AFD – Attention Focus Disorder

Jeder kennt ADD (Attention Deficit Disorder). Daran leiden Menschen, die ihre Aufmerksamkeit nicht fokussieren können, weil sie zu leicht abgelenkt werden. Sie nehmen die Vielfalt des Lebens zu sehr wahr; sie sind die Jäger-Charaktere der Urzeit, die eben jede Bewegung im Gebüsch wahrnehmen müssen. Solche Menschen wollen wir nicht, daher erziehen wir sie zu Konzentration auf die Tafel, auf die Lippen der Lehrer und die Erzielung guter Noten.

Diese Massendressur ist ein eher hilfloser Versuch, die Menschheit doch noch dazu zu bringen, sinnvoll zusammenzuleben. Als Menschheit müssten wir uns eigentlich auf die wahren Ziele konzentrieren. Die Idee, das wirklich Wichtige zu tun, hat ziemlich viel mit Begriffen rund um Nachhaltigkeit, Gemeinsinn, Frieden, Gesundheit, Bildung, Ökologie etc. zu tun. Darauf konzentrieren wir uns als Kollektiv nicht, weil wir es wohl nicht können. Wenn es uns schlecht geht, kämpfen wir egoistisch; wenn es gut geht, werfen wir Geld auf jedes Problem und jeden Wunsch, ohne je die Folgekosten einzukalkulieren, die uns später noch stärker in die Knie zwingen, wenn es wieder schlecht geht.

Es wird gejammert, dass Leadership fehlt, also eine Instanz, die unseren Fokus auf Nachhaltigkeit, Frieden etc. hält. Wie aber leben wir ohne diesen Fokus? Hat jeder einen anderen? Haben manche gar keinen und schwimmen mit? Worauf lenken wir unsere Aufmerksamkeit, wenn nicht auf den gemeinsamen Wohlstand? Wir versuchen es mit Kurzfristdressur im Kleinen, weil dafür die lokale Macht ohne den allgemeinen Fokus der Leader ausreicht:

  • Lehrer fokussieren auf Noten
  • Manager fokussieren auf Quartalsergebnisse
  • Aktionäre auf den Börsenkurs von morgen
  • Parteien auf die Wahltermine, an denen punktuell Einigkeit heuchelbar ist.

Das funktioniert mehr schlecht als recht. Wie könnte man aber den Fokus doch wieder auf das Ganze lenken? Ich fürchte, in diesen Zeiten geht das gar nicht richtig, weil wir zu viele Leute haben, die fast stolz darauf sind, einen klaren Fokus auf „eine Seite der Medaille“ zu haben, die sich zum Teil fanatisch auf nur einen Teil des Ganzen fokussieren. Das war in der Politik fast immer so, rechts gegen links, aber wenigstens regiert dann öfter einmal ein Teil fokussiert… Man sagt öfter im Management: „Besser eine schlechte Entscheidung als gar keine.“ – Und im Volk sieht man vielleicht auch: „Besser ein nicht wirklich ganzheitlicher Fokus als gar keiner.“

Heute aber tendieren wir zu „gar keiner“.

 

Quelle: Adobe Stock, https://stock.adobe.com/de/images/magnifier-with-eye-outline-icon-find-icon-investigate-concept-symbol-eye-with-magnifying-glass-appearance-aspect-look-view-creative-vision-icon-for-web-and-mobile-n-stock-vector/259959012?prev_url=detail

Wir zersplittern in Teilperspektiven, die für sich einen sehr starken Fokus haben und gar keine ganzheitliche Leadership möglich machen.

  • Ampelregierungen mit immer mehr Farben
  • Neiddiskussionen bei allem, was wie Vorteil aussieht („Gerechtigkeit“ sagen, Neid meinen)
  • Alles soll überall gleich sein (Abitur, Maskenpflicht) oder bundeslandestypisch verschieden
  • Keine Partei mag für etwas sein, was sich eine andere Partei auf die Fahnen schrieb (wie erbärmlich!)
  • Menschen sollen potentialentfaltet oder alle chancengleich genormt werden.
  • …und 100 Punkte mehr

Wir zersplittern heute in Mikroperspektiven. Früher war man mehr recht oder links, man mochte sich dabei gegenseitig nicht gut leiden. Heute haben zu viele von uns in jedem Teilaspekt eine harte polare Meinung, die die andere Seite fast schon „hasst“. Vegan ja/nein? Lockdown ja/nein? Diesel ja/nein? Klimarettung ja/nein? Karriere ja/nein, Impfen ja/nein, Grundeinkommen ja/nein… wir haben viele Fronten und ein jeder hat an jeder Front einen klaren harten Fokus.

Das Leben ist dann doch irgendwie gemischt – aber da wir in jeden Teilaspekt zu einer polaren Meinung tendieren, jeder ganz verschieden, hassen wir bald alle anderen irgendwie. Da erscheint uns das Leben trüber denn je. Das liegt nicht unbedingt am Leben. Es liegt an der Sucht, zu stark auf alles Mögliche zu fokussieren, außer auf ein gutes Ganzes.

Ich meine: auf ein gutes Ganzes, nicht auf ein ideales Ganzes. Was ein gutes Ganzes ist, könnte konsensfähig gefühlt werden; was aber ein ideales Ganzes ist, zersplittert uns wieder in zig Parteien, die sich einseitig polar auf etwas Einzelnes fokussieren und sogar auf etwas ganz Falsches. Das ist kollektive AFD.

Gunter Dueck

Veröffentlicht von

www.omnisophie.com

Bei IBM nannten sie mich "Wild Duck", also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie "Teil des technologischen Gewissens". Ich habe mich viel um "artgerechte Arbeitsumgebungen" (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um "artgerechte Haltung von Menschen"! Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen. Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater - und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe. Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren. Gunter Dueck

5 Kommentare

  1. Darauf [‘Nachhaltigkeit, Gemeinsinn, Frieden, Gesundheit, Bildung, Ökologie etc. ‘] konzentrieren wir uns als Kollektiv nicht, weil wir es wohl nicht können. [Quelle : jeweils Artikeltext]

    Es ist so, dass es aus liberaler Sicht Gesellschaften gibt, aber kein gesellschaftliches Kollektiv, die liberale Demokratie ist individuen-zentriert, gibt individuelle Rechte und will auch gar kein allgemeingesellschaftliches Kollektiv schaffen, sondern setzt auf den (weitgehend unregulierten) Verbund der Individuen oder auch Staatsbürger, um so lose gesellschaftlich organisiert und den Meinungspluralismus stets beachtend, einen Weg zu finden oder viele Wege zu finden, die den gesellschaftlichen Verbund, den Staat führt, hoffentlich, so denken sich viele, in die sozusagen richtige Richtung.
    Wobei diese Richtung aber nicht individuen-seits in ihrer Richtigkeit, die moralische Gerechtigkeit ist gemeint, klar bestimmt werden kann.

    In der Wirtschaft, in Unternehmen der Wirtschaft ist es ganz ähnlich, dort findet zuvörderst ein Interessenabgleich statt, der diejenigen, die sozusagen im selben Boot sitzen, verleiten oder anleiten sollen den richtigen Kurs zu finden, jeweils die Anteilseigner meinend, denn die wollen Wertsteigerung der Shares.

    Dr. W, lieber Herr Dr. D, hier ganz bei Ihnen sein :

    Das Leben ist dann doch irgendwie gemischt – aber da wir in jeden Teilaspekt zu einer polaren Meinung tendieren, jeder ganz verschieden, hassen wir bald alle anderen irgendwie. Da erscheint uns das Leben trüber denn je. Das liegt nicht unbedingt am Leben. Es liegt an der Sucht, zu stark auf alles Mögliche zu fokussieren, außer auf ein gutes Ganzes.

    … außer natürlich beim genannten Hass, also den sieht Dr. W in seinem Wir nicht.

    Mit freundlichen Grüßen und eine schöne KW 28!
    Dr. Webbaer

  2. Interessanter Denkanstoß.
    “Frieden” nimmt immer mehr zu, das 20.Jhd gilt als eins der Kriege, steht aber auch für die europäische Abkehr vom großen Krieg, wahrscheinlich dauerhaft.
    “Egoistisch” sind aktuell überwiegend die oberen Schichten, in Teilen skrupellos. Spricht eher für einen Zusammenhang zwischen Wohlstand und Egoismus.
    “Geld auf jedes Problem” wäre an manchen Punkten schön, wird aber oft hartleibig verweigert.
    “Rechts gegen links” ist eher sekundär, wesentlicher ist “ideologisch” gegen “nicht so ideologisch”, quer durch alle Lager- was nicht schlecht sein muß, weil es wahrscheinlich der Zustand ist, der am Vorabend großer Umbrüche herrscht.

  3. Diese “polaren Meinungen” begegnen mich ja auch täglich- auch als Kommentatorschreiber. Da werde ich schnell mal rausgeschmissen, weil ich als Querdenker nicht in die Schablonen der Herrschenden incl. ihrer Domestiken und Trittbrettfahrer passe. Erinnert mich an die Mediendiktatur der DDR bzw. deren polaren Meinungsdiktat. Damals hatte man den Vorteil, dass es “nur” einen Zensor(die Partei) gab, heute interpretiert jeder Mitläufer oder Domestik den Begriff Meinungsfreiheit für sich .Früher war man ja mal so naiv und hat Rosa Luxemburgs Worte: “Freiheit ist immer die Akzeptanz der Meinung des Anderen” als DDR-Bürger im Westfernsehen geglaubt und sich über die Raufbolde Wehner und Strauss als Zeichen der Meinungsfreiheit im Bundestag gefreut. Heute wären diese beiden Herren wahrscheinlich von einigen Aktivisten als Trolle, Rassisten etc. eingeordnet und zum Abschuss in den Medien freigegeben. Wiegesagt, “polare” Meinung oder Massendressur kennt man aus der DDR und ist wohl gute alte deutsche Tradition . Im übrigen sind ADD –Menschen wohl keine Jäger-Charaktere, da sie sich nicht fokussieren können. Wer das nicht kann, kann die jeweilige Situation auch nicht auf mögliche Gefahren hin bewerten bzw. notwendige Strategien entwickeln da ihm dieser Teil des Bewusstseins fehlt . Fokussierung= Bewertung. Gelenkte Fokussierung= Medien.

  4. Rechts gegen links” ist eher sekundär, wesentlicher ist “ideologisch” gegen “nicht so ideologisch”, quer durch alle Lager- was nicht schlecht sein muß, weil es wahrscheinlich der Zustand ist, der am Vorabend großer Umbrüche herrscht. [Kommentatorenfreund ‘DH’]

    Die Idee, das Ideologie (“Bilderlehre”) per se schlecht sein kann, hat Dr. W vor vielleicht 35 Jahren vom seinerzeitigen Kanzleramtsminister Dr. Wolfgang Schäuble abgehört, Dr. W grunzte bezüglich dieser televisionär übertragenen Meinungsäußerung (seinerzeit ist dbzgl. so noch geguckt worden, was seit vielen Jahren nicht mehr der Fall ist) ein wenig vor sich hin, sozusagen, der meinte in etwa, seinerzeit (1985?) war das Staatsfernsehen, das sich nunmehr nicht gerne so nennen lässt, ubiquitär, denn Schäuble war schon Christdemokrat, dem Christdemokratismus zuzuordnen, und dachte sich:

    Was ist denn die Alternative zur politischen Ideologie?
    Die gerne auch aufklärerische Gesellschaftssysteme meinen darf, auch die sog. Liberale Demokratie.

    Es geht, dies will Dr. W gerne verraten, um den Kampf des philosophischen Individualismus, Menschenrechte, Sapere-Aude und so, gegen den Kollektivismus und gegen “Postmodernes.

    MFG
    Wb

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