Un/zugehörig: Rückblick und Abschluss

Vor ziemlich genau sieben Jahren hat mich der Verlag »Spektrum der Wissenschaft« eingeladen, hier bei den Scilogs mitzumachen. Damals befand sich die Plattform noch im Werden, sie hatte keine klare Richtung und so hatte auch mein Blog auch kein genaues Thema. Dieses sollte sich mit der Zeit aus den Beiträgen hervorgehen. Tatsächlich bin ich im Laufe der Zeit immer wieder zu bestimmten Themen zurückgekehrt: Religion, Politik, Identität und vor allem Geschichte.

Nach meiner »ostdeutschen Judenfrage« aus dem Anfang des vorherigen Jahrzehntes ist die hier entstandene »Germanologie« mein zweites Projekt als Historiker gewesen. Obwohl für Beobachter, die der naturwissenschaftlichen Perspektive verfallen sind, beides oft schwammig, persönlich und allgemein unwissenschaftlich erscheint, könnten sich diese zwei Projekte kaum noch mehr voneinander unterscheiden. Während das erste sehr empirisch ansetzte und sich dem Thema, soweit das für den Historiker geht, mit quantitativen Angaben anzunähern suchte, betont das zweite gerade das subjektive Moment, das Perspektivische und Ungreifbare an seinem Thema.

Das wird wohl auch der Grund sein, warum ich mit dem ersten Projekt, das von zwei international bedeutenden Institutionen mit Preisen ausgezeichnet wurde, zu akademischen Erfolgen kam, während das zweite Projekt keinen akademischen Anschluss finden konnte. Es war im Laufe der Zeit in diesem Blog, dass ich mit dem zweiten Projekt, meiner Deutschlandphilosophie, zur Promotion aufgenommen wurde. Un/zugehörig begleitete mich auch ein Semester später, als ich leider feststellen musste, dass der Professor meine Fragestellung überhaupt nicht verstand. Nach einem weiteren Semester, als ich mich entschloss, die Promotion ruhen zu lassen, wurde un/zugehörig zu dem neuen Rahmen, in dem ich fortan meine Dekonstruktion des Deutschen weiterentwickeln wollte.

So kam dem Blog eine neue Bedeutung zu, die sich im Rückblick als sein roter Faden zeigt: ein neues, eigenes Verständnis von Deutschland jenseits des Staatlichen. Gewissermaßen unkonventionell, oft missverstanden und manchmal sogar belächelt, passt m. E. eine pluralistische Auffassung Deutschlands viel besser zu der aufkommenden, nachstaatlichen Epoche Europas. Erst die Zeit wird zeigen, ob »mein« Deutschland ein realitätsferner Ansatz wäre bzw. bliebe oder aber zum Verständnis des Deutschen in der kommenden Zeit taugen könnte.

Mit historischen Fragen im Mittelpunkt war un/zugehörig das intellektuelle Tagebuch eines »Homo historicus«. Ja, ich glaube fest daran, dass Geschichte ein wesentliches Moment in unserem Sein als Menschen ausmacht und dass wir nicht nur über den Menschen als Homo sapiens, Homo politicus, Homo faber, Homo ludens oder Homo oeconomicus, sondern eben auch als Homo historicus sprechen sollten, dessen Alltag, ob bewusst oder nicht, notwendigerweise von Geschichte durchdrungen ist, sowohl in der Gemeinschaft als auch im Persönlichen.

Auch der Weg, den ich hier im Blog beschritten habe, hat sich von Anfang an durch das Persönliche gekennzeichnet und im Laufe der Jahre noch sehr viel mehr an solcher Subjektivität gewonnen. Es ist eine Art Subjektivität, die sich selbst im Bewusstsein ihrer eigenen, unvermeidlichen Voreingenommenheit trotzdem nicht als Begrenzung und Nachteil, sondern als Vorteil begreift, als der Schlüssel zu einer sonst unerreichbaren Wahrnehmung und zu anderweitig unerfahrbaren Erkenntnissen.

Viele aber misstrauen solchen Ansätzen, erachten das Subjektive als solches für unwissenschaftlich. Das ist zumindest bei naturwissenschaftlich Sozialisierten auch nachvollziehbar, denn für sie ist ja alles Geisteswissenschaftliche mangels wiederholbarer Experimente oft nichts anderes als bestenfalls Belletristik. Seit meinen Anfängen bei den Scilogs ist gerade dies die Richtung gewesen, in der sich die Plattform in den letzten sieben Jahren entwickelt hat. Nicht zuletzt an vielen Kommentaren hat sich im Laufe der Zeit immer öfter gezeigt, wie schwer verständlich meine hiesigen Texte für einen Großteil des Scilogs-Publikums sein können. Nomen est omen, kann man im Rückblick auf »un/zugehörig« wohl sagen.

Parallel dazu haben sich mir gerade in den letzten Jahren neue Türen geöffnet. Manchen Lesern sind vielleicht meine Meinungen und Analysen in deutschen Zeitungen und Zeitschriften begegnet (zuletzt übrigens in der aktuellen bzw. am Montag erschienenen Ausgabe von »Aus Politik und Zeitgeschichte« der Bundeszentrale für politische Bildung). Meine Aufmerksamkeit hat sich dadurch von prinzipiellen Fragen à la »Was ist Deutschland?« zu eher tagesaktuellen Themen verschoben. Auch mir selbst beginnt sich nun das Blogprojekt allmählich zu entziehen. Vielleicht fühle ich mich inzwischen – in meiner bürgerlichen Existenz als Ehemann und nach fast einem Jahrzehnt in Deutschland (Wien, Heidelberg, Berlin) – zumindest in einiger Hinsicht auch nicht mehr so »un/zugehörig« wie in den ersten Jahren.

Zeit ist es also, dieses Kapitel abzuschließen. In »Blogjahren« hat un/zugehörig ein beachtliches Alter erreicht und freut sich nunmehr auf seine Pensionierung. Dieser ist also der letzte Text, der hier erscheint. Bis Ende dieses Monats kann man noch kommentieren, dann erfolgt die Archivierung. Die Texte bleiben aber nach wie vor da, d. h. übers Internet zugänglich.

Für die lange, angenehme Gastfreundschaft möchte ich mich bei dem hiesigen Verlag, »Spektrum der Wissenschaft«, bedanken; ohne seine Initiative wäre un/zugehörig gar nicht erst entstanden. Und natürlich danke ich, wenn auch größtenteils unbekannterweise, den Lesern. Meine hier verbrachten Stunden waren eine schöne Zeit, auf die ich, so glaube ich, mit etwas Genugtuung werde zurückblicken können.

Veröffentlicht von

www.berlinjewish.com/

Mancherorts auch als der Rebbe von Krechzn* bekannt, heißt der Autor von "un/zugehörig" eigentlich Yoav Sapir. Er ist 5740 (auf Christlich: 1979) in Haifa, Israel, geboren und hat später lange in Jerusalem gelebt, dessen numinose Stimmung ihn anscheinend tief geprägt hat. Nebenbei hat er dort sein M.A.-Studium abgeschlossen, während dessen er sich v. a. mit dem Bild des Juden im Spielfilm der DDR befasst hat. Seit Sommer 2006 weilt er an akademischen Einrichtungen im deutschsprachigen Mitteleuropa: anfangs in Wien, später in Berlin und dann in Heidelberg. Nach einer Hospitanz im Bundestag arbeitet er jetzt selbstständig in Berlin als Autor, Referent und Übersetzer aus dem Hebräischen und ins Hebräische. Nebenbei bietet er auch Tours of Jewish Berlin. * krechzn (Jiddisch): stöhnen; leidenschaftlich jammern.

9 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ok, Yoav, dann findet das Blog hier nun sein Ende. Ich mag ja provozierende Blogposts von daher wird es ein Verlust sein.

    Wir hatten mal eine kurze Diskussion zu Jesaja. Ist schon lange her und ich wollte da immer nochmal in aller Ruhe drauf antworten. Aber, wie das nunmal oft so im Leben ist, wenn man es nicht sofort macht, dann passiert meist nichts mehr.

    Alles Gute für Dich in Berlin oder wo auch immer das Leben Dich hinführen wird.

  2. Schade, aber auch bedenklich. Auch, wenn un/zugehörig als Gefühl (welches sich vielleicht nicht mehr so anfühlt) hier der Auslöser dazu sei. Hier in D-Raum (Westeuropa) ist gerade so viel los, dass es eben eigene Gefühle direkt beeinflusst. Es gilt sie hinreichend stimmig zu interpretieren.

    Die “Dekonstruktion des Deutschen” ist schwer verständlich – wohl auch deswegen, weil das “Deutsche” seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts schweren Schaden nahm, sodass man aus dem praktisch Realistischen heute kaum was dekonstruieren kann, was irgendwie in etwas Deutschem einzugrenzen wäre. Außer der Sprache wäre da nicht viel.
    Anti-Europäische Stimmungen scheinen – ob ihrer Häufung – dabei sowas wie eine Gegentendenz darzustellen. Ich höre jüngst auch in meinem Umfeld allerhand Europafeindliches. Allerdings wird – wie zu oft – der Euro und die Wirtschaft als Argumentationsszenario angeführt. Doch damit entlarvt man sich als von der europäischen Idee zu abseitig und in falscher Weise betrachtet fokussiert.

    Anyway, ein stück Deutschland hat sich jedenfalls in den vergangenen Jahren selbst dekonstruiert und wartet auf seine Analyse dieses Prozesses und seine Bedingungen. Ein Teil davon war Tschernobyl – haben sie davon schon gehört?

  3. Auf jeden Fall vielen Dank für Deine Arbeit!
    Sehr viel Interessantes war dabei, auch sehr interessant diese Sache mit ‘Was ist Deutschland?’; hier ist viel gelernt worden.
    Gerne beizeiten wiederkommen,
    MFG
    Dr. W

  4. Yo, angeregt durch diesen Blog habe ich begonnen zu recherchieren, was Judentum und Juden “eigentlich sind”, und bin dabei schließlich auf einige englischsprachige Blogs gestoßen, insbesondere zu erwähnen wäre “The Occidental Observer”, und somit habe ich einen sehr, sehr kritischen Eindruck vom Judentum bekommen. Letztendlich sind Islam und Judentum für mich an sich komplett uninteressant, mein Steckenpferd sind die europäischen Stämme (wenn man das so sagen will) und was hier momentan passiert wie Europa in 2-3 Generationen aussehen wird, das macht mir Sorgen. Irgend jemand hat den Europäern den Verstand geraubt.

  5. Hallo Yoav,

    ich nehme die SciLogs seit ein bis zwei Jahren auch als zunehmend einseitig wahr und bin mit meinen Verbesserungswünschen leider nicht weit gekommen. Auch wenn ich nicht viel Zeit hatte, deine Beiträge im Einzelnen alle mitzuverfolgen, fand ich doch, dass dein Blog eine wichtige Ergänzung war.

    Ich freue mich, dass du so lange durchgehalten hast; und ja, die Erfahrung, dass es auch andere wichtige Kommunikationskanäle gibt, habe ich auch gemacht.

    Insgesamt sollte man aber diejenigen, die vielleicht nur ein Diplom/einen Bachelor in einer Disziplin gemacht haben und dabei ein Wissenschaftsverständnis gelernt haben, demzufolge es nur eine (zulässige) Erklärung und Methode gibt, nämlich ihre, nicht zu ernst nehmen.

    Manche der selbsternannten Kreuzritter der Aufklärung haben die Ideen der Aufklärung überhaupt nicht verstanden und merken auch nicht, dass sie mit ihrem Kommunikationsmodell (z.B. gegen religiöse Fundamentalisten, Leugner von Evolution oder Erderwärmung) an der Erfahrung scheitern.

    Alles Gute auf deinen neuen Wegen! Man begegnet sich sicher einmal wieder.

    Stephan

  6. Hallo Yoaf,

    vielen Dank für Deine Beiträge und alles Gute! Politisch habe ich in manchem andere Ansichten, aber Deine Beiträge waren immer sehr klug und ich habe manches noch zur jüngeren Geschichte gelernt. Ich stimme völlig zu, wenn Du von einem homo historicus sprichst und habe es geschätzt, wenn Du Perspektive umgedreht und andere Horizonte geöffnet hast. Geschichte ist auch eine Art von Kaleidoskop, das jedem andere Bilder zeigt, obwohl das “Material” doch dasselbe ist oder zu sein scheint. Man muss und sollte sich der Relativität des eigenen Blicks bewusst werden.
    Wäre es nicht sinnvoll, die Beiträge zur “Germanologie” und “Dekonstruktion des Deutschen” hier einmal altmodisch gedruckt zu veröffentlichen, um ein anderes, eventuell auch geisteswissenschaftlich gebildetes Publikum zu erreichen?

  7. Als stiller Leser über viele Jahre bedanke ich mich für die ausserordentlich interessante Lektüre und unseren Gedankenaustausch im Juli 2009 zum “volkstumbezogenen Vaterlandsbegriff”.
    Alles Gute!

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