Fußballen und Einstreu – ein heikles Zusammenspiel

BLOG: Vom Hai gebissen

Notizen aus dem Haifischbecken
Vom Hai gebissen

Fußballenläsionen beim Geflügel sind eins der Probleme in der Tierhaltung. Wie sie entstehen, warum sie problematisch sind und wie sie sich in den Griff bekommen lassen – darüber möchte ich in diesem Artikel ein wenig berichten. 

Es gibt im Stall so einiges zu beachten, allein schon die ganze Technik lässt einem da schon mal den Schädel platzen. Allerdings sollte man diesen Teil auch als Tiermediziner zumindest grob wissen. Läuft etwas schief oder hakt es beim Management, schlägt sich das nämlich unmittelbar am Tier nieder und dann muss ich eh ran. Tiere zu behandeln ist das eine, Sorge zu tragen, dass die Tiere gar nicht erst erkranken ist die andere – gerade im Bezug auf Antibiotika-Reduktion weit wichtigere – Herausforderung. 

Steht man zum Beispiel im Stall und spürt erste Schweißtropfen sich aus den Poren der eigenen Haut quetschen, während die gerade eingestallten Küken munter unterwegs sind, kann das mit den erforderlichen 32 Grad schon rein gefühlsmäßig stimmen (die Körpertemperatur der Küken liegt zwischen 39,4 und 41.1 Grad). Beim ersten Eindruck gilt: haben die Tiere ihre Flügel ausgebreitet und den Schnabel offen, ist es weitaus wärmer als es gut für die Tiere ist. Liegen sie dagegen dicht gedrängt in Gruppen, ist es wohl zu kalt. Natürlich sollte man die nötigen Werte auch ständig überprüfen. Soweit ich das verstanden habe, werden die nötigen Parameter aber auch elektronisch überwacht und sind alarm-gesichert, um sofort gegensteuern zu können.

Kommen wir mal zur Einstreu, der beim Thema Fußballengesundheit eine größere Bedeutung zukommt. In meinem letzten Artikel schilderte ich, dass die Einstreu in den von mir besuchten Ställen in Ordnung – also weder zu hoch noch zu tief – war.* Laut Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung bedeutet “in Ordnung” in Maßen, dass sie nicht höher als 2 bis 4 cm sein sollte, da die Tiere den Boden auch gerne mal durcharbeiten und sie somit auch trockener bleibt. Genau das ist ziemlich entscheidend, führt doch eine feuchte Einstreu (die Feuchtigkeit kann viele Gründe haben von Lüftungsproblemen bis hin zu undichten Nippeln der Tränkanlage) zu Problemen mit den Fußballen, auch Fußballenläsion oder Pododermatitis genannt. Um zu vermeiden, dass ausgerechnet die Einstreu daran schuld ist, sollte sie eine hohe Saugfähigkeit besitzen. Der Staubanteil sollte möglichst niedrig sein, damit die Atemwege der Tiere nicht belastet werden. Als Einstreumaterial eignen sich gehäckseltes Stroh (allgemein sollte bei Stroh darauf geachtet werden, dass es nicht mit Pilzen oder Sporen belastet ist, denn dann drohen auch hier Atemwegsprobleme), Dinkelspelzen oder Maissilage. Damit die Einstreu ihre Aufgabe gut verrichten kann, sollte sie nicht mehr als 30% Feuchtigkeit enthalten.

Warum ist das wichtig? Diese Fußballenläsionen sind reichlich unangenehm und sorgen dafür, dass sich die Tiere weniger bewegen. Das ist einerseits aus Tierwohl-Sicht problematisch andererseits fressen die Tiere dann auch weniger, weshalb dieses Problem auch aus ökonomischer Sicht vermieden werden sollte.

* Ich habe natürlich mehr als einen Stall besucht, mich aber erstmal nur den beiden Privathof-Betrieben gewidmet. Aber auch in den anderen konnte ich keine gravierenden Probleme an den Fußballen feststellen. Hin und wieder gab es mal einen Treffer, der Normalfall – Vorsicht, Stichprobe (ich habe natürlich nicht sämtliche Tiere in den Ställen getestet – war es aber nicht.

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Wissenschafts- und Agrarblogger seit 2009 – eher zufällig, denn als „Stadtkind“ habe ich zur Landwirtschaft keine direkten Berührungspunkte. Erste Artikel über Temple Grandin und ihre Forschungen zum Thema Tierwohl wurden im Blog dann allerdings meiner überwiegend ebenfalls nicht landwirtschaftlichen Leserschaft derart positiv aufgenommen, dass der Entschluss zu einer stärkeren Beschäftigung mit der Landwirtschaft gefallen war. Auch spätere Besuche bei Wiesenhof und darauf folgende Artikel konnten die Stimmung nicht trüben. Seit 2015 schreibe ich auch gelegentlich für das DLG-Blog agrarblogger.de, teile meine Erfahrung in der Kommunikation als Referent und trage nebenbei fleißig weitere Literatur zum Thema Tierwohl zusammen. Auf Twitter bin ich unter twitter.com/roterhai unterwegs.

20 Kommentare

  1. Hallo Sören,
    vielleicht darf ich noch ergänzen, dass es einen sog. “Foot Pad Score” gibt. Mit dessen Hilfe kann die Häufigkeit und Schwere von Fußballenläsionen bestimmt werden.
    Hier erfährt man mehr (sogar mit Bild zur Veranschaulichung): http://www.animalwelfareapproved.org/…/TAFS7.pdf

    Ob man jetzt 40.000 Tiere hat oder nur ein paar Hühner im Hof rumlaufen hat. Das ist aufjedenfall eine gute Möglichkeit stichprobenartig die Beingesundheit zu checken.

  2. Hallo Reuben C, mich durchfuhr gerade ein Schreck. Natürlich gehört dieser Score noch dazu. Bei Geflügel geht das von 0-2, also von ok über leichte Läsionen bis zu schweren Problemen. Gut, dass Du hier mitliest. Danke!

  3. Über Einstreu und Jamies Hühnerhölle

    Ich kenne mich mit Hühnern nicht so gut aus, deshalb kann ich bezüglich der Einstreu nur die Pferdehaltung als Vergleich nehmen und da mistet man den Stall regelmäßig aus und erneuet die Einstreu, damit die Tiere keine Huffäule bekommen. Nun soll es doch bei Masthühnern angeblich so sein, dass die Einstreu während der gesamten Mast nicht erneuert wird. Deshalb stehen die Tiere durch ihre Ausscheidungen nach einiger Zeit wahrscheinlich in einer total feuchten Einstreu. Von dem Ammoniak, der aus dem Hühnerkot freigesetzt wird, ganz zu schweigen. Sören, wie wird das mit dem Auswechseln der Einstreu in den Privathof-Betrieben gehandhabt, die Du besucht hast?

    Ich finde es gut, dass Du Dich mit Fragen des Tierwohls beschäftigst und damit bist Du nicht allein, auch der bekannte englische Koch Jamie Oliver beschäftigt sich mit solchen Fragen, weil er der Meinung ist, dass die Leute über ihr Essen nachdenken sollten. Aus diesem Grund hat er ein Galadiener veranstaltet und seinen Gästen gezeigt, wie Hühnerfleisch produziert wird und was normalerweise mit den Hühnern passiert bevor sie auf den Tisch kommen. Als Koch sieht er das Ganze natürlich aus einer etwas anderen Perspektive. Hier die vier Teile von “Jamies Hühnerhölle”:

    http://www.youtube.com/…-TuU&feature=related

    http://www.youtube.com/watch?v=t8cGnLqUwAA

    http://www.youtube.com/…CK15Q&feature=relmfu

    http://www.youtube.com/watch?v=CAOxFR40dYU

  4. Schön, mal wieder einen Kommentar von Dir zu lesen, Mona 😉 Die Einstreu wird tatsächlich nicht gewechselt, auch nicht beim Privathof-Geflügel. Die Einstreu war – entgegen Deiner Vermutung – tatsächlich nicht feucht oder zumindest nicht feucht genug, um sich negativ auf die Fußballengesundheit auszuwirken. Das liegt einerseits an der Beschaffenheit der Einstreu wie im Text beschrieben, andererseits auch an der Lüftung. Ich sitze gerade am Tablet, da stören die Videos etwas, schaue die später. Danke dafür.

    Das mit der Hühnerhölle klingt natürlich schön gruselig. Ich weiß nicht, ob das wirklich den Kern trifft. Ich habe mir vom Schlupf bis zur Schlachtung wirklich alles angesehen. Sicher, die konventionelle Haltung erschlägt einen geradezu (besonders vor der Schlachtung), wenn man vorher in einem Privathof-Betrieb war. Super wäre natürlich eine vollständige Umsetzung. Wenn das klappen sollte, werdet Ihr das natürlich erfahren.

  5. Hallo Mona,
    ich antworte einfach mal auf deine Frage.

    Sören hat schon die Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung angesprochen. Dort steht zur Einstreu unter § 19 Abs. 3:”Wer Masthühner hält, hat sicherzustellen, dass […] alle Masthühner ständig Zugang zu trockener, lockerer Einstreu haben, die zum Picken, Scharren und Staubbaden geeignet ist;[…]”
    Und ja, es ist durchaus üblich das während der Mast nachgestreut werden muss. Je nachdem in welchem Zustand sich die Einstreu befindet.
    Die Höchstwerte für Ammoniak sind ebenso gesetzlich festgelegt. Bei einer ordentlichen Lüftung dürfte es da aber keine Probleme geben.

  6. Hallo Reuben C,

    Danke fürs Aushelfen, Du hast recht, manchmal muss nachgestreut werden, wenn zB die Nippel tropfen oder die Einstreu eben allgemein zu feucht ist. Wie die Technik bei der Lüftung genau funktioniert, muss ich mir aber nochmal anschauen 😉

  7. Hallo Sören,
    mit der Lüftung das ist ganz einfach. Die Ammoniakkonzentration im Stall steigt mit der Anzahl und dem Alter der Tiere. Daher wird die Ventilationsrate mit der Mastdauer erhöht bzw. an die Anzahl der Tiere angepasst. Bei einer Umgebungstemperatur von 35 °C kann eine Ventilation von 2 m/s für 4 Wochen alte Tiere ausreichend sein.

    Aber wie du selber schon geschrieben hast gibt es dafür allerlei Technik im Stall, so dass die Werte per Sensortechnik erfasst werden und vom Computer automatisch reguliert werden. Wer hätte das nicht gern: An jeden einzelnen Lebensabschnitt angepasste Klimabedingungen?

  8. Wie praktisch!

    Wunderbar! Danke! So in etwa hatte ich das auch noch in Erinnerung, aber das reicht halt nicht. Werde das nochmal aufgreifen, gestern hörte ich noch, dass es wohl in Ställen im Umkreis massive Hitzeprobleme gab und das geht ja mal gar nicht.

  9. Ja, genau diese Berichte hatte ich mitbekommen. 🙁

    Sollten solche Hitzewellen hier zur Normalität werden, müssen natürlich neue Kühl-Systeme her…

  10. Feuchtigkeit der Einsstreu

    Um niedrige Feuchte in der Einstreu halten zu können, sollte die Einstreu keine hohe Saugfähigkeit besitzen.
    Hohe Saugfähigkeit führt zwangsläufig zu nasser Einstreu, die schließlich nicht mehr genug ablüften kann; dann entwickeln sich die lästigen Fußballenentzündungen.

  11. Hallo Haxthausen,

    ich habe die Empfehlungen für die Einstreu gerad nicht hier, glaube aber, es so korrekt wiedergegeben zu haben, werde das aber nochmal nachschauen. Danke.

  12. Feuchtigkeit der Einstreu

    Hallo Sören,

    übernommene Empfehlungen müssen nicht immer richtig sein; kein Problem, das kann ja passieren.
    Hohe Saugfähigkeit einer Stalleinstreu kann nicht von Vorteil sein. Das ist doch das (verkannte) Problem und die Ursache der Fußballenentzündungen. Ist das nicht logisch?

    Auch der Mensch zieht nasse Strümpfe oder Schuhe möglichst bald aus um Wundlaufen der durch Feuchte geschwächten Haut zu vermeiden.

  13. @Haxthausen: Einstreu-Frage

    Nun, diese von mir wiedergegebenen Empfehlungen stammten aus dem Geflügeljahrbuch 2011 oder 2012 😉

    Du hast natürlich recht mit Deiner Feststellung, dass eine feuchte Einstreu zu den Fußballenproblemen führen. Aber genau deshalb sollte die Einstreu auch nicht zu hoch sein, damit sie in Bewegung bleibt und “gelüftet” werden kann. So kann sie dann wieder trocknen, damit die Tiere nicht dauerhaft auf dem feuchten Boden stehen und dadurch Probleme bekommen…

    Oder liege ich da gerade so daneben? Wie gesagt, in den von mir besuchten Ställen war die Einstreu durchaus trocken, aber nicht staubig (wie empfohlen) und Ballenprobleme gab es auch nur partiell…

  14. Einsreu-Probleme

    Hallo Sören,

    Einstreu-Partikel, die dauerhaft! stabil bleiben, können durchlüftet werden und beweglich bleiben, so dass kein Mehl bzw.Matsch entsteht; ein nun allmählich bekannt werdendes staubfreies Material kann das, besonders gut im Winter, wo die Feuchte größer ist.
    Eine Einstreubesichtigung sollte im Winter stattfinden.

  15. Werbe-Versuch?

    Mir dämmert gerade, wie hier der Hase läuft. Du willst unterschwellig Werbung für Dein Produkt machen. Vermute ich da richtig? Auf derlei Versuche reagiere ich ein wenig empfindlich…

    Und nein, dieses Maiszeugs ist nicht der Retter aller geschundener Fußballen, sonst hätte ich ja keine intakten sehen dürfen, oder? 😉

    Andere Einstreu-Varianten wie bspw. Dinkelspelz funktionieren auch gut. Was natürlich nicht heißt, dass Deine Variante nicht funktioniert.

  16. Nein, dem ist nicht so, ich habe es unter anderem als Einstreu praktisch kennengelernt. Das ist ein Unterschied.

    Ab jetzt bitte ich Dich, auf weitere positive Kommentare bzgl. Deines Produktes zu verzichten.

    Vielen Dank!

  17. Art der Einstreu, Fußballen

    Hallo Sören, hallo andere Kommentatoren,

    die Beurteilung der Fußballengesundheit erfolgt nach sehr unterschiedlichen “Scores”. Je nachdem welche Tierart untersucht wird, als auch innerhalb einer Tierart gibt es zahlreiche Beurteilungsschemata. Insofern ist es schon relevant, welchen Score du zugrunde gelegt hast, wieviele Tiere du angesehen hast, welche Erfahrung du bezüglich der Fußballenbeurteilung hast, wie alt die Masthühner waren, die du dir angesehen hast. Nur dann lässt sich deine Beurteilung, dass die Veränderungen nur geringgradig waren oder gar nicht vorhanden, einordnen. Erschwerend kommt hinzu, dass für die bei Privathof eingesetzten Masthybriden wahrscheinlich noch keine entsprechenden Untersuchungen vorliegen (Oder?). Trotzdem ist es natürlich spannend, ob das langsamere Wachstum und die verringerte Besatzdichte tatsächlich positiv sich auf die Fußballen auswirkt. Beim Mastgeflügel ist es leider nicht üblich, innerhalb eines Mastdurchgangs, die Einstreu komplett zu wechseln, außer bei Puten eventuell bei Umstallung aus dem Aufzuchtstall. Für die Fußballen und auch sonst für die Tiergesundheit (Senkung Infektionsdruck) wäre es durchaus sinnvoll. Und wie bei Puten sich schon gezeigt hat, war es sogar rentabel (Kosten für die zusätzliche Einstreu wurde durch höheres Schlachtgewicht mit Gewinn eingespielt).
    Das wichtige für die Einstreu ist das Wasserbindungs- UND -abgabevermögen. Aus diesem Grund sind besonders feinkörnige Einstreu wie Strohpellets, Lignocellulose u. ä. besonders geeignet. Maisspindelgranulat ist zwar auch feinkörnig, hat aber leider den Nachteil nur bei sehr guter Qualität, besonders bezüglich des Trocknungsprozesses, vernünftig zu funktionieren. Berichte über hohen Wechselbedarf und große Schimmelpilzbelastungen überschatten jedoch die positiven Ansätze.
    Strohhäcksel halte ich persönlich für das ungeeigneste Material (schlechte Wasseraufnahme und keine Kotzerteilung sondern Bildung von Kotdecken). Dann lieber noch Holzspäne, jedoch haben diese auch nur begrenzte Saugfähigkeit.
    Für die Fußballen ist es wichtig, dass die Einstreu bereits auf kleinem Areal sehr saugfähig ist, denn nicht die Menge an Einstreu macht es, sondern was auf einer bestimmten Fläche tatsächlich an Feuchtigkeit auf den Fußballen wirken kann.

    Liebe Grüße

    Jens

  18. Hallo Jens,

    das Privathof-Konzept bei Wiesenhof wurde durch Studien überprüft, um Probleme für die Tiere zu vermeiden. Bspw. wurde die Form der Sitzstangen so optimiert, dass sich die Tiere darauf gut halten können und die Füße (und somit auch die Ballen) keinen Schaden nehmen.
    Die verschiedenen Scores sind mir durchaus bekannt und die Ställe habe ich nicht alleine besucht, sondern in Begleitung eines Tierarztes. Darunter waren auch eine Reihe konventionelle Ställe.
    Ansonsten kann ich Deinem Kommentar eigentlich nur zustimmen und mich für die hilfreichen Informationen bedanken 😉

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