Ich riech dich später

Von Menschen und Mäusen

Ich kann nur sehr schlecht riechen. Ich kann sogar nur so lächerlich schlecht riechen, dass wenn ich direkt neben einer Seehundkolonie stehe, ich den anscheinend bestialischen Gestank nicht mal annähernd wahrnehmen kann. Mein Mann klärte mich in diesem Moment darüber auf, dass die Viecher offensichtlich einen Geruch absondern, der stark an einen schlecht gelüfteten Umkleideraum erinnert. Was verwunderlich ist, da ich nicht gerne mit der Bahn fahre, weil da häufig ebenfalls eher schlecht gelüftete Menschen neben einem stehen – und die kann ich sehr wohl riechen. Oder ein anderes Beispiel: der Kühlschrank bei uns im DNA-Labor. Hier lagern wir Bakti-Platten (könnte man ja nochmal was von picken), Reste von Bakteriensuspensionen (könnte man ja nochmal zum Animpfen brauchen) und auch gerne mal gDNA/Plasmid etc. Proben, die man gerade nicht wegfrieren will, weil man zu faul ist (Mea culpa!). Jedenfalls scheint dieser Kühlschrank sehr zu stinken. So sehr, dass eigentlich fast jeder, der den Schrank zum ersten Mal öffnet das Gesicht verzieht und sowas im Sinne von ‚Uäh‘ sagt. Beim nächsten Mal schaffen es die meisten vorher rechtzeitig einzuatmen. Jedenfalls fällt mir das auch nicht immer auf. Aber manchmal eben schon. Vielleicht besteht ja doch noch Hoffnung für mich.

Warum sollte ich das sagen? Nun, die Autoren dieser Studie um den Chirurgen Jayant Pinto, erschienen hier in PlosOne, betonen die Bedeutung olfaktorischer Dysfunktion in Zusammenhang mit neurodegenerativen Erkrankungen, z.B. Alzheimer und Parkinson. Ausgehend von diesem Zusammenhang haben sie den Einfluss der olfaktorischen Funktion auf die Mortalitätsrate innerhalb der nächsten fünf Jahre untersucht. Das ganze erfolgte im Zuge des NSHAP (National Social Life, Health and Aging Project), das in älteren Erwachsenen (57 – 85 Jahre) die Riechfähigkeit untersuchte, zusammen mit gesundheitsbezogen Faktoren. Was ich bemerkenswert finde, ist dass von den ca. 3000 Teilnehmern nach fünf Jahren nur in zehn Fällen der Verbleib, ob tot oder lebendig, nicht nachvollziehbar war. Am Ende blieben tatsächlich noch N=2918 für die Untersuchungen. Der Einbezug von Bildungsstatus und Nettovermögen lieferte dabei ähnliche Ergebnisse. Die Palette der gesundheitsbezogenen Faktoren beinhaltete u.a. Begleiterkrankungen, die Fähigkeit zu schmecken, Appetitlosigkeit, BMI, kognitive Funktion und Tabak-/Alkoholkonsum.

Anschließend durfte gerochen werden. Dabei sollten die Teilnehmer fünf verschiedene Gerüche identifizieren: Rose, Leder, Orange, Fisch, Pfefferminz. Ich würde das ganze nach Schwierigkeit für mich wie folgt ranken: einfach – Pfefferminz (der Geruch keines Frühstückstees), Fisch (der Geruch, der immer noch rumhängt, wenn der Wochenmarkt längst wieder abgebaut ist), Leder (der Geruch neuer Schuhe, herrlich!), Orange (riecht wie Weihnachten, weiß auch nicht warum), Rose (Seife, die man von komischen alten Frauen geschenkt bekommt) – schwierig.

Aufgeteilt wurde das Ganze dann nach Riechfähigkeit (unten rechts) frei übersetzt in Normal-Riecher (0-1 Fehler, Normosmic), Unter-Riecher (2-3 Fehler, Hyposmic) und Un-Riecher (4-5 Fehler, Ansomic).

Figure 1 aus Citation: Pinto JM, Wroblewski KE, Kern DW, Schumm LP, McClintock MK (2014) Olfactory Dysfunction Predicts 5-Year Mortality in Older Adults. PLoS ONE 9(10): e107541. doi:10.1371/journal.pone.0107541
Figure 1 aus Citation: Pinto JM, Wroblewski KE, Kern DW, Schumm LP, McClintock MK (2014) Olfactory Dysfunction Predicts 5-Year Mortality in Older Adults. PLoS ONE 9(10): e107541. doi:10.1371/journal.pone.0107541

Was hier gezeigt wird, ist, dass die Mortalitätsrate auf der y-Achse mit zunehmender Fehlerzahl drastisch und vor allem signifikant steigt. Höheres Alter führt zu einer gesteigerten Mortalitätsrate, wohingegen der Umstand eine Frau zu sein, ein höherer Bildungsstatus und Netto-Vermögen die Mortalitätsrate positiv beeinflussten.

Jetzt könnte man natürlich sagen, klar mit dem Alter hat man ja in der Regel auch einen bunten Blumenstrauß von Krankheiten angesammelt. Das dachten sich die Autoren wohl auch und haben vorsorglich den Ko-Morbiditätsindex miteinbezogen der gängige tödliche Risikofaktoren wie Kardiovaskuläre Erkrankungen, Krebs, Schlaganfall, Diabetes etc. beinhaltet. Und tatsächlich ist der beobachtete Effekt erstaunlich robust. Tatsächlich ist die Unfähigkeit zu Riechen (die Fähigkeit zu Un-Riechen?) ein deutlich größerer Risikofaktor als diverse chronische Erkrankungen (siehe unten).

Figure 2 aus Citation: Pinto JM, Wroblewski KE, Kern DW, Schumm LP, McClintock MK (2014) Olfactory Dysfunction Predicts 5-Year Mortality in Older Adults. PLoS ONE 9(10): e107541. doi:10.1371/journal.pone.0107541
Figure 2 aus Citation: Pinto JM, Wroblewski KE, Kern DW, Schumm LP, McClintock MK (2014) Olfactory Dysfunction Predicts 5-Year Mortality in Older Adults. PLoS ONE 9(10): e107541. doi:10.1371/journal.pone.0107541

Eine finale mögliche Erklärung konnten die Autoren leider nicht präsentieren. Allerdings wird bereits in der Einleitung erwähnt, dass das olfaktorische System eine zentrale Rolle in unserem Alltag spielt. Sei es das Erkennen von möglichen Gefahren (Gas!), Steuerung der Ernährung durch Appetit, Einfluss auf Erinnerungen oder soziale Beziehungen. Der Verlust der Reichfähigkeit steht in direktem Zusammenhang mit der Verkürzung der Telomere, ein eindeutiger Indikator für das fortgeschrittene Alter einer Zelle.

In diesem Sinne werde ich doch sofort mal den Selbstversuch wagen und an ein paar Sachen schnuppern gehen. Wie schon Nelson Muntz sagte: Ich riech dich später!

Claudia Davenport

Claudia Davenport hat in Potsdam und Hannover Biochemie studiert und promoviert mittlerweile über Insulin-produziernende Surrogatzellen aus embryonalen Stammzellen zur Behandlung des Diabetes Typ 1. Wenn sie gerade mal nicht im Labor am Durchbruch arbeitet, der die Welt verändern wird, ist sie gerne im Grünen, radelt durch die Gegend oder geht Kaffee trinken.

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