Tür 4: Herkules und Leier

Herkules ist der römische Name für den griechischen Helden Herakles, der zahlreiche Prüfungen mit (scheinbar) übermenschlichen Fähigkeiten bestehen musste, bevor er das Mädchen seiner Träume heiraten und sein Königreich regieren durfte. Das Sternbild, das aus eher schwachen Sternen besteht und in Großstädten kaum oder nur mühsam im Stadtpark zu erkennen ist, wird in Planetarien kaum gezeigt – es sei denn, man hat eine Sternwarte nebendran und will gleich den berühmten Kugelsternhaufen im Teleskop zeigen. Da man ihn selten erklären muss, fällt auch nur wenigen Hobby-Astros und Planetariern auf, dass der arme Kerl quasi kopfüber am Himmel hängt. Alle anderen Sternbilder, sofern sie in Nordsüdrichtung orientiert sind, sind so gemacht, dass ihre Köpfe zum Nordpol zeigen – nur bei ihm nicht.

Aratos schreibt: “dort wälzt sich ein Bild, das einem mühebeladenen Manne gleicht: das versteht niemand klar anzusagen, noch in was für einer MühsaI der da hängt, sondern sie nennen ihn einfach “den auf den Knien”. So ist es tatsächlich: Er hatte in der Antike keinen Namen: Eratosthenes schreibt lang und breit, wie er heißen könnte und schlägt unter anderem Herakles vor. Geus, 2002, spekuliert sogar, dass Eratosthenes möglicherweise der erste gewesen sein könnte, der “dem Knienden” diesen Namen gab – aber in der mathematischen Astronomie hatte sich das zu keiner Zeit herumgesprochen. Im gesamten Alterum blieb er einfach der Kniende. Der Atlas Farnese zeigt ihn so:

Der Kniende (Herkules?) und die Krone.
Lyra nach dem Farnesischen Atlas. SMH 2017.

Wega, der hellste Stern dieses Sternbilds, ist übrigens ein arabischer Name. Bei Ptolemaios heißt der Stern “der helle an der Muschel” (der Lyra), während sich “Wega” ableitet von an-nasr al-waqi, dem im Beutezug herabeilenden Adler – einem arabischen Sternbild dieser Region, das mit dem griechischen nichts zu tun hat.

Ich hatte darüber im Sommer schon berichtet. 

Babylon

die strahlend weiße Wega war babylonisch der Ziegenstern, ein sehr wichtiger Stern im Medizinkult. Mitunter wurde eine Salbe oder ein Getränk nach babylonischer Vorstellung nur dadurch wirksam, dass sie eine Nacht vom Ziegenstern beschienen worden war.

Der Rest der Sterne in dieser Himmelsgegend formte das Sternbild der Heilungsgöttin Gula, der Schutzpatronin der Ärzte. Sie wurde begleitet von ihrem Attribuittier, einem Hund, denn man hatte erkannt, dass der Speichel von Hunden antibakteriell, also desinfizierend und mithin heilsam ist.

China

Im Reich der Mitte gilt der Stern Wega als ein Mädchen, das in einem berühmten Volksmärchen zu dem Jungen (Atair) gehört. Der Rest der griechischen Lyra ist chinesisch eine Wasseruhr (Klepsydra).

Herkules teilt sich auf in zahlreiche kleine Sternbildchen (Bett der Frau, Sieben Exzellenzen u.a.) und seine südlichen Teile gehören schon zur Repräsentation des chinesischen Volkes, dem Himmlischen Marktplatz.

Susanne M. Hoffmann

Veröffentlicht von

"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" Die Autorin ist seit 1998 als Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik, Wissenschaftsgeschichte und Fachdidaktik (neue Medien). Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde.

2 Kommentare

    • Tatsächlich kniet er in kämpferischer Pose – er hängt nicht: Es ist ein Hero und keine Fledermaus!

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