Tür 9: Delphin und Füllen

Zwei sehr kleine Sternbilder des Sommerhimmels sind der Delphin und das Pferdchen (Füllen). Das Füllen taucht erst bei Ptolemaios als Sternbild auf, wenngleich die Sterne gewiss schon früher verzeichnet waren – nur entweder frei dem dem Pegasus zugeschrieben. Hipparch (-2.Jh.) nennt kein solches Sternbild und Aratos auch nicht, aber bei Eratosthenes (-3.Jh.) wird es genannt, ohne als eigenständig beschrieben zu werden. Das Konzept, dem großen Pferd ein Junges beizugeben, könnte also deutlich älter sein als der Almagest – es sei denn, dieser Text wird Eratosthenes nur versehentlich zugeschrieben und ist tatsächlich von einer späteren Hand eingefügt: Man kann das nie so genau wissen, denn Eratosthenes’ Buch ist, wie gesagt, nicht überliefert: es hat nur irgendwer in der Spätantike, dem das Buch noch vorlag, dieses genutzt, um das Lehrgedicht von Arat zu kommentieren und dann haben sich in den letzten Dekaden fleißige Philologe dran gemacht, diese Textschnipsel zu sammeln und zu übersetzen, um den alten Text zu rekonstruieren. Es kann also sein, dass die Zuschreibung an Eratosthenes hier ein Irrtum ist – wissen wir nicht.

Das Füllen ist jedenfalls auch eines jener kleinen Sternbilder, die auf dem Atlas Farnese fehlen.

Der Delphin ist allerdings abgebildet – allerdings werden sie ihn erst beim zweiten Hinschauen erkennen:

Delphin nach Atlas Farnese, Umzeichnung SMH 2017.

Babylon

Oft wird der Delphin als das Babylonische Sternbild “der Leichnam” interpretiert, das sich irgendwo in dieser Gegend befinden muss. Genaue Koordinaten haben wir nicht.

Wie ich in früheren Posts erläuterte, scheint es mir aber aus Gründen der Transformation nach Griechenland und Überführung ins Sternbild Adler-mit-Antinuos sinnvoller, den babylonischen Leichnam südlicher zu platzieren. Dann wäre in dieser Gegend des Delphins Platz für das babylonische Sternbild “Schwein”, das sich ebenfalls irgendwo hier befinden muss und dem andernfalls nur schwache Sternchen “irgendwo im nirgendwo” zugeschrieben werden könnten. Die kleine, aber auffällige Gruppe Delphinus zu einer Figur zu machen erscheint mir plausibler und daher passt der Vorschlag, den “Toten Mann” unter den Adler zu setzen auch zu diesem Sternbildchen.

Lustig ist dann erst recht, dass Joh. E. Bode statt “Delphin” lieber das germanische Wort “Meerschwein” wählt. Damit meint er nicht einen Hamster 😉 sondern einen Schweinswal, also die besonders kleinen Meeressäuger.

China

Im Fernen Osten war der Delphin als zwei Schalen gedacht worden. Wie bei Aschenputtel ist die eine Schale mit gutem, die anderen mit schlechtem gefüllt.

Unser Sternbild Füllen (Fohlen), also kleines Pferd oder eigentlich “Pferdebüste”, das erst bei Ptolemäus und irgendwie aus dem Nichts aufzutauchen scheint, ist bekanntlich überhaupt nicht anschaulich. Daher gibt es auch in China keine eigene Gruppe ab, sondern einige seiner Sternchen werden als Richter interpretiert, andere als “die Leere”, die bis zum Wassermann reicht. 

links markiert der Stern alpha Equ, rechts unser Delphin – chinesisch zwei Schalen
Susanne M. Hoffmann

Veröffentlicht von

"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" Die Autorin ist seit 1998 als Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik, Wissenschaftsgeschichte und Fachdidaktik (neue Medien). Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde.

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