Tür 16: Steinbock und Wassermann

Auch diese beiden Sternbilder gehören zusammen: Der Steinbock – bzw. eigentlich eine Ziege oder am Himmel der gutmütige Dämon “Ziegenfisch” – ist ein Attributtier des Gottes, den wir heute “Wassermann” nennen.

Steinbock/ Ziegenfisch

Der Steinbock heißt griechisch eigentlich “der Ziegengehörnte” und babylonisch “der Ziegenfisch”. In der babylonischen Ikonographie gehört dieses Mischwesen ganz automatisch zum Gott der Weisheit Ea/ Enki und wurde wahrscheinlich deshalb auch am Himmel daneben verstirnt. Das würde erklären, warum auch dieses Bild an einem der Kardinalpunkte mit Unanschaulichkeit glänzt. Die Karninalpunkte, also die Tag- und Nachtgleichen und Sonnenwenden, sind demnach alle vier mit unanschaulichen Figuren in sternarmen Gegenden markiert: Die Wintersonnenwende durch den Ziegenfisch, die Frühlingstag- und -nachtgleiche mit dem Widder, die Sommersonnenwende durch den Krebs und die Herbsttag- und -nachtgleiche mit der Waage. Bei Widder, Krebs und Waage lassen sich Eselsbrücken aus dem Kalender finden (die Lämmerspringe, der Krebsgang der Sonne und dass sich “Tag und Nacht die Waage halten”)… aber der Ziegenfisch bleibt ein Exot. In griechischen literarischen Texten wird spekuliert, ob es sich bei dem Mischwesen um Agipan handelt, der Ziegenhörner hat, aber bei einer Verwandlung, die schnell gehen musste, weil er auf der Flucht war, mal einen Fehler (Halbwandlung in einen Fisch) gemacht hat. Wenn die griechische Mythologie solche Klimmzüge macht, um eine “Erklärung” zu finden, lässt es darauf schließen,  dass sie keine Ahnung hat, wie das Wesen aus einer fremden Kultur einzuordnen ist. Ob er auf dem Atlas Farnese einen Fischschwanz hat oder nicht, weiß niemand, denn die Schulter des Titanen verdeckt ihn: Man sieht nur den Kopf mit den Ziegenhörnen auf dem steinernen Globus hervorluken [ich habe ihn darum nicht für die Planetariumsdarstellung gezeichnet].

Babylonisch war es ein guter Dämon, der für alle möglichen Sachen und insbesondere in der Medizin um Hilfe gebeten wurde.

Wassermann

Wassermann auf dem Atlas Farnese, SMH 2017.

Er begleitet den Gott der Weisheit, der typischerweise im frischen Grundwasser lebt. Seine Ikonographie war daher babylonisch mit zwei Flüssen aus seinen Schultern (wen wundert’s: sie heißen Euphrat und Tigris und werden in Reliefen und auf Rollsiegeln als lebenspendende Flüsse gekennzeichnet, indem darin Fische gemalt werden). Diese Gestalt eines Mannes, aus dessen Schulter Wasser fließt, war den Griechen natürlich ebenfalls unverständlich – zumal ihr Weisheitsgott weiblich war (Athene, z.B. ist u.a. eine Weisheitsgöttin und dann gibt es da noch die Allegorien Episteme für Wissen und Sophia für Weisheit…). Für sie war der große, mächtige und gutmütige babylonische Gott daher einfach “der Wassermann” und weil jeder weiß, dass Wasser nicht aus Schultern entspringt, haben sie ihm eine Amphore dafür gegeben. So ist er auf dem Atlas Farnese verewigt:

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“physics was my first love
and it will be my last
physics of the future
and physics of the past”

Die Autorin ist seit 1998 als Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik, Wissenschaftsgeschichte und Fachdidaktik (neue Medien). Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde.

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