Lyra – keineswegs immer die gleiche Leier

BLOG: Uhura Uraniae

Ko(s)mische Streifzüge durch Zeit und Raum
Uhura Uraniae

Sommerhimmel. – Das kleine Sternbild, dessen hellste Sterne am Sommerhimmel eine markante Rautenform bilden, über der die Wega thront, ist die ganze Nacht hindurch zu sehen: rechts oben im Sommerdreieck.  Was eine Leier ist, wissen nur noch wenige der modernen Planetariumsgäste und wird daher jedesmal erklärt – und in der Tat hat sich das Bild auch in den Jahrtausenden seiner Existenz stark gewandelt.

Im Altertum gab es die griechische Geschichte um die Lyra, dass sie vom Gott Apollon erfunden wurde, indem er Saiten auf den Panzer einer Schildkröte gespannt hatte. Diese Sage bestimmte die Darstellung des Sternbildes Lyra im Altertum und so finden wir sie auf dem Globus der Atlas Skulptur aus der Villa Farnese in Neapel. Diese steinerne Himmelskugel wird auf römische Zeit (2. Jh. u.Z.) datiert und gilt als Kopie einer älteren, vermutlich griechischen Vorlage.

antike, griechische, Darstellung der Lyra (Zeichnung von mir)

Während des (christlichen) Mittelalters mischten sich die Kulturen in der arabischen Welt: Generationen von arabischen Regenten ließen das Wissen aus allen auffindbaren Quellen zusammentragen und so mischten sich auch verschiedene Sternbildkulturen. Im Arabischen gab es die Vorstellung eines Adlers in dieser Region unseres Sommerhimmels – im Gegensatz zum benachbarten, babylonisch-griechischen Sternbild Adler wurde der Adler in der Lyra-Region aber nicht mit ausgebreiteten Flügeln aufwärts schwingend gedacht, sondern mit angewinkelten Flügeln im Sturzflug auf seine Beute zu eilend (eigentlich so wie der römische Adler auf der Farnese-Skulptur). Von dieser Sichtweise zeugt heute noch der Name des hellsten Sterns in der Leier, Wega – im Deutschen übrigens sehr korrekt mit “W” geschrieben, während die englische Schreibweise mit “v” definitiv falsch transliteriert ist: Er ist nicht nur aus Carl Sagans Roman/ Film Contact berühmt, sondern auch der fünfthellste Stern des gesamten Nachthimmels. Der Name “Wega” dieses Sterns ist eine Verballhornung des arabischen “al nasr al waqi”, der im Beutezug herabstürzende Adler: “al waqi” bedeutet also “der herabstürzende”, “an-nasr” ist der Adler – und das “w” ist wie ein englisches “w” (im Personalpronomen “we”, wir) auszusprechen, ein Laut, den wir im Deutschen nicht haben.

Bei as-Sufi, einem arabischen Gelehrten, der die Sternbilder um 950 zeichnete, ist die Region um Wega übrigens weder Adler noch Leier noch Schildkröte, sondern eine Amphore. In Bayers Sternatlas Uranometria, der 1603 erschienen war und die Nomenklatur der Sterne bis heute prägt, ist ein Adler hinter das antike Musikinstrument gezeichnet. Diese Form der Darstellung wechselt sich auf neuzeitlichen Sternkarten unsystematisch mit der Lyra ohne den Adler ab. In dem berühmten großformatigen Sternkartenwerk “Uranographia” von Johann E. Bode, 1801, heißt das Sternbild lustig gereimt “der Geyer mit der Leyer” – es wird also der Adler zu einem Geier umgetauft.

die Leier bei Johann E. Bode 1782 (links) und 1801 (rechts). Der Vergleich zeigt, dass die Lyra-Figur umkehrbar war (mal Fuß nach oben und Steg nach unten, mal Steg oben) und dass mal ein Vogel dabei war und mal nicht.

Die Region der Lyra am Himmel hat also eine sehr wechselvolle Geschichte und führt sehr deutlich vor Augen, dass Sternbilder keineswegs vorbestimmt oder statisch sind, sondern reines Menschenwerk und im Grunde frei definierbar.

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"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Jobbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, 2017 in Semarang (Indonesien), seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten), Jerusalem+Tel Aviv (Israel), Hefei (China)... . Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu. Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglichte, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).

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