Tür 4: Herkules und Leier

Herkules ist der römische Name für den griechischen Helden Herakles, der zahlreiche Prüfungen mit (scheinbar) übermenschlichen Fähigkeiten bestehen musste, bevor er das Mädchen seiner Träume heiraten und sein Königreich regieren durfte. Das Sternbild, das aus eher schwachen Sternen besteht und in Großstädten kaum oder nur mühsam im Stadtpark zu erkennen ist, wird in Planetarien kaum gezeigt – es sei denn, man hat eine Sternwarte nebendran und will gleich den berühmten Kugelsternhaufen im Teleskop zeigen. Da man ihn selten erklären muss, fällt auch nur wenigen Hobby-Astros und Planetariern auf, dass der arme Kerl quasi kopfüber am Himmel hängt. Alle anderen Sternbilder, sofern sie in Nordsüdrichtung orientiert sind, sind so gemacht, dass ihre Köpfe zum Nordpol zeigen – nur bei ihm nicht.

Aratos schreibt: “dort wälzt sich ein Bild, das einem mühebeladenen Manne gleicht: das versteht niemand klar anzusagen, noch in was für einer MühsaI der da hängt, sondern sie nennen ihn einfach “den auf den Knien”. So ist es tatsächlich: Er hatte in der Antike keinen Namen: Eratosthenes schreibt lang und breit, wie er heißen könnte und schlägt unter anderem Herakles vor. Geus, 2002, spekuliert sogar, dass Eratosthenes möglicherweise der erste gewesen sein könnte, der “dem Knienden” diesen Namen gab – aber in der mathematischen Astronomie hatte sich das zu keiner Zeit herumgesprochen. Im gesamten Alterum blieb er einfach der Kniende. Der Atlas Farnese zeigt ihn so:

Door 4: Hercules and Lyra

Hercules is the Roman name for the Greek hero Heracles, who had to pass numerous tests with (apparently) superhuman abilities before he was allowed to marry the girl of his dreams and rule his kingdom. The constellation, which consists of rather faint stars and can hardly be seen in big cities or only with difficulty in city parks, is hardly ever shown in planetariums – unless you have an observatory next door and want to show the famous globular cluster in the telescope right away. Since you rarely have to explain it, only a few hobby astros and planetarians notice that the poor guy is hanging upside down in the sky. All other constellations, as long as they are oriented in a north-south direction, are made so that their heads point to the North Pole – except for him.

Aratos writes: “there rolls an image that resembles a man laden with toil: no one knows how to say clearly, nor in what toil he hangs there, but they simply call him “the one on his knees”. That is indeed the case: he had no name in antiquity: Eratosthenes writes at length what his name might be, suggesting Heracles among others. Geus, 2002, even speculates that Eratosthenes might have been the first to give “the kneeling one” this name – but in mathematical astronomy this had not spread at any time. Throughout the Alterum he remained simply the kneeler. The Atlas Farnese shows him like this:

Der Kniende (Herkules?) und die Krone.
Lyra nach dem Farnesischen Atlas. SMH 2017.

Wega, der hellste Stern dieses Sternbilds, ist übrigens ein arabischer Name. Bei Ptolemaios heißt der Stern “der helle an der Muschel” (der Lyra), während sich “Wega” ableitet von an-nasr al-waqi, dem im Beutezug herabeilenden Adler – einem arabischen Sternbild dieser Region, das mit dem griechischen nichts zu tun hat.

Ich hatte darüber im Sommer schon berichtet. 

Wega, the brightest star of this constellation, is incidentally an Arabic name. In Ptolemy, the star is called “the bright one at the conch” (the lyre), while “Vega” is derived from an-nasr al-waqi, the eagle rushing in its prey – an Arab constellation of this region that has nothing to do with the Greek one.

I had already reported on this in the summer. 

Babylon

die strahlend weiße Wega war babylonisch der Ziegenstern, ein sehr wichtiger Stern im Medizinkult. Mitunter wurde eine Salbe oder ein Getränk nach babylonischer Vorstellung nur dadurch wirksam, dass sie eine Nacht vom Ziegenstern beschienen worden war.

Der Rest der Sterne in dieser Himmelsgegend formte das Sternbild der Heilungsgöttin Gula, der Schutzpatronin der Ärzte. Sie wurde begleitet von ihrem Attribuittier, einem Hund, denn man hatte erkannt, dass der Speichel von Hunden antibakteriell, also desinfizierend und mithin heilsam ist.

Babylon

the radiant white Vega was Babylonian for the goat star, a very important star in the cult of medicine. Sometimes, according to Babylonian belief, an ointment or a drink became effective only because it had been illuminated by the goat star for one night.

The rest of the stars in this region of the sky formed the constellation of Gula, the goddess of healing and the patron saint of physicians. She was accompanied by her attribute animal, a dog, because it had been recognised that the saliva of dogs is antibacterial, i.e. disinfecting and therefore healing.

China

Im Reich der Mitte gilt der Stern Wega als ein Mädchen, das in einem berühmten Volksmärchen zu dem Jungen (Atair) gehört. Der Rest der griechischen Lyra ist chinesisch eine Wasseruhr (Klepsydra).

Herkules teilt sich auf in zahlreiche kleine Sternbildchen (Bett der Frau, Sieben Exzellenzen u.a.) und seine südlichen Teile gehören schon zur Repräsentation des chinesischen Volkes, dem Himmlischen Marktplatz.

China

In the Middle Kingdom, the star Vega is considered a girl who belongs to the boy (Atair) in a famous folktale. In Chinese, the rest of the Greek lyre is a water clock (Klepsydra).

Hercules is divided into numerous small constellations (Bed of the Woman, Seven Excellencies, etc.) and its southern parts already belong to the representation of the Chinese people, the Heavenly Marketplace.

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"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Jobbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, 2017 in Semarang (Indonesien), seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten), Jerusalem+Tel Aviv (Israel), Hefei (China)... . Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu. Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglichte, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).

2 Kommentare

    • Tatsächlich kniet er in kämpferischer Pose – er hängt nicht: Es ist ein Hero und keine Fledermaus!

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