Die Kuh muss raus!

“Ich bin überrascht, dass Du einen solchen Artikel teilst.” Thomas Duffy ist irischer Landwirt und wir folgen uns auf Twitter seit einer gefühlten Ewigkeit. Daher schreckte mich seine Reaktion auf. Zugegeben, ich hatte den Artikel tatsächlich nicht gelesen, sondern sah lediglich den Tweet vom Tierwohl-Department der University of British Columbia, wo auch David Fraser arbeitet. Dort twitterte man diesen Artikel, weil der Autor einige UBC-Studien zitierte. Jetzt kenne ich einige dieser Studien und bin ohnehin ein Fraser-Fan, da dachte ich mir, dass ein ungerprüfter Retweet doch möglich sei. Arschlecken. Aber der Reihe nach…

Die kanadische Milch-Branche sei in der Klemme und das seien doch tolle Neuigkeiten für die Kühe. Mit dieser Aussage beginnt und endet der Artikel. Es geht dabei einerseits um Probleme der kanadischen Milch-Branche wie auch entsprechende Alternativen zur Kuh-Milch. Ich werde mal erklären, was dran ist.

1. Es gibt Probleme!!!!!

While it’s impossible to know whether or not such deliberate cruelty has occurred at other B.C. dairy farms, inspection reports from the B.C. Milk Marketing Board found that one in four farms in the province failed to comply with the provincial animal-welfare Code of Practice. During an 18-month period starting in January, 2015, the inspections revealed cases of overcrowding, lame or soiled cattle, tails torn off by machinery, branding and dehorning of calves without pain medication, and other examples of poor welfare.

Das klingt jetzt nicht besonders gut, ist aber auch nicht system-, sondern management-bedingt. Solche Probleme lassen sich mit Monitoring und Auditing in den Griff bekommen. Vielleicht wäre auch eine Schulung der Mitarbeiter ratsam.

2. Kühe sollen raus auf die Weide – selbst dann, wenn sie einen Hitzschlag bekommen.

Beyond criminal cruelty and industry-code violations, animal welfare is routinely compromised through standard practices in dairy farming. Contrary to the images used in dairy-product marketing, most cows are denied access to pasture and are kept indoors. Yet research done at the University of B.C. has found that, guess what, cows like to go outside. Further UBC research suggests the public thinks cows should be allowed outside. But most B.C. dairy cows spend their lives confined indoors.

Ne, Moment. Ja, Kühe gehen gerne raus auf die Weide. Nein, das ist keine grundsätzliche Tatsache, denn selbstverständlich müssen noch weitere Bedingungen erfüllt sein. Spätestens, wenn sich ein Großteil der menschlichen Gesellschaft überschaubar bekleidet in Parks und Freibädern tummelt, bleiben die Kühe lieber im Stall. 25-30 Grad sind einfach zu warm. In der Fachliteratur finden sich sogar Empfehlungen die Tiere schon ab 18-20 Grad lieber im Stall zu lassen. Der Grund liegt in der Physiologie der Tiere. Der Körper verrichtet Arbeit, während er Milch produziert. Diese erzeugt Wärme, welche irgendwie weg muss, was in einem klimatisierten Stall mit optionaler Kuhdusche leichter geht als in der prallen Sonne. Wohlgemerkt, wir reden hier von Hochleistungsmilchkühen, die aber auch die weiteste Verbreitung genießen.
Kleine Anekdote: ich habe letztes Jahr ziemlich erfolglos versucht Milchkühe auf der Weide zu fotografieren. Wahlweise war es zu nass, was schlecht für die Klauen ist oder es war eben zu warm.

3. Und überhaupt: alles doof!!!!

On top off all this, the dairy industry is a significant contributor to climate change, producing about four percent of global anthropogenic greenhouse gases. The industry also requires vast amounts of water and has created significant pollution in North America, China, and elsewhere.

Auch hier gilt wieder: derlei Probleme sind keine unvermeidbaren Bestandteile der Tierhaltung, das lässt sich alles lösen. Dass in China bis 2008 einiges fürchterlich schief gelaufen ist, hat man dort auch gemerkt und arbeitet seitdem mit internationalen Fachleuten daran, die eigene Branche auf sichere Füße zu stellen. Soweit ich das beobachten kann, mit Erfolg.

In einen seriösen Artikel mit der Absicht Leserinnen und Leser zu informieren und die Sachlage einzuordnen, hätte das reingehört. Gut, jetzt handelt es sich bei dem Autoren Peter Fricker nicht um einen Journalisten, vielmehr ist er communications director der Vancouver Humane Society. Sein Bedürfnis nach objektiver Information dürfte daher gering sein. Aber selbst, wenn wir dieses kleine Detail kurz ignorieren, ist die eingangs wie gegen Ende des Artikels erwähnte Argumentation, dass eine finanziell unter Druck stehende Milch-Branche gut für die Kühe sei, nur gequirlter Unsinn. Ohne Geld gibt es auch keine Investitionen und wenn man konsequent die Pleite vor sich sieht, belastet das auch mental. Und was passiert, wenn es wirklich nicht mehr geht? Genau, die Stalltüren schließen und die Kühe kommen zum Schlachthof.

Aus die Maus.


Verweise

  1. Peter Fricker: Trouble in Canada’s Dairy Industry is good news for cows
  2. Ich hatte schon vor einiger Zeit einen Artikel für die DLG zusammengestellt zum Thema: Was Landwirte fertig macht

 

Veröffentlicht von

Wissenschafts- und Agrarblogger seit 2009 – eher zufällig, denn als „Stadtkind“ habe ich zur Landwirtschaft keine direkten Berührungspunkte. Erste Artikel über Temple Grandin und ihre Forschungen zum Thema Tierwohl wurden im Blog dann allerdings meiner überwiegend ebenfalls nicht landwirtschaftlichen Leserschaft derart positiv aufgenommen, dass der Entschluss zu einer stärkeren Beschäftigung mit der Landwirtschaft gefallen war. Auch spätere Besuche bei Wiesenhof und darauf folgende Artikel konnten die Stimmung nicht trüben. Seit 2015 schreibe ich auch gelegentlich für das DLG-Blog agrarblogger.de, teile meine Erfahrung in der Kommunikation als Referent und trage nebenbei fleißig weitere Literatur zum Thema Tierwohl zusammen. Auf Twitter bin ich unter twitter.com/roterhai unterwegs.

13 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. »Kühe sollen raus auf die Weide – selbst dann, wenn sie einen Hitzschlag bekommen.«

    Das wird in dem zitierten Aufsatz doch nicht ernsthaft gefordert, oder?

    • Nein, nicht so direkt. Aber wenn ich mir ansehe wieviele Label aktuell aus dem Boden schießen, die natürlich auch alle ihre eigenen Richtlinien haben, sehe ich durchaus die Gefahr, dass ühe auf die Weide gezwungen werden könnten, obwohl sie selbst lieber im Stall blieben.

  2. Wenn es Kühen auf der Weide zu heiß/sonnig wird, müssen/gehen sich nicht in den Stall, sondern legen sich in den Schatten.

    Die Älteren unter uns erinnern sich vielleicht noch daran, dass es früher einmal schattenspendende einzelstehende Bäume auf den Weiden und Wallhecken entlang selbigen gab.

    • Die gibt es heute auch noch, zumindest kenne ich welche.

      Im Schatten ist es zwar weniger warm als in der Sonne, aber immer noch ZU warm für Hochleistungskühe. Wichtig ist außerdem auch ein konstanter Luftzug, damit die ausgeatmete Luft abtransportiert und durch frische ersetzt werden kann. Und das geht in einem Stall einfach leichter als draußen.

  3. „Hochleistungskühe“—andernorts nennt man so etwas wohl Qualzuchten.

    Wozu braucht man denn „Hochleistungskühe“, wenn es für die übergroßen Mengen an Milch hierzulande überhaupt keine Abnehmer gibt?

    • Das mit den Qualzuchten ist eine schwierige Geschichte. Es gibt weltweit Betriebe, die in der Lage sind, Hochleistungskühe auch über mehrere Jahre bei guter Gesundheit zu halten.

      Hochleistungskühe sind das Ergebnis einer seit Jahrzehnten andauernden Effizienz-Strategie. Durch die Zucht auf hohe Milchleistung produzieren heute viel weniger Kühe viel mehr Milch. Das ist erstmal ok, ich würde aber nicht dazu plädieren, diese Strategie noch auch zukünftig zu verfolgen, weil damit auch die Ansprüche an das Management steigen. Und die sind heute schon ziemlich hoch.

      Was die fehlenden Abnehmer angeht: in der Landwirtschaft geht es schon lange nicht mehr nur darum, das eigene Dorf oder eben das eigene Land zu versorgen. Heute werden Güter global gehandelt. Das ist völlig ok. Allerdings – diese These habe ich hier im Blog schon öfter vertreten – haben sich Verbände und Politik mit der Weltmarkt-Strategie etwas verrannt. Nach dem Melamin-Skandal in der chinesischen Milchbranche 2008 liefen die Geschäfte blendend. Dann kamen die Sanktionen gegen Russland, wovon auch die deutsche Milch-Branche betroffen war und die Chinesen bauen ihre eigene Branche nahezu in Lichtgeschwindigkeit neu auf. In Kombination mit einem insgesamt langsameren Wachstum dort, stauten sich in Europa wie auch in nord-Amerika und Australien die Milchmengen.

  4. Ja, ok, danke für die Antworten, Sören.

    Dass man sich als Bauer eine Kuh wünscht, die viel Milch produzieren kann, ist verständlich. Vielleicht wäre es gut gewesen, wenn es da eine global akzeptierte Obergrenze gegeben hätte, eine Grenze deutlich unterhalb unphysiologischer Zustände.

    Aber der Trend geht wohl dahin, dass die Kuh Teil des Maschinenparks wird. Und irgendwann wird sie wohl durch Bioreaktoren ersetzt werden.

    • Eine “global akzeptierte Obergrenze” wird es so schnell nicht geben, weil manche Länder große Flächen besitzen und dementsprechend große Anlagen bauen können. Als Beispiel möchte ich das Unternehmen Fair Oak Farms in Indiana erwähnen, das mit seinen über 30 000 Kühen als größter Milchviehbetrieb der Welt gilt.
      https://www.youtube.com/watch?v=nxxTKjJn5iM

      Vor kritischen Besuchern scheint man dort keine Angst zu haben, denn das Ganze wird als eine Art Disneyland vermarktet, wo Touristen den Kühen sogar beim Kalben zusehen können.
      https://www.youtube.com/watch?v=JJRy82i8e5Q

  5. Mona, meine Rede von der „Obergrenze“ bezog sich auf die Zucht der Milchkühe. Aber auch dort wird es keine allgemein anerkannte Obergrenze geben, soviel ist sicher.

  6. Wenn man Sören Schewes angepasst kritische Anmerkungen zum Wohlergehen von Hochleistungskühen liest, weiß der halbwegs Informierte schon wohin das mittelfristig hinführt:

    Nämlich zu noch optimierten Hochleistungskühen, die gerhirnreduziert, schattig und gut durchlüftet tagein/tagaus in einem Milchkarusell stehen, sagenhafte Milchleistungen bringen und nicht einmal im Traum mehr von Wiesen und Weiden wissen.

    Nicht auszuschließen, dass sich diese hirnreduzierten embryonalen Milchproduktionsmaschinen insgesamt glücklicher fühlen als eine robuste Kuh, die der Witterung ausgesetzt ist, aber so etwas wie einen individuellen Charakter entwickelt hat.

    Die ‘Älteren’ unter uns erinnern sich vielleicht noch daran, dass die Kühe früher Namen hatten.

  7. well of course we can decrease the amount of cow milk production and instead produce for example goat milk..but i pretty doubt most of dairy companies use only milk in their products..and when we are talking about cow milk substitution are we talking about natural substitutions or chemical??as one of essay writers i do know that cow emissions are more dangerous to environment that CO2 from cars..and since there are two sides to the story we should make a careful decision which would not harm either our health and the environment

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