Odyssee im Schweinestall – wenn die KI übernimmt

Jetzt wird ja seit einigen Jahren in der Agrarbranche eifrig transformiert und disruptiert. Es gibt Melk- und Putzroboter, während sich die Kühe ihre Kraftfutter-Ration per Infrarot selbst aus dem Automaten holen können. Es gibt Sensoren, die innen wie außen alles aufnehmen, was die Tiere hergeben und wozu sie programmiert wurden. Dabei ist die Privatsphäre der Tiere keineswegs weg – sie befindet sich jetzt nur auf Servern. Ich kann dabei durchaus verstehen, dass Menschen mit diesen Entwicklungen so ihre Schwierigkeiten haben. Die Industrialisierung der Landwirtschaft ist zwar nicht wie eine Plage über uns hereingebrochen, vielmehr ist es ein kontinuierlicher Prozess über die letzten 120 Jahre, allerdings ist das noch mal eine andere Nummer, wenn plötzlich Roboter das Kommando im Stall übernehmen.

Trotzdem war ich selten überzeugter Recht zu behalten, dass Menschen in diesem System noch eine Weile die Entscheidungsgewalt behalten würden. Wenn selbst in US-amerikanischen Feedlots – also der Endstufe agrarindustrieller Konzentration – ständig Menschen auf Pferden umher reiten, um die dort lebenden Tiere zu überwachen und sicher zu stellen, dass die Tiere sich an Menschen gewöhnen, wird sich an diesem Konzept auch in Zukunft nichts dramatisch ändern. Eine gute Beziehung zwischen Mensch und Tier ist essentiell, schließlich muss es möglich sein, dass Tiere im Falle einer Krankheit schnell und effizient behandelt werden können. Sollte tiermedizinisches Personal stattdessen zu den ersten Menschen gehören, die den Tieren näher als 50 Meter kommen, führte das zur gruseligsten Slapstick-Nummer, die Ihr Euch vorstellen könnt – Behandlung ausgeschlossen.

Letztes Jahr schrieb ich dann bester Laune eine Artikel-Reihe für die DLG über die Wichtigkeit der Tierbeobachtung bei Milchkühen und weshalb auch all der technische „Schnick-Schnack“ inklusive Sensoren daran nichts ändern wird. Ganz wichtig: die selben Prinzipien zur Tierbeobachtung und Animal Handling gelten natürlich auch für die Schweine- und Geflügel-Haltung. Die Kurzform: einen wirklichen Grund zur Sorge, dass eine Zunahme an Robotern, Sensoren und Kameras im Stall eine Entfremdung zwischen Mensch und Tier fördern könnte, sah ich zu keinem Zeitpunkt. Im Gegenteil – wenn Landwirte dank eines Melkroboters viele Stunden pro Tag einsparen, die sie sonst im Melkstand verbracht hätten, und diese dann für die Tierbeobachtung – oder, was gerne vergessen wird, Freizeit – übrig bleibt, kann ich daran nichts Schlechtes finden.

Letzte Woche stieß ich dann aber auf eine Meldung, die mich kurz wanken ließ. Tätowierte Schweine, die von Kameras registriert und überwacht werden, klingen ja noch harmlos. Das gilt ebenso für Sensoren, die die Körpertemperatur überwachen und Alarm geben, sollte es ungewöhnliche Abweichungen geben. Auch das ist alles noch im Rahmen dessen, was ich bisher kannte. Technologien sammeln Daten und melden potenzielle Probleme, aufgrund derer dann Betriebsleiter, Landwirte und Tierärzte aktiv werden. Aber was ist davon zu halten, wenn Technologien nicht nur die Helferlein der Menschen sind, sondern plötzlich selbst aktiv in das Herden-Management eingreifen? Künstliche Intelligenz heißt das Zauberwort. Plötzlich geht es nicht mehr nur um passives Monitoring. Die Technik selbst soll handeln und entscheiden, was zu tun ist.

Das ist keine Science Fiction-Vision, sondern ein sehr realer Plan des chinesischen Schweine-Produzenten Tequ Group in Zusammenarbeit mit der Alibaba Group Holding Ltd. Letztere kennt man eher aus dem Online-Bereich. Jetzt haben die Chinesen ja schon länger so’n büschen Struggle mit ihrer Agrar-Branche. Der Melamin-Skandal um ihr Milchpulver 2008 hat deutschen Landwirten goldene Zeiten beschert, die immer noch ein Stück weit anhalten. Kurz darauf schwammen dann plötzlich tote Schweine in den chinesischen Flüssen. Seitdem ist auf mehreren Ebenen die Erkenntnis gereift, dass es so nicht weitergehen könne. Zitat:

In einem weiteren Schritt sollen der KI aber nicht nur Aufgaben der Überwachung und Meldung bei Problemen überlassen werden, bei den Ferkeln soll das System sogar aktiv in das Herdenmanagement eingreifen. Hintergrund ist ein weiterer Paradigmen-Wechsel. Statt möglichst schwerer Schweine, für die ihr Köpergewicht eine Belastung darstellt, möchte man ab sofort auf agile Tiere setzen. In der Praxis sieht es dann so aus, dass die KI die Aktivitäten der einzelnen Ferkel überwacht und mit den Vorgaben im System abgleicht. Hat ein Ferkel das eigene Bewegungs-Potenzial noch nicht ausgeschöpft, wird dem Tier der Zugang zum Ruhebereich so lange verwehrt.

Das ist schon eine ganz andere Nummer als das bisher übliche Sammeln von Daten zur Unterstützung des Stall-Managements. Dabei ist es auf den ersten Blick völlig legitim darauf zu achten, dass die Tiere nicht einfach nur Gewicht zulegen, sondern sich der gesamte Körper angemessen entwickelt. Auf die Fitness zu achten ist eine gute Sache. Das Problem, welches mich dabei umtreibt, ist der fehlende Faktor Mensch. Dabei glaube ich nicht, dass Menschen automatisch besser oder empathischer sind. Gibt ja ausreichend Gegenbeispiele. Aber ein System, in dem die Tiere von Beginn an weitesgehend ohne Menschen leben, kann nur solange funktionieren wie es keine Probleme gibt. Werden Tiere krank und müssen behandelt werden, dürfte das für die Tiere eine dramatische Situation werden, wenn sie plötzlich Kontakt erdulden müssen, den sie bisher nicht kannten.

Eigentlich würde ich mich jetzt erstmal entspannt zurücklehnen. So ein Branchen-Artikel ist keine Abschluss-Arbeit über Stockmanship im Schweinestall. Da wird es also sicher Menschen geben, die äquivalent zum Pen Rider-Pendant regelmäßig durchgehen, damit bei den Schweinen für den Fall der Fälle eine gewisse Gewöhnung stattfindet – wenn da nicht diese Aussage im Text stünde:

This is the case for Wang Degen and his company Tequ Group, a major hog farm in Southwest China’s Sichuan province. The company aims to breed 10 million pigs by 2020, in what Wang said is “a scale that no ordinary automation system could cope with, let alone a human system”.

Mir gefällt das nicht. Technologien zur Unterstützung sind super und werden es ganz sicher auch bleiben, aber Verantwortung direkt an eine künstliche Intelligenz weiterzugeben, finde ich erstmal etwas schwierig.
Vielleicht habe ich aber auch nur ein literarisches Trauma durch HAL9000 erlitten. Ich muss das erstmal sacken lassen.


Quelle: Alibaba und die fitten Schweine

Disclaimer: Der deutsch-sprachige Artikel auf der Seite “Farm and Food 4.0” ist von mir (der Bauernverlag ist mein Arbeitgeber), der englisch-sprachige Artikel nicht.

Veröffentlicht von

Wissenschafts- und Agrarblogger seit 2009 – eher zufällig, denn als „Stadtkind“ habe ich zur Landwirtschaft keine direkten Berührungspunkte. Erste Artikel über Temple Grandin und ihre Forschungen zum Thema Tierwohl wurden im Blog dann allerdings meiner überwiegend ebenfalls nicht landwirtschaftlichen Leserschaft derart positiv aufgenommen, dass der Entschluss zu einer stärkeren Beschäftigung mit der Landwirtschaft gefallen war. Auch spätere Besuche bei Wiesenhof und darauf folgende Artikel konnten die Stimmung nicht trüben. Seit 2015 schreibe ich auch gelegentlich für das DLG-Blog agrarblogger.de, teile meine Erfahrung in der Kommunikation als Referent und trage nebenbei fleißig weitere Literatur zum Thema Tierwohl zusammen. Auf Twitter bin ich unter twitter.com/roterhai unterwegs.

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Zitat: Hat ein Ferkel das eigene Bewegungs-Potenzial noch nicht ausgeschöpft, wird dem Tier der Zugang zum Ruhebereich so lange verwehrt.
    In China könnte anstatt Ferkel wohl auch Schüler stehen, liest man doch im Artikel AI in schools: China’s massive and unprecedented education experiment: Das “Intelligent Classroom Behavior Management System” scannt den Raum alle 30 Sekunden und erfasst sowohl das Verhalten der Schüler als auch ihre Mimik. Das System kann sieben Stimmungen identifizieren, darunter glücklich, traurig, ängstlich und wütend, indem es einfach das Gesicht eines Schülers analysiert. Eine Kamera, die auf der Tafel an der Vorderseite des Klassenzimmers sitzt, verfolgt auch sechs Verhaltensweisen: Lesen, Schreiben, Heben der Hand, Aufstehen, Zuhören des Lehrers und Lehnen auf dem Schreibtisch.

    Übersetzt mit http://www.DeepL.com/TranslatorDas “Intelligent Classroom Behavior Management System” scannt den Raum alle 30 Sekunden und erfasst sowohl das Verhalten der Schüler als auch ihre Mimik. Das System kann sieben Stimmungen identifizieren, darunter glücklich, traurig, ängstlich und wütend, indem es einfach das Gesicht eines Schülers analysiert. Eine Kamera, die auf der Tafel an der Vorderseite des Klassenzimmers sitzt, verfolgt auch sechs Verhaltensweisen: Lesen, Schreiben, Heben der Hand, Aufstehen, Zuhören des Lehrers und Lehnen auf dem Schreibtisch.

    Einige Anpassungen brauchts wohl schon, wenn ein AI-System anstatt Schüler, Schweine überwachen soll. Aber das Prinzip bleibt gleich: Das faule Ferkel kann nicht in den Ruhebereich, der faule Schüler kann nicht …?

  2. Ich kenne eine ganze Reihe charakterloser Programmierer und bin darüber bereits seit einigen Jahren zum Maschinenstürmer geworden.
    Die Frage ist: bringt der Kapitalismus zuerst sich oder die Menschheit um.
    Darwin wirkt.

  3. Womöglich darf das gute Tier mit den heutigen Mitteln der Informationstechnologie und der passenden Gerätschaft ganz schwer sozusagen dominiert werden, solange es dies nicht im Negativen merkt, sich so nicht direkt erkennbar unwohl fühlt, im Sinne einer Brave New World sozusagen, stets das Tierwohl im Auge behaltend?
    ‘Der fehlende Faktor Mensch’ bei der Tierhaltung könnte durch Robot-Medizinik (sozusagen) ersetzt werden, was vielleicht sogar, tierseitig auf das Beste konveniert – wenn endlich sozusagen der Nasentrockenaffe aus seiner Haltung raus ist.
    ‘Der fehlende Faktor Mensch’ bei der Tierverwertung kommt letztlich ja doch ins Spiel.
    Oder dann (hauptsächlich) als Theoretiker im Sinne des Tierwohls.

    MFG + schönes Wochenende schon einmal,
    Dr. Webbaer

  4. @ Herr Holzherr :

    Einige Anpassungen brauchts wohl schon, wenn ein AI-System anstatt Schüler, Schweine überwachen soll. Aber das Prinzip bleibt gleich: Das faule Ferkel kann nicht in den Ruhebereich, der faule Schüler kann nicht …?

    Die Verhausschweinung des Menschen, des hier gemeinten Trockennasenprimaten, funktioniert “nicht wirklich”, weil er dafür zu viel denkt und auch spricht bzw. redet.
    Ist allerdings sinnhafterweise, wie Dr. W findet, bereits theoretisiert worden, als Dystopie, die nicht auf das gute Tier, gar gefühlig, übertragen werden kann.
    Dem guten Tier ist’s womöglich egal.

    MFG
    Dr. Webbaer

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