss: Sie mag nämlich keinen rohen Fisch.

Eine Alternativlosigkeit wie im Rettungsboot ist eher selten. Wir erzürnen über selbsthalluzinierte Einbahnstraßen. „Wir müssen den Betrieb kaputtsparen, weil wir sonst unser Gewinnziel aufgeben müssten.“ – „Wir können den Staat nicht sanieren, weil wir sonst nicht gewählt werden.“ – „Systeme sind nun einmal komplex, sie können nicht immer funktionieren.“ – „Wir haben Angst, den Partei-Chef zu kritisieren, dann wählt er uns noch heute ab. Lieber lassen wir uns übermorgen alle zusammen abwählen, das ist sicherer.“

Eine Halluzination ist eine sinnliche Wahrnehmung von etwas, was durch keine normale physikalische Reizgrundlage erzeugt wird. In vielen Fällen gehört das Empfinden der Alternativlosigkeit in diesen Bereich, oder?

Aber eigentlich ist es Alternativblindheit! Die Idee des Shareholder-Value, des eigenwillenundmeinungsbefreiten Parteisoldaten, der erhabenen Systemkomplexität trübt uns die Augen. Die Idee der eigenen Beschränktheit lässt uns für andere Alternativen erblinden. Out of he Box! Über den Tellerrand hinaus!

Leider ist in ganz vielen Fällen die Alternative zu einem Alternativlosen, zu einem alternativlosen Unternehmen oder einem alternativlosen Land ein Neuer, ein innovatives Unternehmen oder ein aufstrebendes Land. Dafür aber sind wir Alternativlosen ganz und gar blind.

Veröffentlicht von

www.omnisophie.com

Bei IBM nannten sie mich "Wild Duck", also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie "Teil des technologischen Gewissens". Ich habe mich viel um "artgerechte Arbeitsumgebungen" (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um "artgerechte Haltung von Menschen"! Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen. Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater - und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe. Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren. Gunter Dueck

2 Kommentare

  1. Der Tod ist alternativlos

    Das Unwort des Jahres „alternativlos“ ist wirklich, wie Sie beschrieben, eine Chimäre. Es soll uns suggerieren, dass es keine andere Möglichkeit zur Klärung eines Problems als die gefällte Entscheidung gäbe. Das ist ja nun beruhigend, wir glauben also weiter, dass der/die EntscheiderIn alles richtig gemacht hat, es gab ja keine Alternative.
    Aber, das einzig alternativlose sind der Tod und die Vergangenheit, selbst der Tod erst wenn man gestorben ist. Somit hat Angela Merkel im Nachhinein recht, jetzt ist ihre Entscheidung alternativlos, weil sie in der Vergangenheit liegt. Damals gab es sehr wohl Alternativen. Ob diese nun besser gewesen wären kann ich nicht beurteilen, aber es hätten wohl nicht alle zum Zerfall der Währungsunion geführt. Einige vielleicht sogar zu einer Stärkung.
    Es gibt ja nun zu jedem Ding eine Alternative, zum Zölibat das Nichtzölibat, was ja nun nicht heißen soll, dass ein katholischer Priester heiraten muss. Zur parlamentarischen Demokratie eine andere Demokratie, die nicht Diktatur bedeuten muss. Und auch zum Kapitalismus den Nichtkapitalismus, der nicht einen Rückfall in den Sozialismus der UdSSR oder DDR bedeuten muss.
    Es gibt bestimmt auch Alternativen zu Angela Merkel, Guido Westerwelle, Horst Seehofer und Sigmar Gabriel.
    „Alternativlos“ bedeutet also nur, wir haben eine Ausrede nicht weiter nach Lösungen zu suchen.

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