Tür 3: Bootes und Krone

Bootes – oder im englischen oft Boötes geschrieben, um klarzustellen, dass die zwei “o”s separat gesprochen werden – ist ein Sternbild, dass wir im Planetarium oft als Rätsel stehen lassen: die große Eistüte, das Drachenviereck, die Schultüte… und irgendwie heißt es eben einfach so… In populärwissenschaftlichen Büchern wird es auf Deutsch, Niederländisch und Englisch oft der Bärenhüter oder Ochsentreiber genannt.

Tatsächlich heißt das Wort im griechischen Originaltext “der Pflüger” (βοώτης), also ein Feldarbeiter (von βοωτέω, Pflug). Im Almagest wird er als Mann mit einer Keule beschreiben. Abgebildet wird er aber als Hirte mit Hirtenstab auf dem Atlas Farnese (hieran sieht man, dass der Atlas Farnese eine griechische Vorlage hatte, die vermutlich früher als der Almagest = ein griechischsprachiges Buch aus römischer Zeit) datiert.

Bootes – or often spelled Boötes in English to clarify that the two “o”s are pronounced separately – is a constellation that we often leave as a riddle in the planetarium: the big ice cream cone, the dragon square, the school cone…. and somehow it’s just called that… In popular science books it is often called the bear keeper or ox driver in German, Dutch and English.

In fact, the word in the original Greek text means “the ploughman” (βοώτης), i.e. a field worker (from βοωτέω, plough). In the Almagest he is described as a man with a club. However, he is depicted as a shepherd with a shepherd’s crook on the Atlas Farnese (from this we can see that the Atlas Farnese had a Greek model, which probably dates earlier than the Almagest = a Greek-language book from Roman times).

Bootes auf dem Atlas Farnese in antiker Manier als Hirte.

Ich vermute, die Bezeichnung als Bärenhüter ist der Sternsage entsprungen, dass er als Sohn der in eine Bärin verwandelten Kalypso auf die Bärinnen aufpassen soll, also – Eselsbrücke für Planetariumsvorführer und andere Sternbilderklärer – stets in deren Nähe am Himmel steht. Er hält einen definitiv gebogenen Stab, den ein Hirte hat, um entlaufene Schäfchen am Genick packend zur Herde zurück zu holen – ein Ochsentreiber hätte wohl einen geraderen Stab. Die Bezeichnung des Ochsentreibers passt zu der römischen Deutung der sieben Sterne unseres Großen Wagens als “sieben Ochsen” und da auch für die Bezeichnung “Bootes” auf den griechischen Stamm βοώ, eine Deklination des Adjektivs für Ochse βόειος, zurückgeführt werden kann, ist diese Lesart nicht ganz von der Hand zu weisen. Ob nun Ochsentreiber, Bärenhüter, Pflüger oder Hirte: Auf jeden Fall handelt es sich um einen männlichen Landarbeiter.

Der helle Stern Arktur ist der vierthellste am Himmel. Er war nach antiker Vorstellung “nicht in die Figur mit einbezogen”, wie Ptolemaios schreibt, also er steht zusammenhanglos zwischen den Waden oder Knien des Hirten. Arkturos ist übrigens ein griechisches Wort, Ἀρκτοῦρος, also ein original-griechischer Sternname. Er bedeutet “der Wächter” – möglicherweise eine ägyptische Reminiszenz, weil sich an dieser Stelle das ägyptische Sternbild der Nilpferd-Göttin befindet, die den Stierschenkel (gesehen im Großen Wagen) bewacht.

Eine römische Variante der Interpretation dieses Mannes finden wir – wiedermal – im Kartenwerk Joh. E. Bodes von 1801. Er schreibt:

“Nach Erzählungen der Dichter war dieser Bärenhüter oder Hirte Ikarus, der Vater der Erigone (Jungfrau im Thierkreise). Er hatte vom Bacchus die Kunst Wein zu keltern gelernt, um solche die Menschen zu lehren. Dies veranlasste dass er todt geschlagen wurde, weswegen man ihm unter die Sterne versetzte.”

Das ist ganz hübsch beim Erklären des Frühlingshimmels, weil man so auf die beiden Figuren Bootes und Jungfrau aus dem Frühlingsdreieck Bezug nimmt und die zwei Sterne, die wir mit der Verlängerung der Dreichsel des Wagens zum Halbkreis finden, auch mythologisch verbunden werden: sozusagen vom Vater auf die Tochter. Obendrein hat die Geschichte noch eine moralische Botschaft: Wenn Menschen zu viel Wein trinken, werden sie böse und schlagen möglicherweise sogar andere Menschen tot.

Die antike Geschichte ist aber eine andere. Eratosthenes berichtet von dem Prinzen Arkas eine Geschichte, in der Zeus sowohl Kindsmord (durch den Vater) als auch Muttermord (durch den unwissenden Sohn) verhindert. 

I assume that the name Bear Keeper comes from the star legend that he, as the son of Calypso, who was transformed into a she-bear, is supposed to watch out for the she-bears, i.e. – a mnemonic for planetarium projectionists and other constellation explainers – he is always standing near them in the sky. He is holding a definitely bent staff, which a shepherd has to grab the neck of runaway sheep and bring them back to the flock – an ox-driver would probably have a straighter staff. The designation of the ox-driver fits the Roman interpretation of the seven stars of our Big Dipper as “seven oxen” and since the designation “boats” can also be traced back to the Greek stem βοώ, a declension of the adjective for ox βόειος, this reading cannot be completely dismissed. Whether ox-driver, bear-keeper, ploughman or shepherd: in any case, we are dealing with a male agricultural worker.

The bright star Arcturus is the fourth brightest in the sky. According to the ancient conception, it was “not included in the figure”, as Ptolemy writes, i.e. it stands incoherently between the calves or knees of the shepherd. Arkturos, by the way, is a Greek word, Ἀρκτοῦρος, so it is an original Greek star name. It means “the guardian” – possibly an Egyptian reminiscence because the Egyptian constellation of the hippopotamus goddess, who guards the bull’s leg (seen in the Big Dipper), is located at this point.

We find a Roman variant of the interpretation of this man – again – in Joh. E. Bode’s map work of 1801. He writes:

“According to the tales of the poets, this bear-guardian or shepherd was Icarus, the father of Erigone (virgin in the Thierkreis). He had learned from Bacchus the art of pressing wine in order to teach it to the people. This caused him to be beaten to death, which is why he was placed among the stars.

This is quite nice when explaining the spring sky, because in this way one refers to the two figures of Bootes and Virgo from the spring triangle and the two stars, which we find with the extension of the dreichsel of the chariot to a semicircle, are also mythologically connected: from father to daughter, so to speak. On top of that, the story has a moral message: when people drink too much wine, they become evil and may even beat other people to death.

But the ancient story is different. Eratosthenes tells a story about the prince Arkas in which Zeus prevents both infanticide (by the father) and matricide (by the ignorant son). 

Corona Borealis

Dass es sich auch im Griechischen nicht um eine Zackenkrone handeln kann, ist nach dem zweiten Türchen bereits klar geworden, wenn wir das Haupt von König Kepheus betrachten. Das Wort ist im griechischen Original aber auch keine “Krone”, sondern im allgemein ein Kranz (das Wort ist übrigens ΣTEΦANOΣ “stephanos” – was ich allen Stefans und Stefanies dieser Welt immer wieder gern erzähle, da es hiermit quasi “ihr Sternbild” ist). Aratos und Eratosthenes nennen ihn den Kranz der mythologischen Adiadne und laut dem Atlas Farnese soll er so ausgesehen haben:

Corona Borealis

That it cannot be a crown of spikes in Greek either has already become clear after the second door, when we look at the head of King Cepheus. In the original Greek, however, the word is not a “crown” either, but generally a wreath (the word, by the way, is ΣTEΦANOΣ “stephanos” – which I always like to tell all the Stefans and Stefanies of this world, since it is hereby quasi “their constellation”). Aratos and Eratosthenes call it the wreath of the mythological Adiadne and according to the Atlas Farnese it is said to have looked like this:

Nördliche Krone laut Atlas Farnese. Zeichnung SMH 2017.

Griechisch ist damit der Kranz (Brautkrone) der Ariadne gemeint, also kein Königssymbol, sondern ein Symbol der Freude und der Liebe zwischen Mann und Frau – die erste Brautkrone der Welt.

In Greek, this means the wreath (bridal crown) of Ariadne, i.e. not a royal symbol, but a symbol of joy and love between man and woman – the first bridal crown in the world.

Babylon

Im der mittelbabylonischen Uranographie von MUL.APIN finden wir hier die Zeile:

“Shupa, Enlil.”

Bisher streiten sich die Gelehrten, wer oder was “Shupa” ist. Möglicherweise ist es abgeleitet vom akkadischen Wort für “hell” und bedeutet sowas wie “der helle (Stern)” und wäre damit eine Bezeichnung für den Einzelstern Arktur, der immerhin der vierthellste des Sternhimmels und damit der hellste am Nordhimmel ist. Shupa wird jedenfalls dem Gott Enlil zugeordnet, dem Gott für Ackerbau und Viehzucht, der in der ersten Hälfte des zweiten Jahrtausends v.Chr. immerhin einer der drei höchsten Götter war. Im Zirkumpolarbereich gibt es die Sternbilder, die ihn und seinen Hofstaat repräsentieren und es liegt daher nahe, dass er selbst auch irgendwie verkörpert wurde. Aus einem babylonischen Landwirtschaftsgott später einen griechischen Hirten zu machen, liegt absolut nahe. Darum denke ich, dass die Gruppe schwacher Sterne, die wir grch. als Bärenhüter Bootes deuten, vorher der babylonische Gott Enlil war. Das ist aber nicht gut beweisbar durch die obige Zeile.

Babylon

In the Middle Babylonian uranography of MUL.APIN we find here the line:

“Shupa, Enlil.”

So far scholars argue about who or what “Shupa” is. Possibly it is derived from the Akkadian word for “bright” and means something like “the bright (star)” and would thus be a designation for the single star Arcturus, which is after all the fourth brightest of the starry sky and thus the brightest in the northern sky. In any case, Shupa is assigned to the god Enlil, the god of agriculture and animal husbandry, who was one of the three highest gods in the first half of the second millennium BC. In the circumpolar region there are the constellations that represent him and his court, so it stands to reason that he himself was also embodied in some way. To make a Babylonian agricultural god later into a Greek shepherd is absolutely obvious. That is why I think that the group of faint stars, which we interpret as the bear-keeper of Bootes, was previously the Babylonian god Enlil. But this is not well provable by the above line.

babylonischer Gott Enlil auf unserem Bootes.

Der griechische Kranz ist im Babylonischen schlicht “das Gestirn der Würde”, so dass eine Übersetzung als “Krone” sehr wohl legitim ist.

China

In Fernost war der helle Stern Arktur das “Große Horn”, ein Einzelstern-Asterismus. Gemeint ist das Horn des Blauen Drachen, eines der vier heiligen Tiere, die die 28 Mondstationen gruppieren. Um das Große Horn gruppieren sich einige Accessoires des Kaisers, z.B. eine Mätresse, Bedienstete und einige Waffen. Die rechte Schulter von Bootes gehört z.B. zu den sieben Exzellenzen.

The Greek wreath in Babylonian is simply “the star of dignity”, so that a translation as “crown” is very legitimate.

China

In the Far East, the bright star Arcturus was the “Great Horn”, a single star asterism. This refers to the horn of the Blue Dragon, one of the four sacred animals grouping the 28 lunar stations. Around the Great Horn are grouped some accessories of the emperor, e.g. a mistress, servants and some weapons. The right shoulder of Bootes, for example, belongs to the seven Excellencies.

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"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als (Kultur)Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Jobbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, 2017 in Semarang (Indonesien), seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten), Jerusalem+Tel Aviv (Israel), Hefei (China)... . Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu. Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglichte, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).

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