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BLOG: Uhura Uraniae

Ko(s)mische Streifzüge durch Zeit und Raum
Uhura Uraniae

es eurovisioniert mal wieder – allerdings überhaupt nicht visionär. Der Wettbewerb von Stars am Musik-Himmel ist zu einem Zirkus unterm Regenbogen verkommen. Vorbei die Zeit, als der israelische Beitrag von Dana International oder der österreichische von Conchita Wurst wirkliche Meilensteine setzten, die etwas bewegen konnten. Dabei könnte man mit diesem Event etwas wirklich Großes erreichen… und dabei hätte die Welt gerade nichts mehr nötig als diesen Beitrag von 1982:

Nicole sang – und in der Victory Performance sogar in mehreren Sprachen

Ja, es ist gut, dass alle Welt zusammengebracht wird. – Ja, es ist auch eine große Mission, dass über die Musik Völkerverständigung betrieben werden könnte und kulturelle Minoritäten eine Bühne bekommen, dass es egal ist, welche Haar- und Hautfarbe man hat, welche Religion und welche sexuelle Orientierung (als ob das irgendwen etwas anginge). Sowas ähnliches machen wir auch in der Wissenschaft durch internationale Kollaborationen … und in der internationalen und nationalen astronomischen Jugendarbeit: der Himmel ist schließlich kostenlos für alle da und ein idealer Einstieg in die NaWi. Den zweiten Teil können wir. Schade nur, dass das erste beim ESC praktisch nicht oder nur wenig gemacht wird. 

  • ok, das Vereinigte Königreich ist trotz Brexit dabei und sogar recht gut platziert, was eine binnen-europäische Einigkeit zelebriert
  • ok, Australien ist im Commonwealth of Nations der britischen Krone und erhält damit auch Visibility beim Rest Europas (…und überstrahlt – wie immer – sogar die Extravaganz der Europäer, also sehr gut gemacht)
  • ok, Israel ist stets dabei und das ist wichtig für Europa 
  • aber: Libanon und Tunesien, die jeweils einmal eine Teilnahme angemeldet hatten (1981, 1977), zogen dies jedoch aufgrund der Teilnahme von Israel wieder zurück (nix erreicht in Bezug auf Verständigung)
  • Marokko war als einziges arabisches Land 1980 mal dabei (leider nicht sehr erfolgreich)
  • Russland ist natürlich dieses Jahr ausgeschlossen 
  • und die Ukraine gewinnt – unabhängig von der Güte des Beitrags – schon allein aus Solidarität (ok, das ist ein Statement – aber wo ist die Völkerverständigung?)

Gut ist: Die Landessprachen werden wieder zelebriert, Belgien und die Schweiz melden ihre “douze points” nicht auf Englisch, sondern Französisch und die “grande nation” Frankreich hat einen Beitrag auf Bretonisch gesandt, um zu zeigen, dass es mehr als eine Sprache in dem Großen Land gibt. Der Weg zur Realisierung des pan-europäischen Gedanken kann nur funktionieren über Erhalt der lokalen Traditionen und Kulturen.

Deutschland allerdings … 

Deutschland wählt jedes Jahr irgendeinen Jugendlichen zum Looser der Nation (Jugendschutz?!): diese arme Person muss dann zu dem Spektakel fahren, obwohl alle Beteiligten von vornherein wissen, dass man auf dem letzten Platz landet und nur deshalb dabei ist, weil man sich reingekauft hat: Frei nach dem schwäbischen Motto “wir können alles außer Musik”.

Politisch klug wäre es hingegen gewesen, wenn wir dieses Jahr einen Beitrag sorbischer Volksmusik geschickt hätten. Damit würde man zeigen, dass die Mitte Europas nicht nur zur Zeit des Kalten Krieges gespalten war von einer fränkischen (westlichen) und einer slawischen (östlichen) Prägung, sondern dass diese kulturellen Prägungen bereits mindestens bis ins Mittelalter, wenn nicht gar die Bronzezeit zurück verfolgt werden können … und dass wir dennoch in einem großen Staat friedlich zusammenleben. Das geht im Schmelztiegel .de mir slawischen und anderen Wurzeln, aber es geht auch in Belgien und der Schweiz mit jeweils drei bzw. vier Amtssprachen und in Frankreich, dem Vereinigten Königreich (dessen Union Jack die Kombi von mehreren Nationalflaggen demonstriert), und dem Königreich Spanien (das nicht “vereinigt” heißt, aber effektiv genauso ein einheimisches Multikulti ist). DAS wäre es doch mal, was man hier zeigen und feiern könnte: Wir sind verschieden und trotzdem machen wir gemeinsame Sache, arbeiten zusammen und machen was Schönes und Gutes. 

 

Nachtrag während des Events

Jedes Jahr denken sich die Macher andere Effekte und Inszenierungen der Künstlerporträts aus. Das ist immer hübsch und ein eigenes Kunstwerk, das die Herkunft vorzeigt (diesmal viele alte Burgen: außer bei .de, da war es eine Glaskuppel und lauter futuristische Architektur). Dieses Jahr allerdings fliegt da eine futuristisch anmutende Drohne übers Land und projiziert Bilder der Akteure auf tageshell beleuchtete Hauswände: open air. Mal abgesehen davon, dass schon allein das eine enorme Leuchtkraft des eingebauten Beamers von dem Ding erfordern würde, schafft das kleine Gerät sogar ein Ding der Unmöglichkeit: Es sendet Strahlen aus, mit denen sogar die schwarze Kleidung der Künstler an die Hauswand gemalt werden. Wie wär’s mal mit Hirn einschalten? Schwarz ist – das sollte zum Allgemeinwissen gehören – die Abwesenheit von Licht. Eine Hauswand im Tageslicht ist hell, weil sie Sonnenlicht reflektiert. Angenommen, wir hätten einen enorm hellen Beamer, dann könnten wir auf die helle Fläche noch mehr Licht geben und das Gesicht eines Künstlers darstellen – aber wie bitte “saugt” die Drohne das Sonnenlicht von der Hauswand, um das schwarze Kostüme dort zu “malen”? 

Schade eigentlich. Es gab vor wenigen Jahren mal Beiträge, die sich sogar für edukative Zwecke eignen würden – zumindest für Planetarium. Dieses Jahr sehe ich, dass UK wieder einen Crystal Palace hat (diesmal mit Sonne, Mond und Sternen drin), wobei gerade die Zeile “been down some black holes – there’s nothing but space, man” zu den News der Woche passt, jedoch leider zeigt, dass der Texte-Schreiber ein paar Grundlagen über Schwarze Löcher nicht verstanden hat. Im Beitrag Australiens sehe ich eine Visualisierung von Dante auf dem Läuterungsberg. Mit anderen Beiträgen (früher) könnte man fächerübergreifend unterrichten und MINT-Unterricht aufhübschen. Beispielsweise mit dem norwegischen Beitrag 2019:

Hier sehen wir Kunst mit der Lokaltradition von Nordnorwegen (wo die Sami wohnen), verbunden mit der ur-alten Vorstellung vieler nordischer Völker, dass Polarlichter ein Tanz der Seelen von Verstorbenen seien … und das eingebettet in zeitgenössische Popmusik. Meines Erachtens einer der brillantesten Beiträge der letzten Jahre (fetzig und tiefgründig zugleich, lokaltraditionell und international salonfähig). Davon bräuchte es mehr.

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"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" Die Autorin ist seit 1998 als Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik, Wissenschaftsgeschichte und Fachdidaktik (neue Medien). Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde.