Was heißt denn “extrem”?

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Wien. Heidelberg. Berlin: ein israelischer Blick auf Deutschland
un/zugehörig

Die Junge Freiheit & Co. (IfS, Ed. Anatios, etc.) bekämpfen mit ihrem "Konservativismus" fast als einzige in Deutschland die NPD. Andere NPD-Gegner wollen nämlich nicht gerade die NPD, sondern bei dieser Gelegenheit auch gleich alles Rechte brandmarken und möchten daher keine Alternative zur NPD akzeptieren. Dabei wird ausgerechnet das JF-Milieu als "rechtsextrem" bezeichnet.

Fragwürdig? Freilich. Meiner Meinung nach geschieht das eben deswegen, weil dieses Milieu eine intellektuelle Alternative darstellt, die es in den Augen mancher ahnungsvollen Linken weit "gefährlicher" werden lässt als jene "altrechten" NPDler, die man leichtfertig abtun kann.

Ohnehin scheint hier eines klar zu sein: Ob man das JF-Milieu für "konservativ" oder "rechtsextrem" hält, ist schlußendlich eine Ansichtssache.

Das war alles aber nur das Präludium zu einer anderen Frage, die sich mir aufdrängt. Denn jenseits Altbayerns scheint die "Extremität" nicht mehr so klar zu sein. Oder womöglich doch? Da bringen es nämlich FPÖ und BZÖ zusammen auf knapp 30 v. H. Trotzdem werden sie hie und da als "extrem" bezeichnet.

Ob man aber bei dreißigprozentiger Unterstützung unter den Wählern noch so betrachtet werden kann, als läge man am Ende der Kurve? Stellt der Betrachter in diesem Fall keine unmöglichen Erwartungen an die Kurve, also an die Wirklichkeit, die im Auge des Betrachters zwangsläufig verzerrt wird?

Gibt es überhaupt intersubjektiv-quantitative Kriterien für Extremität? Oder gölte die FPÖ selbst bei 51-prozentiger Unterstützung noch als "extrem"?

Was bedeutet es überhaupt, als "extrem" zu gelten, wenn die Bezeichnung nicht von der Rezeption des Bezeichneten abgeleitet wird oder gar mit dieser zusammenhängt?

Könnt ihr euch Situationen vorstellen, in denen man sich darüber freuen sollte, als "extrem" bezeichnet zu werden? Und lassen sich solche theoretische Situationen auf den Betrachteten oder eher auf den Betrachter zurückführen?

So weit meine Fragen. Und jetzt: Eure Antworten?

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Veröffentlicht von

www.berlinjewish.com/

Mancherorts auch als der Rebbe von Krechzn* bekannt, heißt der Autor von "un/zugehörig" eigentlich Yoav Sapir. Er ist 5740 (auf Christlich: 1979) in Haifa, Israel, geboren und hat später lange in Jerusalem gelebt, dessen numinose Stimmung ihn anscheinend tief geprägt hat. Nebenbei hat er dort sein M.A.-Studium abgeschlossen, während dessen er sich v. a. mit dem Bild des Juden im Spielfilm der DDR befasst hat. Seit Sommer 2006 weilt er an akademischen Einrichtungen im deutschsprachigen Mitteleuropa: anfangs in Wien, später in Berlin und dann in Heidelberg. Nach einer Hospitanz im Bundestag arbeitet er jetzt selbstständig in Berlin als Autor, Referent und Übersetzer aus dem Hebräischen und ins Hebräische. Nebenbei bietet er auch Tours of Jewish Berlin. * krechzn (Jiddisch): stöhnen; leidenschaftlich jammern.

23 Kommentare

  1. Extremismus

    Nur zur Begriffsklärung: im üblichen Sprachgebrauch ist “Extremismus” keine Frage von Prozentzahlen, sondern der Oberbegriff für Einstellungen, die fundamentale Veränderungen der Gesellschaft anstreben.
    (Wenn man dann schon lieber über Worte statt über Inhalte diskutieren will, was ja offenbar die Intention dieses Beitrags ist.)

  2. Hi Thilo

    Was du mit “Inhalten” meinst, ist rein subjektiv und kann uns nicht voranbringen. “Inhaltlich” betrachtet ist jene Meinung extrem, die zu weit von der eigenen entfernt ist. Darüber, was “noch zulässig” weit geht und was schon “allzu” weit von einem entfernt ist, entscheidet wiederum jeder für sich. Für Kommunisten z. B. kann die freiheitliche Grundordnung – rein inhaltlich – ganz schön “exrem” sein, obwohl sie sonst von der überwiegenden Mehrheit der Gesellschaft akzeptiert wird.

    Also sind wir auf objektive Angaben angewiesen. “Extrem groß” oder “extrem klein” sind ja diejenigen, die sich am jeweiligen Ende der Glockenkurve befinden. Vgl. auch das lateinische “extremus”. Mit anderen Worten: Im korrekten Sprachgebrauch muss “Extremismus” bzw. Extremität mit Prozentzahlen zusammenhängen.

    Übrigens: Das Problem mit FPÖ/BZÖ ist ja, dass sie den tatsächlich fundamentalen Veränderungen der Gesellschaft widerstreben, die in den letzten Jahrzehnten stattgefunden haben (Migration etc.). Ob zu Recht oder zu Unrecht, das muss jetzt dahingestellt bleiben. Was ich damit zeigen will ist nur, dass diese Kräfte, die im Großen und Ganzen eher stehen bleiben und weitere Liberalisierung verhindern wollen, auch deiner eigenen Definition nach keine “extremistischen” bzw. extremen Positionen vertreten.

  3. Extremistisch

    Im Kern stimme ich hier @Thilo zu, würde nur “inhaltlich” noch füllen:

    Als extremistisch in Deutschland gilt, wer die Verfassungsordnung grundsätzlich in Frage stellt und also Grund- und Menschenrechte für Andersdenkende oder
    -glaubende außer Kraft setzen will.

    Die NPD ist sicher extremistisch, in den USA der Ku Klux-Klan, in Israel die Kach etc. In der Linkspartei, FPÖ und BZÖ sind extreme Flügel zu finden, m.E. sind sie aber eher als links- bzw. rechtspopulistisch einzuschätzen – sie versprechen also grundlegende Veränderungen, ohne die jeweilige, demokratische Verfassung grundsätzlich in Frage zu stellen. Wie sie sich dann an der Macht verhalten würden, ist stets eine andere Frage: Bisher sind weder in Kärnten noch Berlin die demokratischen Spielregeln aufgehoben worden.

    Mit Extremsportarten etc. möchte ich politische Bewegungen eigentlich nicht vergleichen – schließlich können Politiker auch Menschen in ihre Experimente involvieren, die dem nie zugestimmt haben. In dieser Bedrohung von Freiheit liegt die Gefahr jedes (politischen) Extremismus.

  4. Hi Michael

    Du machst praktisch das Beobachtungsmandat des Verfassungsschutzes zum Kriterium. Das ist dein gutes Recht, aber wie tragfähig ist das? Ist die JF nicht (“mehr”) als extrem anzusehen, weil sie nicht mehr auf der Liste des Verfassungsschutzes NRW steht – oder darf sie vielmehr nicht mehr da stehen, weil sie nicht als extrem anzusehen ist? Nochmals eine Ansichtssache, wenn es diesmal auch die subjektive Ansicht der Richter gewesen ist. Apropos Richter: Haiders Weigerung, den Richterspruch bzgl. Ortsschilder umzusetzen, könnte von manchem doch als groben Verstoß gegen jene Spielregeln erachtet werden.

  5. Fundamentale Änderung

    Zum Kommentar von 1:42 Uhr:

    Als Mathematiker weiß ich, daß man jede Behauptung “beweisen” kann, wenn man Begriffe entsprechend umdefiniert, oder wenn man ausnutzt, daß dieselben Wörter in unterschiedlichen Zusammenhängen unterschiedliche Bedeutungen haben.

    Wenn man bei Google nach ‘fundamentale Änderung der Gesellschaft’ sucht, findet man neben dem Thema Migration zum Beispiel Texte zur Erfindung des Fernsehers oder zum Börsencrash. Das ist hier aber alles nicht gemeint.

    Eine fundamentale Änderung im Sinne der Extremismus-Definition wäre zum Beispiel die Einführung der Scharia, die Festschreibung der Führungsrolle einer Partei in der Verfassung oder die (im NPD-Parteiprogramm geforderte) Ausgliederung von Ausländern aus dem deutschen Sozialversicherungssystem.

  6. Schwierige Frage

    Prinzipiell stimme ich der Auffassung von Michael Blume zu: Als wirklich “extrem” kann nur gelten, wer die freiheitlich-demokratische Grundordnung ablehnt und sich gegen fundamentale Menschen- und Freiheitsrechte einsetzt.

    Soweit es die NPD betrifft, passt das Label meines Erachtens nach also ganz gut (für die FPÖ kann ich das nicht beurteilen). Zum typischen JF-Umfeld dagegen eigentlich nicht, obwohl die meisten Medienvertreter dies sicher anders sehen, was aber auch im Kontext der Vergangenheitsbewältigung gesehen werden muss.

    Überhaupt ist die Vergabe des Labels “extrem” sehr viel mehr zu einer ideologischen Ansichtssache geworden, als es dem (politischen) Diskurs häufig gut tut. Auch die JU ist schon vielfach mit dem Label “extrem” belegt worden – trotz ihrer mehr als 125.000 Mitglieder und durchgehend nicht-extremen Positionen. Ich habe es mir daher inzwischen angewöhnt, den Begriff, so er denn wertend verwendet wird, mehr oder weniger zu überhören, da vielfach keine konkrete inhaltliche Auseinandersetzung mehr dahinter steckt.

    Wenn ich mich einmal von der Ebene der politischen Inhalte lösen und mich nur mit dem Sprachgebrauch des Wortes befassen soll (so habe ich den Post verstanden), dann komme ich unweigerlich zu dem Schluss, dass das Attribut “extrem” in der politischen Diskussion ähnlich verwendet wird, wie die Attribute “repräsentativ” und “signifikant” in der Markt- und Meinungsforschung – nämlich inflationär.

    Für letztere Begriffe existiert immerhin nicht nur eine sprachliche, sondern auch eine mathematisch exakte Definition, was aber leider nichts daran ändert, dass auch solchen Erhebungen oder Ergebnissen, welche die mathematischen Kriterien nicht erfüllen, häufig eines oder beide Begriffe zugeschrieben werden. Dies nicht zuletzt deshalb, weil der Abnehmer/Leser/Kunde/Konsument dies auch erwartet.

    Ein ähnliches Problem sehe ich mit dem Label “extrem”. Auch hier existieren relativ eindeutige Vergabekriterien (siehe Michael Blume), dennoch wird es oft auch dann vergeben, wenn eine solche Vergabe inhaltlich nicht gerechtfertigt ist. Dabei habe ich das Gefühl, dass meistens nicht einmal geprüft wird – ähnlich wie leider viel zu häufig auch in der Markt- und Meinungsforschung.

    Für den Marktforscher ist die Studie eben repräsentativ und das Ergebnis signifikant, weil das nun mal so sein soll – der Kunde erwartet nichts anderes. Für den Journalisten oder Politiker ist das mit der FPÖ ebenso – sie ist, vielleicht sogar unabhängig von einem konkreten Kriterium – einfach “extrem” – der Zuhörer bzw. Leser erwartet auch hier nichts anderes.

  7. Zuspitzung

    Wenn die NPD mal 30-prozentige Unterstützung erreichen sollte: Wären ihre Positionen noch als “extrem” einzustufen? Oder spräche dann die breite Rezeption ihrer Positionen vielmehr dafür, dass die Wahrnehmung der Gesellschaft, auf der die Einstufung basiert, aktualisiert werden muss, dass also jene Vorstellung von freiheitlich-demokratischer Grundordnung, die aufgrund ihrer vormals breiten Rezeption als “Normalfall” bzw. Mitte der Glockenkurve gegolten hat, nicht mehr auf die Wirklichkeit zutrifft?

    Ich gehe nämlich davon aus, dass es uns allen klar ist, dass quantitative Faktoren irgendwann den Ausschlag geben. Zum Beispiel kann man m. M. n. nicht behaupten, Hitler sei 1940 als “extrem” zu bezeichnen, da man damit seine eigenen Vorstellungen in eine Zeit zurückprojiziert, auf die sie kaum zutreffen. Meine Zuspitzung dient also der Frage: Ab wann ist “irgendwann”? Und sind 30 v. H. nicht genug?

  8. Zusatzbeispiel

    In FOCUS Online lese ich gerade, dass Grüne, die sich gegen den Bau neuer Kohlekraftwerke einsetzen, jetzt als “Fundamentalisten” bezeichnet werden, was im allgemeinen Sprachgebrauch dem Extremismusbegriff recht nahe kommt:

    “Für die Fundamentalisten ihrer Partei bleibt das Kraftwerk Moorburg ein Klimakiller.”

    http://www.focus.de/…r-kraftwerk_aid_337314.html

    Dies zeigt m.E.n. nur, dass solche Begriffe inzwischen inhaltsleer sind und fast schon beliebig verteilt werden (in den Medien vermutlich je nach Stimmung und politischer Ausrichtung des Journalisten)…

  9. Wittgenstein-Zitat

    “Die meisten Sätze und Fragen, welche über philosophische Dinge geschrieben worden sind, sind nicht falsch, sondern unsinnig. Wir können daher Fragen dieser Art überhaupt nicht beantworten, sondern nur ihre Unsinnigkeit feststellen. Die meisten Fragen und Sätze der Philosophen beruhen darauf, dass wir unsere Sprachlogik nicht verstehen.”
    (Ludwig Wittgenstein: Logisch-Philosophische Abhandlung, 4.003)

  10. Die Bezeichnung “extrem” wird in der derzeitigen politischen Sprache so subjektiv verwendet, dass sie kaum noch einen aussagekräftigen Inhalt transportiert. “Extrem” werden die genannt, die denjenigen, die die Vokabel verwenden grundsätzlich zuwider sind. Denn eine offene oder versteckte Feindschaft gegen das Gundgesetz suchte der Verfassungsschutz in der “Jungen Freiheit” vergeblich.
    In vergangenen aber noch gar nicht so fernen Zeiten hätte man die gesellschaftspolitischen und immigrationspolitischen Positionen der heutigen Parteien der Mitte als völlig “extrem” empfunden. Die “Junge Freiheit” dagegen wäre vielleicht nicht einmal als besonders konservativ empfunden worden.
    Fazit: Solche Klassifizierungen wie “rechts- oder linksextrem” sind allein vom Zeitgeist abhängig und sagen mehr über diesen aus als über die Bezeichneten.

  11. @ Yoav

    Du machst praktisch das Beobachtungsmandat des Verfassungsschutzes zum Kriterium.

    Nein, anders herum: dem Beobachtungsmandat sind die genannten Kriterien vorgegeben. Auch der Verfassungsschutz ist eine staatliche Behörde und hat sich also an Recht und Gesetz zu halten. Wenn Verfassungsschutzbehörden als extremistisch bezeichnen, was nicht extremistisch ist, sind sowohl die demokratischen Aufsichtsbehörden (z.B. Parlamente) wie auch Gerichte zur Korrektur verpflichtet.

    Das ist dein gutes Recht, aber wie tragfähig ist das? Ist die JF nicht (“mehr”) als extrem anzusehen, weil sie nicht mehr auf der Liste des Verfassungsschutzes NRW steht – oder darf sie vielmehr nicht mehr da stehen, weil sie nicht als extrem anzusehen ist?

    Die Auflistung einer bestimmten Institution in Verfassungsschutzberichten ist ein staatlicher Akt und steht als solcher in einer Demokratie ebensowenig außerhalb der Kritik wie jede andere auch. Will heißen: Der freie Bürger kann für extremistisch halten, wen die V-Ämter bislang nicht führen und kann die Belege für einen Extremismus beobachteter (!) Institutionen für ungenügend halten, ggf. auch politisch anfechten und gerichtlich überprüfen lassen.

  12. @ F. Knauss

    Natürlich ändert sich die Bedeutung von Worten mit der Zeit, bei politischen Begriffen sicher noch häufiger als auf anderen Gebieten.
    Christians ‘Zusatzbeispiel’ paßt da sehr gut, denn “Fundamentalisten” war ja in den 80er Jahren die ganz offizielle Bezeichnung für den linken Flügel der Grünen, während es heute eine andere Bedeutung hat.
    Ein ähnliches Beispiel: “Radikalismus” war im 19. Jahrhundert die offizielle Bezeichnung für eine politische Richtung, die in etwa der heutigen FDP entspricht.

    Mich stört ein wenig, daß hier die Diskussion über “extrem” und “Extremismus” vermischt wird. “Extrem” kann in Abhängigkeit vom Kontext fast beliebige Bedeutung haben. “Extremismus” hat aber im heutigen Sprachgebrauch nur die oben erwähnte.

    Zur Jungen Freiheit: konkrete politische Ziele kommen dort m.E. eher selten vor. Ein Großteil der Artikel behandelt Variationen der beiden Themen “Wir werden verfolgt.” und “Alle halten uns für böse.”, festgemacht an jeweils aktuellen Anläßen. Das ist sicher extrem langweilig und extrem nervend, aber wohl noch kein Extremismus im Sinne obiger Definition.

  13. Die Frage,

    die ich anfangs gestellt habe, war aber eine andere. Ich habe ja geflissentlich mit der JF angefangen, um an diesem Beispiel zu veranschaulichen, dass es in inhaltlicher Hinsicht immer eine Ansichtssache ist, worin wir uns alle inzwischen einig zu sein scheinen (bis auf das Beobachtungsmandat usw., da habe ich den Eindruck gewonnen, dass mancher hier noch an Objektivismus glaubt, aber lassen wir das). Meine eigentliche Frage bezieht aber auf den quantitativen Faktor: Sagen wir mal, ihr haltet *aus welchen inhaltlichen Gründen auch immer* die Positionen der CDU für ganz extrem. Wäret ihr dann bereit, zuzugeben, dass euer Eindruck angesichts der sonst relativ hohen Popularität dieser Positionen ein rein subjektiver ist? (Vgl. auch meine letzte Frage bzgl. NPD, eigentlich dieselbe Frage, nur umgekehrt formuliert.)

  14. extrem

    Noch einmal ganz langsam: “extrem” ist ein Wort, das eigentlich nur im Zusammenhang mit einem anderen Adjektiv Sinn macht, so wie “sehr” oder “besonders”. (Etwas anderes ist es mit “Extremismus”, was wie oben gesagt eine klar definierte Bedeutung hat.)

    Im von Dir genannten Beispiel: die meisten CDU-Mitglieder würden sicherlich sofort der Aussage zustimmen, daß die CDU extrem verantwortungsbewußt, extrem wichtig und extrem erfolgreich ist.

    Die letzten beiden Aussagen sind NUR richtig, solange die CDU mehr als 30% der Bevölkerung hinter sich hat. Die Richtigkeit der ersten Aussage hingegen ist davon unabhängig und wird an anderen Kriterien gemessen. (Ich hoffe, das war jetzt nicht zu kompliziert.)

    Im übrigen würde ich zum Thema Sprache und Bedeutung wirklich mal empfehlen, Wittgensteins ‘Logisch-Philosophische Abhandlung’ zu lesen oder zumindest den Wikipedia-Artikel dazu.

  15. Eigentlich ein schönes Gefühl…

    …mit @Thilo mal durchweg im selben Boot zu sitzen, aber hier muss ich ihm Recht geben.

    Politischer Extremismus wurde oben definiert. Wenn wir aber allgemein “extrem” definieren wollen, dann beschreibt dies ja die Abweichung von einer Norm: extrem gut, extrem groß, extrem wichtig, extrem erfolgreich etc.

    Und klar: Wo alle Menschen (aufgrund besser Ernährung, Gesundheitsversorgung, weniger harter Arbeit etc.) durchschnittlich etwas größer gewachsen sind, ist einer, der früher als “extrem groß” gegolten hätte, es vielleicht nicht mehr. Da “extrem” erst mal ganz wertfrei massive Abweichungen von der Norm beschreibt, ändert es sich in diesem Zusammenhang selbstverständlich.

    Politisch ist aber “extremistisch” hinreichend als aktive Bestrebungen zur Abschaffung der freiheitlichen Grundordnung mit Grund- und Menschenrechten definiert – und so lässt sich also auch beurteilen (und diskutieren), ob diese Beschreibung auf die NPD, die Junge Freiheit, die Islamophoben von PI-news o.ä. zutrifft.

    Subjektiv, aufgrund nur gelegentlicher Lektüre, würde ich die JF (nochmal analog zu @Thilo) als rechtskonservativ, teilweise rechtspopulistisch einschätzen (was ich nicht teile, in einer Demokratie aber möglich sein muss), aber eben nicht für extremistisch. Aber das ist nur eine subjektive Einschätzung, da wirklich nicht mein Fachgebiet.

  16. Hmm…

    Ich wollte doch keine Begriffe definieren, zumal ich vorher den Eindruck gewonnen habe, dass wir zumindest darin übereinstimmen, dass die jeweilige Begriffsbestimmung und -anwendung von ihrer Beschaffenheit her subjektiv sind und daher keiner weiteren Diskussion bedürfen. Wie ich jetzt lese, habe ich da den falschen Eindruck gewonnen. Aber bitte, lassen wir das.

    Meine Frage bezieht sich auf etwas anderes. Nämlich auf *quantitative Faktoren* bzw. darauf, ob und wie ihr diese in eure subjektive Vorstellungswelt miteinbezieht und dies ggf. von anderen erwarten. Die Frage setzt also irgendeine (egal welche!) Begriffsbestimmung aus: Sei diese die “Norm” (Michael) oder die “Mitte der Glockenkurve” (ich). Hauptsache: Man hat eine feste Vorstellung von dem, was normal und zulässig ist, und hält demzufolge irgendeine politische Position für “extrem”, sei es nun “extrem links”, “extrem rechts”, “extrem extremistisch”, “extrem gefährlich” oder was weiß ich: die meisten Menschen bzw. Journalisten würden sich hier wohl mit “extrem” begnügen und nicht unbedingt zwischen “extrem” und “extremistisch” differenzieren. Am besten träfe vielleicht “extrem stark von der jeweiligen Normvorstellung abweichend” zu. Und jetzt der Punkt: Seid ihr der Meinung, dass eine breite Rezeption genügt, um von einem zu erwarten, seine Vorstellungen von der “Norm” zu verändern?

    Ein Beispiel: Sagen wir mal, ich bin jetzt ein Chinese in Peking. Wir schreiben das Jahr 1966. Ich kann jetzt meine Umgebung auf zweierlei Art und Weise betrachten: Entweder ist meine Umgebung, pauschal gesehen, ganz “extrem”, weil sie von meinen Erwartungen als Anhänger der liberalen Demokratie extrem stark abweichen; oder ich halte mich selbst für “extrem”, “extremistisch” usw. im Sinne von “eine grundsätzliche Veränderung der geltenden Grundordnung anstrebend”. Meiner Meinung nach muss man in derlei Situationen seine Erwartungen bzw. Normvorstellungen ändern, anstatt die Umgebung bzw. große Bevölkerungsteile als diejenigen anzusehen, die stark von der Norm abweichen. 1966 galten in der BRD der Kommunismus als “extreme” Ideologie, zu gleicher Zeit war es in China die liberale Demokratie.

    Ich bin dieser Meinung, weil ich den *quantitativen Faktoren* große Bedeutung beimesse. Deswegen bin ich auch der Meinung, dass man die FPÖ/BZÖ schon aufgrund der verhältnismäßig breiten Rezeption, deren sie sich erfreuen, nicht als “extrem”/”extremistisch” bezeichnen sollte, ohne jegliche Rücksicht darauf, welche Positionen man selbst für richtig bzw. erwünscht hält.

    Ihr seid vielleicht anderer Meinung…

  17. @ Yoav Sapir

    Deine Gedankengänge sind einfach zu wissenschaftlich und kompliziert für uns. Ich werd’ noch mal bis morgen nachdenken, ob ich draufkomme, worauf Du letztlich eigentlich hinauswillst.

  18. Mal ein anderer Aspekt: In der Weimarer Republik waren seit 1920 die demokratischen Parteien (die sich zur republikanischen Verfassung bekannten) in der Minderheit, die extremistischen Parteien links und rechts von der Mitte (die die demokratische Verfassung bekämpften, mit je unterschiedlicher Zielrichtung) hatten die Mehrheit. Nach Deinem Vorschlag wäre hier die Mitte als extrem zu bezeichnen, da in der Minderheit? Offensichtlich gibt es nicht immer die Idealform der Glockenkurve, und “extrem” kann in verschiedene Richtungen gehen. – Ich glaube, ohne eine inhaltliche Festlegung (wie “verfassungsfeindlich” etc.) ist eine sinnvolle Verwendung des Begriffs nicht sinnvoll.

  19. Die NPD ist vor allem extrem, weil ihre Wirtschaftspolitik gegen die soziale Marktwirtschaft gerichtet ist.

    Rechtsparteien wie FDR, CDU oder CSU setzen sich für die Belange der Kapitaleinkommen ein. Hohe Zinsen können langfristig nur durch hohes Wirtschaftswachstum bezahlt werden. Ein hohes Wirtschaftswachstum kann nur durch inneres Wachstum, z.B. neue Produkte oder effizientere Arbeit, erreicht werden, oder durch äußeres Wachstum, z.B. Bevölkerungsvermehrung oder Zuzug von Arbeitskräften. Deshalb müssen sich alle Rechtsparteien für den Zuzug von Ausländern einsetzen. Anders wäre das benötigte Wirtschaftwachstum zur Bezahlung der Zinsen nicht zu erreichen. Und genau deshalb ist die NPD für die übrigen Rechtsparteien kein Koalitionspartner.

    Da die Linksparteien sich mit allen Beziehern von Arbeitseinkommen solidarisieren, ist die NPD mit ihrer Ablehnung ausländlischer Arbeiter natürlich auch kein potenzieller Koalitionspartner.

    Deshalb istnur die NPD völlig isoliert, nicht aber z.B. die junge Freiheit, denn diese wäre für die übrigen Rechtsparteien durchaus ein potenzieller Koalitionspartner.

    mfg
    Luchs

  20. Ich , der Extremist

    Ich bin tatsaechlich mal als “fundamentalistischer Extremist und Bedrohung fuer die Zukunft des Judentums” bezeichnet worden. Es war zwar als Beleidigung gemeint, aber unter den gegebenen Bedingungen fasse ich es als Kompliment auf. Das kam so:

    Ich besuchte eine Veranstaltung zum Raschi-Jahr. Es war eine Art Podiumsdiskussion unter der Leitfrage, ob wir heute etwas von Raschi und seiner Zeit lernen koennten. Wie das bei derartigen Veranstaltungen so ist, wurde ueber vieles geredet, nur nicht ueber das gestellte Thema. Nach der Veranstaltung war noch Gelegenheit, mit den Podiumsteilnehmern zu sprechen. Ich wies darauf hin, dass die Wormser Gemeinde zu Raschis Zeit weniger Mitglieder hatte als heute, aber damals unbestrittenen zu den bedeutendsten juedischen Gemeinden der Welt gehoerte. Ich fuehrte dies auf den Unterschied im Grade juedischer Gelehrsamkeit zurueck.
    Folglich schlug ich vor, dass wir, wenn wir die Bedeutung unserer Gemeinden heben wollten, einfach den Grad juedischer Gelehrsamkeit wieder erhoehen muessten. Als Antwort erhielt ich die oben wiedergegebene Antwort.

    Ich finde es schon bezeichnend, dass ein deutscher Professor fuer Judaistik (das ist und war naemlich die Taetigkeit dieses Podiumsteilnehmers) fuers Torah-Lernen offenbar nur Verachtung uebrig hat…

    YM

  21. @ YM

    Anscheinend hast du mit diesem Vorschlag seine Auffassung von Gemäßigkeit überschritten. Mich würde aber interessieren, was dich mehr stört: Dass er deine Ansicht für extrem hält, oder dass er das tut, obwohl sie unter Juden keine Randerscheinung ist?

  22. Daran stoert mich eigentlich nur, dass man so jemanden zum Professor fuer Judaistik macht. Denn als solcher sollte er ja eigentlich genug Hintergrundwissen haben um zu verstehen, dass juedisches Wissen juedische Identifikation schafft, und diese uns vor dem Verschwinden bewahrt. Das nahende Chanukah-Fest und der Kampf der Makkabaeer gegen die Hellenisten lassen gruessen.

    Vielleicht fuerchtete er sich auch bloss davor, dass jemand mit ein bisschen juedischer Bildung herkommt, und den Herrn Professor blass aussehen laesst.

    YM

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