Kostenfaktor Tierwohl – ein Widerspruch

Tierwohl müsse auch bezahlt werden, es nur zu wollen reiche nicht, lese ich ständig. Letzte Woche habe ich es mal wieder gehört. Es stimmt ja auch. Neue Ställe kosten richtig Geld. Selbst wenn Landwirte “nur” in Anbauten wie bspw. Außenklimaställe investieren, legen sie dafür schon den Gegenwert süddeutscher Luxus-Autos auf den Tisch. Besonders schwierig wird es, wenn Argumente pro Tierwohl zu gesetzlichen Auflagen werden und damit die Existenz vieler Betriebe bedrohen. Es scheitert aber schon ganz viel in der Kommunikation. Wir müssen da also nochmal bei.

Diese Woche fand ich eine Meldung bei Topagrar: die Tierärztekammer fordere den Ausstieg aus der Anbindehaltung. Diese Form der Tierhaltung sei weder tier- noch verhaltensgerecht. Das ganze Dilemma dieser Forderung hat ein Leser hervorragend zusammengefasst. Zitat:

Ich weiß noch gut, wie der Kurzstand mit Grabnerketten oder Halsrahmen in den Landwirtschaftsämtern und -schulen angepriesen wurde. Arbeitserleichterung und Tierwohl waren entsprechende Schlagworte. Wenn heute die Tierärzte mit dem Argument Tierwohl kommen, dann muss ich mich schon fragen, wo waren sie damals? Oder verstehen sie heute unter Tierwohl auf einmal etwas anderes? Damals hatte man die Tiere auf ihre vier Grundbedürfnisse reduziert und dachte sie wären glücklich. Aber waren da die Tierärzte besser? Jetzt darauf rumzureiten ist mehr als billig.

Ich kann die Empörung in diesem Kommentar absolut verstehen. Ich kann aber auch die Forderung der Bundestierärztekammer verstehen. Mich würde das sogar freuen, wenn – ja, wenn die Sache nicht doch etwas komplexer wäre. Natürlich geht es nicht um Tierwohl. Das ist erstmal nur ein Wort. Entscheidend ist die Definition dessen und die Frage, welche Faktoren einer guten Tierhaltung ich stärker gewichten möchte.

Es ist grotesk, wenn man etwas abfällig auf früher blickt und gleichzeitig die Vorzüge neuer Ställe betont, schließlich waren die Landwirte in den letzten Jahrzehnten weder ausgemachte Tierquäler noch Idioten. Es ist vielleicht schwierig anzunehmen, aber Anbindehaltung oder selbst die Käfighaltung von Legehühnern erschienen bei ihrer Einführung absolut sinnvoll – gerade auch pro Tierwohl.

Ich hatte letzteres Beispiel 2016 in meinem Artikel “Tierwohl verstehen” aufgegriffen. Zitat:

Auch Legebatterien wurden früher nicht aus purem Sadismus gegenüber Hennen erfunden. Ein starkes Argument war die Hygiene, da die Tiere zum einen nicht in ihrem Kot standen und zum anderen keinen Kontakt zu Parasiten/Viren von außen hatten. Im Online-Archiv der Cornell Universität fand ich dazu das Buch “Eggs from every cage”. Darin berichtet ein Landwirt, warum diese Käfige für ihn die perfekte Form der Hennenhaltung darstellen – natürlich immer mit Blick auf Management und Ökonomie. Ich zitiere einfach mal einige Abschnitte, die mir während der Lektüre aufgefallen sind:

Es folgen ein paar englische Zitate, die ich jetzt mal weglasse. Und weiter:

Das ist schon ziemlich interessant. Aus heutiger Sicht lassen sich diese Tipps (regelmäßige Durchgänge, damit sich die Tiere an Tierhalter gewöhnen und ruhiger Umgang mit ihnen) problemlos mit wissenschaftlicher Literatur von Paul Hemsworth oder Temple Grandin zum Umgang mit Tieren bzw. zu Mensch-Tier Interaktionen als korrekt belegen. Was Swepston noch nicht wusste oder nicht bemerkt hat: hastige Bewegungen sind durchaus ein Problem. Hühner hassen sowas.
Gut, bei aller Liebe und Verständnis war das Konzept in seiner damaligen Form letztlich doch irgendwie Murks. Drahtböden mögen zwar hygienisch gewesen sein, schadeten aber den Füßen der Tiere (weil die Böden schräg waren, damit die Eier besser rau rollen konnten und sich die Tiere dadurch fester hielten, um sicher zu stehen), und zu hohe Besatzdichten pro Käfig führten zu Aggressionen.

Womit wir dann wieder bei der Anbindehaltung und der Ratlosigkeit des zitierten Kommentators wären. Es wurde so gelehrt. Offiziell. Und das soll jetzt alles Unsinn sein? Klar, das passiert schon mal, wir haben Aderlass und andere drollige Methoden aus der füheren Medizin ja mittlerweile auch durch effizientere Varianten ersetzt. Hier ist die Lage aber etwas anders: es geht um Existenzen. Die Anbindehaltung ist ohnehin nicht mehr erlaubt. Jene Landwirte, die diese Haltung noch praktizieren, haben für eine Ausnahmegenehmigung gekämpft, weil sie mit ihren gerade mal 20 Kühen einen neuen Laufstall nicht hätten finanzieren können. Ohne Ausnahme wären diese Betriebe schlicht weg. Strukturwandel olé.

Ach ja, Kosten und Tierwohl – da geht mittlerweile einiges drunter und drüber. Wie gesagt, Um- und Neubauten kosten Geld. Und ja, die Produkte müssen dann im Laden auch gekauft werden. Verstehe ich alles. Aber Tierwohl ist eben nicht nur gut fürs Tier, sondern auch für jene, die sie betreuen. Das klingt immer etwas krass, aber nur gesunde Tiere sind auch – Achtung! – effizient. Wenn ich im Kuhstall den Pausenclown gebe, sinkt die Milchleistung meiner Tiere wie die Titanic. Das kommt nur selten so klar rüber, wenn es eben nur um Effizienz oder Zuchtziele geht.

Stamm-Leserinnen und jene, die ihnen nachlaufen, mögen jetzt wegklicken, aber hilft ja nix. Temple Grandins Tipps zum Bau von Ställen oder Feedlots sind weltweit anerkannt. Das bedeutete zwar für viele Tierhalter, dass sie ihre Ställe umbauen mussten, am Ende war es dann aber doch effizienter, weil ruhigere Tiere sich einfach weniger stoßen und verletzten, mehr Milch geben und so weiter.

Was ich hier nur mal wieder einwerfen wollte: Tierwohl sollte nicht als etwas Gönnerhaftes kommuniziert werden. Vernünftig definiert ist es eben kein Widerspruch zur fachlich beliebten Effizienz, sondern ermöglicht sie erst.

All jenen, die mit dem Thema Tierwohl noch etwas überfordert sind, empfehle ich meinen Artikel “Tierwohl verstehen“.

Veröffentlicht von

Wissenschafts- und Agrarblogger seit 2009 – eher zufällig, denn als „Stadtkind“ habe ich zur Landwirtschaft keine direkten Berührungspunkte. Erste Artikel über Temple Grandin und ihre Forschungen zum Thema Tierwohl wurden im Blog dann allerdings meiner überwiegend ebenfalls nicht landwirtschaftlichen Leserschaft derart positiv aufgenommen, dass der Entschluss zu einer stärkeren Beschäftigung mit der Landwirtschaft gefallen war. Auch spätere Besuche bei Wiesenhof und darauf folgende Artikel konnten die Stimmung nicht trüben. Seit 2015 schreibe ich auch gelegentlich für das DLG-Blog agrarblogger.de, teile meine Erfahrung in der Kommunikation als Referent und trage nebenbei fleißig weitere Literatur zum Thema Tierwohl zusammen. Auf Twitter bin ich unter twitter.com/roterhai unterwegs.

15 Kommentare Schreibe einen Kommentar

    • Absolut! Es ist ziemlich irritierend, dass man als Zuschauer einer Fernsehserie besser über wichtige Aspekte der Tierhaltung informiert wird als in unzähligen Reportagen, die zu dem Thema gemacht wurden – die Superkuehe beim WDR ausgenommen.

  1. Aus dem Tierwohl erwächst das Menschenwohl, aus der Tierwehe wird die Menschenwehe.
    Die Massentierhaltung hat zu einem Massenverbrauch an Antibiotika geführt. Die hat dazu geführt, die die Keime resistent werden und die lebenswichtigen Antibiotika für Menschen unwirksam werden, mit fatalen Zukunftsaussichten.
    Vergessen ist schon wieder die Vogelgrippe, die zu einer Pandemie werden kann.

    Der gebildete Durchschnittbürger schämt sich dann aber nicht, die Billighänchen zu kaufen, oder die Billigeier.
    Ergo, der Staat sollte hier aufklärerisch wirken, indem er die Biolandwirtschaft fördert und die Massentierhaltung öffentlich anprangert.

    • Ich behaupte jetzt mal, dass ich bzgl. Landwirtschaft durchaus aufgeklärt bin. Und ich kann immer weniger mit den Kategorien Bio und koventionell (Massentierhaltug) anfangen. Es gibt schlicht keine Belege, dass Bio zwangsläufig besser ist als eine konventionelle Haltung der Tiere. Natürlich gibt es massenhaft Studien, die belegen, dass es in der einen Form Probleme gibt, die die andere nicht hat und vice versa. Grundsätzlich gilt aber: entscheidend ist das Management. Wenn die tägliche Routine nicht funktioniert, ist es relativ egal, ob die Tiere nun im Stall oder auf der Weide verwahrlosen.

      Zum Thema Antibiotika: es stimmt natürlich, dass hier in der Tierhaltung Fehler gemacht wurden. Den besten Überblick zur aktuellen Situation liefert dieser Artikel:
      http://www.wir-sind-tierarzt.de/2017/09/neue-zahlen-antibiotikaeinsatz-in-der-tiermedizin-sinkt-weiter/

  2. Sören Schewe,
    mir geht es nicht nur um den Geschmack der Lebensmittel , sondern in erster Linie um die Rückstände von Medikamenten. Der eine Landwirt liebt seine Kühe, der andere ist nur Ökonom. Das werden wir wohl nie ändern.
    Aber dass ein Biohähnchen besser schmeckt, dessen bin ich mir sicher und gebe auch doppelt so viel Geld dafür aus.

    • Doppelt so viel für ein Biohähnchen zu zahlen ist ja auch völlig in Ordnung. Wichtig ist aber auch zu erwähnen, dass sich jene Menschen, die aus Kostengründen konventionelle Hähnchen kaufen, sich deshalb nicht schlecht fühlen müssen oder Sorge um ihre Gesundheit haben müssen.

      Es stimmt natürlich, dass Landwirte unterschiedliche Interessen und Fähigkeiten haben. Trotzdem habe ich hier schon oft erklärt und belegt, dass nur ein guter Umgang mit Tieren auch wirtschaftlich ist. Das eine geht nicht ohne das andere. Wenn Du dazu noch Fragen hast, sag Bescheid.

      • Der Einsatz von Glyphosat wird nicht überall so positiv gesehen, wie das einzelne Personen in dem verlinkten Artikel glauben machen wollen. So konnte eine in der Fachzeitschrift “Nature” veröffentliche Studie nachweisen, dass der Einsatz von Glyphosat die Aktivität und Reproduktion von Regenwürmern behindert sowie zu erhöhten Nitrat- und Phosphatwerten im Boden führt.
        https://www.nature.com/articles/srep12886

        • Wenn die Alternativen zu Glyphosphat einfach andere Pestizide sind, dann müsste man die Wirkungen dieser anderen Pestizide beispielsweise auf Erdwürmer untersuchen. Heute gilt aber bereits die Erkenntnis:

          “Viele andere Unkrautvernichter sind noch schädlicher als Glyphosat”, gibt Sophia Guttenberger vom Umweltinstitut zu bedenken. Und wie würde sich ein Verbot auf Anbau und Ertrag auswirken? Die Gießener Studie hat die mögliche Wirkung eines Verbots untersucht und kommt zu dem Ergebnis: Auch weil Resistenzen zunehmen, müsste dann insgesamt mehr Unkrautvernichtungsmittel gespritzt werden – und das mehrmals im Jahr, denn viele Pestizide sind nicht so wirksam wie Glyphosat.

          Auch der Artikel Wenn Glyphosat verboten wäre: Was sind die Alternativen? kommt zu einem ähnlichen Schluss:

          Für konventionelle Landwirte gibt es derzeit keine chemische Alternative zu Glyphosat, stellt Professor Christoph Schäfers, Ökotoxikologe vom Fraunhofer-Institut für Molekularbiologie und Angewandte Ökologie in Schmallenberg klar. Alle anderen zugelassenen Mittel seien toxischer für die Umwelt und würden das Grundwasser stärker belasten. Auch die angebauten Kulturen würden stärker geschädigt. …„Somit bleiben nur nicht-chemische Alternativen. Dabei muss im Einzelfall abgeschätzt werden, ob in Hanglagen das Pflügen möglicherweise größere Umweltschäden durch Erosion hervorruft als glyphosatbegleitete Direkteinsaat“, meint Schäfers. Mechanische Unkrautbekämpfung sei in der Regel teurer, ebenso wie Getreidetrocknung mit entsprechendem Energie- oder Flächeneinsatz.

          • @Martin Holzherr

            Die Alternativen wären mechanische und technische Verfahren, wie sie von vielen Landwirten und auch im Biolandbau eingesetzt werden, diese sind jedoch z.T. sehr arbeitsintensiv.

            “In Österreich sind derzeit zwei biologisch-chemische Herbizide zugelassen. Das sind Pelargonsäure und Essigsäure. Diese alternativen Herbizide haben weniger schädliche Auswirkungen auf uns Menschen und die Natur. Sie wirken meist schneller und sind oft temperaturunabhängig. Die Inhaltsstoffe sind in der Natur bekannt und die Abbauprodukte unbedenklich. Der einzige Nachteil: Sie sind teurer, die Herbizide können aber auch selbst hergestellt werden.”
            https://www.global2000.at/glyphosat-alternativen-landwirtschaft

            In der konventionellen Landwirtschaft wird Glyphosat größtenteils zur Stoppelbehandlung eingesetzt und dient somit der Arbeitserleichterung. Laut Agrarzeitung ist also der Arbeitskräfteeinsatz entscheidend. Zitat: “Vielmehr ist die Arbeitskräfteausstattung eines Betriebs entscheidend für den Glyphosateinsatz. Klein- sowie Großbetriebe mit einem begrenzten Pool an landwirtschaftlich ausgebildeten Arbeitskräften setzen gleichermaßen auf Glyphosat, um Arbeitsspitzen zu bewältigen. Durch den in der Landwirtschaft vorherrschenden Fachkräftemangel könnte dieser Zusammenhang zwischen Ausstattung mit Arbeitskräften und Umfang der Glyphosatanwendung zukünftig noch verstärkt werden.”
            http://www.agrarzeitung.de/nachrichten/specials/wissenschaftler-analysieren-einsatz-von-glyphosat-58167.html

            Fazit: Wie überall soll auch in der Landwirtschaft alles möglichst billig sein. Gesundheitsfragen werden außen vorgelassen. Zudem hat die Nahrungsmittelindustrie einen großen Einfluss auf die Politik in Brüssel. Beinahe unbemerkt von der Öffentlichkeit wurde 2017 in der EU Isoglukose als Nahrungsmittelzusatz zugelassen. Der vorwiegend aus Maisstärke hergestellte künstliche Zucker ist viel billiger als herkömmlicher Zucker aus Zuckerrüben oder Zuckerrohr und wird in den USA u.a. für die extreme Fettleibigkeit mancher Bürger verantwortlich gemacht. Seit einigen Jahren geht deshalb in den USA der Verbrauch von Isoglukose aus gesundheitlichen Gründen stark zurück. Die Nahrungsmittelindustrie hat sich daher in Europa einen neuen Markt erschlossen.

          • @Mona (Zitat):

            Die Alternativen wären mechanische und technische Verfahren

            Jätende Roboter in der Landwirtschaft können in einer ersten Phase den Herbizideinsatz stark reduzieren (durch Besprühen nur der einzelnen Unkratpflanze) und ihn später vollkommen ersetzen (durch Laserbeschuss des Unkrauts).

        • Danke Dir für die Studie. Ich schaue mir das später mal an. Wichtig ist zu bedenken, was denn die Alternativen zu Glyphosat wären. Wären die besser oder verträglicher? Irgendeinen trade off wird es immer geben.

  3. und zum anderen keinen Kontakt zu Parasiten/Viren von außen hatten

    Heißt das, mit Käfighaltung hätte es vielleicht keinen Fipronil-Skandal gegeben, weil die Hühner weniger Milben hätten?

    • Das kann ich nicht sagen. Grundsätzlich finden sowohl die Schweine- als auch die Geflügelhaltung in geschlossenen Systemen statt – Freilandhaltung natürlich ausgenommen. Trotzdem wird sehr auf Hygiene geachtet.

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