Evolution auf der Blumenwiese

BLOG: Vom Hai gebissen

Notizen aus dem Haifischbecken
Vom Hai gebissen

So, jetzt bin ich also auch hier auf den Scilogs. Das freut mich sehr. Und damit hier auch ein bisschen Leben in die noch leere Hütte kommt, gebe ich jetzt ganz fix meinen Einstand mit einem meiner Lieblings-Artikel.

Viel Spaß damit!

Offenbar gibt es immer noch genügend Menschen, denen die Grundlagen der Evolution weitgehend fremd sind, weshalb sie glauben, dass alles Natürliche gut sei, während der Mensch lediglich die Rolle des Krebsgeschwürs in dieser heilen Idylle übernimmt. Nun, sicherlich kann man diesen Eindruck bekommen, wenn man sich zu sehr der medialen Darstellung putziger Eisbären- und Robbenbabys hingibt, während im Gegenzug menschliche Verfehlungen – die es zweifellos gibt – und ihre Auswirkungen auf die Natur äußerst ausführlich dargestellt werden. Jetzt ist das alles aber leider ein wenig komplexer. Nehmen wir mal die Mücke. Warum ist die eigentlich da? Eigentlich nervt die doch nur, oder? Erfüllt sie einen Zweck? Falscher Blickwinkel! Sie ist nicht hier, um einen Zweck zu erfüllen, sondern weil sie sich evolutionär durchgesetzt hat. “Survival of the fittest” nannte Darwin das.

Darauf aufbauend muss ich immer ein wenig grinsen, wenn von einer idyllischen Blumenwiese die Rede ist. Warum?

Lest selbst:

Ich lebe in einer Großstadt. Das allein ist erstmal nichts besonderes. Das tun Millionen andere Menschen auch. Für mich war es aber ein ziemlich krasser Wechsel. Ich komme zwar nicht wirklich vom Lande, aber so richtig in der Stadt bin ich auch nicht aufgewachsen. Deshalb war der aus Studiengründen notwendige Umzug in eine Großstadt wie ein Wurf ins kalte Wasser: zuerst hart, aber mit der Zeit gewöhnt man sich dran. Und so kann ich die richtigen Stadtmenschen gut verstehen, wenn sie bei der Ferienplanung von einem Ort “irgendwo im Grünen” träumen.

Bei der Ankunft ist man dann erstmal total überwältigt. Der Himmel ist blau, die Sonne scheint, Vögel zwitschern und unzählige Schmetterlinge, Falter und natürlich fleißige Bienen machen sich über die schier unendlich weiten Blumenwiesen her. Auch die Enten haben im nahegelegenden See ihren Spaß. Tolles Szenario, oder? Soll ich weitermachen? Ja? Gut!

Während man selbst gerade die Handtücher am Ufer des Sees ausbreitet, wird in dem See gerade eine Kaulquappe abgemurkst. Tja, da war die Libellenlarve wohl schneller. AUf der Blumenwiese macht eine Armee von Ameisen kurzen Prozess mit einer Raupe, die sie dann zu ihrem Staat transportieren. Die Vogeleltern, die durch ihren reizenden Gesang maßgeblich für die aufkommende Urlaubsstimmung verantwortlich sind, lassen gerade eines ihrer Jungen verhungern, da es viel zu klein und zu schwach ist. Wie nannte Darwin das noch gleich? Survival of the fittest. Tja, da ham die Kleinsten immer die A-Karte gezogen. Plötzlich zieht es sich zu. Ein Gewitter prasselt auf die Erde nieder. Und schon geht das Morden weiter, denn die Vogeleltern müssen ja weiter füttern. Vom Regen angelockt, schaut ein Regenwurm aus dem Boden. Das Letzte, was er sah, war eine gierige Drossel. Und die Fliege, die von einem Tropfen erwischt wurde, sitzt benommen am Boden. Welch eine Chance für die Kröte, die gerade vorbeikommt. Das Gewitter zieht vorüber. Die Menschen trauen sich wieder ins Freie.

Es wird Abend und die untergehende Sonne hüllt das Schlachtfeld in einen Mantel roten Lichts. Die Spinne begutachtet noch schnell die Ausbeute des Tages und spinnt sie notdürftig ein. Die Nacht bricht herein. Die Menschen gehen zu Bett und freuen sich auf einen neuen Tag, dessen Sonnenuntergang viele andere Tiere in ihrer direkten Umgebung nicht erleben werden.

Na, Lust bekommen auf die Idylle unberührter Natur?

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Veröffentlicht von

Wissenschafts- und Agrarblogger seit 2009 – eher zufällig, denn als „Stadtkind“ habe ich zur Landwirtschaft keine direkten Berührungspunkte. Erste Artikel über Temple Grandin und ihre Forschungen zum Thema Tierwohl wurden im Blog dann allerdings meiner überwiegend ebenfalls nicht landwirtschaftlichen Leserschaft derart positiv aufgenommen, dass der Entschluss zu einer stärkeren Beschäftigung mit der Landwirtschaft gefallen war. Auch spätere Besuche bei Wiesenhof und darauf folgende Artikel konnten die Stimmung nicht trüben. Seit 2015 schreibe ich auch gelegentlich für das DLG-Blog agrarblogger.de, teile meine Erfahrung in der Kommunikation als Referent und trage nebenbei fleißig weitere Literatur zum Thema Tierwohl zusammen. Auf Twitter bin ich unter twitter.com/roterhai unterwegs.

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