Landwirtschaft – Innovation im Verborgenen

BLOG: Vom Hai gebissen

Notizen aus dem Haifischbecken
Vom Hai gebissen

Ich hätte mir in den letzten Monaten gleich mehrfach in den Hintern beißen können – und damit willkommen zurück. Ich will hier auch wieder mitspielen – wobei: was heißt wollen? Ich muss!

Tierwohl am Ende

Einer der Hauptgründe für die Pause war, dass mein Lieblingsthema auf absehbare Zeit auserzählt ist. Beim Tierwohl hat sich seit Erscheinen des Brambell Reports im Jahre 1964 – den wir gut als Startschuss für Tierwohl als Disziplin bezeichnen können – und der Entwicklung des Tierschutzlabels, das 2011 mit Wiesenhof an den Start ging, nichts mehr weiterentwickelt. An diesem Zustand wird sich mit Blick auf das staatliche Tierwohl-Label die nächsten Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, auch nichts mehr ändern. Niemand kann nach Gutdünken jährlich die eigenen Ställe um- oder gar neubauen. Solche Investitionen laufen in der Regel über 20 Jahre. Tierwohl als Thema interessiert mich natürlich weiterhin, womit wir direkt beim nächsten Grund sind, weshalb ich zuletzt die Krise bekommen habe.

Weidemanagement nach Savory

Seit Jahren beschreibe ich Euch hier die Möglichkeiten eines klugen Weidemanagements in Systemen mit Wiederkäuern und Hühnern. Maßgeblich dazu inspiriert hat mich schon vor Jahren Allan Savory. Das ist jener Typ, der das gängige Weidemanagement für Unfug hält – vielleicht nicht grundsätzlich, mindestens aber im Kontext bestimmter Umweltbedingungen. Unschwer zu erraten, dass sich da so einige aus der Welt der Wissenschaft auf den Schwanz getreten fühlten. Das Ergebnis waren unzählige Reviews und sogar Studien, die ihrerseits ziemlich einstimmig ergaben, dass Savorys Thesen Unsinn seien. Als Wissenschaftsblogger schob ich Allan Savory und das von ihm entwickelte Holistic Management auf Basis dieser Recherche zur Seite. Mit dieser Entscheidung vermutete ich mich in Sicherheit, ich wollte mich hier keinesfalls zum Obst machen.

Erste Risse

Dieses flauschige Gefühl der Sicherheit hielt bis 2018 – einem ziemlich trockenen Jahr, das der Landwirtschaft schwer zugesetzt hat. Plötzlich entdeckte ich einen Artikel über eine Landwirtin und Tierärztin, die die Milchvieh-Haltung aufgrund desaströser Preise aufgab und stattdessen auf Fleischrinder setzte. Im Folgenden ging es dann in aller Kürze für einen lokaljournalistischen Artikel um das ganzheitliche Weidemanagement. Savory wurde mit keinem Wort erwähnt, die genannten Prinzipien dieses Managements entsprachen aber genau seinem Konzept. Jetzt macht eine Schwalbe noch keinen Sommer, allerdings finde ich seitdem immer mehr Hinweise in diese Richtung – ausgehend von Greg Judy, der sich selbst als „regenerative rancher“ bezeichnet.

Regenerative Landwirtschaft – mehr als nachhaltig

Leider ist die Bezeichnung der regenerativen Landwirtschaft ziemlich schnell zum Buzzword mutiert. Grundsätzlich steht dahinter die Idee, dass man in solchen Systemen nachher mehr hat als vorher – sprich: die Bodenqualität sollte sich verbessern, aber auch die Vielfalt der Pflanzen sollte sich erhöhen. Judy propagiert nicht direkt Holistic Management, es gibt aber definitiv Überschneidungen. Und so schaute ich entspannt einige seiner Vorträge auf Youtube – bis zu dem Punkt, an dem er einige Besuche in Deutschland erwähnte. Wer also immer schon mal wissen wollte, ob das, was ich in meinen Artikeln beschrieben und mit US-Referenzen belegt habe, auch in Deutschland funktionieren würde: aber natürlich. Von da aus ging es munter weiter mit meiner diesjährigen Entdeckung eines deutschen Youtube-Kanals über regenerative Landwirtschaft – und wieder stieß ich auf Savorys Holistic Management. Besonders spannend finde ich dabei die Idee eines Landwirtes, der eben jenes System mit Hühnern statt Rindern umsetzt. Hühner mit Rindern sind ja ein etabliertes Konzept, wobei die Hühner den Rindern während der Weide-Rotation folgen, um die Kuhfladen in den Boden einzuarbeiten und gleichzeitig ein paar Fliegenmaden zu vernaschen. Hühner sind in diesem System also der Arbeits- und Hygienetrupp, gleichzeitig tragen die Maden zu einer vielfältigeren Ernährung bei, schließlich sind Hühner keine Vegetarier. Trotzdem können Hühner allein natürlich auch einiges schaffen, wenn es bspw. um die Einarbeitung von Pflanzen in den Boden geht.

Was Tierwohl hätte sein können – und auch sein müssen

Der letzte Eintrag dieses Blogs stammt aus Februar, als ich einigermaßen verstört das staatliche Tierwohl-Label einordnete. Dabei habe ich kein Geheimnis daraus gemacht, dass ich etwas in der Art des One Welfare Framework für weitaus geeigneter gehalten hätte – also einen Rahmen, der Tierwohl allgemein definiert hätte inklusive genügend Freiraum, um Tierwohl betriebsindividuell zu entwickeln. Von da aus hätte man dann ganz entspannt ins Detail gehen können. Mich regt es immer maßlos auf, wenn Skandale aufgedeckt werden und Untersuchungen folgend von Strafe die Rede ist, aber niemand fragt, wie es dazu kommen konnte. Die Gesundheit der Menschen kommt beim Tierwohl nicht vor, obwohl sich Krankheiten hier schnell zum Tierschutz-Problem entwickeln können.

Auf der anderen Seite wird immer viel über Innovationen in der Landwirtschaft geredet. Gerne sitzen dann Menschen aus der ökologischen und konventionellen Landwirtschaft zusammen und versichern sich, dass man viel voneinander lernen könne, während wirklich neu gedachte Systeme – siehe Beispiele oben – komplett unterm Radar fliegen. Das ist aus vielerlei Gründen problematisch. Direktvermarktung ist oft der einzige Weg, um hier Geld zu verdienen. Das ist völlig legitim. Mich stört aber die Botschaft, wenn man mit innovativen Konzepten letztlich auf sich selbst gestellt ist, weil das System des eigenen Betriebes weder richtig konventionell noch richtig ökologisch ist und Tierwohl nach staatlicher Verordnung auch nicht wirklich stattfindet. Dabei ist die Integration von Tieren in ein größeres System, in dem sie nicht nur Produkt-Lieferanten sind, sondern durch ihr natürliches Verhalten auch eine gestaltende Rolle einnehmen, geradezu das Parade-Beispiel für den One Welfare Framework, der auf die Verbindungen zwischen Mensch, Tier und Umwelt verweist.

Der One Welfare Framework in der Praxis

2013 erschien das Paper „Sustainable, efficient livestock production with high biodiversity and good welfare for animals“. Ähnlich lange „besitze“ ich dieses Paper auch, dessen Tragweite sich mir allerdings erst letztes Jahr mit Publikation des OWF erschloss. Es geht dabei um die Betrachtung silvopastoraler Systeme – auf deutsch als Hutewälder oder Waldweiden bekannt. Dabei handelt es sich um eine Kombination aus Weide und Bäumen, wobei letztere nicht nur die Lebensraumvielfalt erhöhen und Schatten spenden, sondern auch explizit als Futterbäume dienen. Das ist ein interessanter Aspekt mit Blick auf Trocken-Perioden. Sollte das Gras mangels Wasser nicht mehr klarkommen, können immer noch die Bäume mit ihren Blättern als Futter aushelfen. Und nebenbei bieten sie noch Vögeln Nistplätze. Das ist nicht nur „nett“, ohne Hühner im Weidesystem müssen sie schließlich die Insekten in Schach halten und einige Maden aus den Rinder-Fladen fummeln. Gehen wir mal von einem Rotationsmanagement aus, gibt es ständig genügend Flächen, die gerade nicht beweidet werden. Auf Greg Judys Flächen passiert bis zu 70 Tage nichts – ausreichend Zeit für die Pflanzen zu regenerieren und zu blühen, was wiederum die Insekten freut. Ständig ist irgendwo ein Lebensraum startklar. Waldweiden als intensiv genutzte Systeme haben also unbestritten Vorteile für Tiere und Umwelt. Bleiben noch die Menschen. Im genannten Paper beziehen sich die Autorinnen und Autoren auf Ranches in Kolumbien und Mexiko. Dort bleiben die „farm worker“ länger im Job – verglichen mit konventionellen Betrieben, während die Ranch Manager eine höhere Zufriedenheit und Neugier bzgl. dieser Systeme bei ihren Mitarbeitern bemerken. Damit schließt sich der Kreis.

Es geht weiter!

Regenerative Landwirtschaft und die Adaption neuer Systeme – darum soll es hier ab jetzt gehen – inklusive Tierwohl. Eigentlich wollte ich auch nur sagen, dass ich wieder da bin, weshalb dieser Artikel auch erstmal ohne Belege auskommt. Ist eh alles nur angerissen, die Details folgen später. Versprochen!

Veröffentlicht von

Wissenschafts- und Agrarblogger seit 2009 – eher zufällig, denn als „Stadtkind“ habe ich zur Landwirtschaft keine direkten Berührungspunkte. Erste Artikel über Temple Grandin und ihre Forschungen zum Thema Tierwohl wurden im Blog dann allerdings meiner überwiegend ebenfalls nicht landwirtschaftlichen Leserschaft derart positiv aufgenommen, dass der Entschluss zu einer stärkeren Beschäftigung mit der Landwirtschaft gefallen war. Auch spätere Besuche bei Wiesenhof und darauf folgende Artikel konnten die Stimmung nicht trüben. Seit 2015 schreibe ich auch gelegentlich für das DLG-Blog agrarblogger.de, teile meine Erfahrung in der Kommunikation als Referent und trage nebenbei fleißig weitere Literatur zum Thema Tierwohl zusammen. Auf Twitter bin ich unter twitter.com/roterhai unterwegs.

7 Kommentare

  1. Ich habe diesen Beitrag mit großem Interesse gelesen, und freue mich auf die genauen Ausführungen. Und manchmal muss man sich (vermeintlich) zum Obst machen, zumindest ein wenig, damit innovative und sinnvolle Alternativkonzepte überhaupt bekannter werden.
    Das Thema Hutewälder als ein fast vergessenes aber hoch interessantes Konzept interessiert mich hier besonders.
    Was halten Sie übrigens von Anita Idels “Die Kuh ist kein Klimakiller”?
    Viele Grüße von jemandem, der versucht mit anderen zusammen Gemüseproduktion und Artenvielfalt im Rahmen eines besonderen Gartenprojekts in Einklang zu bringen.

    • Grüß Dich Alisier, mein Problem mit Savorys Thesen lag ja nicht nur in der konträren wissenschaftlichen Lage. Ich konnte auch nicht erklären, warum sich die Situation so darstellte. Und dann bin ich lieber still.

      Das von Dir genannte Buch kenne ich nicht, weiß aber vermutlich, worauf es hinausläuft. In ähnlichen Büchern geht es dabei um die Integration von Rindern in eben jene Systeme a la Savory, wo es nicht nur um die Produktion von Fleisch oder Milch geht, sondern auch um den Aufbau des Bodens. In diesem Zusammenhang werde ich auch einen Artikel über Effizienz schreiben. Leider gelten regenerative Systeme als weitaus weniger effizient im Vergleich zu den gängigen konventionellen Systemen.

      Ich muss mal schauen, für welche Reihenfolge der Artikel ich mich da entscheide.

  2. Moin Sören,

    das Thema Effizienz ist in der Tat ein wichtiges.
    Es hängt meiner Meinung nach sehr davon ab, ob man eine kurz- mittel- oder langfristige Perspektive einnimmt.
    Es ist kurzfristig sehr effizient einen Wald abzuholzen, effizient im Hinblick auf einen zu erwartenden kurzfristigen finanziellen Gewinn.
    Wenn man Überlegungen mit einbezieht welche Folgen als effizient angesehene Systeme in der Land- und Forstwirtschaft (inklusive Tierhaltung) langristig haben, sieht die Rechnung ganz anders aus.
    Aber das muss ich Dir sicher nicht sagen.
    Sobald Klima, Grundwasser, Oberflächenwasser, stabile Ökosysteme und vieles mehr in die Überlegungen mit einbezogen werden, wird der klassische Effizienzbegriff obsolet.

    • Moin Alisier, der letzte Satz fasst es perfekt zusammen – genau da liegt ein Dilemma bzgl. regenerativer Landwirtschaft, wenn wir diese mit der klassischen Effizienz-Definition betrachten. Ich würde an Deiner Stelle übrigens nicht davon ausgehen, dass ich hier Profi bin, ich arbeite mich da gerade ein. Also schön dranbleiben bitte 🙂

  3. Dabei ist die Integration von Tieren in ein größeres System, in dem sie nicht nur Produkt-Lieferanten sind, sondern durch ihr natürliches Verhalten auch eine gestaltende Rolle einnehmen, geradezu das Parade-Beispiel für den One Welfare Framework, der auf die Verbindungen zwischen Mensch, Tier und Umwelt verweist.

    Streng genommen weist das gute Tier hier keine ‘gestaltende Rolle’ auf, sondern wird vermampft von denjenigen, die sich “eine Spur” wohler fühlen im Wissen darum, dass das gute Tier zuvor womöglich mal ein wenig Spaß hatte, einstmals und zeitweise happy war, sozusagen – und dies nur im Auge des später Vermampfenden, seinem Kriterien-Katalog folgend.

    Damit alles sein gutes Ende hat, sozusagen.

    Nichts spricht gegen artgerechte Haltung, nichts gegen das “Vermampfen”, wenn das Huhn sozusagen al dente ist.

    Mit freundlichen Grüßen
    Dr. Webbaer (der gelegentlich bei Wanderungen bereist in näherer Umgebung Appetit aufzuweisen vermag, nicht nur beim Huhn – btw, in landschaftlicher Umgebung ist das Huhn ubiquitär – wobei Dr. W auch Nüsse mag)

    • Doch, das mit der gestaltenden Rolle stimmt genau so. In konventionellen Systemen haben die Tiere genau eine Aufgabe. Sie sollen wachsen und gedeihen, um Fleisch, Milch und Eier zu produzieren. Darum geht es natürlich auch in regenerativen Systemen. Hier werden allerdings auch die spezifischen Fähigkeiten der Tiere für das System „genutzt“, um dieses zu gestalten.

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