Tür 5: Schwan und Kassiopeia

Wie auch beim Kepheus ist die Schreibform mit K vorne die ursprüngliche griechische Form, C ist Latein. Joh. Elert Bode im Jahre 1782 schrieb in seiner Sternkarte, die sich u.a. an ein breites, interessiertes Laienpublikum richtete, “Cassiopeja”, denn wenn man es auf Deutsch mit einem “j” statt “i” schreibt, spricht man es auch richtig aus: Buchstabenhistorisch ist dabei nämlich relevant zu betrachten, dass es den Buchstaben Jot im Lateinischen nicht gibt, sondern “i” manchmal unser “i” und manchmal eben auch “j” ist. Das kennen wir ja von unserem “y” (“Yacht” versus “sexy“), das auf Französisch übrigens “griechisches i” genannt wird, weil es im Altgriechischen die zwei i-Laute “iota” und “ypsilon” gibt. Cassiopeia schrieb man griechisch mit iota, während es im lateinischen alternativlos ein “i” wurde, bei dem der Leser nie weiß, ob er es “i” oder “j” aussprechen soll… Wir verwenden heute nunmal offiziell die lateinischen Bezeichnungen der Sternbilder, aber der Name der Königin stammt ja nun einmal aus der altgriechischen Mythologie und Sprache. Also hat Bode schon irgendwie recht, Cassiopeja zu transliterieren, nur konsequenterweise müsste man dann auch “k” statt “c” schreiben: griechische Kassjopeja wird zur lateinischen Cassiopeia.

Kassiopeia ist ein mythologische Königin, die für ihre Eitelkeit berühmt war und an den Himmel als schlechtes Beispiel gesetzt wurde. Ihre Tochter ist die schöne Andromeda, über der sie – recht klein – am Himmel thront. Auf dem Atlas Farnese ist sie mit gebietender Gestik dargestellt: Die obere Hand langt zu ihrem Gemahl, die weisende Hand zu ihrer Tochter. In diesem Bild ist nichts von Eitelkeit erkennbar: weder betrachtet sie sich im Spiegel (Metallspiegel übrigens, wenn überhaupt, denn Glasspiegel sind etwas hochmodernes), noch hält sie eine Feder oder sonstigen Schmuck. Die zackige Form wird auf das Himmels-W angepasst, da die sitzende Dame mit ihrem Armen gestikuliert:

Kassiopeia auf dem Atlas Farnese, SMH 2017.

Ornitos (Vogel) – heute Schwan

Der Schwan, der uns in Planetarien gern als Verwandlung des Zeus erklärt wird, ist in der griechischen Astronomie lediglich ein Vogel (ornitos). Er hat nicht wirklich etwas mit Zeus zu tun, sondern er fliegt einfach die Milchstraße entlang – außer natürlich in der Mythologie:

Aufdem Atlas Farnese hat der Schwan einen sonderbar gebogenen Hals: Künstlerische Freiheit. 😉 Umzeichnung SMH 2017.

Babylonisch war der griechische Vogel ein Dämon, genannt UKADUA, der als Mischform aus Raubkatze und Vogel dargestellt wurde. Der UKADUA war vermutlich ein Sturmdämon mit weit aufgerissenem Maul, der zusammen mit dem Blitze schleudernden Wettergott Adad oder mit dem Kriegsgott Ninurta auftrat. Der sumerische UKADUA wurde als eine Art Panthergreif abgebildet und später akkadisch auch mitunter das Wort für Panther (statt Ukadua) aufgeschrieben. Gemeint blieb vermutlich immer dasselbe – also nicht das Tier, die arabische Raubkatze, sondern der Dämon.

Cassiopeia war babylonisch das Sternbild “Pflug”, das wichtigste, auffälligste am Nordhimmel und eine bedeutende Orientierungshilfe. Der mittlere Stern (gamma Cas) hatte den Einzelnamen “der Säher”, weil es zu den größten technischen Innovationen im -2. Jt im Zweistromland gehörte, dass man einen Pflug mit einem Saattrichter entwickelt hatte, mit dem die Saat gleich in die vom Pflug gezigene Furche eingebracht werden konnte.

der babylonische Pflug

China

Die fünf Sterne von unserem Himmels-W werden im Chinesischen zerpfückt in drei Sternbilder: Der westliche Teil heißt nach dem mythologischen General Wangliang, der Mittelstern (gamma Cas) ist seine Peitsche und der östliche Teil der Figur bildet mit anderen Sternen den “Fliegenden Corridor”, der zum Baldachin des Kaisers am Nordtor des Verbotenen Palastes und den Gasthäusern (für ausländische Diplomaten) führt.

Cassiopeia auf chinesisch. 😉
Susanne M. Hoffmann

Veröffentlicht von

"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" Die Autorin ist seit 1998 als Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik, Wissenschaftsgeschichte und Fachdidaktik (neue Medien). Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde.

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